Tamas: Die zwei großen Gefahren,05.06.2015 (Friedensratschlag)
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Die zwei großen Gefahren

Vorabdruck. Sektierertum und das Aufgehen im demokratischen Lager. Ein Gespräch mit Gáspár Miklós Tamás *


Viele jW-Leser kennen Gáspár Miklós Tamás bereits von der XVI. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz 2011. Seit Mitte der 1990er Jahre tritt der 66jährige ungarische Philosoph mit einer unorthodoxen marxistischen Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse an die Öffentlichkeit.
Tamás ist ein Querdenker. Keinem Leser wird alles passen, aber vieles ist scharf beobachtet und aufgrund seiner großen politischen Erfahrung in sein strategisches Denken eingeflossen. Im Wiener Mandelbaum-Verlag erscheint nächste Woche sein Buch »Kommunismus nach 1989. Beiträge zu Klassentheorie, Realsozialismus und Osteuropa«. Es ist eine Aufsatzsammlung von bisher im englischen Sprachraum erschienenen Beiträgen. Wir publizieren daraus eine Passage eines bisher unveröffentlichten Interviews, das der Herausgeber und Übersetzer der Texte, Gerold Wallner, Ende Januar mit Tamás geführt hat. Er und Wallner sind miteinander bekannt, man duzt sich. (jW)


Worin siehst du im Westen die Gründe für das Verschwinden des Bildungsbürgertums und auch der politischen Eliten?

Kapitalismus wird immer abstrakter. Heute ist die Macht des Kapitals wirklich unpersönlich und nicht mehr an das altmodische Privateigentum gebunden, wie es früher mit riesigen oder kleinen Familienfirmen der Fall war. Da haben die Bürger ihre Betriebe persönlich geführt. Heute werden sie von Managern, von Angestellten geführt, und die Reichen haben alle Vorteile der Ungleichheit, ohne die altmodische Klassenherrschaft auszuüben.[1] Das haben sie vernachlässigt und verloren. Heute sind es Techniker der politischen Macht und Techniker der ökonomischen Macht, die die Betriebe und die Institutionen führen, und die Eigentümer sind nicht mehr an der Spitze der politischen und ökonomischen Macht. Da gibt es eine Trennung. (…)

Zum ersten Mal in der Geschichte ist der Kapitalismus der einzige Spieler im Theater. Es gibt kein Publikum, es gibt keine Mitspieler, es gibt nur einen Monolog des Kapitals in einem leeren Theater. Es gibt keine Politik mehr – Politik im alten Sinne, also zwischen bürgerlichen Kräften und den Herausforderern, zwischen Kapitalismus und Proletariat. Es gibt einen Schauspieler, der einen Monolog für ein Video spricht, aber es gibt kein Publikum mehr. Das ist sehr seltsam.

Daniel Bell, der große konservative Essayist, hat in seinem sehr, sehr wichtigen Werk »Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus«, geschrieben in den 70er Jahren,[2] die Kultur des Kapitalismus als eine Gesellschaft mit einer kapitalistischen bürgerlichen Leitkultur und mit einer Gegenkultur der proletarischen Herausforderer, des Sozialismus definiert. Das ist ein Buch, das mir so veraltet erscheint wie Tocqueville.[3] Es war alles wahr, als er es geschrieben hatte, da damals diese Herausforderer noch existierten. Es gab also diese Adversory culture, das ist sein Fachbegriff, und das Charakteristische an kapitalistischer Politik in seiner Sicht war diese Duplizität, dieser Doppelsinn moderner Politik, wo der Geist links, im wesentlichen antikapitalistisch war. Das hat ein prokapitalistischer Konservativer anerkannt. Das war natürlich die Epoche von Sartre, Marcuse und so weiter.[4] Das waren damals die Lichtgestalten der zeitgenössischen Kultur, und die konservativen Verteidiger des Kapitalismus waren eine kleine Minderheit. Und das war auch, sagte dieser Konservative, die Garantie der bürgerlichen Freiheit, dass der Geist der Opposition angehörte, der Fundamentalopposition. Der Kapitalismus war sozial und wirtschaftlich und politisch sehr stark, aber Geist und Elan der modernen Gesellschaft war dagegen. Und in dieser Dialektik formierte sich die bürgerliche Freiheit dank ihrer Feinde.

