IAEA sucht heimliche syrische Atomrüstung, 22.06.2008 (Friedensratschlag)
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Auf der Suche nach "rauchenden Colts"

IAEA-Inspektoren sollen Beweise für heimliche syrische Atomrüstung finden

Von Karin Leukefeld *

Am Sonntag beginnt eine Inspektion der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) in Syrien. Das Land wird von Israel und den USA beschuldigt, illegal einen Atomreaktor errichtet zu haben.

Nach Angaben des Generaldirektors der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA), Mohammed al-Baradei, gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Syrien über Brennstoff oder die nötige Kenntnis verfügt, eine Atomanlage in der Art einer Plutoniumanlage zu betreiben. Baradei machte diese Aussage in einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender »Al Arabiya«. Seiner Behörde lägen lediglich Aufnahmen eines Areals vor, das von der israelischen Luftwaffe im September vergangenen Jahres zerstört worden war. Worum genau es sich dabei gehandelt habe, sei nach der Zerstörung schwer festzustellen. Baradei hatte zuvor bereits die USA und Israel offen dafür kritisiert, dass sie seine Behörde erst nach der Zerstörung der Anlage über den Verdacht gegen Syrien informiert haben, der den Angriff auslöste.

US-Sicherheitskreise und Israel versuchen, mit Hilfe von Satellitenaufnahmen die IAEA davon zu überzeugen, dass Syrien im Geheimbund mit Nordkorea den Bau von Atomwaffen betrieben habe. Die israelische Nachrichtenagentur ynet (news.com) bekräftigte diese Vorwürfe gegen Syrien in einer Meldung vom 18. Juni. Auch andere Sicherheitskreise als solche aus den USA hätten die IAEA darauf aufmerksam gemacht, dass Syrien in Al Kibar einen Atomreaktor mit nordkoreanischer Hilfe gebaut habe. Namen oder Einzelheiten nannte die Nachrichtenagentur allerdings nicht.

Kurz vor dem Besuch einer IAEA-Delegation in Syrien widersprechen sich die Meldungen über ein angebliches geheimes Atomwaffenprogramm Syriens. Die Atomexperten von der IAEA stehen unter einem enormem Druck, wenn sie die umstrittene Anlage oder vielmehr deren Überreste zwischen dem 22. und dem 24. Juni besichtigen. Syrien hat seine volle Kooperation zugesichert. Was die Inspektoren neun Monate nach dem Angriff noch feststellen können, ist unklar.

Er nehme die Anschuldigungen sehr ernst, sagte Baradei unter Bezugnahme auf die von den USA vorgelegten »Beweise«, es sei allerdings zweifelhaft, ob man etwas finden werde, »vorausgesetzt es ist jemals etwas dort gewesen«. Das Inspektorenteam der IAEA wird auf der Suche nach den sprichwörtlichen »rauchenden Colts« von dem Finnen Olli Heinonen geleitet. Man erwarte, dass Syrien erkläre, worum es sich bei der zerstörten Anlage gehandelt habe, wird ein namentlich nicht genannter Diplomat von der Nachrichtenagentur Reuters zitiert. Die Delegation werde weitere Anlagen besichtigen. Wenn man jetzt keine ausreichenden Antworten erhalte, werde man in den nächsten Monaten wiederkommen, »das ist ein Prozess«.

Die Anschuldigung der USA und Israels, Syrien baue eine illegale Atom- bzw. Plutoniumanlage, kommt zu einer Zeit, da sich Syrien sowohl innerhalb der arabischen Welt als auch gegenüber dem Westen außergewöhnlich offen zeigt und umgekehrt auch als Partner neue Anerkennung erfährt. Pünktlich drei Tage vor Beginn der Inspektion berichtete die Pariser Zeitung »Le Monde« über angebliche weitere Beweise gegen Syrien. So soll das Land in den 90er Jahren versucht haben, mit China und Russland ins Geschäft zu kommen. In dem Bericht heißt es weiter, zur gleichen Zeit sei auch der »Vater der pakistanischen Atombombe«, Abdul Qadir Khan, in die arabische Republik gereist. Aber auch mit ihm sei sich Syrien nicht handelseinig geworden.

Etwa zu dieser Zeit sei Chon Chibu aus der KDVR verschwunden. Dieser – von der CIA als Chef des nordkoreanischen Atomwaffenprogrammes bezeichnet – sei dann in Syrien wieder aufgetaucht. Die CIA hatte im April ein Foto verbreitet, das den Leiter der syrischen Atomkraftbehörde, Ibrahim Othman, mit Chon zeigt. Das Bild soll in Syrien entstanden sein. Chon habe, so »Le Monde«, möglicherweise für Syrien gearbeitet.

Der IAEA fällt erneut die knifflige Aufgabe zu, wie vor der Irak-Aggression der USA 2003 Beweise von Spekulationen und Spekulationen von Verleumdungen zu trennen.

IAEA

Die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA) ist eine mit der UNO verbundene Organisation, die 1957 gegründet wurde und ihren Sitz in Wien hat. Ihre Aufgabe besteht in der Observation der friedlichen Nutzung des Atoms, seit 1970 aber vor allem in der Überwachung der Einhaltung des Atomwaffensperrvertrages. In dessen Unterzeichnerstaaten kann sie jederzeit Kontrollinspektoren entsenden und verfügt auch über Beobachtungsmöglichkeiten via Satellit.

Die IAEA stand überwiegend unter schwedischer Führung und wird seit 1997 von dem 66-jährigen Ägypter Mohammed al-Baradei geleitet. Dieser trug sich die Feindschaft der USA-Regierung ein, weil er nicht bereit war, seitens der IAEA Washingtoner Propagandalügen über eine heimliche Atomrüstung Iraks zu bestätigen. Daraufhin betrieben die USA offen seine Abwahl, bespitzelten ihn und inszenierten Lauschangriffe, um belastendes Material über ihn zu erlangen. Die Intrige misslang. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die IAEA und Baradei persönlich 2005 stärkte beider Position erheblich.



* Aus: Neues Deutschland, 21. Juni 2008


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