Gegen "Achse des Bösen" hilft nur eine "Achse der Gerechtigkeit", 24.05.2002 (Friedensratschlag)
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Rolf Wischnath*: "Erst durch eine 'Anti-Armutskoalition' kann dem Terrorismus wirksam der Nährboden entzogen werden"

Rede bei der Kundgebung der Friedensbewegung am 21. Mai 2002 in Berlin

* Dr. Rolf Wischnath (Cottbus) ist Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg


Wir haben es nicht vergessen: Anlass für die heute so zugespitzte Weltsituation ist das Verbrechen vor acht Monaten und zehn Tagen, ist der Massenmord an dreitausend Mitmenschen in New York und Washington. Für diese Tat gibt es keine Rechtfertigung. Sie verdient nichts anderes als gerechte Strafe. Die Täter waren ebenso wahnsinnige wie kaltblütige Terroristen. Teilweise haben sie sich unter dem Deckmantel studierender Unauffälligkeit in Deutschland vorbereitet. So hat der 11. September 2001 auch unsere eigene Gefährdung und Verletzlichkeit erneut deutlich gemacht. Er hat zudem dramatisch gezeigt, wozu Fanatismus und Hass Menschen verleiten können, wozu auch religiöser Fundamentalismus missbraucht werden kann.

Heute demonstrieren wir hier auf dem Alexanderplatz für Frieden, Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit. Wir tun das auch im Gedenken an die Opfer des 11. September. Dieses Gedenken darf nicht abstrakt bleiben: Unvergesslich ist mir das Bild eines Mannes, der hilflos nach einem geliebten Menschen suchend in das Flammenmeer rennt, um einen anderen vor dem Fall in den Tod zu retten. Der Versuch, sich diese hilflose Angst dreitausendmal vorzustellen, übersteigt alle Kräfte. Und doch sollen die Opfer unvergessen bleiben.

Der 11. September 2001 ist dennoch keine Zeitenwende. Angesichts der unzähligen Toten der Kriege und Bürgerkriege unserer Zeit, in Kenntnis des für europäische Ohren kaum noch hörbaren Leidens der Hun-gernden in der sog. "Dritten Welt" ist die Behauptung falsch, dass sich seitdem die Weltsituation von Grund auf verändert habe. Allein fünfzehntausend Kinder sterben täglich an elementarer Armut, sagt die UNO, vorsichtig geschätzt. Das war vor dem 11. September so. Und das ist danach so geblieben. Es geschieht auch heute und morgen. Die Verzweiflung der Eltern dieser Kinder aber ist nicht geringer als die der Angehörigen der Opfer von Manhattan: fünfzehntausendmal an jedem Tag. Zwar waren die Terroristen selbst keine armen Leute, aber die Wurzeln des Terrorismus liegen in einem Hass, der aus der Ungerechtigkeit, aus der ständigen Demütigung und Verzweiflung der Armen wächst, weltweit.

Darum ist unser Protest gegen noch mehr Terror und Vergeltung, gegen Gewalt und Krieg verbunden mit dem Eingeständnis eigener deutscher und europäischer Versäumnisse und Schuld. Es muss uns bewusst sein:
Auch wir nehmen durch unsere Vorherrschaft über die Ressourcen der Welt Privilegien in Anspruch, die Unfrieden und Ungerechtigkeit in der Welt festschreiben. Es wird sich in dieser Welt von Gewalt und Krieg nichts entscheidendes ändern, wenn dies nicht geändert wird.

Ich bin eingeladen worden, heute Nachmittag als Christ zu Ihnen zu sprechen. Christen aber sind nicht die selbstverständlich besseren Menschen. Sie sind diejenigen, die an Jesus von Nazareth glauben: an den Menschen Gottes, der selber unter allen Umständen den Weg der Gewaltlosigkeit vorausgegangen ist. Von ihm aus ergibt sich unsere "uneingeschränkte Solidarität" - und zwar mit den Armen der Welt mit dem Ziel einer gerechteren Verteilung der Güter. Darauf haben alle ein Recht: ein Menschenrecht, ein Gottesrecht. Und deswegen gilt: Erst durch eine "Anti-Armutskoalition" kann dem Terrorismus wirksam der Nährboden entzogen werden. Erst durch eine "Achse der Gerechtigkeit" kommt die "Achse des Bösen" ins Trudeln. Erst wenn die Spirale von Gewalt und Gegengewalt, von Terrorismus und Vergeltung unterbrochen wird, kommt es zum Frieden.

