In eigener Sache (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

"In eigener Sache" 4

Die wichtigsten Mitteilungen vom Mai bis Dezember 2002

Unter dieser Rubrik berichten wir in unregelmäßigen Abständen über innere Entwicklungen der AG Friedensforschung an der Universität Gesamthochschule Kassel, die den jährlichen Friedensratschlag veranstaltet, sowie über den "Bundesausschuss Friedensratschlag", der daran unterstützend beteiligt ist.




Kassel, Weihnachten 2002

Am Ende des Jahres 2002 wollen wir angesichts der weltpolitische Lage auf einen längeren Blick "nach innen" verzichten. Die diversen Aktivitäten der AG Friedensforschung können ebenso wie die Bemühungen der außeruniversitären Friedensbewegung anhand der laufenden Berichterstattung unserer Homepage recht gut verfolgt werden. Insbesondere die neu eingerichtete Rubrik "Meldungen über die Friedensbewegung" dient dazu, das mehr oder weniger große Interesse der Medien an den Antikriegs-Aktivitäten zu dokumentieren. Und über die Vorlesungsreihe "Der Nahe und Mittlere Osten: Schauplatz des 'Krieges gegen den Terror'?", die wir im Wintersemester an der Universität Kassel durchführen, soll nur angemerkt werden, dass es sich um eine sehr erfolgreiche, weil gut besuchte und qualitativ hochstehende Veranstaltung handelt, die weit über die Hochschule hinaus wirkt. Die Universitätsvorlesung wird am 13. Januar mit einem Vortrag von Dr. Margret Johannsen (Hamburg) fortgesetzt.
Unsere "Kundschaft" besteht erkennbar aus zwei großen Lagern: den wissenschaftlich Interessierten aus zahlreichen Hochschulen und Instituten der Bundesrepublik und vielen Ländern der Erde einerseits und den in vielfältigen Friedensinitiativen und -organisationen engagierten Menschen, die unser Angebot wegen der dichten Hintergrundinformationen schätzen gelernt haben, andererseits. Beiden Gruppen wollen wir weiter verpflichtet bleiben. Ein Blick in die Internetlandschaft zeigt nämlich, dass wir mit diesem spezifischen Angebot Neuland betreten haben. Die steigenden Besucherzahlen und die ermutigenden Reaktionen aus aller Welt bestärken uns darin, diesen Weg weiter zu gehen.
Es freut uns auch zu sehen, dass Beiträge unserer Homepage zunehmend Eingang finden in andere Internetseiten. Ein relativ neues politisches Internet-Magazin, "kozmopolit" z.B. hat sich daran gemacht und eine Reihe von Beiträgen ins Türkische, teilweise zusätzlich ins Englische übersetzt. Wünschen wir diesem zweisprachigen Magazin, dass es sich im Worldwide Web Gehör verschafft.
Die Welt steht 2003 vor großen Gefahren. Die größte ist zweifellos der angekündigte US-Krieg gegen Irak. So legitim die Ankündigung der Bundesregierung ist, sich an diesem Krieg nicht zu beteiligen, so verständlich ist auch die Skepsis vieler Friedenswissenschaftler, ob Berlin dieses Versprechen auch wird einlösen wollen. Die bisherigen Zusagen an die USA bezüglich der Nutzung von Militärstützpunkten und der Gewährung von Überflugrechten gehen ja eher in die andere Richtung. Aus Australien und den USA kam vor geraumer Zeit die Anregung, weltweit mit weißen Tüchern die Friedenssehnsucht der Menschen zu bekunden. Aus Bethlehem erreichte uns in den letzten Tagen die Bitte, ein solches Signal möge auch die Situation der Christen mit einschließen, die wegen der neuerlichen israelischen Besetzung der Geburtsstadt Christi das Weihnachtsfest des Friedens nicht begehen können. Wir können diese Aufforderungen an dieser Stelle nur weitergeben im Vertrauen darauf, dass der eine oder die andere Leser/in entsprechend handelt und zwischen den Jahren eine weiße Fahne aus dem Fenster oder vom Balkon hängt.
Peter Strutynski




