Das Erdölzeitalter wird besichtigt, 19.12.2006 (Friedensratschlag)
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Ware und Waffe: Das Erdölzeitalter wird besichtigt

Globaler Kampf um eine endliche Ressource


Von Dietrich Eichholtz *

Teil I: Von der Industrialisierung bis zur Gründung der OPEC

Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich die industrielle Welt in wichtigsten Bereichen grundlegend. Technische Umwälzungen und revolutionäre Innovationen, moderne Verfahren und Werkstoffe setzten sich durch: im Maschinen- und Fahrzeugbau, in der Chemischen Industrie, in Energiewirtschaft und Verkehrswesen. Eine Neuerung war darunter, zuerst weniger beachtet, sogar unterschätzt, deren Wirkungen heute weltweit so gut wie jeden Menschen existentiell betreffen und viel Stoff zum Nachdenken – und zu wachsender Besorgnis bieten. In den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts entstand als völlig neuer Zweig der kapitalistischen Großindustrie die Erdölindustrie. Diese Industrie – Förderung, Verarbeitung, Transport und Verteilung von Öl und allen seinen Derivaten – hat sich über die ganze Erde ausgebreitet, ist zum Musterbeispiel eines Global Player geworden und hat zur völligen Neugestaltung großer Teile der Industrie und der weltwirtschaftlichen Beziehungen geführt. Das Erdöl ist zum Weltrohstoff Nummer eins geworden, und es sind die gewaltigsten Industriegebilde, die die Herrscher über diesen Stoff sind. Fünf der zehn umsatzgrößten Unternehmen der Welt sind heute Ölkonzerne.

Gleichzeitig mit dem Beginn des Erdölzeitalters begann das Zeitalter des Imperialismus, das heißt der monopolisierten und globalisierten Spätform des Kapitalismus; gekennzeichnet durch die Suche des großen Kapitals nach ausbeutbaren Reichtümern auf dem ganzen Erdball. Charakteristisch waren von nun an die weltweite Konkurrenzjagd und der erbitterte Kampf um solche Reichtümer. Damit einher ging die Rücksichtslosigkeit gegen die erschöpfbaren Ressourcen. So auch beim Öl.

Ein Zeichen von übler Vorbedeutung: Es waren zwei Weltkriege, vom Imperialismus gezeugt, in denen zuerst die Unentbehrlichkeit des Öls als Kriegsmittel (Marine, Luftstreitkräfte, Heer) und dann seine Eigenschaft als wichtiges Kriegsziel entdeckt wurde. Lord George Curzon (1859–1925), der stockkonservative Brite, Mitglied des britischen Kriegskabinetts und späterer Außenminister, prägte im November 1918 das bekannte Wort, daß die Alliierten »auf einer Woge von Öl zum Sieg geschwemmt« worden seien. Und im Zweiten Weltkrieg scheiterte der deutsche Imperialismus damit, die Niederlage von 1918 rückgängig und Deutschland zur ersten Weltmacht, vor allem auch zu einer Erdölgroßmacht zu machen.

Vom Segen zum Fluch

Heute ist das Öl, dieses »Blut der Weltwirtschaft«, endgültig im Begriff, vom Segen zum Fluch für die Menschen zu werden. Sein Fluch sind vor allem die imperialistische Aneignung und Anwendung der Ölreichtümer mit all ihren Implikationen: die Ausbeutung der übrigen Welt durch die Ölgroßmächte, die blutigen, immer zahlreicheren Kriege und Massaker, deren wirtschaftlicher Hintergrund immer unverhüllter der Kampf um die Beherrschung der Ölquellen ist (drei Golfkriege; vier israelisch-arabische Kriege in wenigen Jahrzehnten), Bürgerkriege (Nigeria; heute Sudan), Gewaltandrohung (Libyen), Staatsstreiche (Iran, Venezuela), gezielte Morde (Nigeria); die Stützung übler Diktaturen, die sich durch Korruption, schamlose Bereicherung weniger, Verhöhnung des Völkerrechts und der Menschenrechte hervortun. Ferner ist es die rücksichtslose Verschwendung der Naturressource Erdöl durch die Großmächte, voran die USA, die das Versiegen dieser Ressource noch in der Generation unserer Kinder und Enkel ganz naherückt und einen Kollaps der Weltwirtschaft heraufbeschwört. Und schließlich wird unser natürlicher Lebensraum gefährdet, zerstört und von Umweltkatastrophen bedroht: durch die Ölförderung selbst (Alaska; Nigeria; Schelfe der Meere), durch den rücksichtslosen Verbrauch (CO2-Emission durch Verbrennung; Schwefel- und Chemierückstände), durch Tankerunfälle, Pipelinelecks, Meeresverschmutzung.

