Anschlag in Damaskus, 30.09.2008 (Friedensratschlag)
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Anschlag im Flüchtlingsviertel

Damaskus: Irakische Exilgemeinde oder syrischer Geheimdienst als Angriffsziel?

Von Karin Leukefeld *

Bei der Explosion eines mit 200 Kilogramm Sprengstoff beladenen Fahrzeugs wurden am Samstag in Damaskus 17 Personen getötet, 14 sollen verletzt worden sein. Die Detonation ereignete sich unweit eines Kontrollpostens der Sicherheitskräfte in dem südlichen Vorort Saida Zeynap und war so stark, daß im weiten Umkreis Fahrzeuge, Wohnungen, Geschäfte und öffentliche Gebäude teilweise schwer beschädigt wurden. Fast überall zersprangen die Fenster. Es war der schwerste Anschlag seit fast drei Jahrzehnten.

Nach Angaben des syrischen Innenministers Bassam Abdel Madschid hat eine Spezialeinheit der syrischen Antiterrorpolizei die Ermittlungen aufgenommen. »Es ist klar, daß es sich um einen terroristischen Akt handelt, der auf eine belebte Gegend abzielte«, sagte er am Samstag dem Fernsehen. Alle Opfer seien Zivilisten. Das genaue Ziel der Attentäter war unklar. Anders als bei dem Anschlag gegen den militärischen Hisbollah-Führer Imad Mughniyeh im Februar oder dem Mord am Verbindungsoffizier zur Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Brigadegeneral Mohamed Suleiman, im August berichteten alle syrischen Medien über das Attentat. Zahlreiche Regierungschefs verurteilten den »grausamen und unmenschlichen« Anschlag, so der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew.

In dem Viertel um den schiitischen Schrein Saida Zeynab, der Grabstätte von Zeynab, der Enkelin des Propheten Mohammad, haben sich nach Beginn der US-Besatzung im Nachbarland Irak viele Flüchtlinge aus dem Zweistromland angesiedelt. Syrische Sicherheitskräfte sind deutlich bemüht, die politischen oder religiösen Parallelstrukturen irakischer Parteien und Glaubensgemeinschaften zu kontrollieren, Porträts des Predigers und politischen Führers Muqtada Al-Sadr sind aus der Öffentlichkeit verschwunden. Hunderttausende schiitischer Pilger besuchen jährlich den Schrein, der Tourismus hat in dem eher armen Viertel eine Reihe stattlicher Hotels entstehen lassen.

Ob der Anschlag sich gegen die irakische Exilgemeinde richtete, gegen die Pilger, die zum Ende des Fastenmonats Ramadan in besonders großen Gruppen anreisten oder -- wie westliche Medien vermuten -- gegen eine Einrichtung des syrischen Geheimdienstes, ist Spekulation. »Die Waffe Syriens ist bisher immer die nationale Einheit gewesen«, kommentierte der Leitartikel der staatlichen Zeitung Teschreen am Sonntag. »Die wollen die Terroristen nun zerstören.«

* Aus: junge Welt, 29. September 2009

Zwischen den Stühlen

Von Karin Leukefeld **

Es ist noch unklar, welches Ziel der Anschlag in Damaskus hatte. Die Autobombe explodierte offenbar zu früh. In der Nähe des Explosionsortes gibt es eine Einrichtung der syrischen Sicherheitskräfte und den schiitischen Schrein der Saida Zeynab. In der Gegend leben irakische Flüchtlinge, die manch Syrer als »5. Kolonne der USA« sieht. Und wer könnte von dem Anschlag profitieren? Die Medien spekulieren über Streitigkeiten im syrischen Sicherheitsapparat, sunnitische Islamisten, den israelischen oder einen anderen Geheimdienst, der an der Destabilisierung der syrischen Regierung interessiert ist. Ein Muslimbruder meldete sich aus dem Exil und brachte von Syrien angeblich selbst aufgebaute Terrorgruppen ins Spiel, die sich in Irak und Libanon fallen gelassen fühlten. Oder war es doch das saudische Königshaus, dem es nicht gefällt, dass Syrien die Aktivitäten von Islamisten in Libanon kritisiert?

Syrien sitzt zwischen allen Stühlen. Bashir al-Assad hat sein Land aus der internationalen Isolation gebracht, EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy und verschiedene europäische Außenminister geben sich in Damaskus die Klinke in die Hand. Unter türkischer Vermittlung verhandelt man sogar mit Israel über Frieden. Und das alles, ohne -- wie es der Westen fordert -- die strategischen Beziehungen zu Iran aufzugeben. Wer in einer solchen Gemengelage rasch einen Schuldigen für den Anschlag präsentiert, verdient Misstrauen.

** Aus: Neues Deutschland, 29. September 2009 (Kommentar)




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