Ukraine: Kiews Faustpfand, 20.10.2014 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Ukraine: Kiews Faustpfand

Obwohl weitgehend zerstört, ist der Flughafen von Donezk weiter umkämpft: Eingekesselte ukrainische Regierungstruppen harren aus, damit der Präsident im Wahlkampf Härte zeigen kann

Von Ralf Rudolph und Uwe Markus *

Als im Sommer die ukrainischen Regierungstruppen scheinbar unaufhaltsam auf die Rebellenhauptstadt Donezk vorrückten, wurde der internationale Flughafen »Sergej Prokofjew« zur unmittelbaren Kampfzone. Das erhöht liegende Areal war nicht nur aus logistischen Gründen für Kiews Armee von Bedeutung. Vielmehr war es von dort aus möglich, Artillerieschläge gegen das nur elf Kilometer entfernte Stadtzentrum von Donezk zu führen. In dem Bestreben, die Stadt unter billigender Inkaufnahme ziviler Opfer sturmreif zu schießen, machte die Armee von dieser Möglichkeit reichlichen Gebrauch. Doch im Zuge der von den Volksmilizen Ende August, Anfang September vorgetragenen Gegenoffensive erfolgte die Einschließung von etwa 1.000 ukrainischen Soldaten und nationalistischen Freischärlern auf dem Gelände des Flughafens. Die Eingeschlossenen setzten unterdessen die Beschießung des Stadtzentrums fort. Die ukrainische Armee will den Flugplatz um beinahe jeden Preis halten, um ihn als Tauschobjekt für einige von den Volksmilizen gehaltene Städte nutzen zu können. Das Pokerspiel um die territoriale Aufteilung der Ukraine hat offenbar begonnen, und jede Seite ist bestrebt, ihr Gebiet zu konsolidieren.

Unterirdische Festung

Für die Donezker Volksmilizen geht es beim Kampf um den Flughafen nicht nur um die Beseitigung der permanenten Bedrohung durch Feuerüberfälle, die in der Regel zivile Opfer fordern, sondern auch um die potentielle Nutzung der Anlagen für die Abwicklung von Hilfstransporten aus Russland. Doch die Zerschlagung dieses Kessels durch die Rebellen erweist sich als schwieriges Unterfangen. Die Gebäude und unterirdischen Anlagen des Flughafens gleichen einer Festung. In der Stalin-Zeit wurde das Gelände unter der Codebezeichnung »Objekt Nr. 7« des Geheimdienstes NKWD geführt. Die Ukraine war damals für die UdSSR von besonderer militärstrategischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Ausgehend von den bitteren Erfahrungen in der Frühphase des Großen Vaterländischen Krieges sollte unter anderem der Luftverkehrsknotenpunkt Donezk besonders gegen mögliche Angriffe gesichert werden. Denn dieser Flugplatz wurde von der strategischen Bomberflotte der UdSSR als wichtige Operationsbasis genutzt. In der Öffentlichkeit ist über die damals unter strengster Geheimhaltung errichteten Anlagen nach wie vor nur wenig bekannt. Man weiß nur, dass im Laufe der Zeit auf dem Areal etwa 125 Gebäude, Bunker und Flugzeug-Schutzhangars aus Beton errichtet wurden. Die vier Kilometer lange Start- und Landebahn ist damals für superschwere Transportflugzeuge und Bomber konzipiert worden. Außerdem sind alle Systeme der Strom-, Luft- und Wasserversorgung doppelt vorhanden. Alle wichtigen technischen Einrichtungen befinden sich unter der Erde. Tunnel in einer Länge von fast 64 Kilometern verbinden den Flugplatz mit dem nördlich gelegenen Ort Awdijiwka, wo die ukrainische Armee eine Vielzahl von Soldaten und schwere Technik zusammengezogen hat und wo das 156. Fla-Raketen-Regiment der ukrainischen Luftabwehr stationiert ist. Mit den Truppen in Awdijiwka, den ukrainischen Artillerieeinheiten im Dorf Opitnoe und den Stationierungspunkten der Mehrfachraketenwerfer »Grad« und »Uragan« im Dorf Peski hat die ukrainische Armee eine beachtliche Kriegsmacht am äußeren Ring um den Flugplatz zusammengezogen.

Außerdem sind unter der gesamten Start- und Landebahn Versorgungsschächte von zwei Metern Durchmesser angelegt, deren Ein- und Ausgänge in jedem Terminal und am Tower vorhanden sind. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass diese »unterirdische Stadt« nicht mit Handfeuerwaffen und leichten Minenwerfern einzunehmen ist.

Das ukrainische Militär zeigte unlängst Videoaufnahmen, die belegen, dass auf dem Areal schwere Kampftechnik in großer Zahl stationiert war. In den unterirdischen Bunkern und Schächten verteidigten sich am 10. Oktober etwa 60 Kämpfer der ukrainischen Nationalgarde. Auch der Tower wurde noch von Nationalgardisten kontrolliert. Von dort versuchten Scharfschützen immer wieder, die Vorstöße der Volksmilizen abzuwehren. Das alte Terminal für den Inlandsverkehr wird unterdessen von den Volksmilizen kontrolliert, das neue Abfertigungsgebäude für den internationalen Verkehr, das erst zur Fußballeuropameisterschaft erneuert wurde, ist faktisch neutrales Gebiet.

