Sozialismen – Modelle von Lenin bis Nyerere, 26.06.2010 (Friedensratschlag)
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Hic Rhodus, hic salta!

Sozialismen – Entwicklungsmodelle von Lenin bis Nyerere

Von Helge Buttkereit *

Es war Karl Marx, der den Revolutionären der Welt nach dem Ende der Pariser Kommune 1871 klar und deutlich ins Stammbuch geschrieben hat: »Proletarische Revolutionen ... kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche ... bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht und die Verhältnisse selbst rufen ›Hic Rhodus, hic salta – hier ist die Rose, hier tanze!‹.«

Erstmal an die Macht gekommen, haben die Revolutionäre des 20. Jahrhunderts viel zu selten nach dieser Maxime gehandelt. Und das setzt sich bis heute fort. Die Linke in Deutschland, Österreich und weltweit hat verschiedene Strategien entwickelt, sich nicht tiefgründig genug mit den Gründen des Scheiterns der realen Sozialismen zu befassen. Die einen ignorieren diese Geschichte ganz, erklären die Bewegungen schlichtweg für staatskapitalistisch und zählen sie damit zu einer Tradition, in der sie sich selber nicht sehen. Andere verklären die Geschichte, sehen in der DDR immer noch das besser Deutschland, in der UdSSR das bessere Russland und übersehen die Gründe, warum die Länder an ihrem eigenen Anspruch und ohne die Fähigkeit zu sozialistischer Selbstkritik gescheitert sind. Wieder andere erklären China weiterhin für einen sozialistischen Staat auf dem Weg zum Kommunismus und registrieren nicht die kapitalistische Realität im »Reich der Mitte«, die diesem Bild fundamental entgegensteht. Die Linke hat sich der Geschichte des Scheiterns nicht konsequent gestellt. So ist es auch kaum möglich, einen griffigen Überblick über die verschiedenen Versuche zu erhalten, den Sozialismus Realität werden zu lassen. Das ist ein ärgerliches Desiderat.

Vor diesem Hintergrund muss man auch dieses Buch des Vereins für Geschichte und Sozialkunde in Wien sehen, das Joachim Becker und Rudy Weissenbacher herausgegeben haben. Die Autoren in diesem Band können nur auf wenige brauchbare Vorarbeiten zurückgreifen und kaum mehr als einen positivistischen Überblick über die einzelnen realen Sozialismen von Osteuropa über Ostasien, den arabischen und afrikanischen Sozialismus bis hin zur Unidad Popular in Chile Anfang der 1970er Jahre bieten. Dies kann man aufgrund der skizzierten Probleme der Bewegung selbst den Autoren nur bedingt vorwerfen, gleichzeitig führt dies aber dazu, dass die Beiträge meist dort aufhören, wo es interessant wird.

Man kann sich gewiss schon trefflich darüber streiten, inwieweit der Untertitel dem Thema gerecht wird. Denn natürlich waren die realen »Sozialismen« Entwicklungsmodelle, ob sie nun von Lenin in Russland oder von Nyerere in Tansania formuliert und in die Tat umgesetzt wurden. Aber von woher sollte sich etwas wohin entwickeln? Diese Kernfrage müsste zumindest allen Länderbeiträgen des Buches zugrunde liegen, egal ob es in ihnen um Jugoslawien, die Sowjetunion, Bulgarien, China, Nordkorea oder auch Angola geht. Was ging der nachrevolutionären, realsozialistischen Gesellschaft voraus? Welche Produktionsweise und welche Klassen bestimmten die Ausgangsgesellschaft, und wie wirkte sich diese auf die Revolution sowie die neue Gesellschaft aus? Entstand überhaupt eine sozialistische Gesellschaft oder bestand die alte weiter, wie dies beispielsweise in Afrika oder im arabischen Raum der Fall war, was die Autoren des Bandes nahelegen? Denn wenn keine neue sozialistische Gesellschaft entstand, dann war das Bestreben der Sozialisten eben nicht erfolgreich. Weil sie von falschen Bedingungen ausgingen oder weil sie im Prozess der Umsetzung falsch agierten.

Es liegt hier eine belesene Zusammenschau der verschiedenen Versuche vor, einen anderen als einen westlichen kapitalistischen Weg zu beschreiten und unter dem Banner des »Sozialismus« mehr Gerechtigkeit für die Menschen zu erreichen. Für eine unbedingt notwendige vorwärtsgewandte Kritik der sozialistischen Bewegungen des vergangenen Jahrhunderts ist das aber zu wenig. Denn der positivistische Blick bleibt viel zu sehr in der Immanenz stecken, bewertet die Versuche aus ihren eigenen Zielen heraus, ohne diese selbst kritisch in Frage zu stellen, was besonders bei Joachim Beckers schemenhaftem Versuch auffällt, die Sozialismen in einer »Anatomie« zu Beginn des Buches zusammenzufassen.

Dass die Autoren des Bandes, größtenteils Wissenschaftler mit linkem Hintergrund und teilweise in die noch bestehenden Bewegungen eingebunden, mit dieser Art dem Umgangs nicht alleine sind, macht das Ganze nicht besser. Die schöpferisch-kritische Beschäftigung mit der Vergangenheit der Bewegung, die in den realsozialistischen Staaten einen Ausdruck gefunden hatte, müsste anders aussehen.

Auch Michael Poláks sinnvoller Ansatzpunkt, zur Rückgewinnung der Utopie einer »Seele des Sozialismus« nachzuspüren, bleibt im Ansatz stecken, weil er die Voraussetzungen nicht klärt und die Selbstkritik so beschränkt. Seine Analyse führt zu einer merkwürdig technokratischen Utopie eines Computer-Sozialismus, dem wenig menschliche Züge abzugewinnen sind. Dabei geht es doch gerade um die Menschlichkeit, die ein Sozialismus als fundamentale Grundlage enthalten muss, will er nicht wieder vom Weg abkommen.

So sind die Beiträge in diesem Buch letztlich leider nicht mehr als die Bestandsaufnahmen einer Forschung, die nur nach hinten und nicht gleichzeitig auch schöpferisch nach vorne schaut. Das mag manchem ausreichen. Und der globale Überblick, die Rekonstruktion und Diskussion der Sozialismusversuche in verschiedenen Länder und Regionen zu unterschiedlichen Zeiten, die vergleichende Analysen ermöglichen, ist schon mal ein Fortschritt. Wer Interesse an wirklicher Veränderung hat, der kann sich damit aber nicht zufrieden geben. Das Buch ist eine solide Ausgangsbasis.

Joachim Becker/Rudy Weissenbacher: Sozialismen. Entwicklungsmodelle von Lenin bis Nyerere. Promedia Verlag, Wien 2010. 235 S., br., 24,90 €.

* Aus: Neues Deutschland, 24. Juni 2010


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