Das Ende des Erdölzeitalters steht unwiderruflich bevor. Darüber muß Klarheit herrschen. Die Rechnung wird aufgemacht mit den Zahlen der Weltförderung, des Weltverbrauchs und der Weltreserven an Öl. Die jährliche Weltförderung betrug am Anfang des 20. Jahrhunderts (1910) 20 Millionen Tonnen, heute dagegen (2003) 4200 Millionen Tonnen (1940 = 300 Mill. t; 1980= 3000 Mill. t). Hauptproduzenten sind Saudi-Arabien, Rußland mit GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Zusammenschluß der verschiedenen Nachfolgestaaten der UdSSR), USA (hauptsächlich außerhalb ihres eigentlichen Territoriums: Alaska; Golf von Mexiko), Iran, Mexiko, Venezuela. Die führenden Länder verbrauchen am meisten Öl, allen voran die USA (25 Prozent), Rußland (mit GUS), Deutschland, Japan, China/Hongkong …

Die Berechnungen der Weltreserven an Erdöl sind nicht unbedingt sicher und ändern sich mitunter, werden aber auch gern optimistisch überhöht. Es werden »sichere« und »wahrscheinlich gewinnbare Reserven« unterschieden. Fest steht, daß über 60 Prozent der sicheren Reserven im Nahen Osten liegen, 25 Prozent allein in Saudi-Arabien, ferner je etwa zehn Prozent in Venezuela und in der GUS. Insgesamt sind es geschätzte 142 Milliarden Tonnen an sicheren Reserven, die bei Annahme des heutigen Verbrauchs 35 bis maximal 40 Jahre reichen würden. Die »wahrscheinlich gewinnbaren« Reserven, deren Gewinnung ganz sicher ungleich höhere Kosten verursachen würde (z. B. in großer Tiefe, auch unter dem Tiefseeboden liegend), sollen nach Schätzungen weitere 60 Jahre reichen. Ganz unsicher ist es, wieviel Öl man danach noch mit enormen Kosten aus ölhaltigem Gestein (Ölschiefer) und bituminösem Sand gewinnen kann; diese »Chance« soll angeblich noch weitere 120 bis 130 Jahre bestehen.

Das heißt: Am Ende einer mehrtausendjährigen Geschichte – schon in babylonischen Zeiten kannte und nutzte man aus der Erde austretendes Öl – werden es nicht einmal 200 Jahre besinnungsloser Stoffverschwendung und wilden Profitstrebens gewesen sein, die dem Erdöl als nutzbarer Ressource den Garaus machten.

Nicht viel anders ist die Lage bei Erdgas. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg als weltweit gesuchter Rohstoff in Gebrauch gekommen, deckt es, in Pipelines transportiert oder bei minus 162 Grad verflüssigt in Tankschiffen, etwa 25 Prozent des Weltprimärenergiebedarfs. Erdgas wird heute in der Größenordnung von 2,5 bis drei Billionen Kubikmeter gefördert (1950 = ca. 180 Milliarden Kubikmeter). Hauptproduzenten sind die UdSSR/Rußland und die USA, Hauptimporteure Japan und die BRD. Der Versorgung Europas dienen zwei große Verbundnetze: eines von Westsibirien bis zum Atlantik, das andere von der Nordsee bis Nordafrika. Vor allem wegen des teuren Transports werden bisher nur etwa zwölf Prozent der geförderten Menge international gehandelt. Je über 40 Prozent dienen der Heizung in Haushalten/Gebäuden und der industriellen Verarbeitung, zehn Prozent der Energiegewinnung in Kraftwerken. Die Erdgasreserven, von denen 32 Prozent in Rußland und 15 Prozent im Iran liegen, sollen nach Schätzungen (2000) noch 62 Jahre reichen.