Die Feuerüberfälle vom Flughafen aus werden fortgesetzt: Beim Beschuss von Donezk in der Nacht zum 14. Oktober wurden sieben Zivilisten getötet und 30 weitere verletzt. Auch am Freitag schlugen in verschiedenen Stadtteilen wieder Geschosse ein, wie RIA Nowosti meldete. Gleichzeitig wird der Airport durch die Regierungstruppen systematisch zerstört. Es ist eine Taktik der verbrannten Erde. Der Gegner soll später die Infrastruktur nicht nutzen können. Gebietsaustausch angestrebt

Der neue, vom ukrainischen Präsidenten Poroschenko eingesetzte Gouverneur des Gebietes Donezk, General Alexander Kichtenko, erklärte inzwischen öffentlich, dass der Wert des Donezker Flughafens aus Sicht der Kiewer Regierung vor allem darin besteht, dass man ihn als Faustpfand in die Gebietsverhandlungen mit der Rebellenregierung einbringen kann. Da die Infrastruktur des Flugplatzes sowieso völlig zerstört sei, habe er keine militärstrategische Bedeutung mehr. Jedoch wäre eine Aufgabe des Flughafens noch vor den Parlamentswahlen für den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko mit einem erheblichen politischen Risiko behaftet. Ihm wird bereits aktuell von den Faschisten und Nationalisten im Parlament eine zu große Nachgiebigkeit gegenüber Forderungen der Rebellen vorgeworfen.

So haben die Minsker Vereinbarung über die Waffenruhe und die ebenfalls unterschriebenen Zusatzvereinbarungen viele nationalistische Politiker zu Wutausbrüchen getrieben. Die Führer der Neofaschisten, Dmitri Jarosch und Oleg Tjagnibok, drohten sogar damit, Poroschenko zu stürzen. Und die ohnehin zu Verbalradikalismus neigende frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko erklärte, die Vereinbarung sei eine niederträchtige Unterwerfung unter Moskau und ein Ausverkauf nationaler Interessen der Ukraine. Neofaschisten des »Rechten Sektors« versuchten in Kiew, das Parlament und das Präsidentenamt zu stürmen, und warfen einen Abgeordneten in eine Mülltonne. Ein Marsch von Neofaschisten in dieser Woche in Kiew endete am Parlamentsgebäude in heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Demonstranten zerschlugen Fenster, warfen Rauchbomben und Steine. Sicherheitskräfte wurden mit Ketten angriffen. Aus Angst vor einem Überfall der demonstrierenden Neonazis beendete der Sprecher der Rada, Alexander Turtschinow, die Sitzung. Doch in der ukrainischen Hauptstadt randalieren immer wieder bewaffnete Gruppen. Behörden entgleitet Kontrolle

Den Behörden entgleitet sukzessive die Kontrolle. Forderungen nach Entwaffnung der Paramilitärs verhallen ungehört, denn wer sollte eine solche Anordnung inmitten des nationalistischen Taumels durchsetzen? Die ukrainischen Freiwilligenkorps, die aus Kämpfern der »Rechten Sektors« bestehen, werden sich den Behörden jedenfalls nicht unterstellen, erklärte vorsorglich der Kommandeur des 1. Bataillons, Oleg Korotasch. Das Land befindet sich vor den Wahlen offenkundig in der Geiselhaft von Nationalisten und Neonazis. Sie wollen auch in der Zukunft die Geschicke der Ukraine bestimmen. So gerät Präsident Poroschenko immer mehr unter Druck.

Daher dürfen die Soldaten im Kessel von Donezk nicht aufgeben. Damit die Eingeschlossenen länger durchhalten können, verlegte die ukrainische Armee am 14. Oktober 25 gepanzerte Fahrzeuge und 23 Einheiten selbstfahrender Artillerie in die Nähe der Siedlungen Awdejewka und Peski. Somit sind trotz formaler Waffenruhe die nächsten blutigen Kämpfe programmiert. Die Soldaten werden geopfert, weil ihr Präsident im Wahlkampf Härte zeigen muss, um politisch überleben zu können. Man wird die nationalistischen und neofaschistischen Kräfte, die man zur Niederschlagung des Aufstandes bewaffnet und von der Kette gelassen hatte, nicht mehr los. Nun wenden sie sich gegen jene, die glaubten, sie instrumentalisieren und politisch einhegen zu können.

»Renaissance einer Weltmacht. Russlands Militärreform und exterritoriale Militärstützpunkte« – Buchvorstellung mit den Autoren Ralf Rudolph und Uwe Markus am 28. Oktober in der jW-Ladengalerie (Torstraße 6 in Berlin-Mitte)

* Aus: junge Welt, Samstag, 18. Oktober 2014

Ralf Rudolph / Uwe Markus: Renaissance einer Weltmacht. Russlands Militärreform und exterritoriale Militärstützpunkte

PHALANX-Verlag, Berlin 2013, Paperback, 160 Fotos und andere sw-Abb., einige sw-Karten. 337 Seiten, 19,20 EUR, ISBN 3000431756, 9783000431753 [Edition Militärgeschichte und Sicherheitspolitk]

Nach Jahren der außenpolitischen Marginalisierung und der inneren Instabilität meldet sich Russland als machtbewusster Akteur auf der globalen politischen Bühne zurück. In Reaktion auf die Ostausdehnung der NATO und den massiven Einsatz militärischer Machtmittel durch die USA setzt das Land wieder auf eine Politik der Stärke und Abschreckung. Dieses Buch beschreibt die Auswirkungen der neuen strategischen Orientierung Russlands auf die Stützpunktpolitik, die Rüstungsindustrie und die Modernisierung der eigenen Streitkräfte.




Zurück zur Russland-Seite

Zur Russland-Seite (Beiträge vor 2014)

Zur Ukraine-Seite

Zur Ukraine-Seite (Beiträge vor 2014)

Zurück zur Homepage