Zitat der Woche (Friedensratschlag)
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Zitate der Woche (1 bis 6)

November/Dezember 2000

Zitat Nr. 6: 24. Dezember 2000

Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi
Der große russische Schriftsteller Leo Tolstoi (1828-1910) nahm als junger Offizier am Krimkrieg (1853-1856) teil. Die Erfahrungen aus diesem Krieg, insbesondere seine Eindrücke von der elfmonatigen Belagerung Sewastopols (des ersten Stellungskriegs der modernen Geschichte) prägten sein späteres Leben und seine Einstellung zu "Krieg und Frieden" - so der Titel eines seiner großen Romane - nachhaltig. In einer seiner Aufzeichnungen und Reflexionen aus dieser Zeit machte er sich Gedanken über die Kriegführung und entwickelte eine ebenso geniale wie verblüffend einfache Lösung, die man im heutigen Friedensjargon vielleicht mit "Prügeln für den Frieden" überschreiben könnte. Das mag keine astreine Formulierung für das weihnachtliche "Fest des Friedens" sein, aber was soll's: Wenn sich auf diese Weise Kriegsunheil und massenhaftes menschliches Leid abwenden ließen, könnte man dem Vorschlag von Tolstoi schon etwas abgewinnen.

(Prügeln für den Frieden)

Häufig kam mir der sonderbare Gedanke: Was wäre, wenn eine der kriegführenden Seiten der anderen anbieten würde, je einen Soldaten von jeder Armee wegzuschicken? Der Wunsch könnte sonderbar vorkommen, doch warum sollte man ihn nicht erfüllen? Dann einen weiteren Soldat von jeder Seite, dann den dritten, den vierten und so weiter, bis zu dem Zeitpunkt, da nur noch je ein Soldat in jeder Armee übrig blieb (vorausgesetzt, dass die Armeen zahlenmäßig gleich waren und die Quantität durch die Qualität ersetzt werden konnte). Wenn nun tatsächlich komplizierte politische Fragen zwischen vernünftigen Vertretern vernünftiger Wesen durch eine Prügelei entschieden werden müssen, so sollten sich eben diese beiden Soldaten prügeln, der eine würde die Stadt belagern, der andere sie verteidigen."
L.N. Tolstoi, Sewastopol im Mai. In: Gesammelte Werke in 22 Bänden, Moskau 1979, Band 2, S. 103, russ.)




Zitat Nr. 5: 16. Dezember 2000

Heute zur Abwechslung gleich zwei Zitate:

Eines Tages soll es in einem japanischen Einkaufsparadies zu einem kleinen Missverständnis gekommen sein: Der Chefdekorateur hatte, zur Stimmungsverbesserung der Kunden, etwas Weihnachtliches ins Schaufenster zaubern wollen, und weil ihn die ewigen Sterne und Glitzerkugeln langweilten, hat er auf die grossen Wahrzeichen des Christentums zurückgegriffen, die - das hatte er gelesen - dem Fest erst seinen eigentlichen Sinn gaben. Also nahm er einen gigantischen Weihnachtsmann und nagelte ihn an ein riesiges Kreuz.

Gut, der Mann hat da etwas durcheinander gebracht - aber es kommt doch wohl auf die Geste an. Hier in Deutschland haben wir es sowieso leichter, weil man hier seit Jahrhunderten weiß, was Weihnachten im Innersten ausmacht: Glühwein, Lebkuchenherzen, Bratwürste. Es muss diese olfaktorische Symphonie aus Mandelduft und ranzigem Speiseöl sein, welche die Menschen in den dezemberlichen Frühlingstagen des Jahres 2000 heftiger als je zuvor zu den Christkindlesmärkten zwischen Nürnberg und Hamburg zieht. Oder die Ahnung davon, dass es über all dem Glitter und Tand noch etwas Höheres, Strahlenderes geben muss in diesen adventlichen Tagen: Nämlich vielleicht einen Rauschgoldengel mit echten Brillanten dran. Der wäre freilich nur etwas für die Besserverdienenden. Für die Armen gilt noch immer Erich Kästners realistische Bestandsaufnahme: "Morgen Kinder, wirds nichts geben / nur war hat, kriegt noch geschenkt / Mutter schenkte Euch das Leben / das genügt, wenn mans bedenkt." ...