Quasi die Argumentation Negris, aber vom bürgerlichen Standpunkt aus.

Ja, aber Negri [5] hat nicht mehr recht, denn diese Situation existiert nicht mehr. Das war aber früher die soziale Wirklichkeit, und deren beste Beschreibung kommt interessanterweise von einem Konservativen, einem der ersten Neokonservativen in den USA: Er war natürlich ein altmodischer Konservativer und hat seinen Marx gründlich gelesen, seine zweite Sprache war Deutsch; das war in den guten alten Zeiten, als diese Kultur noch existierte. Und damals lieferte dieses Buch eine gute Beschreibung der alten bürgerlichen Gesellschaft, als sie noch existierte, mit Herausforderern und Gegenkultur und der Spannung zwischen den zwei weltgeschichtlichen Blöcken Sozialismus und Kapitalismus; das war damals noch eine Wirklichkeit. Das ist zu einem Ende gekommen, und das einzige Spektakel ist der Kapitalismus.

Das heißt auch, dass man keine kritische Kultur zur Korrektur mehr braucht, kein Bildungsbürgertum, aber auch keinen Klassenkompromiss. Der Klassenkompromiss ist in den neuen Verfassungssystemen verkörpert, wofür aber noch immer die Arbeiterklasse der Garant ist. Ich weiß nicht, wie lange das noch andauern wird. Vielleicht können wir noch einige Jahre die Resultate dieses Klassenkompromisses genießen, die Wohlstandsgesellschaft und was davon noch bleibt. Aber zum ersten Mal in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft gibt es – oder gab es für einige Jahrzehnte – keinen Widerstand.

Der neue Widerstand, den wir nun sehen, ist nicht mehr klassengebunden, denn die Arbeiterklasse ist kein politisches Subjekt mehr. Natürlich gibt es strukturell noch ein Proletariat. Das gibt es noch immer und hat seine Grundlage in der unbezahlten Arbeit, da hat sich nichts verändert. Aber eine unabhängige Kultur des Proletariats gibt es nicht mehr, wie es von der Frankfurter Schule vorhergesagt wurde. Es gibt nun eine Massenkultur mit Fernsehen und Hollywood und Popmusik und Sport, das spielt eine große Rolle und ist die gegenwärtige demotische (volkstümliche, jW) Kultur, natürlich digitalisiert und über das Internet vermittelt. Aber die Klassenkultur, die kulturelle Klassenidentität, herausgebildet in den Klassenkämpfen und in den rationalistischen Schulungen in den Institutionen der alten Sozialdemokratie und des alten Bolschewismus, das ist vorbei, das ist vergangen. Man könnte die heutigen Proletarier nicht als Puritaner und opferbereite Kämpfer charakterisieren. Ich habe in meiner Kindheit noch die alten Arbeiter dieser Generation kennengelernt, das war ein Typus Mensch, der heute nicht existiert.

Wenn, wie du gesagt hast, radikale Opposition nicht mehr klassengebunden sein kann …

… nicht sein kann – das weiß ich nicht. Aber jetzt ist sie es nicht.

Also nicht klassengebunden ist. Aber wird das in der radikalen Linken, mit der du Kontakt hast, in der du wirkst, thematisiert und aufgenommen? Wird versucht herauszukristallisieren, (…) welche programmatischen Vorstellungen gegen das jetzige Regime entwickelt werden können? Oder beschränkt man sich auf die Verteidigung des demokratischen Zustands?