Wie kann es dazu nachhaltig kommen? Traut man dem Beispiel und der Verheißung Jesu, gelingt das nur auf dem Weg der Gewaltlosigkeit. Die aus seinem Geist gewonnene Weisung der Bibel gilt auch angesichts des Terrorismus. Sie lautet schlicht - in den Worten des Römerbriefs im Neuen Testaments: "Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!" (Römerbrief 12, 21)

Diesem Maßstab und dieser Handlungsmaxime kann der "Krieg gegen den Terror", den die USA mit Verbündeten führen, keineswegs entsprechen. Schon die Kriegsrhetorik ("Kampf zwischen Gut und Böse", "Achse des Bösen" oder "Kreuzzug") ist ein Signal für die Problematik dieser militärischen Kampfeinsätze. Erst recht bekunden Tausende von getöteten Zivilisten in Afghanistan, die nach amerikanischen Angaben die Zahl der Opfer vom 11. September überschritten haben, die Unverantwortlichkeit dieses Krieges. Das haben von Anfang an auch viele Amerikaner so gesehen. Mit denen sind wir verbunden. Zum Beispiel hat die amerikanische Partnerkirche der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, die United Church of Christ im Blick auf diese Militärpolitik ihrer Regierung erklärt:
"Wir bekennen als Christinnen und Christen, dass Gewalt mit neuer Gewalt beantwortet wurde, dass wir vom Weg des Kreuzes zum Weg des Schwertes abgewichen sind, dass Gottes Ziele damit wieder einmal verneint werden, dass die Vision eines gerechten Friedens unfassbar erscheint in einer Welt, die sich von militärischer Macht faszinieren lässt."
Und dann heißt es in dieser Erklärung:
"Obwohl wir anerkennen, dass Gesetze eingehalten werden müssen, empfinden wir dennoch schwere Vorbehalte gegen eine gewaltige militärische Antwort auf den Terrorismus durch unsere Regierung und ihre Verbündeten."

Nichts anderes als diese schweren Vorbehalte ("grave reservations") bekräftigt die heutige Demonstration. Wir sind darin einig mit unzähligen Amerikanern, deren Stimmen hierzulande allerdings selten eine mediale Verstärkung erfahren. Wir wissen uns vereinigt mit der amerikanischen Friedensbewegung und sagen mit diesen amerikanischen Verbündeten:
Auch wenn Terrorismus die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zerstört, ist ein solcher Krieg - wie er in Afghanistan geführt und womöglich gegen den Irak und Somalia vorbereitet wird - ein untaugliches Mittel zu seiner Bekämpfung. Dieser Krieg darf auch nicht verwechselt und vermischt werden mit dem befriedenden Einsatz von Soldaten der UN-Friedenstruppen. Mit der Ankündigung weiterer Kriegs- und Kampfeinsätze allerdings werden alle nachhaltigen Bemühungen um zivile Konfliktlösungen erschwert. Wir protestieren dagegen. Und wir warnen inständig davor, die Überwindung des Terrorismus mit friedlichen Mitteln durch neue Kriege zu belasten und letztlich unmöglich zu machen.

Unsere Demonstration heute ist ein legales und legitimes Mittel mündiger Demokraten. Sie ist nicht gegen die Amerikaner gerichtet, sondern gegen eine Politik, die wir für verhängnisvoll halten und die wir nicht mittragen wollen.
Unser Protest bleibt gewaltfrei. Das war von Seiten der Christen bei Demonstrationen auf dem Alexanderplatz auch vor der Wende so - wenngleich die Kirchengeschichte zu anderen Zeiten schwere Gewaltirrtümer einzugestehen hat. Aber auch andere, die heute hier demonstrieren, haben ihr Verhältnis zur Gewalt ändern müssen. Bekehrungen sind also möglich. Es ist jedenfalls ermutigend, dass wir nunmehr gemeinsam der Gewaltlosigkeit verpflichtet sind.

Wer dieses Prinzip in diesen Tagen des Besuches von Präsident Bush missachtet, missbraucht die Friedensbewegung. Wer den Präsidenten persönlich angreift und nicht zu unterscheiden weiß zwischen Person und Politik, vergeht sich am Grundartikel der Menschenwürde. Die Mittel, mit denen wir demonstrieren, dürfen nicht im Widerspruch stehen zu unserem gemeinsamen Ziel. Damit stellen wir uns auch in die Tradition des gewaltlosen Widerstandes amerikanischer Pazifisten, für die wie ein heller Stern der Name von Martin Luther King steht. Seine Hoffnung lassen auch wir uns nicht ausreden: "We shall overcome!" Wir werden Unrecht und Gewalt überwinden.


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