Die Jahre 1945 bis 1970

Die Jahre nach dem Krieg bis etwa 1970 waren eine bewegte Zeit, die in der Welt des Erdöls, besonders im Nahen Osten, von höchst widersprüchlichen Entwicklungstendenzen geprägt war. Bei dramatisch steigendem Weltölbedarf verschob sich das Kräfteverhältnis sehr eindeutig zugunsten des US-Imperialismus, der dort seine informelle Herrschaft unter Verdrängung der britischen errichtete. Ins Zentrum des amerikanischen Erdölimperiums rückte Saudi-Arabien, das erst in den 30er Jahren mit der Erdölförderung begonnen und sich inzwischen unter der Ägide amerikanischer Ölgesellschaften auf den ersten Platz in der Weltförderung emporgearbeitet hatte. Zugleich begann in jenen Jahren eine Zeit antikolonialistischer Bewegungen im Iran und in den arabischen Ländern, die ihre nationale Souveränität zu erkämpfen und sich der ungehemmten Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen zu entziehen strebten.

Im Zweiten Weltkrieg war das Öl, das die USA mit großen Tankerflotten millionentonnenweise nach Großbritannien und an seine Kriegsschauplätze schickten, überlebenswichtig für die Briten, deren traditionelle Zufahrtswege durch den Suez-Kanal und das Mittelmeer die Deutschen direkt bedrohten. Schon 1943/44 begann die US-Regierung damit, dem britischen Verbündeten eine »Ölrechnung« aufzumachen. Der Hauptposten in dieser Rechnung war der Anspruch auf die Vorherrschaft über das Öl des Vorderen Orients, die seit dem Ersten Weltkrieg in britischen Händen gelegen hatte. Während der heftigen Verhandlungen jener Zeit präsentierte US-Präsident Franklin D. Roosevelt dem britischen Botschafter Earl of Halifax brutal die amerikanischen Forderungen (18. Februar 1944): »Das persische Öl gehört Ihnen. Das Öl im Irak und in Kuweit teilen wir uns. Und was das saudische Öl betrifft, das gehört uns.« Ungefähr verfuhr man nach dieser Orientierung, nur daß die USA und ihre führenden Konzerne noch wesentlich mehr Boden gutmachten und zehn Jahre später die persischen (iranischen) Ölvorkommen mittels eines neuen Konsortiums für die seit einem halben Jahrhundert rein britische Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) dominierten.

Die britische Regierung hatte bisher den gesamten Nahen Osten einschließlich Ägyptens, besonders aber den Persischen Golf, als ihre koloniale Domäne und als strategisches Vorfeld zu Indien und zum Fernen Osten betrachtet. Durch das rücksichtslose amerikanische Vorgehen mehr und mehr geschwächt, erklärte sie aber schließlich 1971, sie werde ihre gesamte Militärpräsenz östlich des Suez-Kanals zurückziehen. Das geschah und kam einem politisch-strategischen Erdrutsch gleich.

Die antikolonialistische Bewegung in der Nahostregion begann 1951/53 im Iran unter Ministerpräsident Mohammed Mossadegh, der die Erdölvorkommen verstaatlichte. Die USA im Bunde mit den Briten reagierten sofort, ließen Mossadegh mit Hilfe der CIA und des britischen Geheimdienstes MI6 stürzen, setzten den inzwischen vor der Volksbewegung geflüchteten Schah wieder ein (siehe Alexander Bahar, »Regime change im Iran«, jW-Thema vom 22.8.2006). Die Verstaatlichung rückgängig zu machen, wagten der Schah und seine ausländischen Gönner zwar nicht, aber über das Öl herrschte fortan (1954) das erwähnte neue Konzessionskonsortium, in dem mehrere US-Konzerne die ehemals britische AIOC majorisierten. Die Ölförderung blieb im wesentlichen in den gleichen, das heißt westlichen Händen, die für die – jetzt allerdings immens wachsenden – Einkünfte der iranischen Herrscherclique sorgten.

Ferner wurde ausnehmend brutal dort zugegriffen, wo die Nationalisierer sich der Verbindung zur Sowjetunion verdächtig machten (Ägypten 1956 – Nationalisierung des Suez-Kanals; Umsturz im Irak 1963).

Durch Umsturz der monarchischen Ordnung und durch Verstaatlichung der Ölvorkommen machte sich zuletzt 1969/70 Libyen von der chaotischen, rücksichtslosen Ausbeutung seiner erst spät in den 50er Jahren entdeckten Ölreichtümer frei; damals ein anfeuerndes Beispiel für andere OPEC-Staaten. Revolutionsführer Muammar Al Ghaddafi betrachteten die USA lange Jahre als einen ihrer Hauptfeinde, Libyen als »Schurkenstaat«, bombardierten Tripolis, versenkten libysche Schiffe. Noch zu Ronald Reagans Zeiten, in den 80er Jahren, scheint die CIA einen Staatsstreich gegen Ghaddafi vorbereitet zu haben.

