Afghanischer Geheimdienst: Mullah Omar ist tot, 03.08.20115 (Friedensratschlag)
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Tod eines Phantoms

Der afghanische Geheimdienst hat das Ableben des Taliban-Führers vermeldet. Bestätigt wird das von den Aufständischen nur anonym

Von Knut Mellenthin *

Ist er wirklich tot? Hat er überhaupt jemals gelebt? Die Meldungen über den angeblichen Tod des Führers der afghanischen Taliban, Mullah Omar, die seit Mittwoch kursieren, lassen immer noch Fragen offen. »Die Taliban« hätten bestätigt, dass er gestorben und dass bereits ein Nachfolger ernannt sei, hieß es am Donnerstag. Aber eine offizielle Bekanntmachung durch einen namentlich bekannten Sprecher der islamistischen Bewegung war das bei genauem Hinsehen nicht. Und schließlich hatte ein anderer Talibansprecher am Mittwoch die Todesmeldungen dementiert.

Über Person und Leben von Mullah Omar, der vermutlich irgendwann zwischen 1959 und 1962 geboren wurde, ist nicht viel bekannt. Dem Mangel an greifbaren Fakten steht jedoch entgegen, dass es nie einen anderen Talibanchef außer Mullah Omar gegeben hat und dass seine Autorität weit über seine eigentliche Organisation hinaus respektiert wurde. Allein seine Existenz, für die es für Außenstehende kaum Beweise gibt, hat die afghanischen Taliban vor dem Schicksal ihrer pakistanischen Namensvettern bewahrt, die sich in unüberschaubar viele Splittergruppen zerlegt haben und eine leichte Beute des Geheimdienstes ISI sind.

Von Mullah Omar gibt es nur zwei oder drei Fotos und keines, das nachweisbar authentisch ist. Er hat niemals ein Video produziert, und die Echtheit der äußerst wenigen Tonaufnahmen, die von den Taliban unter seinem Namen veröffentlicht wurden, ist umstritten. Es gibt eine größere Zahl von Stellungnahmen, die in seinem Namen herausgegeben wurden, zuletzt Anfang Juli, aber nicht den geringsten Beweis für die Behauptung, dass diese wirklich von ihm formuliert oder wenigstens abgesegnet worden waren.

Mullah Omars außerordentliches Ansehen beruhte auf zwei historischen Umständen, die von kaum jemandem angezweifelt wurden: Er hatte sich im Kampf gegen die sowjetischen Interventionstruppen während der 1980er Jahre durch eine Reihe soldatischer »Heldentaten«, wie den Abschuss feindlicher Panzer und das Erleiden mehrerer Verletzungen, von denen ihn eine ein Auge kostete, ausgezeichnet. Und es war in hohem Maß seiner persönlichen Initiative geschuldet, dass in der ersten Hälfte der 1990er Jahre unter den Schülern islamischer Religionsschulen die Bewegung der Taliban entstand. Ihre Angriffsziele waren die vielen Warlords, die sich nach dem Abzug der sowjetischen Truppen brutal bekämpften, und sie stellten sich gegen die Korruption der Kreise, die sich um die Vorherrschaft über Afghanistan stritten. Diesem Grundmotiv verdankten die Taliban, trotz vieler Widerstände, die ihre Praktiken hervorriefen, zumindest in der Anfangszeit eine hohe Popularität.

Spätestens seit der Besetzung Afghanistans durch US-Truppen im Oktober 2001 trat Mullah Omar nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Ständig wurde über seinen Tod spekuliert, mehrmals wurde er gemeldet. Am Mittwoch behauptete der afghanische Geheimdienst, ohne materielle Beweise vorzulegen, dass Omar im April 2013 in einem Krankenhaus der pakistanischen Millionenstadt Karatschi an Tuberkulose gestorben sei. Am Donnerstag bestätigte ein nicht namentlich identifizierbarer »Taliban-Kommandeur« ohne Angabe von Datum und Einzelheiten, dass Omar gestorben und dass ein Nachfolger ernannt worden sei: Akhtar Mohammed Mansur, der schon bisher als Omars Stellvertreter gegolten hatte.

Mansur gehörte der kurzlebigen Talibanregierung in Kabul zeitweise als Luftfahrtminister an. In vielen Medien herrscht die Ansicht vor, dass er ein entschiedener Befürworter der am 7. Juli begonnenen, zwischen den Strömungen der afghanischen Taliban umstrittenen »Friedensgespräche« mit der Kabuler Regierung sei. In Wirklichkeit fehlt es für diese Annahme an Beweisen. Als erste Reaktion auf Omars gemeldeten Tod haben die Taliban ein zweites Treffen, das am Freitag in Pakistan stattfinden sollte, abgesagt.

* Aus: junge Welt, Samstag, 1. August 2015


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