Aus: Süddeutsche Zeitung, Das Streiflicht, 11. Dezember 2000

Auf echte Brillanten kann sich nun wohl auch die Frau von George Bush jr. freuen - wenn sie nicht eh schon genug davon hat. Dass sich die Wahl (die "Wahl"?) für ihn aber auszahlen muss, geht schon allein aus den Summen hervor, die in den Wahlkampf investiert wurden. Es waren sage und schreibe vier Milliarden Dollar. Und damit wären wir beim zweiten Zitat für heute.

Vier Milliarden
Drei Erkenntnisse sind für die Wahlkampffinanzierung in den Vereinigten Staaten wichtig: Die Beträge steigen galoppierend, der Geldsegen kommt aus Unternehmerhand, die Spendenfreudigkeit ist nicht uneigennützig. In jedem Wahlkampf werden die Rekorde des vorangegangenen übertroffen: 1 Milliarde Dollar 1992, über 2 Milliarden 1996, 3 bis 4 Milliarden 2000. Allein die beiden politisch-medialen Wahlkampfparteitage im vergangenen Sommer - der republikanische in Philadelphia und der demokratische in Los Angeles - kosteten die doppelte Summe des Jahresbudgets von Mali (ein Staat von 11 Millionen Einwohnern).

Obwohl sich die Partei von Clinton und Gore als Arbeitnehmerpartei aufspielt, stammten 75,2 Prozent der diesjährigen Wahlkampfeinnahmen des demokratischen Wahlkomitees aus den Kassen der Großunternehmen und nicht der Gewerkschaften. Gore wurde vor allem von Occidental Petroleum, Bell South, den Hollywood-Studios und der Rechtsanwaltslobby verwöhnt. Bush wiederum ist das Lieblingskind der Produzenten von militärischem Gerät und der Versicherungsgesellschaften.

Viele Multis können sich nicht entscheiden, welches Parteiprogramm ihnen wohlgesonnener ist, und setzen deshalb auf beide. Bill Gates, dessen politische Investitionen sich nachgerade explosiv vermehrt haben, war sorgsam darauf bedacht, dass Microsoft in jedem Fall einen Freund im Weißen Haus hat - und das Weiße Haus einen Freund in Microsoft. An der Wall Street favorisiert Paine Webber die Republikaner, Goldman Sachs die Demokraten, während das Herz der Citygroup so sehr hin- und herschwankte, dass die Bank den Ersteren 567.000, den Letzteren 552.000 Dollar überreichte.

Das Magazin Time zog folgendes Fazit: "Wer gezahlt hat, wurde von Washington stets zuvorkommender behandelt als diejenigen, die nicht gezahlt haben." Die Amerikaner, die den Löwenanteil der Wahlkampfkosten bestreiten, machen nur 0,1 Prozent der Bevölkerung aus; dafür haben sie stets einen heißen Draht in den Kongress und zur Regierung. Die Kommunikationsindustrie, die in den nächsten vier Jahren 200 Milliarden Dollar investieren will, überwies den beiden Hauptkandidaten 27 Millionen Dollar. Um in die Zukunft zu investieren? Für geleistete Dienste? Die Politologen schwanken noch.

Innerhalb der letzten zwei Jahre stieg das Vermögen der 400 reichsten Amerikaner um durchschnittlich 940 Millionen Dollar pro Person. Der ein oder andere nutzte die Gelegenheit, um einen Ausflug in die Politik zu machen. Der ehemalige Chef der Broker-Firma Goldman Sachs, Jon Corzine, der einst zu beschäftigt war, um wählen zu gehen, leistet sich nunmehr einen Senatorensitz in New Jersey. Kostenpunkt: 60 Millionen Dollar, die er aus seinem Privatvermögen bestritt. Ein historischer Rekord, der etwa den Wahlkampfausgaben aller französischen Abgeordneten bei den letzten Parlamentswahlen entspricht. Herr Corzine kandidierte übrigens für die Demokratische Partei.

Die Investitionen erweisen sich als effizient: 92 Prozent der Abgeordneten im Repräsentantenhaus und 88 Prozent der Senatoren haben im Wahlkampf mehr Geld ausgegeben als ihre Rivalen. In vielen Fällen hängt ihr finanzieller Vorteil damit zusammen, dass sie bereits im Kongress sitzen - 95 Prozent der Kongressabgeordneten werden wiedergewählt - mithin also bereits einige Dienste leisten konnten, die sich für sie bezahlt machen.

