"Kassel entrüsten!", 19.06.2012 (Friedensratschlag)
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"Kassel entrüsten!"

Aktionswoche gegen Rüstungsindustrie wurde am Sonntag eröffnet

Kassel. Bei strahlendem Sonnenschein versammelten sich am Sonntagnachmittag nach und nach immer mehr Menschen in festlicher Kleidung vor der documenta-Halle. Die „Zentralstelle für die Bearbeitung bürokratischer Missgeschicke“ (ZBBM) hatte zu einem Festakt im Rahmen der documenta eingeladen, welcher von dem etwa 40-köpfigen Chor und Orchester „Lebenslaute“ eröffnet wurde. Im Anschluss daran begrüßte Ernst Friedrich von der ZBBM das zahlreich erschienene Publikum. Er wies auf einen bürokratischen Fehltritt der Stadt Kassel hin, die 1960 die Ehrenbürgerschaft an „einen gewissen A. Bode verliehen“ habe. Fälschlicherweise habe es sich hierbei um den Rüstungsindustriellen August Bode gehandelt und nicht wie anzunehmen um den Begründer der documenta Arnold Bode. Jener August Bode habe bereits im Ersten Weltkrieg deutsche Panzer bauen lassen und auch heute noch produziere die Firma Kraus-Maffei Wegmann Panzer, die – wie aktuell heiß diskutiert – zum Beispiel nach Saudi-Arabien exportiert würden. Bei der Verleihung der Ehrenbürgerschaft müsse es sich insofern ganz offensichtlich um einen Fehler gehandelt haben. „Ein Industrieller und Konstrukteur, der sein Erfindergeist im Laufe zweier Weltkriege und darüber hinaus in den Dienst der Rüstungsproduktion stellt, kann für diese Ehre nicht in Frage kommen“ so Friedrich. Unter jubelndem Applaus des Publikums erklärte er die Ehrenbürgerschaft August Bodes daher für aberkannt. Die Verantwortung liege nun bei der Stadt Kassel, dieses Missgeschick zu beheben und stattdessen Arnold Bode, der im Nachkriegs-Kassel anstatt brauner Ideologie Raum für Moderne Kunst schaffte, als „rechtmäßigen Ehrenbürger A. Bode“ auszuzeichnen.

Dieser Festakt bildet den Auftakt einer einwöchigen Aktionswoche gegen Rüstungsindustrie und Militarisierung, durch die das Krieg(s)treiben vor Ort kreativ sichtbar gemacht werden soll. Entsprechend des Mottos der diesjährigen dOCUMENTA (13) „Collapse and Recovery“ (Zusammenbruch und Wiederaufbau) sollen hierdurch auch die Hintergründe und Schattenseiten des so erfolgreichen „Wiederaufbaus“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Als Anlaufstelle für alle, die sich informieren und Aktionen mitgestalten wollen, dient in der Zeit vom 17. bis 24. Juni 2012 täglich ab 17 Uhr die zusammen mit der Künstler*innengruppe andandand genutzte Turnhalle der Nachrichtenmeisterei.

Detaillierte Informationen zum Programm und zu Mitwirkungsmöglichkeiten finden sich unter www.panzerknacken.blogsport.de.


Weithin sichtbar für alle Documenta-Besucher/innen.


Kassel entrüsten!

Aktionswoche gegen Rüstungsindustrie und Militarisierung während der dOCUMENTA (13) in Kassel

Nach dem Willen von Carolyn Christov-Bakargiev, der Kuratorin der dOCUMENTA(13), soll die Auseinandersetzung mit der Stadt Kassel und ihrer Geschichte einen wichtigen Bezugspunkt in der Ausstellung bilden. Unter dem Leitmotiv „Collapse and Recovery“ (Zusammenbruch und Wiederaufbau) sollen auch die weitgehende Zerstörung der Stadt im Laufe des Zweiten Weltkrieges und der anschließende Wiederaufbau thematisiert werden.

Bezüge zur aktuellen kriegerischen Zerstörung anderswo spielen auch eine Rolle, so ist etwa die afghanische Hauptstadt Kabul ein weiterer offizieller Ausstellungsort der dOCUMENTA(13).

Während sich also in den nächsten hundert Tagen die Augen der internationalen Kunstszene auf Kassel richten, haben sich einige Kassler*innen zum Ziel gesetzt, auch die Schattenseiten des so erfolgreichen „Wiederaufbaus“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Denn nicht nur die Zerstörung der Stadt durch Bombenangriffe im Jahr 1943 ist eng verbunden mit der damals kriegswichtigen Kasseler Rüstungsindustrie, auch die Geschichte des Wiederaufbaus lässt sich nicht ohne die bis heute andauernde Produktion von Panzern erzählen. War es während der NS-Zeit insbesondere der Kampfpanzer „Tiger“ so wird heute eine breite Palette an gepanzerten Fahrzeugen bei den Firmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall in Kasse gebaut. Als Abnehmer rückt die Bundeswehr dabei gegenüber dem Export zunehmend in den Hintergrund – der aktuelle Skandal um die geplante Lieferung von Panzern des Typs Leopard 2 A7+ nach Saudi Arabien ist hier nur ein Beispiel.

Damit ist die Rüstungsproduktion bei KMW und Rheinmetall wieder selbstverständlich Teil der Stadt geworden. Um Protest und Wiederstand gegen die Rüstungsproduktion auch während der dOCUMENTA(13) lautstark Gehör zu verschaffen, findet vom 17. bis zum 24. Juni eine Aktionswoche statt, die sich kreativ und in vielfältiger Art und Weise mit dem Thema auseinandersetzen wird. Zum Programm gehören ein Stadtrundgang, künstlerische Interventionen, Filmvorführungen, Diskussionen, eine Fahrraddemo und vieles mehr. Es lohnt sich also, einfach mal in der Turnhalle der Nachrichtenmeisterei am Hauptbahnhof oder im Internet unter http://panzerknacken.blogsport.de vorbei zu schauen!




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