Kassel, den 10. November 2002

Auch wenn die folgenden Mitteilungen sich vor allem an die Hochschulöffentlichkeit in Kassel sowie die Menschen in der Region richten, könnten sie für andere Universitäten interessant sein. An der Universität Kassel ist es Tradition, Vorlesungsreihen zu veranstalten, die sich sowohl an die akademische Gemeinde als auch an die außeruniversitäre Öffentlichkeit richten. Im Wintersemester 2002/03 hat die AG Friedensforschung, die u.a. für diese Homepage zuständig ist, eine solche Vorlesungsreihe konzipiert und führt sie auch durch. Nach den beiden ersten Veranstaltungen, die bereits stattgefunden haben, lässt sich sagen: Die Vorlesungen werden angenommen. Das Thema der Reihe lautet: "Der Nahe und mittlere Osten: Schauplatz des "Krieges gegen den Terror"? Zu den Referentinnen und Referenten gehören ausgewiesene Experten aus dem In- und Ausland:
Henner Kirchner, Uni Gießen; Matin Baraki, Uni Marburg/Gießen/Kassel; Harri Grünberg, Berlin, Ulrike Bechmann, Kulturwiss. Fakultät der Uni Bayreuth; Helga Baumgarten, Birzeit Universität (Palästina); Norman Paech, HWP Hamburg; Uri Avnery, Israel; Sabine Damir, Uni Gießen; Margret Johannsen, IFSH Hamburg; Alexander Flores, Bremen; Hans-Joachim Gießmann, IFSH Hamburg; Claudia Haydt, Tübingen.
Das Programm im Einzelnen können Sie hier einsehen.




Kassel, den 1. Oktober 2002

Heute haben wir einen Brief des Kurdischen Frauenbüros Ceni aus Düsseldorf erhalten, der eine Bitte enthält, die wir an dieser Stelle gern weiter geben. Es geht um die bevorstehenden Parlamentswahlen in der Türkei am 3. November und die - nicht unbegründeten - Befürchtungen der Frauen, dass es zu Unregelmäßigkeiten und Benachteiligungen bestimmter Parteien oder Kandidaten kommen könnte. Dem wollen die Frauen durch eine selbst organisierte Wahlbeobachtung entgegen arbeiten.

Wahlbeobachtung gehört seit Jahren zum A und O der Vereinten Nationen und der OSZE. In zahlreichen Ländern insbesondere Osteuropas hat die OSZE bei Wahlen nach dem Rechten gesehen, die Rechtmäßigkeit der Abstimmungen bewacht und so tatsächlich einen Einfluss auf den geregelten Ablauf von Wahlen gehabt. Geregelter Ablauf von Wahlen: Das muss nicht heißen, dass hinterher auch immer die gewünschten demokratischen Verhältnisse heraus kommen. Es macht es aber den Manipulateuren und Wahlfälschern schwerer - und das ist ja auch schon etwas.
Die Wahlen in der Türkei werden von vielen Beobachtern als entscheidende Weichenstellung für die Zukunft des Landes angesehen. Da der Türkei nicht unbedingt reibungslose und faire Wahlen unterstellt werden dürfen, könnten internationale Wahlbeobachter allein schon durch ihre Anwesenheit eine positive Wirkung erzielen. Aus diesem Grund empfehlen wir sehr, die Bitte der kurdischen Frauenvereinigung ernsthaft zu prüfen. Wer Zeit, Lust, Qualifikation und demokratisches Engagement besitzt, kann sich hier ein wenig um die Zukunft des Landes verdient machen. Friedensarbeiter, Sozialwissenschaftler und/oder Mitarbeiter/innen in Menschenrechtsorganisationen sollten sich besonders angesprochen fühlen.

