Syriens Vizepräsident Faruk Al Schara zum Nahostkonflikt, 16.12.2006 (Friedensratschlag)
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Syriens Vizepräsident Faruk Al Schara: "Wir sind die Gemäßigten" / "It is wrong to call us extremists"

Irak, Libanon, Palästina – Europa will Syriens Standpunkt in zentralen Nahostfragen nicht verstehen / Farouq al-Sharaa on the Baker Report & Iraq, Lebanon, and Palestine

Joshua Landis, Kodirektor des Zentrums für Friedensstudien an der Universität von Oklahoma, verbreitet auf seiner Webseite syriacomment.com einen Grundsatzbeitrag des syrischen Vizepräsidenten Faruk Al Schara zur Außenpolitik seines Landes. Eine ausführliche Fassung des Aufsatzes erschien zuvor beim syrischen Internetdienst Champress auf arabisch.
Wir dokumentieren den Artikel in einer deutschen Übersetzung sowie im englischen Original.



"Wir sind die Gemäßigten"

Von Faruk Al Schara *

Wir bedauern, daß Frankreich, das wichtigste europäische Land, uns gegenüber feindselig eingestellt ist. Präsident (Jacques) Chirac greift wiederholt zum Telefon und ruft politische Führer in aller Welt an, um sie dazu zu bringen, in den Vereinten Nationen gegen uns zu stimmen, oder sie davon zu überzeugen, geplante Besuche in Syrien abzusagen.

Es ist nicht richtig, uns Extremisten zu nennen und uns von den »Gemäßigten« in der arabischen Welt zu trennen. Syrien hat sich seit Jahrzehnten an dieselben grundlegenden Prinzipien gehalten. Ich muß das wissen. Wir verteidigten 1990 Saudi-Arabien und Kuwait, weil wir die Besetzung eines arabischen Landes nicht billigten. Das war keine Entscheidung, für die es große populäre Unterstützung gab. Nichtsdestoweniger ging es um ein Prinzip – dasselbe Prinzip, das wir auf Irak anwenden. Wir sind die Gemäßigten, und die sogenannten Gemäßigten sind jene, die sich unterworfen haben.

Unsere Beziehungen mit dem Libanon werden stärker sein als zu der Zeit, als wir unsere Armee in diesem Land hatten. Sie werden sehen (...) die Geschichte wird uns bestätigen (...) die kommenden Tage, Wochen und Monate werden es zeigen.

Wir mögen (Michel) Aoun (den Führer der »Freien Patriotischen Bewegung« des Libanon) (...) Aouns Erklärungen sind aufrichtig, logisch und weise gewesen. Wir haben grundsätzlich zugestimmt, unseren Botschafter in den Libanon zu entsenden, sobald die Beziehungen wieder normal geworden sind. Wir werden auch syrische Konsuln in jede libanesische Stadt entsenden.

Einige der europäischen Führer, die Syrien besuchen, wiederholen einfach wörtlich die amerikanischen Forderungen, andere wiederholen einige dieser Forderungen, während es noch anderen peinlich ist, sie zu wiederholen. Sie hören sich unsere Auffassungen an. Aber die meisten Besuche sind zu kurz für einen aufrichtigen Meinungsaustausch, der zur Verständigung führt. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt bei den kurzen Besuchen. Man will nicht versuchen, unseren Standpunkt zu verstehen.

Was das Konzept einer internationalen Konferenz über den Irak betrifft, so haben uns viele europäische Länder diese empfohlen. Wir unterstützen die Formel aber nur, wenn wir wissen, was das angestrebte Ergebnis einer solchen Konferenz ist. Sie muß einen vernünftigen Zweck haben, für den zu arbeiten wir zustimmen können.

Wir werden nicht irgendeinen politischen Prozeß im Irak unterstützen, wir werden ihn nur unterstützen, wenn er die Interessen all der verschiedenen Gruppen im Irak berücksichtigt, wenn die Einheit des Landes erhalten bleibt, und wenn es einen Zeitplan für den Rückzug (der US-Truppen) gibt.

Die USA sind im Irak schrecklich gescheitert. Der Baker-Hamilton-Bericht ist ein Anzeichen dafür, daß das amerikanische Volk sich der Tatsache bewußt wird, daß es im Irak durch seine Regierung übel getäuscht worden ist. Manche behaupten, daß der Irak durch Dialog mit Syrien und Iran stabilisiert werden kann. Wir sind nicht so arrogant zu glauben, daß Syrien das Irak-Problem allein lösen kann, was weltweite Auswirkungen haben wird. Vielleicht kann nicht einmal die Zusammenarbeit aller Länder helfen, das Problem des Irak zu lösen, aber es muß unser Anliegen sein, die Bescheidenheit zu besitzen, einander anzuhören und zu versuchen, was wir können. Wir werden keinem irakischen Führer helfen, der nicht gegen die Besatzung des Irak ist und nicht versucht, sie zu beenden. Das haben wir (allen bisherigen irakischen Premierministern) Allawi, Dschafari und Maliki gesagt. Wir sind gegen die fremde Besatzung.