Dank dieser reichlich fließenden Gelder durften die Amerikaner dieses Jahr für eine Milliarde Dollar mehr Werbung konsumieren. Die Wahlkampfwerbung rangiert bei den Werbeeinnahmen der Fernsehanstalten inzwischen an dritter Stelle. Der Zufall will es, dass die Medien die amerikanische Politik sehr demokratisch finden. Und der Oberste Gerichtshof meint, eine strengere Gesetzgebung in Sachen Wahlkampffinanzierung gefährde die Meinungsfreiheit.
Serge Halimi
Aus: Le monde diplomatique, Beilage zur taz, 15. Dezember 2000




Zitat Nr. 4: 8. Dezember 2000

John Lennon
Wir werden jedem Staatsmann der Welt zwei Friedenseichen schicken, mit lieben Grüßen von John und Yoko. Wenn sie die Bäumchen pflanzen und zusehen, wie sie wachsen, wird der Gedanke vielleicht in ihre Köpfe gehen."

John Lennon kam leider nicht mehr dazu. Heute vor 20 Jahren, am 8. Dezember 1980, wurde er in New York erschossen.




Zitat Nr. 3: 26. November 2000

Felicia Langer über die Deutschen und Israel:
In der Tat sind die Deutschen, gerade wegen ihrer Vergangenheit, dazu verpflichtet, sich überall dort einzumischen, wo Menschenrechte verletzt werden. Sie haben schon einmal geschwiegen, wenn auch in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen. Das Schweigen angesichts von Unrecht hat vor allem dann, wenn es den Opfern helfen könnte, die Stimme zu erheben, einen Beigeschmack von Mittäterschaft.
Wir, die Israelis, die Juden, können keinerlei Recht beanspruchen, als Opfer von gestern Täter von heute zu sein. Das Testament unserer Toten, der Toten des Holocaust, macht eine klare Aussage. Wir haben auch kein Recht, die Schuldgefühle der Deutschen zu funktionalisieren, so wie Israel das tut, und sie, was unsere Taten angeht, zum Schweigen zu verurteilen, damit wir ungestört, jeder Einmischung und Kritik entzogen, die Palästinenser unterdrücken können. Wer behauptet, dass man die Menschenrechtsverletzungen Israels, die dem Völkerrecht zuwiderlaufen, nicht anprangern dürfe - also etwas nicht tun dürfe, was die Menschenrechtsorganisationen in Israel und in der Welt schon seit Jahren tun -, weil das Antisemitismus sei, wer das behauptet, der lügt wissentlich, frech und erpresserisch, um die Stimmen der Kritik zum Schweigen zu bringen.
...
Freundschaft mit Israel, ja, aber eine kritische Freundschaft, anderenfalls ist sie reiner Betrug. Solidarität ist die schönste Blume der Menschheit, sagten die Frauen Guatemalas - und ich ebenso.

Felicia Langer, israelische Rechtsanwältin, lebt seit 1990 in Deutschland. Im selben Jahr erhielt sie den Alternativen Nobelpreis für ihren "Kampf um grundlegende Menschenrechte unter sehr schwierigen Bedingungen", wie es in der Laudatio hieß. Das obige Zitat von ihr stammt aus dem Buch: Brücke der Träume. Eine Israelin geht nach Deutschland, Lamuv-Verlag: Göttingen 1994, S. 206-208.
Im Lamuv-Verlag sind von Felicia Langer außerdem erschienen (Auswahl): "Lasst uns wie Menschen leben. Schein und Wirklichkeit in Palästina", 1996; "Zorn und Hoffnung. Autobiographie", 1991; "Wo Hass keine Grenzen kennt. Eine Anklageschrift", 1995