Die Adresse lautet:
Kurdisches Frauenbüro für Frieden -Cenî-
Grupellostr. 27, 40210 Düsseldorf
Tel: +49 (0) 211 / 1 71 10 80; Fax: +49 (0) 211 / 1 71 10 78
Email: kurdish.woman.peace.office.@gmx.de oder: Ceni_frauen@gmx.de

Weitere Informationen enthält der Brief der Frauen, den wir hier dokumentieren.




Kassel, den 15. August 2002

Wenn die zeitlichen Abstände zwischen den Mitteilungen "In eigener Sache" zu groß werden, dann liegt dies nicht etwa daran, dass es nichts zu berichten gäbe, sondern eher daran, dass die Ereignisse, auf die friedenswissenschaftlich und friedenspolitisch zu reagieren ist, so überhand nehmen, dass dem beiderseitig involvierten Betreuer dieser Homepage zu wenig Zeit zum Bericht bleibt. Insofern ist den Bemerkungen vom 31. Mai (siehe unten) nichts hinzuzufügen.
Der Herbst ist erfahrungsgemäß angefüllt mit Tagungen und Kongressen. Nach der Sommerakademie im österreichischen Stadtschlaining Anfang Juli, wo zwei Mitglieder unserer AG Friedensforschung als Referenten teilnahmen, steht als nächstes der friedenspolitische Kongress in Hannover Ende August/Anfang September an. Dessen Themen und Referenten erinnern in mancher Hinsicht an unsere traditionellen "Friedensratschläge" in Kassel. Um den 1. September herum werden Mitglieder unserer AG in verschiedenen Städten anlässlich gewerkschaftlicher und/oder friedensbewegter Veranstaltungen zum "Antikriegstag" engagiert sein. Weitere bundesweite oder regionale friedenspolitische Kongresse folgen im Oktober und November (u.a. soll im November ein großer Kongress zum drohenden Irak-Krieg in Berlin stattfinden), und am 7. und 8. Dezember wird der bekannte Friedensratschlag an der Universität Kassel abgehalten. Er wird - soviel steht jetzt schon fest - unter folgendem Motto stehen:

