Von der Frankfurter Rundschau abgelehnte Anzeige, 20.08.2002 (Friedensratschlag)
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"Als braver Beamter und verantwortungsvoller Wissenschaftler...

... musste ich die Anzeige ("Wir wollen Ihre Kriege nicht, Herr Präsident") unterzeichnen"

Nachfolgende Zeilen von Prof. Dr. Aris Christidis vom 19. August 2002, die u.a. als Leserbrief an die Frankfurter Rundschau gedacht sind, veröffentlichen wir mit unverhohlenem Vergnügen. Der Groll über die Frankfurter Rundschau, die im Mai eine bezahlte Zeitungsanzeige der Friedensbewegung mit fadenscheinigen "Argumenten" ablehnte, sitzt bei vielen Unterzeichnern heute noch tief. Alles, was damals in dem Anzeigentext formuliert war, erweist sich auch heute noch als stichhaltig und mit großem Interesse konnte in der Zwischenzeit so mancher Leitartikel und Kommentar in der FR gelesen werden, der ähnlich, teilweise mit noch viel drastischeren Vokabeln die Kritik an der Politik des US-Präsidenten transportiert. Wir sind gespannt, ob der Leserbrief von Christidis abgedruckt wird.


Sehr geehrte Damen und Herren,

daß die FR für das Fach Informatik nicht zur Fachliteratur gehört, ist bereits vielen bekannt. Weniger bekannt ist dagegen, daß es Hochschulveranstaltungen für Informatik gibt, in denen die FR ihre regelmäßige (wenngleich nicht notorisch- häufige) Erwähnung findet. Schließlich gibt es Kapitel wie 'informationelle Selbstbestimmung', 'Datenschutz', 'Rasterfahndung' - kurz: aktuelle, historische, soziopolitische Aspekte, die in der seriösen Tagespresse und ihren Dokumentationen (zumal im Internet) aktueller -und für die Studierenden angenehmer- behandelt werden.

Ich kenne deshalb mindestens einen "Hochschulveranstalter", der "die FR" (für Erstsemester in liebevoll ausgesprochener Version, "zum Mitschreiben") schon mal gerne zitiert und als Lektüre dort empfiehlt, wo es die Situation - erfordert: Als braver Beamter und verantwortungsvoller Wissenschaftler erlaube ich mir nur wenn erforderlich, persönliche, über Jahrzehnte gewachsene Sympathien in die Vermittlung akademischer Erkenntnis zu integrieren.

Als braver Beamter und verantwortungsvoller Wissenschaftler hatte ich es auch für zwingend erforderlich gehalten, meine Unterschrift unter den Anzeige-Entwurf für den 22. Mai ("Wir wollen Ihre Kriege nicht, Herr Präsident ...") zu setzen - zumal es m.E. darum ging, die eigene, ansonsten nur im Hörsaal hörbare Stimme zu erheben - gewissermaßen als Akt uneingeschränkter Solidarität mit allen Völkern und Vaterländern dieser Erde. Diese Entscheidung war nicht unabhängig von der Tatsache, daß die Anzeige in "meiner FR" erscheinen sollte - auf, daß auch die (von mir hoffentlich zur Lektüre animierten) Studierenden ein unangekündigtes Beispiel für uneingeschränkte Geradlinigkeit und Seriosität in der Hochschule und in der Presse finden mögen.

Zu jenem Zeitpunkt war vermutlich der Ausgang dieser Angelegenheit Ihren Verlegern klar; für mich sollte es noch über einen Monat dauern: Reisen und der "fachtypische Workload" verhinderten, daß ich am 22.05.02 eine FR zu sehen bekam (frühere Enttäuschungen haben mich vom Automatismus eines Abonnements abgebracht). Wochen später bat ich gleichgesinnte Kollegen und Nachbarn um eine Kopie der vermeintlich verpaßten Anzeige. Das versuchte ich gleich mehrmals hintereinander - evtl. konditioniert durch die Auseinandersetzung mit Microsoft-Produkten: Vielleicht nützt ein neuer Start, vielleicht habe ich ja das letzte Mal falsch angesetzt (hier: nach falscher Rubrik, falschem Datum gefragt etc.). Die traurige Gewißheit fand ich erst bei den Initiatoren.

Meine Reaktion war zunächst - gar keine: stumme Sprachlosigkeit. Der Spruch der 70er kam mir ins Gedächtnis: "Gleich-schalten oder später?" - verbunden mit den Fragen: Hat es jetzt also auch die (mit Distanz inzwischen ausgesprochene:) FRANKFURTER RUNDSCHAU ereilt? Und was bekommt sie für die Kollaboration? Und wer muß für ihren Sold aufkommen?

Nach Abschluß der beruflich initiierten Reisen und Antritt einer kurzen Urlaubsreise konnte ich meine Gedanken etwas freier herumschweifen lassen. Da fiel mir zunächst ein, daß ich seit meiner primären politischen Sozialisation vor 30 Jahren nicht nur (in den frühen 80ern bzw. den späten 90ern) zwei kleine Parteien erlebt habe, die im Kampf um Nähe zu den Mächtigen sich um nahezu jede Glaubwürdigkeit gebracht haben. Ich habe vielmehr und aus nächster Nähe auch den Untergang beruflicher Arbeitsgruppen, ganzer Abteilungen, einzelner Unternehmen, ja in einem Fall eines ganzen Konzerns erlebt, die auf der Jagd nach dem angeblichen Profit (nach "neuer Klientel", "Trends" etc.) den geradlinigen Weg der Produktentwicklung als Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse verlassen hatten. Ob der Schaden durch Handeln wider besseres Wissen und Gewissen als Parallele anzusehen wäre, die neben der Politik und der industriellen Entwicklung auch auf die Presse anwendbar wäre?

Da ich sozialwissenschaftliche und wirtschaftspolitische Fragestellungen zwar als Zusatzstudien, nicht aber als Forschungsgebiete betrieben habe, habe ich die weitere Auseinadersetzung mit dieser Frage zurückgestellt, zumal inzwischen die zeitliche Distanz zum 22.05.02 gewachsen war - bis vor einer Woche: Eine weitere Reise gab mir die Gelegenheit, eine aktuelle Wirtschaftssendung im Rundfunk zu verfolgen. Da wurde die "Frankfurter Rundschau" als weniger lukrativer Wirtschaftsfaktor angesehen (sinngemäß, die exakte Formulierung war weniger vorteilhaft).

Obwohl eine wissenschaftliche Untersuchung (und hoffentlich Falsifikation!) meiner damit verbundenen Assoziationen nicht so bald zu erwarten ist, könnten diese Gedankengänge auch für Sie von Interesse sein - positiv oder negativ: Schließlich haben nicht nur Microsoft-Produkte bewiesen, daß Unternehmen auch ohne ein Übermaß an Kompetenz und Ehrlichkeit florieren können (nicht zuletzt im Blätterwald). Sie können sich gewiß auch der Auseinandersetzung mit meiner Arbeitshypothese verweigern, ohne mit irgendwelchen Reaktionen rechnen zu müssen - anders als am 22.05.02!

Schade!

Mit Wünschen für nutzbringende Entscheidungen
A. Christidis


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