Truppenübungsplatz in der Senne, 02.12.2010 (Friedensratschlag)
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Widerstand gegen Kriegsvorbereitung

Auf dem britischen Truppenübungsplatz in der Senne (bei Paderborn) wird die Aufstandsbekämpfung in Afghanistan geprobt


Auf dem britischen Truppenübungsplatz in der Senne (in der Nähe von Padxerborn) sind in den vergangenen Monaten für rund 1,5 Millionen Euro drei so genannte Kampf- und Übungshelfer entstanden, in den die Soldaten auf Kampfeinsätze in Afghanistan vorbereitet werden. In den Übungs-Dörfern werden die britischen Soldaten sieben bis zehn Monate vor ihrem Einsatz ausgebildet. Im Mittelpunkt steht das Training in kleinen Trupps und Gruppen. "Dadurch sollen die Soldaten ein erstes Gefühl für das fremde Land bekommen bekommen", sagte Oberstleutnant David Holt, Kommandeur aller britisch verwalteten Truppenübungsplätze in Deutschland, gegenüber der Neuen Westfälischen (online, 02.10.2010).
Gegen den Truppenübungsplatz regt sich Widerstand, nicht nur von Seiten der Friedensbewegung.
Im Folgenden dokumentieren wir zwei Artikel aus der Zeitung "Unsere Senne" des Widerstandsbündnisses "Freie Senne".


Krieg fängt mit Üben an

Von Hartmut Linne *

Die britische Armee will sich nach eigenen Aussagen mit den Übungen in der Senne "optimal" auf den Häuserkampf in den Städten und Dörfern Afghanistans vorbereiten. "Optimal" heißt für die übenden Militärs: Minimierung der eigenen Todeszahlen, denn in der je eigenen Bevölkerung wird der Einsatz nicht mehr mitgetragen, wenn zu viele Soldaten fallen. In London z.B. sammeln die "Military Families Against the War" Unterschriften gegen den Krieg. Diese Angehörigen britischer Soldatinnen und Soldaten fordern die britische Regierung auf, die Truppen sofort aus Afghanistan abzuziehen.

Für die gegnerischen Kräfte und besonders für die Zivilbevölkerung bedeutet Häuserkampf – wie er in der Senne aber auch vermehrt an vielen Stellen in Deutschland von deutschen-, amerikanischen- und anderen NATO-Truppen geübt wird - tausendfachen Tod. Das Ergebnis ist eine weitgehende Zerstörung von Städten und Dörfern. Häuserkämpfe wie in Falludscha/ Irak haben dies sehr deutlich gezeigt.

Was bedeutet das für die Kampfdörfer in der Senne? Es ist zu erwarten, dass das Üben auf dem Truppenübungsplatz Senne nicht nur kurzfristig für den Krieg in Afghanistan geschehen wird, sondern langfristig – für weitere zukünftigeweltweiteMilitärinterventionen. Der Krieg in Städten als die Kriegsform der Zukunft "sichert"« die kontinuierliche Nutzung und "Auslastung" der Kampfdörfer in der Senne.

"Krieg fängt mit Üben an", so eine Parole der "Bombodrom"- Gegner und "Hier bei uns sind Sie mitten im Afghanistan- Krieg", heißt es in einem Flugblatt des Aktionskreises FREIE SENNE. Vor Ort kann man über Unterschriftenlisten und Meinungsbekundungen in Umfragen hinaus etwas gegen das Töten in Afghanistan und anderswo tun. Gemeinsam und vernetztmit anderen Aktiven in Deutschland – wie der Bürgerinitiative OFFENe HEIDe gegen den Truppenübungsplatz Altmark oder den Gegnern des Militärflughafens Leipzig, den die NATO nutzt, um US-Soldaten und Militärfracht in Kriegsgebiete zu fliegen.

Reiner Leyken schreibt in einem ZEIT-Bericht vom Juli 2005:
"Die Zerstörung begann am 30. Oktober 2004 mit einem Bombardement strategischer Gebäude und vermuteter Waffenlager durch die US Air Force. Amerikanische, irakische und britische Landstreitkräfte legten einen Belagerungsring um die Stadt. Am 8. November griffen 10.000 bis 15.000 GIs und zwischen 1.000 und 2.000 irakische Soldaten Falludscha an ... Falludscha ist keine große Stadt. Von der östlichen Stadteinfahrt bis zum Euphrat sind es nicht mehr als drei Kilometer. Die Menschen lebten überwiegend in zweigeschossigen grauen Häusern. Die an engen Gassen gelegenen Gebäude umschließen Innenhöfe, in die man durch Toreinfahrten gelangt. Als die Soldaten einrückten, waren die meisten Hausfenster mit Jalousien und Pappdeckeln verdunkelt und die Tore mit schweren Schlössern verriegelt.