1978/79 traf die USA ein besonders empfindlicher Schlag. Im Iran wurde der Schah gestürzt und – diesmal endgültig – vertrieben. Seit Khomeini herrscht dort eine schiitisch-islamische Entwicklungsdiktatur, die vorsichtig, nicht ohne Widerstreben der Mullahs, zivilisatorische Fortschritte zuläßt, gestützt auf den Ölreichtum des Landes.

Seit 50 Jahren bekräftigen es die jeweiligen US-Präsidenten immer wieder, daß die Vereinigten Staaten den Nahen Osten und die amerikanischen Interessen dort auch militärisch schützen würden, sei es »gegen eine bewaffnete kommunistische Aggression« (Eisenhower-Doktrin 1957), sei es gegen Angriffe auf befreundete Staaten, das hieß vor allem gegen Israel (Nixon-Doktrin 1973). Umfassender formulierte es nach dem Khomeini-Umsturz die Carter-Doktrin (»Rede zur Lage der Nation«, 23. Januar 1980): » Jeder Versuch, die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abgewehrt, inklusive militärischer Gewalt.«

OPEC – das weltgrößte Kartell

Im September 1960 einigten sich fünf ölexportierende Staaten in höchst geheimen Verhandlungen auf die Bildung einer gemeinsamen kartellartigen Förder- und Absatzorganisation: Venezuela, Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait. Später schlossen sich die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Indonesien, Nigeria, Libyen, Algerien, zeitweise auch Ekuador und Gabun an. Ein merkwürdiges und immer noch sehr einflußreiches Gebilde: ein kapitalistisches Quoten- und Preiskartell damals fast ausschließlich halbfeudaler und halbkolonialer Staaten zur Erzielung hoher und dauerhafter Rentabilität ihrer Ölschätze. Der Anteil der OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries, dt. Organisation erdölexportierender Länder) an der Welterdölförderung belief sich in all den Jahrzehnten, unter Schwankungen, auf rund 40 Prozent. Ihre Beteiligung am Welterdölmarkt lag erheblich höher, zwischen 65 und 90 Prozent. Die OPEC kann, auf die jahrzehntelange Weltkonjunktur gestützt, einen sagenhaften Erfolg aufweisen: Hatte sie 1960 einen Exporterlös von zwei Milliarden US-Dollar, so beträgt der heute weit über 100 Milliarden Dollar.

Die Völker der OPEC-Länder hatten und haben indes wenig von den ungeheuren Profiten, die zu größten Teilen die herrschenden Eliten einstecken, so wie sie in Saudi-Arabien und in den meisten anderen Mitgliedstaaten heute noch herrschen. Diese Eliten kaufen Unmengen von Waffen, für die ein erheblicher Teil der Profite wieder in die großen Industrieländer, besonders in die USA, zurückfließt.

Die Ölminister der Teilnehmerländer und die Spitzen ihrer Ölbürokratie treffen sich zweimal im Jahr in Wien, wo sie ihre Förder- und Handelsstrategie abstimmen. Der mächtige, organisierte Ölanbieter OPEC lehrte die großen Ölmächte und -konzerne bald das Fürchten. Drosselung der Förderung machte das Öl für die Weltwirtschaft knapp. Ölschwemme drückte die Preise und brachte die teurer produzierenden Nichtmitglieder in Bedrängnis. Öfter ging auch das eine oder andere Mitglied seine eigenen Wege. Besonders Saudi-Arabien in seiner Sonderstellung als weithin führendes Förderland konnte sich manche Eigenmächtigkeit erlauben.

In positiver Erinnerung wird das große Ölembargo der OPEC anläßlich des Eroberungsfeldzuges Israels von 1973 (Yom-Kippur-Krieg) bleiben. 1956 richtete sich bereits ein erfolgreicher Ölboykott arabischer Staaten gegen Großbritannien, Frankreich und Israel, die Krieg gegen Ägypten führten, als Präsident Abd Al Nasser den Suez-Kanal nationalisiert hatte. Das Embargo von 1973/74 erschütterte die Wirtschaft der kapitalistischen Welt ernstlich. Mit den »obszönen Profiten« der Ölkonzerne (US-Senator Henry Jackson 1974) war es erst einmal vorbei. Panik ergriff die Märkte. Sehr weit war man damals nicht von einem verheerenden großen »Golfkrieg« gegen die OPEC-Staaten entfernt.

