"Schulen statt Tornados", 04.03.2007 (Friedensratschlag)
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"Schulen statt Tornados"

Pressemitteilung der "Kinderhilfe Afghanistan" zum Tornado-Einsatz der Bundeswehr

Im Folgenden dokumentieren wir eine Pressemeldung zum bevorstehenden Tornadoeinsatz der Bundeswehr, die besondere Beachtung verdient, da von einer renommierten humanitären Organisation stammt, die viel Erfahrung in Afghanistan gesammelt hat. Reinhard Erös, Oberstabsarzt a.D. und Mitbegründer des Kinderhilfswerks hat am Freitag, den 2. März einen bemerkenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichen können, den wir mit freundlicher Genehmigung durch den Autor als pdf-Datei ebenfalls dukumentieren:
"Wie man einen Krieg verliert"



Kinderhilfe Afghanistan
Dr. Reinhard und Annette Erös
www.kinderhilfe-afghanistan.de
08. Februar 2007

Pressemitteilung zu Tornado-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan

Der anstehende Einsatz deutscher Tornado-Flugzeuge in Afghanistan wird die Sicherheit der nur noch wenigen zivilen Hilfs-Organisationen und Projekte in den Süd- und Ost-Provinzen Afghanistans deutlich gefährden.

Die Projekte der „Kinderhilfe Afghanistan“ befinden sich ausschließlich in diesen Gebieten.

Jahrelange mühevolle und erfolgreiche Aufbauarbeit insbesondere im Bildungsbereich für Mädchen droht zu scheitern. Selbst der beabsichtigte militärische Zweck des Tornado-Einsatzes, nämlich Aufklärung von Taliban-Kämpfern und damit ein Rückgang der Kämpfe , wird nicht erreicht werden. Die Taliban-Kämpfer haben sich bereits jetzt darauf eingestellt, nicht mehr in größeren Einheiten und Verbänden – und damit für Luftaufklärung erkennbar – aufzutreten. Sie werden in Zukunft vorwiegend als „Einzelkämpfer“ in Kleinstgruppen und als Selbstmordattentäter zum Einsatz kommen. Diese sind aus der Luft nicht erkennbar. Die Gefährdung unserer Soldaten und ziviler Helfer und afghanischer MitarbeiterInnen nimmt damit dramatisch zu.

In den westpakistanischen Provinzen Belutschistan und NWFP werden seit Monaten, vom Staat Pakistan völlig unbehelligt, Zehntausende junger Männer in radikalen Madrassas – Koranschulen arabisch-wahabitischer Ausprägung – auf diese Einsätze „ideologisch“ eingestimmt und in versteckten Ausbildungslagern im Stammesgebiet der westpakistanischen Paschtunen militärisch auch für Selbstmord-Einsätze in Afghanistan ausgebildet. Der Andrang auf diese radikalen Schulen ist so stark wie noch nie in der Geschichte Pakistans.

Eine mittelfristig wesentlich wirksamere und „preisgünstigere“ Lösung als die allein für 2007 ca. 35 Millionen Euro teuren Tornado-Einsätze ist ein „Kampf um die Köpfe“ der Buben und jungen Männer in West-Pakistan. Es fehlen in diesen Provinzen nämlich mehr als 10.000 „normale“ Schulen. Viel Kinder sind daher auf die Koranschulen angewiesen, wenn sie überhaupt eine schulische Ausbildung erfahren wollen. Der Besuch der Koranschulen ist für die Schüler kostenlos. Bau und Betrieb dieser Einrichtungen wird mit saudi-arabischen Geldern finanziert.

Mit weniger als der Hälfte der derzeitigen jährlichen Kosten für den ISAF-und OEF-Einsatz wäre der Bau ausreichender und qualifizierter regulärer Schulen und deren Unterhalt für 10 Jahre möglich. Allein die Kosten des Tornado-Einsatzes für 2007 würden den Bau von ca. 1000 Schulen ermöglichen.

Seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 wurden ca. 70 Milliarden Euro westlicher Unterstützung in den „militärischen“ Teil des Wiederaufbaues Afghanistan gesteckt; weniger als 10 Prozent davon in den zivilen Wiederaufbau mit dem Ergebnis: Die Taliban sind so stark und siegessicher wie nie zuvor.

Ein ehemaliger ranghoher Sowjet-General sagte mir vor wenigen Monaten : „Ihr – der Westen - seid jetzt da, wo wir 1986 waren“.

Knapp 3 Jahre später zog die bis dahin unbesiegte Sowjet-Armee geschlagen aus Afghanistan ab und der Internationale Islamistische Terrorismus war geboren.

Quelle: Website der "Kinderhilfe Afghanistan": www.kinderhilfe-afghanistan.de

Kinderhilfe Afghanistan

Mit Hilfe afghanischer Mitarbeiter errichten, betreiben und unterstützen die Mitarbeiter/innen der "Kinderhilfe Afghanistan" in den Ostprovinzen Afghanistans und in grenznahen Flüchtlingslagern Friedensschulen, Mutter-Kind-Kliniken und Gesundheitsstationen.
Hier gibt es mehr Informationen:
www.kinderhilfe-afghanistan.de




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