Wege aus Krieg und Gewalt
  • Soziale Gerechtigkeit statt neoliberaler Globalisierung
  • Gleichberechtigte Kooperation statt weltweitem Vormachtstreben
  • Gerechter Frieden statt permanentem Krieg
Wie immer wird der "Ratschlag" wissenschaftliche Expertise, Vertreter der Politik und friedenspolitische Akteure zu interessanten Debatten zusammenführen.
Der Friedensratschlag im Dezember könnte in eine höchst brisante weltpolitische Situation fallen: Möglich, dass der lange angekündigte US-Krieg gegen Irak schon begonnen hat, möglich aber auch, dass er kurz bevorsteht. Kein Friedenswissenschaftler, kein Politiker und vor allem kein "Friedensbewegter" wird in dieser Situation business as usual betreiben. Unsere Aufgabe ist es, Kriege zu vermeiden (hier hat der Begriff der "Prävention" seinen Sinn, nicht in dem Unwort vom "Präventivkrieg", wie ihn die US-Politik für sich reklamiert) und, wenn sie sich nicht haben vermeiden lassen, Kriege möglichst schnell wieder zu beenden. Dies ist aber nur die eine, die "notwendige" Bedingung für den Frieden. Sie ist nicht "hinreichend", weil damit die Ursachen von Krieg und Gewalt noch nicht beseitigt sind, Kriege also immer wieder von neuem ausbrechen können. Aus diesem Grund wird ein Schwerpunkt des Kasseler Ratschlags am 7./8. Dezember darin liegen, Kriegsursachen aufzudecken und über alternative außen- und sicherheitspolitische Konzepte nachzudenken.
Die weiterhin beachtliche weltweite (Zugriffe kommen aus 100 Ländern der Erde!) Resonanz auf unsere Homepage zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, die richtigen friedenspolitischen Themen zeitnah aufzugreifen und mit interessanten Hintergrundartikeln sowie kritischen Kommentaren orientierend in die öffentliche Diskussion einzugreifen. Im Mai 2002 hatten wir den bisherigen Rekord an Besuchern und Zugriffen zu verzeichen. Von Monat zu Monat steigt die Zahl der Besucher aus dem universitären Bereich. Anfragen von Studierenden, aber auch von Schülerinnen und Schülern, die an Jahresabschlussarbeiten sitzen, nach noch mehr Archivmaterial über das ein oder andere Land (unser Weltarchiv wird sehr gut angenommen) oder das ein oder andere Spezialthema (z.B. Kindersoldaten, Kleinwaffen, Internationaler Strafgerichtshof) werden zwar in der Regel beantwortet, aber nicht immer in der Ausführlichkeit, die wir uns selbst wünschen würden.
Da wir aufgrund des hervorragenden Services unseres Hochschul-Rechenzentrums über eine umfassende monatliche Statistik verfügen, können wir nicht nur die Aussagen über die in die Hunderttausenden gehenden monatlichen Zugriffe auf unsere über 3.000 Artikel treffen, wir wissen auch, welche Beiträge am häufigsten nachgefragt werden.
  • An erster Stelle sind hier die Länder/Regionen-Seiten zu nennen (also unser "Weltarchiv"), insbesondere zur Zeit Artikel über den Irak, den Nahen Osten, Afghanistan, Kaukasus und das Kaspische Meer, Indien/Pakistan, die USA, Makedonien und Argentinien. Die seit einigen Monaten eingerichteten und fortlaufend aktualisierten "Chroniken" wichtiger Ereignise in ausgewählten Konflikregionen (Afghanistan, Indien/Pakistan, Irak, und Naher Osten) sind gut angenommen worden. Es fällt auf, dass die Nachfrage vor allem auf historische Analysen und grundlegende informatorische Übersichten gerichtet ist.
  • Bei den Themen-Seiten erfreuen sich seit geraumer Zeit besonderer Beliebtheit die Beiträge über den "Terrorismus", über die Rolle der Geheimdienste, zur Außenpolitik der Bundesregierung, über Waffen, Kleinwaffen, Biowaffen und Rüstung(export), über die Vereinten Nationen (einschließlich das aktuelle Thema ICC-Internationaler Strafgerichtshof), Bundeswehr, Völkerrecht, Globalisierung, Neue Kriege, Islam und Wehrpflicht. (Die Reihenfolge entspricht der Zahl der Zugriffe.)
  • Immer häufiger werden Beiträge angesehen, die unter der Rubrik "Friedensforschung/Friedenswissenschaft" auftauchen. Hier sind ein paar Dauerbrenner zu erwähnen (z.B. ein Beitrag über die neuen Waffen der Bundeswehr aus dem Jahr 2000 oder verschiedene Beiträge über das Kaspische Meer) und einige Shooting Stars (Analysen der neuen Kriege, des Islam oder der Friedensbewegung).
  • Das Friedens-Memorandum wird ebenfalls stark beachtet. Jedenfalls werden die entsprechenden Seiten häufig angesteuert. Dasselbe gilt für die Rubrik "Friedenspolitischer Ratschlag". Die kurzfristig im April eingerichtete Sonderseite zum Besuch des US-Präsidenten Bush in Berlin hat sich ebenfalls als Renner erwiesen - dessen Glanz aber nach dem Ereignis schnell wieder verblasst ist.
  • Da die Seiten "Zitat der Woche" und "In eigener Sache" auch relativ häufig aufgesucht werden, sind wir nun gezwungen, hier die Besucher mit immer neuen Beiträgen zu versorgen.
Dies alles kann von einem einzelnen Menschen nicht mehr bewältigt werden. Hier ist noch viel mehr externe Zuarbeit und Kooperation vonnöten. Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere Friedensforscherin angesprochen, mit uns Kontakt aufzunehmen und uns hin und wieder (nicht zu lange) Arbeiten zum Zweck der weltweiten Präsentation auf unserer Homepage zur Verfügung zu stellen. Kurzrezensionen über neue friedenswissenschaftliche Bücher für unsere Literaturseiten sind ebenso begehrt wie Länder- und Konfliktanalysen sowie politisch-rechtliche Würdigungen aktueller Trends in den internationalen Beziehungen. Wer mag, kann sich per e-mail melden bei strutype@uni-kassel.de.