Das Marinekorps ging mit drei Taktiken zu Werke, die in der Diktion des Kriegshandwerks »mechanisch«, »ballistisch« und »explosiv« heißen. Die Hausmauern und Tore wurden entwedermit Panzern, gepanzerten Geländewagen und Bulldozern aufgebrochen, mit Maschinengewehren aufgeschossen oder mit Sprengkörpern aufgesprengt. Schnelligkeit war das oberste Ziel.

Als sie in die Häuser eindrangen, folgten die Infanteristen wiederum drei verschiedenen Taktiken, die ihnen als 'dynamischer', 'tückischer' und 'verhaltener' Angriff beigebracht worden waren. Der 'dynamische' Angriff wird von Anfang bis Ende 'gewalttätig und aggressiv' durchgeführt. Die Soldaten schreien, schießen in jede Tür und in jedes Fenster, werfen Leuchtraketen und Handgranaten in alle Räume. Wenn sie 'tückisch' vorgehen, versuchen sie den Gegner zu verwirren, huschen durch das Gebäude und flüstern sich Befehle zu. Die 'verhaltene' Taktik ist eine Mischung der beiden Methoden. Das Ziel jeder Methode ist das gleiche – 'den Feind zu eliminieren und die eigenen Verluste möglichst zu minimieren', wie es ein GI formuliert."


In Falludscha starben nach Angaben des ZEIT-Reporters 71 amerikanische Soldaten, 621 wurden verwundet und 1.200 Aufständische seien getötet worden. Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung Tübingen nennt die Zahl von 6.000 Zivilpersonen,die bei den US-Angriffen auf Falludscha insgesamt ums Leben kamen. 36.000 Häuser, 9.000 Läden, 65 Moscheen, 60 Schulen, die historische Bibliothek der Stadt, alle Regierungsgebäude und praktisch die gesamte Infrastruktur, inklusive aller Kraftwerke, Kommunikationssysteme, Wasserwerke und Kläranlagen seien zerstört worden.

* Hartmut Linne, Paderborner Initiative gegen den Krieg


Senne-Wirtschaft: Und wenn das Militär abzieht?

Von Arno Klönne

Seitmehr als einhundert Jahren ist die Senne Übungsplatz fürs Militär. Und auch viele, die das Kriegführen abscheulich finden, sagen: Immerhin hat diese Nutzung Arbeit und Brot gebracht; die Truppen sind ein »Standortfaktor « für die Region, sie schaffenArbeitsplätze und Einkünfte für Zivilisten in denAnrainergemeinden.

Aber Militärstandorte sind wirtschaftlich Unsicherheitsfaktoren. Die Bundeswehr wird demnächst umgestellt,welche Schritte die britische Armee im einzelnen vorhat, weiß niemand. Und militärische Nutzung bedeutet auch: Alternative Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung sind dadurch gehemmt, werden oft nicht einmal bedacht. Man findet sich ab,mit dem, was ist, so als sei es Schicksal auch für die Zukunft. Bisher hat keine Behörde in der Region durchgerechnet, welche wirtschaftlichen Vorteile und Nachteile der Truppenübungsplatz mit sich bringt und welche Chancen in einer zivilen Umnutzung liegen würden, wenn das Militär abzieht. Das ist kurzsichtig.

Angenommen, der Nationalpark Senne kommt endlich zustande – wie läßt sich daneben umweltfreundlicher Tourismus in dieser Landschaft entwickeln? Welche Einrichtungen für Freizeit und Erholung ließen sich hier ansiedeln? Was wäre zu tun, um die Sennelandschaft naturgeschichtlich, siedlungsgeschichtlich und sozialhistorisch erlebbar zu machen? Ohne die Problemkapitel der Politikgeschichte in diesem Terrain auszusparen?

Eine »zivile Senne« kann ein wirtschaftlicher Erfolg werden – aber zu diesem Zweckmuß jetzt endlich nachgeforscht, diskutiert und geplant werden, nicht nur in Amtsstuben, auch in der Öffentlichkeit, alle Betroffenen in der Region einbeziehend.

Unsere Frage an die Verantwortlichen in den Kreisen Paderborn, Lippe und Gütersloh sowie an die Bezirksregierung:
Warum gibt es kein öffentliches Forum »Die Senne und ihre Zukunft – zivil gedacht«?

Quelle: Beide Beiträge erschienen in der neuen Zeitung "Unsere Senne" ("Eine Zeitung, die kein Blatt vor den Mund nimmt"), 1. Ausgabe 2010.


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