Wir erwarten nicht, daß sich viel an der amerikanischen Position ändert. Höchstens einige kleine Änderungen oder kosmetische Änderungen oder taktische Änderungen wird es geben. Obgleich die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten gegen den Krieg ist, gibt es dort mächtige Gruppen, die sagen: »Wir werden nicht mit leeren Händen abziehen, nachdem wir im Irak 450 Milliarden ausgegeben haben.«

Was Palästina angeht, so haben die Israelis die Palästinenser mit einer Blockade eingekesselt. Sie hungern ein ganzes Volk aus und erlauben niemandem, ihm zu Hilfe zu kommen. Sie halten eine ganze Nation als Geisel. Sie beklagen sich, daß die Palästinenser einen israelischen Soldaten als Geisel festhalten. Sind wir so weit gekommen, daß eine israelische Geisel eine ganze Nation wert ist? Das gab es nicht einmal im Zeitalter der Sklaverei. Wie weit ist es mit uns gekommen?

* Faruk Al Schara gehört zu den prominentesten Politikern Syriens. Er war von 1984 an Außenminister, bis er im Februar 2006 Vizepräsident seines Landes wurde. (Übersetzung: Klaus von Raussendorff)

Aus: junge Welt, 14. Dezember 2006


V.P. Farouq al-Sharaa on the Baker Report & Iraq, Lebanon, and Palestine

Thursday, December 7th, 2006

Alex just sent me the following assessment of Syria's foreign policy by Farouq al-Sharaa, Syria's Vice President. Sharaa was Syria's Foreign Minister for many years until Walid Mualem took over a year ago and Sharaa was kicked upstairs to the Vice Presidency. This article in Sham Press (Ar) quoting Sharaa is long, but well worth reading in its entirety. Here is the English translation done by Alex and me for some of the more significant excerpts. Farouq al-Sharaa

The struggle for Lebanon will continue as long as they continue to attempt to isolate it from Syria. We are all worried at the deteriorating relations with Saudi Arabia and Egypt… with Egypt it is not THAT bad, we still talk, and we can fix relations very quickly. But relations with Saudi Arabia and with France have been negatively affected by personality issues.

We are sorry that the most important European country is hostile to us. President Chirac is constantly on the phone calling world leaders to get them to vote against Syria at the UN or to try to convince them to cancel their planned visits to Syria.

It is wrong to call us extremists and to separate us from the “moderates” in the Arab world. Syria has stuck to the same basic principles for decades. I should know this. We defended Saudi Arabia and Kuwait in 1990 because we did not approve of the occupation of an Arab country. It was not a decision that had great popular support. Nevertheless, it was a principle - the same principle we apply to Iraq. We are the moderates, and the so called “moderates” are those who have submitted.

Our relations with Lebanon will be stronger than when we had our army in that country. You will see… history is ahead of us… the days, weeks, and months ahead will tell.

We like Aoun … Aoun’s statements have been honest, logical, and wise. We have agreed in principle to sending our Ambassador to Lebanon, when relations return to normal. we will also send Syrian consuls to every Lebanese city.

Some of the European leaders visiting Syria simply repeat American demands verbatim, others repeat some of those demands, while still others are embarrassed to repeat them and they listen to our views. But most visits are too quick for an honest exchange of views that leads to understanding. Perhaps that is the point of these short visits. They don't want to try to understand our point of view.

As for the notion of an international conference on Iraq, many European countries have recommended it to us. We support the formula but only if we know what the intended outcome of such a conference is. It has to have reasonable objectives that we can agree to work for.

We will not support just any political process in Iraq, we will support it only when it takes into account the interests of all the different groups in Iraq, when the Unity of the country is preserved, and when there is a time table for withdrawal (of US troops)

The US has failed terribly in Iraq. The Baker-Hamilton Report is an indication that the American people are waking up to the fact that they have been badly deceived by their government in Iraq. Some say that through dialogue with Syria and Iran, Iraq can be stabilized. We are not so arrogant as to believe that Syria can single-handedly solve the Iraq problem, which will have repercussions throughout the world. Perhaps not even all countries working together can help solve Iraq's problem, but it is incumbent on us to have the modesty to listen to each other and to try what we can.

We will not help any Iraqi leader who isn't against the occupation of Iraq or trying to end it. We told this to Allawi, to Jafari and to Maliki. We are against foreign occupation.

We do not expect much change in the American position. Some minor change, or a cosmetic change, or a tactical change. Although the public opinion in the United States is against the war, there are powerful groups in the US saying: "we will not leave empty handed after the 450 Billions we spent in Iraq."

As for Palestine, The Israelis have surrounded the Palestinians and blockaded them. They are starving a whole people and do not permit anyone to come to their aid. They hold an entire nation hostage. They complain about the Palestinians holding one Israeli soldier hostage. Have we come to the point where one Israeli hostage is worth an entire nation? This was not the custom even in the era of slavery. What have we come to?

Quelle: http://joshualandis.com
Dort geht es auch zum arabischen Originalbeitrag von Farouq al-Sharaa



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