Peter Strutynski




Kassel, den 31. Mai 2002

"Seit vielen Wochen und Monaten gehört es zunehmend zu meiner Aufgabe als Friedensforscher, nicht zum Thema Frieden, sondern aus aktuellen Anlässen zum Thema Krieg sprechen zu müssen und immer öfter zu immer neuen Gewaltakten und/oder Fehlentscheidungen Vorträge zu halten. Aus dieser Aufgabe ist mittlerweile eine sich wiederholende Pflicht geworden - und ich bedaure es, sagen zu müssen: eine zunehmend unerträgliche und mich oftmals zutiefst deprimierende Pflicht. Gewalt und Krieg - so das Empfinden - sind "normal" geworden."
So beschrieb Dieter S. Lutz, Direktor des Hamburger Friedensforschungsinstituts ISFH, seine Befindlichkeit anlässlich einer Rede, die er im Frühjahr d.J. vor der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) gehalten hat (Freitag, 24. Mai 2002). Auch die Mitglieder unserer Arbeitsgruppe Friedensforschung an der Universität Kassel können ein Lied davon singen. Zunehmend geraten Friedenswissenschaftler/innen offenbar in eine Position, in der sie die nach wie vor von ihnen verlangten Alternativen zum Krieg, d.h. ihre positiven Konzeptionen einer zivilen Gewaltpräventionspolitik meist nur noch "nachrichtlich" erwähnen, sozusagen als Erinnerungsposten zur Protokoll geben können. In der Hauptsache sind sie damit beschäftigt, sich mit immer neuen Legitimationsfiguren für immergleiche Kriege auseinanderzusetzen, sie auf ihre Interessenbezüge zu hinterfragen und auf die Folgen von Krieg, Rüstung und militärischer Gewalt aufmerksam zu machen. Die große Distanz der Friedensforschung zur Macht - auch darüber beklagt sich Dieter S. Lutz in seiner Rede - vermindert systematisch die gestalterischen und konzeptionellen Aufgaben der Friedenswissenschaftler/innen. Da wo sie dennoch wahrgenommen werden - und es wäre tödlich für die Zunft, auf sie zu verzichten -, dienen sie hauptsächlich der gedanklichen Widerlegung realpolitischer Ultima-ratio-Kriegsstrategemen. Von praktischer Relevanz für die herrschende Politik sind sie dagegen nicht.

Diese relative Machtlosigkeit wissenschaftlicher Expertise hat noch eine zweite Konsequenz: Die Friedens- und Konfliktforschung, die ihren Gegenstand "Frieden" selbst zum politischen Programm erhebt, operiert aus der Defensive heraus. Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der Kriegsoptionen in der Arena der Internationalen Politik gehandelt werden, ist es heutzutage schon schwer genug, hie und da einen Nicht-Kriegs-Zustand zu verteidigen. Wer dächte da noch daran, mit seinem Instrumentenkasten eines positiven Friedensbegriffs die Realität nachhaltig (umzu-)gestalten und etwa kriegsanfällige Gesellschaften (oder ist nur die Politik kriegsanfällig?) strukturell friedensfähig zu machen? Und doch bleibt auch dies notwendig. Friedenswissenschaft muss den Spagat aushalten zwischen (defensiver) Bewahrung des "negativen Friedens" (im Sinne von Abwesenheit kriegerischer Gewalt) einerseits und (offensiver) Beförderung des "positiven Friedens" (im Sinne der Minimierung der "strukturellen Gewalt") andererseits.