Oder auf die Kritik des Kapitalismus. Ich möchte die heutige intellektuelle Linke nicht unterschätzen. Da gibt es wertvolle Arbeiten. Aber linke Intellektuelle waren Bestandteil einer kulturellen Welt, die von der Arbeiterklasse geschaffen worden war. Und sie haben sich auch nicht an ein allgemeines Publikum gewandt, sondern an die Weltkirche, die Gläubigen, wenn Du so willst, an die Weltkirche des internationalen Sozialismus mit ihrer philosophischen Fachsprache, ihren Gesängen, ihrem Jargon. Heute aber schreiben wir linken Intellektuellen für ein allgemeines Publikum, für den generellen Leser, der seine Bücher im Buchladen kauft. Wir sind auf dem Markt. Wir sind nicht mehr adressierbar. Das war ein Begriff, den ich früher verwendet habe: Die Kultur der Arbeiterklasse war eine adressierte Kultur. Sie hatte ganz präzise Adressaten. Das waren die klassenbewussten Proletarier und die engagierten Intellektuellen. Der Lukács und der Korsch haben nicht für die Feuilletons der deutschen Bourgeoisie geschrieben. Sie haben im ganz allgemeinen Sinn für die Partei geschrieben, auch der Otto Bauer oder der Kautsky;[6] nicht nur die Kommunisten, auch die Sozialdemokraten. Darum finden auch heutige Leser, dass das eine schwierige Lektüre ist.

Das war ja eine ganz eigene Attitude, diese Autorenattitude. Da war nichts Kommerzielles, und sie wollten und mussten auch von wichtigen Sätzen ihre Leser nicht erst überzeugen, denn diese Grundprinzipien wurden von Leser und Autor geteilt. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Linken gibt es eine marxistische Intelligenz ohne eine marxistische Bewegung. Das ist etwas ganz Neues. Es ist unüblich, seltsam und in einem gewissen Sinn grotesk. Man muss also sehr vorsichtig sein, man darf nicht phantasieren und glauben, dass wir eine radikale Fachliteratur oder philosophische oder soziologische Literatur hervorbringen können, die das Korrelat zu einer existierenden Bewegung ist. Nein, die Bewegung existiert nicht, und wir schreiben für keine Bewegung. Unsere Arbeit sind dann auch programmatische Initiativen.

Dabei gibt es die wohlbekannten Gefahren, zum Beispiel Avantgardismus. Man spricht im Namen eines passiven Proletariats, das davon nichts weiß und diese Werte nicht teilt und dem wir vorschreiben, was es fühlen und denken und tun soll. Das wäre natürlich ein falscher Weg. Das ist die Gefahr, der sich kleine Gruppen aussetzen, und die bleiben dann aber auch solch kleine linksradikale Gruppierungen. Die wären dann noch kleiner als die Sekten, die in den 1980er und 1990er Jahren existierten. Das wäre dann noch schlimmer, als es in den guten alten Zeiten des Trotzkismus, Syndikalismus, Bordigismus [7] und so weiter war. Die andere Gefahr ist, dass die radikale Linke mit einer allgemeinen demokratischen, antifaschistischen und egalitären Bewegung verschmilzt, wo das Besondere der marxistischen Kritik verschwindet.

Man kann sehr bequem ein ehrlicher bürgerlicher Demokrat und Liberaler sein und antifaschistisch und antirassistisch; warum nicht? Und das geschieht auch. Aber es wäre ein großer Fehler, wenn wir glauben, dass in diesen Freiheitsbewegungen, an denen wir teilnehmen, etwas im Sinne einer wirklichen antikapitalistischen Initiative geschieht. Das ist falsch. Man muss sich die Perspektive dieser Bewegungen genau ansehen. Ich glaube, dass Marxisten und Kommunisten und Anarchisten einen Beitrag zu einer gerechteren und erträglicheren Welt leisten können. Ja, Podemos und Syriza werden eine neue linke demokratische Initiative werden, und ich gratuliere ihnen dazu, das ist eine schöne Sache, und man muss auch wirklich etwas gegen Neoliberalismus tun. Aber gegen Neoliberalismus kämpfen heißt nicht gegen den Kapitalismus kämpfen.