Das war die vom Westen von nun an so gefürchtete »Ölwaffe« der OPEC, die hier zum ersten Mal durchgreifend eingesetzt wurde. Damals verloren die Konzerne zeitweilig die Herrschaft über den Markt, und der Staat, besonders in den USA, mußte ihnen mit regulierenden und Zwangsmaßnahmen zu Hilfe kommen. Seither haben wir in der Ölwirtschaft eine Art staatsmonopolistischer Struktur, wie sie ähnlich, wenn auch zu verschiedenen Zeiten verschiedenartig ausgeprägt, aus Kriegszeiten erinnerlich ist.

Während der Ölknappheit in den Boykottzeiten griffen die Industrieländer zeitweise zu spektakulären Sparmaßnahmen, führten etwa autofreie Tage und Benzingutscheine ein. Einen zweifelhaften Fortschritt muß man darin sehen, daß außerhalb des OPEC-Einflusses sehr teuer und umweltschädlich neue, vielfach abgelegene Öl- und Gasvorkommen erschlossen wurden, besonders in Alaska/Kanada, in der Nordsee und in der Sowjetunion/Rußland. Ferner muß man sich darüber im klaren sein, daß das Aufkommen der Kernenergiegewinnung auch ein Ergebnis des Kampfes der Industriemächte gegen die Monopolmacht des OPEC-Kartells war und ist.

Hatte die OPEC anfangs nur ein Vielfaches der bisher gezahlten Abgaben vom Konzernprofit erkämpft, so ging es allmählich überall an das Eigentum der Konzerne selbst, das sie sich in ihren großzügigen Ölkonzessionen für lange Zeit, vielfach für 99 Jahre, an Öl und an den Ölreserven im Boden des Landes hatten verbriefen lassen. In den 70er Jahren machten Kuwait, Venezuela und schließlich Saudi-Arabien diesem Fremdeigentum den Garaus. Sie kündigten den Konzernen ihre Konzessionen. Diese erhielten, trotz erbitterter Gegenwehr, wenn überhaupt, kärgliche Abfindungen. Aber die Konzerne wurden noch längere Zeit, in manchen Fällen bis heute, als Dienstleister für technologische und fachmännische Beratung und vor allem als Vermittler bei der Vermarktung des Öls gebraucht. Dafür erhielten sie gewisse Vergünstigungen, meist einen Prozentsatz der Ölausbeute.

Im Jahr 2000 erreichte die OPEC wieder ein neues Hoch von fast 42 Prozent der Weltölförderung. Aber in den folgenden Jahren – da täuschen wir uns wohl nicht – sind wir Zeugen des Niedergangs der OPEC, der sich fortsetzen wird. Die Golfkriege und besonders die barbarischen militärischen Interventionen der USA und ihres Platzhalters Israel in den letzten Jahren dividieren die OPEC-Staaten nicht nur politisch auseinander. Die USA haben inzwischen früher aktive Mitglieder entweder als solche ruiniert und gelähmt (Irak) oder bedrohen sie als »Schurkenstaaten« in ihrer Existenz (Iran; neuerdings Venezuela). Obwohl nach wie vor gefügig, ist selbst Saudi-Arabien des »Terrorismus« nicht mehr unverdächtig. Schon 1973/75, in der großen Ölkrise nach Yom Kippur, gab es Stimmen unter den »Falken« in den USA, die offen von militärischer Gewalt gegen Saudi-Arabien und Kuwait sprachen. Damals allerdings mußte man noch mit dem Risiko rechnen, daß die Sowjetunion eingreifen könne.

Vorläufig steigt aber die Marktgewalt der OPEC weiter, vor allem, weil anderswo Ölquellen in ihrer Mächtigkeit nachlassen, wie die in der Nordsee, weil die Förderung der USA den Bedarf im Land immer weniger deckt und weil der Bedarf in Asien, besonders in China und Indien, in neue Größenordnungen hineinwächst. Die enormen, drückenden Preissteigerungen der letzten Zeit für Erdöl und Erdgas haben zwar die weltweit wachsende Nachfrage als Hintergrund; sie beruhen aber in hohem Maß auch auf Spekulationen der OPEC und der Ölkonzerne, die sich von Krieg, Kriegsgefahr und Terrorfurcht nähren. In den letzten sechs Jahren stieg der Ölpreis einzigartig schnell, um annähernd zweihundert Prozent, mitunter höher, von 20 auf 55, zeitweise auf 70 Dollar je Barrel (= 159 Liter).