Der Friedensbewegung geht es ähnlich. Auch wenn sie in den letzten Monaten immer wieder aufgefordert wurde, "Alternativen" zum weltweiten "Krieg gegen den Terror" zu entwickeln, musste sie gleichzeitig den begonnenen Krieg (Afghanistan) kritisieren und vor seiner Ausweitung (demnächst Irak?) warnen. Der Besuch des US-Präsidenten Bush in Berlin war daher auch Anlass für entsprechende Proteste und kritische Meinungsäußerungen in den Medien. Nicht überraschend, aber dennoch interessant war die große Übereinstimmung, die es hinsichtlich der Kritik an der derzeitigen US-Politik in der Friedensbewegung und der Friedensforschung (jedenfalls soweit sie sich äußerte) gab. Man vergleiche etwa nur die Aufrufe der Friedensbewegung ("Wir wollen Ihre Kriege nicht, Herr Präsident...") mit dem "Offenen Brief an Bundeskanzler Schröder", der hauptsächlich von Wissenschaftler/innen unterzeichnet werden sollte, oder mit dem Aufruf zahlreicher "Promis" aus Politik, Wissenschaft und Kultur "Die ganze Welt ist unser Schlachtfeld": Überall wird an den außenpolitischen "Sünden" der Bush-Administration angesetzt (neue Atomwaffendoktrin, ABM-Kündigung, Kündigung des Kioto-Protokolls, Aufrüstung usw.), der bisherige reale Verlauf des "Krieges gegen den Terror" kritisiert und werden Grundelemente einer alternativen Sicherheitspolitik benannt.

In einer Zeitungs-Anzeige der Friedensbewegung (Friedensratschlag) hieß es z.B.:
"Leisten Sie einen konstruktiven Beitrag zum Frieden, indem Sie sich für weniger Rüstung und mehr Entwicklungshilfe, für den Verzicht auf Militärinterventionen und den Ausbau der zivilen Konfliktprävention einsetzen. Frieden beruht auf Gerechtigkeit und Gerechtigkeit kann nur im Frieden gedeihen."
Die Naturwissenschaftler-Initiative formulierte folgende Forderungen:
"Abrüstung und Konversion, Nachhaltigkeit zum Schutz der Umwelt, Ausbau des internationalen Völkerrechts und Stärkung der Internationalen Institutionen, Abbau des Nord-Süd-Gefälles, Überwindung von sozialer Unterversorgung, Dialog der verschiedenen Zivilisationen und Religionen. Deutsche Politik muss Friedenspolitik werden!"
Und in dem "Promi"-Aufruf hieß es:
"Wir fordern die USA auf, statt weiter auf die militärische Absicherung ihrer Macht zu setzen, zur Entwicklung gerechter weltwirtschaftlicher Strukturen und zum Abbau der Armut beizutragen und auf die Konflikte in der Welt mit zivilen Programmen vorbeugend zu reagieren. Dazu gehört konkret die Unterstützung eines Internationalen Strafgerichtshofes für Kriegs- und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Die Menschheit ist weit davon entfernt, solche Prinzipien und Forderungen tatsächlich einlösen zu können. Nicht weil sie nicht wollte, sondern weil die politischen Verhältnisse in den führenden Industriestaaten es zur Zeit offenbar nicht zulassen. Deshalb bleibt es auf längere Sicht noch bei dem oben erwähnten "Spagat" der Friedensforschung. Und es bleibt auch dabei, dass Friedenswissenschaft und Friedensbewegung ihre gemeinsamen Grundauffassungen und ihre alternativen Politikkonzepte wahrnehmbar in die Öffentlichkeit tragen - in der Regel getrennt voneinander, wo sich das von der Sache her ergibt: aber auch zusammen. Nur so kann aus der gegenwärtigen Machtlosigkeit politischer Einfluss erwachsen.

Peter Strutynski




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