Man kann sich sehr gut einen gerechten demokratischen Kapitalismus vorstellen; das ist möglich, das ist die Linie der Sozialdemokratie. Die seit der Niederlage gegen den Faschismus nicht mehr revolutionäre Sozialdemokratie hat das manchmal erfolgreich getan. Warum sollte man das in der aktuellen neuen Lage nicht nachahmen? Aber das ist nicht das, was wir denken. Und man sollte nicht demokratische Illusionen mit einer radikalen Veränderung verwechseln. Das sind also die zwei großen Gefahren: Sektierertum und das Aufgehen im demokratischen Lager. Beides geschieht heute, manchmal sogar gleichzeitig. In Syriza beispielsweise gibt es radikale kommunistische Gruppen und Altmaoisten und Alttrotzkisten, die jetzt in einer fortschrittlichen bürgerlichen Partei kämpfen. Das war früher die Bezeichnung für solch eine Partei. Das ist natürlich besser als Konservativismus oder Neoliberalismus oder Faschismus, aber wir müssen ehrlich sein und dürfen uns keinen Illusionen hingeben.

Programme für eine nicht mehr existierende Bewegung zu schreiben wäre absurd. Ich glaube, dass von den verschiedenen Richtungen der deutschsprachigen Linken, von der Neuen-Marx-Lektüre bis zur Wertkritik und ihren Varianten, etwa 95 Prozent ihrer Anstrengungen der Kritik gewidmet sind, weil die Abwesenheit der Bedingungen für Aktion für alle klar sein muss. Das bedeutet nicht, dass diese Leute unpolitisch sind, das nicht, aber eine radikale linke Politik, getragen von Bewegungen, existiert nicht. Die Bewegungen, die sich als kommunistisch erachten wie die Kommunistische Partei Indiens, die führen einen demokratischen Kampf gegen Privilegien und Korruption und Repression durch einen reaktionären Staat und gegen Fundamentalismus – in Indien gibt es auch eine extreme Rechte. Die Kommunisten kämpfen dagegen zusammen mit demokratischen Sozialisten und bürgerlichen Liberalen. Sie haben natürlich radikale Gebärden und rote Fahnen und Hammer und Sichel, aber das ist nur symbolisch, und das Wesen des Kampfes ist demokratisch und egalitär.

(…) Wie lange, glaubst du, hält der von dir beschriebene Zustand (…) noch an? Gibt es Anzeichen für eine Änderung, oder lässt sich das überhaupt nicht abschätzen?

Ich glaube, dass sich die Lage ändert, zwar nicht im Sinne einer zweiten Auflage der alten Arbeiterbewegung. Aber strukturell existiert das Proletariat noch, wenn auch nicht politisch. Und wie autark auch der Kapitalismus geworden ist, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Gegenkultur die atomisierte Multitude – nennen wir es einmal so, ich bin mit diesem Begriff nicht so zufrieden – mobilisieren kann und eine Gegenmacht wieder errichtet werden kann, aber auf anderen Grundlagen als dem alten Arbeiterstand. Und ich unterstreiche hier Arbeiterstand, nicht Arbeiterklasse. Eines der Geheimnisse des Erfolgs der alten Arbeiterbewegung war, dass das industrielle Proletariat in den europäischen und teilweise in den asiatischen und US-amerikanischen Großstädten seine eigene urbane Kultur mit separaten Siedlungen hatte. Die alten Volksviertel der mittelalterlichen Städte waren die räumliche Grundlage dafür, und die Proletarier mit ihrer egalitären Kultur hatten keine Ambitionen, Herrschende zu werden. Sie hatten ihren eigenen Stolz, darum waren die alten Plebejer so lieb, nicht wahr? Dieser plebejische Stolz war sehr wertvoll in der Arbeiterbewegung. Das waren korporative und kulturelle Eigenschaften der alten Arbeiterklasse. Und das ist verschwunden, teilweise auch als Resultat der Siege der Arbeiterbewegung.