Teil II: Zentralasien im Visier des Imperialismus

Schlachtfeld der Zukunft« nennt Peter Scholl-Latour in seinem gleichnamigen Buch die erdölreiche Region zwischen Kaukasus und Pamir. Meldungen über den Kampf der Mächte um dieses Gebiet – ein Zerfallsprodukt der UdSSR – finden sich seit Jahren fast täglich in den Me­dien und in zahlreichen neuen Veröffentlichungen. Die Erörterungen in diesem Bericht stellen also nur cum grano salis den letzten Stand der Dinge dar.

Schon Anfang 1998, Jahre vor dem 9. September 2001, ließ sich der Asien-Ausschuß des US-Abgeordnetenhauses (Subcommittee on Asia and the Pacific) von dem Chef des Unocal-Ölkonzerns, John Maresca, loben (12. Februar 1998): »Ich gratuliere Ihnen, daß Sie sich auf die Öl- und Gasvorkommen in Zentralasien konzentrieren und auf die Rolle, die diese bei der Formierung der Politik der USA spielen.« Dem Erdölboß ging es um neue, gewaltige Pipelines, die den Öl- und Gasreichtum der zentralasiatischen Länder weg vom Norden, von Rußland, und hin nach dem Süden, zum Indischen Ozean führten. Neue politische Strukturen und ein entsprechendes Investitionsklima seien in diesem Raum zu schaffen. Die zentrale Pipeline vor allem, so erklärte er, sei nur durch Afghanistan zu führen, da der Iran nicht kooperiere. Das wichtigste Problem sei zunächst, dort »eine anerkannte Regierung« zu schaffen, »die das Vertrauen von Regierungen, Kreditgebern und unserer Firma genießt«.

Einer der Schöpfer dieser Strategie war übrigens Zbigniew Brzezinski, seinerzeit maßgeblicher außenpolitischer Berater von US-Präsident James Carter (1977–81). Die strategischen Vorplanungen des State Department und des Pentagon reichen inzwischen schon darüber hinaus. Ihr »Greater Middle East Project« soll die gesamte Mittelmeer-, Nahost- und Mittelasienregion von Marokko bis zur chinesischen und indischen Grenze unter US-amerikanische wirtschaftliche und militärische Kontrolle bringen. (siehe Thema-Beiträge von Klaus Eichner in jW vom 22. und 23.11.2006). Übrigens nicht ganz neu, solch ein Plan, sondern vor 100 Jahren von den Briten für ihr Weltreich vorausgedacht und vorausgeplant.

Gegen Rußland und China

Die »Defense Planning Guidance« des Pentagon hatte bereits 1992 die große politisch-militärische Leitlinie vorgegeben: »Wir müssen versuchen zu verhüten, daß irgendeine feindliche Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen – unter gefestigter Kontrolle – ausreichen würden, eine Weltmachtposition zu schaffen«, gleichviel ob in Südwestasien, Ostasien, in Westeuropa oder der früheren Sowjetunion. Wenn auch nicht ausdrücklich, so meinen diese »verteidigungs«­politischen Richtlinien doch in erster Linie Rußland und China: »Es gibt andere Nationen oder mögliche Koalitionen, die in der entfernten Zukunft strategische Ziele und militärische Fähigkeiten entwickeln könnten, die auf regionale oder globale Vorherrschaft hinauslaufen. Wir müssen unsere Strategie jetzt darauf konzentrieren, dem Aufstieg jedes möglichen Konkurrenten globaler Dimension zuvorzukommen.« Die Mitläufer der USA, voran Großbritannien, Deutschland, Frankreich, versuchen, mit dieser Art von »Weltpolitik« im Schlepptau der amerikanischen Supermacht mitzuhalten. In blinder Unterordnung verstärken sie die waffenstarrende Phalanx der USA im Nahen Osten und in den angrenzenden Meeren und versuchen, nicht nur wirtschaftlich, sondern über die NATO auch militärisch in Zentralasien Fuß zu fassen. Ein schwieriges, auch gefährliches, vorläufig nicht sehr dankbares Geschäft.

