Die weiteren Aussichten, von Fred Pearce, 07.12.2007 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Es wird wärmer

Die weiteren Aussichten, von Fred Pearce

Von Tim Fiege *

Vor etwa fünf Milliarden Jahren entstand der Planet Erde; in etwa fünf Millarden Jahren wird er wieder verglüht sein. Ob die Spezies Mensch ihn bereits nach zweieinhalb Jahrhunderten Industrialisierung an den Rand des Kollaps gebracht hat oder ob es sich um eine harmlose Midlife Crisis des Planeten handelt – darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander.

Auch der britische Umweltjournalist Fred Pearce ist sich über das Ausmaß, in dem der intelligenteste Erdenbewohner die Erderwärmung beeinflusst, nicht ganz sicher. Nicht selten räumt er in seinem neuen Buch ein, einiges sei noch nicht hinreichend erforscht, über jenes wüssten wir einfach zu wenig und vieles müsse einfach Spekulation bleiben. »Wir haben nicht die geringste Ahnung, was uns bevorsteht und wie wir damit fertig werden.« Dass er aber nicht zur Fraktion der Verharmloser zählt, wird bereits im Titel deutlich: »Das Wetter von morgen. Wenn das Klima zur Bedrohung wird.«

Um die befürchtete Dimension der menschengemachten Erderwärmung gleich unmissverständlich anzusprechen, formuliert er schon in der Einleitung einige knallige Thesen: Die Natur hole »zu einem gewaltigen Gegenschlag« aus und »unsere Welt könnte untergehen«. Auf den ersten Blick wirken diese und weitere Szenarien etwas reißerisch! Aber Pearce legt sogleich Beweise für den Klimawandel vor und beschäftigt sich sogar ausführlich mit den »Argumenten« der Skeptiker dieses Phänomens. Doch dies seien in den seltensten Fällen Wissenschaftler, sondern zumeist Politiker, Journalisten oder Wirtschaftslobbyisten. Einige Befunde, so Pearce, seien ohnehin längst Konsens und die Erderwärmung bereits 1998 mit der sogenannten »Hockeyschläger-Kurve« endgültig nachgewiesen worden. Diese Temperaturkurve zeige für die letzten 900 Jahre kaum Veränderungen und erst für das letzte Jahrhundert einen plötzlichen steilen Aufwärtstrend. »Anstatt sich allein auf die bewährte Methode der Temperaturrekonstruktion durch die Analyse von Baumringen zu verlassen, wurden Daten aus der Untersuchung von Eiskernen, Korallenringen und Sedimentablagerungen in Seen verwendet. Auf diese Weise wollte man die Einseitigkeit der Baumringanalyse vermeiden.«

Besonders überzeugend und anschaulich wirken seine Reportagen aus den tatsächlich bereisten Gebieten, die die Auswirkungen des Klimawandels bereits direkt zu spüren bekamen: das von Hurrikan »Mitch« heimgesuchte Honduras, die von beschleunigter Eisschmelze betroffene Nordwestküste Spitzbergens oder die von dauerhafter Überschwemmung bedrohten Pazifik-Inseln Tuvalu und Kiribati. Aber Fred Pearce bezieht sein Wissen nicht nur aus eigenen Recherchen und Forschungen. Er steht als Journalist offenbar in regem Austausch mit internationalen Klimaforschern, Waldökologen und Glaziologen und sichert seine Erkenntnisse damit auch wissenschaftlich ab. Nicht immer einleuchtend und allgemeinverständlich ist er, wenn er seine Thesen mit Argumenten, die für ihn Beweise sind, unterfüttert. Wenn er Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge erläutert, muss der Leser ohne biologische, chemische und physikalische Vorkenntnisse gelegentlich auf die Urteilskraft des Fachjournalisten vertrauen.

Fred Pearce hat ein erfreulich unideologisches, aber natürlich nicht unaufgeregtes Buch geschrieben. Kein Wunder: Geht es doch um nicht weniger als das Überleben der Spezies Mensch. Und selbst wenn gelegentlich leise Zweifel bleiben: Sollten wir einfach abwarten und so weiterleben, bis die Wissenschaftler (weitere) unwiderlegbare Beweise vorlegen? Nach der Lektüre dieses Buches ist die Antwort eindeutig.

Fred Pearce: Das Wetter von morgen. Wenn das Klima zur Bedrohung wird. Verlag Antje Kunstmann, München. 336S ., geb., 19,90

* Aus: Neues Deutschland, 6. Dezember 2007


Zurück zur Umwelt-Seite

Zurück zur Homepage