Das Jahr 2010: Energie um jeden Preis, 30.12.2010 (Friedensratschlag)
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Energie um jeden Preis

Atomkraft für alle, Ölsuche ohne Rücksicht auf Verluste? Das Jahr 2010 war geprägt von scharfer Konkurrenz der Anbieter um Kapital und Ressourcen

Von Wolfgang Pomrehn *

Ob Laufzeiten von Atomkraftwerken (AKW), Ölversorgung oder Förderung erneuerbarer Energieträger: Energiepolitisch war 2010 ein Jahr sich zuspitzender Konflikte um Ressourcen, um die Wahl der Energieträger und der damit verbundenen Allokation von Kapital. Es zeigte sich deutlicher denn je, daß die globalen Erdölvorräte begrenzt sind. Im Herbst dieses Jahres hatte die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris ihre Prognosen über die künftige Förderung des fossilen Rohstoffs abermals nach unten korrigiert. Erstmals hieß es, daß die Ausbeute der konventionellen Lagerstätten nicht mehr zu steigern sein werde. »Peak Oil«, der Höhepunkt der möglichen Fördermenge eines Feldes bzw. aller bewirtschafteten Lagerstätten, ist offensichtlich bereits erreicht. Das bedeutet zwar noch nicht das nahe Ende der Ölversorgung. Allerdings kann wachsende Nachfrage bei stagnierender oder demnächst abnehmender Förderung nicht mehr befriedigt werden.

Allein bei »unkonventionellen« Vorkommen erwarten die Pariser IEA-Ökonomen eine weitere geringe Steigerung. Gemeint sind damit vor allem die sogenannte Teersände, deren Abbau im Tagebau erfolgt und der daher besonders zerstörerisch für die Umwelt ist. Größter Produzent ist bisher Kanada, das für diesen Stoff seine Urwälder im Norden der Provinz Alberta umgräbt. Auch anderswo, beispielsweise in Venezuela oder Kongo-Brazzaville, könnten künftig größere Flächen der »unkonventionellen« Ölgewinnung zum Opfer fallen.

Der Aufwand für derlei Unternehmen ist enorm und lohnt sich nur aufgrund des hohen Preisniveaus. Das führt inzwischen dazu, daß in immer schwierigerem Terrain nach Öl gesucht wird. Fast alle der neuen Off­shore-Bohrungen werden in Tiefen von mehreren hundert Metern abgeteuft, seit neuestem sogar in arktischen Gewässern vor Grönland, wo mit schwerem Eisgang zu rechnen ist. Gut möglich also, daß das diesjährige Desaster im Golf von Mexiko, bei dem dem Ölkonzern BP eine Tiefseebohrung außer Kontrolle geriet, nur der Vorbote künftiger Katastrophen war.

Offshore-Bohrungen gibt es übrigens auch in deutschen Gewässern. Dort ist das Wasser zwar nicht so tief, dafür aber findet die Suche im Wattenmeer nordwestlich der Elbmündung statt, also einem der weltweit produktivsten marinen Ökosysteme. Dort betreiben RWE Dea und die BASF-Tochter Wintershall seit 1986 die Bohrplattform Mittelplate. Die alte Konzession wäre Ende 2011 ausgelaufen, wurde jedoch im Mai klammheimlich bis 2041 verlängert. Weder der schleswig-holsteinische Landtag noch das Kieler Umweltministerium wurden dazu angehört. Vielleicht genügte es, daß der zuständige Abteilungsleiter im Kieler Wirtschaftsministerium zugleich in einem Beirat eines RWE-Tochterunternehmens sitzt?

Derlei enge Verflechtungen sind in der deutschen Energiewirtschaft eher normal. Zuletzt wurde das an den Verträgen offensichtlich, die die Bundesregierung in nächtlicher Runde mit den Stromkonzernen abschloß, unmittelbar nachdem sich die Berliner Koalition im September auf ein konkretes Vorgehen zur Verlängerung der AKW-Laufzeiten geeinigt hatte. Die sind inzwischen vom Bundestag abgesegnet und können nur noch vom Bundesverfassungsgericht aufgehalten werden. Das wird darüber befinden müssen, ob die Bundesregierung bei den Änderungen der Atomgesetze den Bundesrat übergehen durfte. Wohin der aufgetürmte strahlende Abfall soll bleibt indes weiter unklar.

Glaubt man der Propaganda der Bundesregierung, dann brauchen wir die Atommeiler, weil Sonne, Wind & Co. noch nicht genug Strom liefern können und weil sie, die Meiler auch »klimaschonend« seien. In den Energieszenarien, die als Begründung für die Laufzeitverlängerung herhalten müssen, wird jedoch der Grad des Ausbaus der »grünen« Energieträger deutlich niedriger angesetzt, als er sich in den letzten Jahren vollzogen hat. Tatsächlich haben Abgeordnete der Regierungsparteien bereits kurz nach den Bundestagswahlen 2009 angefangen, gegen den ihrer Meinung nach zu schnellen Ausbau zu wettern.

Der Grund ist klar: Windräder, Biogasanlagen und Solarzellen haben inzwischen ihr Nischendasein überwunden. Mit einem Anteil von rund 17 Prozent (inklusive Wasserkraft) in diesem Jahr werden sie zur ernsthaften Konkurrenz für die Besitzer der alten Atom- und Kohlekraftwerke. Werden dem weiteren Ausbau keine Steine in den Weg gelegt, so könnte 2020 bereits knapp die Hälfte der elektrischen Energie klima- und umweltschonend bereitgestellt werden.

Das ist natürlich nicht ganz im Interesse von Konzernen wie RWE und Vattenfall, die auch in 40 Jahren noch gern im südlichen Brandenburg oder im Rheinland Landschaft und Dörfer auf der Suche nach Braunkohle zerstören oder ihre längst abgeschriebenen Atomkraftwerke noch ein paar Jahrzehnte länger laufen lassen wollen.

Deshalb haben Abgeordnete der konservativ-liberalen Koalition derzeit vor allem den Solarstrom ins Visier genommen. Erste Angriffe gingen allerdings gründlich daneben. Weil zunächst eine sehr drastische Absenkung der Einspeisevergütung angedroht wurde, kam es zu einer gewissen Torschlußpanik und damit zu einem beispiellosen Boom. Die installierte Leistung wurde binnen Jahresfrist fast verdreifacht. Ende 2010 dürfte sie deutlich über 16, vielleicht gar bei 17 Gigawatt liegen, womit in Deutschland Solarzellen im Sommer bei gutem Wetter stundenweise schon annähernd so viel Strom ins Netz speisen können, wie sämtliche AKW zusammen.

Im Augenblick sieht es so aus, als würde einerseits der Druck dazu führen, daß auch im kommenden Jahr die Vergütungen schneller abgesenkt werden, als zunächst geplant. Andererseits wird das aber den Solarboom kaum aufhalten können, da aufgrund der großen Nachfrage und der damit verbundenen Massenproduktion auch die Anlagenpreise purzeln. Die Konkurrenz zwischen alten und neuen Technologien wird sich also weiter verschärfen und verspricht zudem für die kommenden Monate hitzige politische Debatten.

* Aus: junge Welt, 29. Dezember 2010


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