Die amerikanischen Begehrlichkeiten sind heutzutage gezielt auf die selbständigen Staaten gerichtet, die im Süden der ehemaligen Sowjet­union entstanden sind, acht an der Zahl, von Georgien am Kaukasus und am Schwarzen Meer bis Kirgistan an der chinesischen Grenze. Öl fördern in erheblicher Menge Kasachstan (Tengiz-Feld) und – als einer der engsten Verbündeten der USA in der Region – Aserbaidschan (Baku), zusammengerechnet im Verhältnis von eins zu fünf zu der in Rußland geförderten Menge (Reserven im Verhältnis drei zu fünf). Erdgas fördern Turkmenien und Usbekistan (Reserven: eins zu fünf). Der Fördermenge und den Reserven nach hält die Region, so wie es jetzt aussieht, zwar weder mit Rußland noch mit dem Irak und dem Iran – einzeln – einen Vergleich aus. Aber der Ölhunger der USA, Großbritanniens und ihrer Mitläufer ist unersättlich, die Förder- und Transportverhältnisse sind nicht ungünstig, und nebenbei möchte man Rußland und China dort den Ölhahn zudrehen.

Schlüsselrolle Afghanistans

Das ideale Einfallstor für die USA in die ölreichen Länder dieser Region und Durchgangsland für die Pipelines von dort zum Golf und zum Indischen Ozean wäre der Iran gewesen. Als Ersatz für diesen »Schurkenstaat«, der nicht in Frage kam, sahen die US-Konzerne Afghanistan an, mit dessen Regime, gleichgültig ob mit dem der Mudschaheddin, der Taliban oder einem – möglichst – verläßlicheren, sie sich wie anderswo in gewohnter Weise zu arrangieren hofften. Afghanistan war schon während der sowjetischen Besatzung für diese Schlüsselrolle vorgesehen. Die US-Intervention im Oktober 2001, geplant längst vor dem 9. September, brachte das Land in vollständige Abhängigkeit vom Weißen Haus und vom Pentagon. Aber die schon länger gehegten Pipelinepläne (von der Kaspi-Region östlich vorbei am Iran zum Indischen Ozean), mit denen die Unocal in dieses Land zog, mußten wegen der unsicheren Verhältnisse und der Nähe zum Iran doch erst einmal aufgegeben werden.

Gebaut worden ist inzwischen die teuerste und längste der antirussischen Pipelinevarianten, von Baku über Georgien (Tbilissi) und quer durch die Türkei ans Mittelmeer (nach Ceyhan bei Adana). Diese riesige Pipeline – technisch eine enorme Leistung – rentiert sich überhaupt erst, wenn außer dem Baku-Öl dasjenige aus Kasachstan durchs Kaspi-Meer dazugeleitet wird. An Bau und Betrieb der Leitung sind elf Ölgesellschaften beteiligt, mehrheitlich British Petroleum und die US-abhängige aserbaidschanische Ölgesellschaft.

Vor wenigen Jahren sah es so aus, als hätten sich die USA in der Region, besonders östlich des Kaspi-Meeres, mit Truppen und Flugstützpunkten dauerhaft eingerichtet. Flugplätze und Bodentruppen gab es jedenfalls in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan. Die beiden letztgenannten ehemaligen Sowjetrepubliken haben bekanntlich ausgedehnte gemeinsame Grenzen mit China; südlich anschließend hat auch Afghanistan ein Stück Grenze zu China. Kasachstan hat schon in den 90er Jahren mit den Luftstreitkräften der NATO in gemeinsamen Manövern kooperiert. Überflugrechte haben wohl alle Länder der US-Air Force im »Krieg gegen den Terror« gewährt. Außerdem waren Lehr- und Kadertruppen der USA in Georgien stationiert, das schon zu Schewardnadses Zeiten in enger Fühlung mit US-Militärs und US-Geheimdiensten stand. Und Georgien hat im Kaukasus eine außerordentlich empfindliche Grenze mit Rußland (Südossetien; Abchasien). Es führt inzwischen Verhandlungen (»Intensified Dialogue«) mit der NATO zwecks Beitritts. Die Auseinandersetzung um Südossetien und Abchasien hat scharfe Formen angenommen; dort geht es um die Rechte der mit Mehrheit für die feste Zugehörigkeit zu Rußland votierenden Bevölkerung.