Zitat Nr. 2: 19. November 2000

Hannah Arendt über Patriotismus und die Liebe zu Israel:
Erstens habe ich nie in meinem Leben irgend ein Volk oder Kollektiv "geliebt", weder das deutsche noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig. Zweitens aber wäre mir diese Liebe zu den Juden, da ich selbst jüdisch bin, suspekt. Ich liebe nicht mich selbst und nicht dasjenige, wovon ich weiß, dass es irgendwie zu meiner Substanz gehört. Um Ihnen klar zu machen, was ich meine, möchte ich Ihnen von einer Unterhaltung berichten, die ich in Israel mit einer führenden politischen Persönlichkeit* hatte, die die meines Erachtens verhängnisvolle Nichttrennung von Religion und Staat in Israel verteidigte und dabei sinngemäß sagte: "Sie werden ja verstehen, dass ich als Sozialist nicht an Gott glaube, ich glaube an das jüdische Volk." Ich bin der Meinung, dass dies ein furchtbarer Satz ist, und ich habe nicht geantwortet, weil ich zu erschrocken war, aber ich hätte antworten können: Das Großartige dieses Volkes ist es einmal gewesen, an Gott zu glauben, und zwar in einer Weise, in der Gottvertrauen und Liebe zu Gott die Gottesfurcht bei weitem überwog. Und jetzt glaubt dieses Volk nur noch an sich selbst? Was soll daraus werden? Also in diesem Sinne "liebe" ich die Juden nicht und "glaube" nicht an sie, sondern gehöre nur natürlicher und faktischerweise zu diesem Volk.
Man könnte über diese Dinge auch politisch sprechen, und dann würden wir uns über die Frage des Patriotismus zu unterhalten haben. Ich kann Ihnen in dieser Frage nur eine Sache zugeben, nämlich, dass Unrecht, begangen von meinem eigenen Volk, mich selbstverständlich mehr erregt als Unrecht, das andere Völker begehen.

* Mit der "führenden Persönlichkeit" ist Golda Meir gemeint. Golda Meir war zu dieser Zeit israelische Außenministerin, später (1969-1974) Ministerpräsidentin.
Hanna Arendt in einem Brief an Gershom Scholem, 20. Juli 1963





Zitat Nr.1: 12. November 2000

Gore Vidal, Autor von "The Best Man" (1960, verfilmt mit Henry Fonda unter dem Titel "Der Kandidat"), gehört seit Jahrzehnten zu den wohl schärfsten Kritikern der US-Politik. Vor kurzem erschien sein neuestes Werk "Das ist nicht Amerika!" (Albrecht-Knaus-Verlag, München 2000), in dem er schonungslos mit den Drahtziehern und Nutznießern der US-Politik, den Rüstungsfirmen und anderen Transnationalen Konzernen und den großen Medienfabriken ins Gericht geht.
Er ist weitläufig mit dem US-Vizepräsidenten und - möglicherweise erfolglosen - Präsidentschaftskandidaten Al Gore verwandt, wünscht ihm demzufolge privat viel Erfolg, obwohl er von dessen Programm ebensowenig hält wie von dem seines Widersachers Bush. In einem Interview Anfang November antwortete Gore Vidal auf die Frage, ob ihm sein Cousin, Al Gore, wohl verraten würde, wer ihm für den teuren Wahlkampf so viel Geld und wofür gegeben habe:


Wohl kaum. Genauso wenig darf er etwas dazu sagen, warum wir 51 Prozent unseres Steuergeldes an die Kriegs-Maschinerie geben. Warum haben wir 7,1 Billionen Dollar seit 1949 für den Krieg ausgegeben - ohne dass wir einen echten Gegner hatten? Wir haben Gegner erfunden, wie den Vietcong. Zuletzt war Milosevic dran, davor Ghaddafi, Noriega... bald haben wir den "Feind des Monats". Den US-Bürgern erzählt man immer neue Lügen über die vermeintlichen Feinde, um das überbordende Militär-Budget zu rechtfertigen. Das sind die Dinge, über die wir reden sollten. Stattdessen regen sich die Medien über Kleinigkeiten auf...

Und auf die Frage, ob seine Einlassung, Kanzler Schröder und Außenminister Fischer seien "Lakaien des US-Systems", nicht etwas "überheblich" sei, antwortete Gore Vidal:

Keineswegs. Was glauben Sie, wofür unsere Militärstützpunkte immer noch da sind? Deutschland ist unsere östlichste Provinz. Wenn ich ein ambitionierter deutscher Politiker wäre, würde ich fordern, dass die US-Army sofort verschwindet.

(Das ganze Interview ist abgedruckt im Magazin der Frankfurter Rundschau, 4. November 2000)




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