Mehr Gleichheit und mehr Wohlstand haben dazu geführt, dass diese Arbeiterviertel mit ihrem Klassenstolz und ihrer edlen Armut verschwunden sind. Das waren Eigenschaften einer frühen modernen Gesellschaft. Das hat sich schon im 20. Jahrhundert abgeschwächt, auch je nach nationalen Verschiedenheiten, in manchen Ländern stärker, in anderen schwächer ausgeprägt. Die alten Arbeiterviertel, beispielsweise in Wien, hatten in den 1950er und 1960er Jahren noch eine eigene Kultur und Stimmung und politische Identität. Das ist jetzt nicht mehr der Fall, und das kommt nie wieder zurück; obwohl ich mit dieser Vergangenheit sympathisiere. Ich habe eine warme Liebe für die alte Arbeiterbewegung in mir. Ich kannte diese Typen. Meine Eltern zum Beispiel und ihre Freunde und Genossen, das waren prachtvolle Leute, die ich sehr lieb gehabt hatte, aber das ist die Vergangenheit, und diese kulturellen und korporativen Eigenschaften sind nicht mehr präsent.

Ich glaube, die kulturellen und geistigen und politischen Formen der neuen antikapitalistischen Bewegung müssen sich notwendigerweise neu bilden. Diese neuen Identitäten werden jetzt nicht im Prekariat entstehen, aber in den Massen, die durch die Ausbildungsstätten gehen. Es gibt eine immer radikalere Jugendkultur, und es gibt eine immer größere Affinität für radikale Attituden und manchmal auch Theorien, und das ist nicht mehr eine kleine Studentenschaft wie in alten Zeiten. Das ist eine riesige Masse und ich weiß natürlich nicht, wie sich das gestalten wird. Aber ich glaube, dass man einen Hunger nach Alternativen spüren kann. Dieser Hunger ist oft sehr vage und hat keine präzisen Konturen, aber sie haben den Kapitalismus satt. Und die unzufriedenen Leute, die jetzt atomisiert sind, und die Theorien, die müssen zusammenkommen. Die müssen sich finden und erkennen. Das kann auch geschehen. Wer weiß? Die antikapitalistischen Gefühle und Einstellungen und Energien sind da.

Das unterscheidet sich auch stark von der Vergangenheit, dass nicht in erster Linie die Ausgebeuteten diese neue Identität schaffen, sondern die unzufriedenen und destruktiven Rebellen. Man spürt in verschiedenen Milieus, im Westen wie auch im Osten, dass die Leute nicht mehr willens sind, nur noch individuelle Auswege zu suchen. Es ist ja in den letzten 20 Jahren doch klar geworden, dass diese sogenannten individuellen Auswege nur Sackgassen sind. Sind wir also glücklich? Nein! Diese unendlich reichere und freiere Jugend von heute – im empirischen Sinne, verglichen mit der Vergangenheit; also Reisen, kulturelle Vielfalt, eine gewisse soziale Sicherheit in den westlichen Ländern (…). Die kulturellen Resultate der vollkommenen Kapitalisierung, der kapitalistischen Modernisierung nach dem Fall der sowjetischen Systeme, haben keine heitere und glückliche Volkskultur hervorgebracht. Und die Aufständischen, die Leute mit den Molotowcocktails, diese ganze plebejische Jugend, das sind Leute, die sich in der ganzen verzweifelten pessimistischen Milieukultur wiedererkennen.

Natürlich gibt es auch den Islam für einige Minderheiten, die auch mit der Konsumkultur des Kapitalismus brechen, in einer dunklen und reaktionären Weise. Obwohl ich für die Gleichberechtigung der muslimischen Minderheiten bin, kann ich keine emanzipatorischen Hoffnungen im »Islamischen Staat« entdecken. Das sind gefährliche und reaktionäre Tendenzen, die man aber sehr leicht verstehen kann. Das sind Phänomene der Verzweiflung. Das sind Phänomene der Tragödie einer Generation, die sich mit der heutigen Gesellschaft nicht identifizieren kann. Die Leute genießen die sogenannten Vorteile der heutigen Gesellschaft und hassen sie gleichzeitig.