Das eine oder andere der genannten Länder scheint sich aber nicht sonderlich behaglich unter dem bewaffneten »Schutz« durch die Amerikaner zu fühlen. Auch wenn man ungern die dadurch entstehenden innen- und außenpolitischen Spannungen riskiert, so verhandelt man in Usbekistan und Tadschikistan dem Vernehmen nach bereits mit den USA um die Räumung der Flugstützpunkte.

Gegenkräfte formieren sich

Die russische Politik ist natürlich nicht untätig angesichts der durchaus unfreundlichen Fremddurchdringung der gesamten Schwarzmeer-Kaspi-Region. Rußland hat mit den dortigen Staaten 70 Jahre lang in staatlich-sowjetischer Gemeinsamkeit gelebt, die wirtschaftlich und kulturell noch vielfach zu Buche schlägt. Russische Minderheiten leben seit eh und je dort, besonders zahlreich in Kasachstan, dem weitaus größten all dieser Länder. Es existieren vielfältige wirtschaftliche Verbindungen und Verträge aus Vergangenheit und Gegenwart, darunter auch Öl- und Pipeline-Abmachungen. Rußland leistet einigen dieser Staaten militärische Hilfe zur Grenzkontrolle. Wichtig sind die schon länger währenden Verhandlungen zur friedlichen Einigung über die Rechte der Kaspi-Anrainerstaaten (Rußland, Kasachstan, Turkmenistan, Iran), besonders was die Suche im Schelf und im Meeresboden nach Erdöl und Erdgas betrifft. Moskau fördert ohne Zweifel auch die Propaganda gegen die US-Präsenz. Selbstverständlich nimmt auch China größtes Interesse an der ölreichen Region. Beide, Rußland und China, operieren eindeutig, wenn auch vorsichtig, gegen die Iran-Politik der USA, ihrer Kointeressenten und Schleppenträger.

Die postsowjetische Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) insgesamt ist allerdings nur noch ein recht lockerer Verbund. Was die Potentaten der Schwarzmeer-Kaspi-Region betrifft, so befinden sie sich nicht nur in dem schwierigen Interessengeflecht mit den drei Großmächten. Einige von ihnen streben seit längerem in engere Bindungen zur Türkei. Das trifft in erster Linie auf die Turkstaaten zu (Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Turkmenien), die sich auf althergebrachte »rassische« und religiöse Bindungen berufen. Die drei erstgenannten haben im November mit der Türkei in Antalya ihren ersten Staatengipfel abgehalten.

Das »Great Game« um Öl und Macht – ähnliches ist aus dem persischen und afghanischen Raum schon aus dem 19./20. Jahrhundert bekannt – haben die Amerikaner in der Region zwar begonnen, werden es aber nicht gewinnen können. Bisher sind die USA mit der EU/NATO im Troß nicht in der Lage, in der Kaukasus-Kaspi-Region ihre Doktrin von Kriegführung, Okkupation und »Umerziehung« der Besiegten unter dem Deckmantel des »Krieges gegen den Terror« auch nur in Ansätzen durchzusetzen. Aber die Gefahr einer internationalen militärischen Auseinandersetzung ist dennoch riesig.

Literatur zum Thema:
  • Werner Biermann/Arno Klönne, Objekt der Gier. Der Iran, der Nahe und Mittlere Osten und Zentralasien, Köln 2006.
  • Dietrich Eichholtz, Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel (1938–1943), Leipzig 2006.
  • Rainer Karlsch/Raymond G. Stokes, Faktor Öl. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974, München 2003.
  • Helmut Mejcher, Die Politik und das Öl im Nahen Osten, 2 Bde., Stuttgart 1980; 1990.
  • Fred Schmid/Conrad Schuhler, Krieg ums Erdöl. Zwischen Kaspischem Meer und Nahem Osten …, (isw-spezial 15), 2. Aufl., München 2003.
  • Thomas Seifert/Klaus Werner, Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld, Wien 2005.
  • Daniel Yergin, Der Preis. Die Jagd nach Öl, Geld und Macht, Frankfurt am Main 1991.
  • Zahlen aus der Mineralölwirtschaft, hsg. v. BP Deutschland, Hamburg 1997.
* Von Dietrich Eichholtz erschien zuletzt "Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel 1938–1943", 141 S. brosch., Leipzig, Leipziger Universitätsverlag 2006

Aus: junge Welt, 16. Dezember 2006 (Teil 1) und 19. Dezember 2006 (Teil 2)



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