Die wirklich traditionellen konservativen Kleinbürger, die waren immer die Stützen der Gesellschaft, die den Kaiser und Hindenburg und so weiter bewunderten. Die sind weg, die gibt es nicht mehr. Wer bewundert heute den (österreichischen, jW) Bundeskanzler? Nicht nur die Arbeiterbewegung ist nicht mehr da, auch die altmodischen Kleinbürger nicht. Die sind jetzt Zyniker, die sind nicht mehr Gefolgschaft der großen bürgerlichen Kräfte, der Kirche, des Militärs, der Regierung. Sie sind Zyniker, vielleicht von den Massenmedien manipuliert und nicht rebellisch, aber auch nicht devot gegenüber den nationalen Symbolen. Auch der alte Nationalismus ist tot. Das ist natürlich eine positive Seite. Identifizierung mit Staat, Armee, Staatskirche, das war einmal. Man bewunderte den Krupp oder den Ludendorff oder die Kaiser Wilhelm oder Franz Joseph, aber diese Figuren gibt es nicht mehr. Und wer bewundert Obama oder Cameron oder Werner Faymann?[8] Lächerlich! Die respektvolle Attitude des alten Kleinbürgers gibt es nicht mehr. Alle sind unglücklich und zynisch, alle, Rebellen und gute Bürger zugleich. Nicht sehr ruhmreich.

Interview: Gerold Wallner

Anmerkungen der Redaktion
  1. Gemeint ist hier: ohne die Klassenherrschaft selbst direkt auszuüben. Eine unmittelbare ist daher altmodisch, denn es gibt nun Wirtschafts- und Politikeliten, die die Herrschaft für den Bourgeois ausüben.
  2. Erschien in deutscher Übersetzung erst 1991.
  3. Alexis de Tocqueville (1805–1859) war ein französischer Politikwissenschaftler.
  4. Mit Jean-Paul Sartre (1905–1980) und Herbert Marcuse (1898–1979) sind stellvertretend jene linksbürgerlichen Intellektuellen gemeint, die tief in die Arbeiterklasse und die kommunistischen Parteien hineinwirkten. Sartre stand zeitweilig der KP Frankreichs nahe und legte (mit Martin Heidegger) die philosophischen Grundlagen des Existentialismus. Marcuse gehörte zur Frankfurter Schule.
  5. Der italienische Politikwissenschaftler Negri hatte 2001 mit Michael Hardt das Buch »Empire« geschrieben. Die alten politischen Bewegungen seien, wenn nicht tot, so doch unbedeutend. Es gehe um das Engagement der Multitude, des Einzelnen in der Menge.
  6. Georg Lukács (1885–1971) war ein führender Theoretiker und Praktiker der ungarischen kommunistischen Bewegung. Karl Korsch (1886–1961) war bis 1926 KPD-Mitglied und Verfechter einer ultralinken Linie. Otto Bauer (1881–1938) ist ein Intellektueller der frühen österreichischen Arbeiterbewegung und Mitbegründer des Austromarxismus. Karl Kautsky (1854–1938) ist ein wichtiger Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie, der im Gegensatz zu Lenin eine Theorie des Ultraimperialismus entwickelte.
  7. Amadeo Bordiga (1889–1970) war der erste Vorsitzende der Italienischen KP. Er orientierte sich an dem ultralinken Kurs von Karl Korsch, wurde aus der IKP ausgeschlossen und gründete nach 1945 die Internationalistische Kommunistische Partei.
  8. Werner Faymann ist Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und Bundeskanzler des Landes.
Gáspár Miklós Tamás: Kommunismus nach 1989. Beiträge zu Klassentheorie, Realsozialismus und Osteuropa, herausgegeben und übersetzt von Gerold Wallner. Mandelbaum Verlag, Wien 2015, 252 Seiten, 19,90 Euro

* Aus: junge Welt, Donnerstag, 04. Juni 2015


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