Verwüstete Erde, 20.06.2005 (Friedensratschlag)
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Verwüstete Erde

"Desertifikation" gefährdet zwei Milliarden Menschen weltweit. Experten rechnen mit Welle von Umweltflüchtlingen

Von Stephen Leahy, IPS*

Klimaexperten warnen entschieden vor einer fortschreitenden Wüstenbildung auf der Welt. Pünktlich zum Weltwüstentag am 17. Juni hatten Wissenschaftler einen Bericht vorgelegt, der auf Daten des »Millennium Ecosystem Assessment« (MA) basiert, einer 22 Millionen US-Dollar teuren Studie, an der sich rund 1300 Forscher aus 95 Ländern beteiligen. Demnach rechnen die Fachleute infolge der zunehmenden »Desertifikation« mit einer Welle von Umweltflüchtlingen und fatalen Folgen von Staub- und Sandstürmen, sollte der Entwicklung nicht Einhalt geboten werden.

Nahrungsgrundlage

In jedem Frühjahr stiegen dicke Staub- und Sandwolken aus der Wüste Gobi in Zentralasien auf und legten sich nicht nur über weite Teile Chinas, Koreas und Japans, sondern beeinträchtigen auch die Luftqualität in Nordamerika, heißt es in der Studie. »Wüstenbildung ist ein enormes globales Problem, das direkt zwei Milliarden Menschen in Tockengebieten betrifft«, sagte Zafar Adeel, stellvertretender Leiter des in Kanada ansässigen Internationalen Netzwerks Wasser, Umwelt und Gesundheit (International Network on Water, Environment and Health, INWEH) der UN, in einem Gespräch mit IPS. Milliarden Menschen hätten zudem die Folgen von Staub- und Sandstürmen zu ertragen oder würden gezwungen, in absehbarer Zeit unproduktive Ländereien zu verlassen, so der Koautor des neuen Berichts weiter. Nach Angaben des UN-Wissenschaftlers sind zehn bis 20 Prozent der weltweiten Trockengebiete und mit ihnen produktives Agrarland von Wüstenbildung bedroht. Die UNO befürchtet sogar, daß sich weitere 30 Prozent der Landoberfläche künftig in Wüsten verwandeln werden. Auslöser dieser verheerenden Entwicklung seien Bevölkerungswachstum, Erderwärmung, aber auch der Globalisierungsprozeß.

Sogenannte Trockengebiete erstrecken sich über mehr als 41 Prozent der Landfläche der Welt. Auf ihnen werden dennoch über 40 Prozent aller Nahrungsmittel produziert. Das Sekretariat zur UN-Desertifikationskonvention (UNCCD) mit Sitz in Bonn, schätzt die Verluste durch fortschreitende Wüstenbildung auf bis zu 40 Milliarden US-Dollar im Jahr.

Wüsten und vor allem Wüstenbildung, ein Thema dem das UN-Jahr 2006 gewidmet ist, sind seit vielen Jahren als eines der größten globalen Umweltprobleme bekannt. Schon vor fast 30 Jahren hatten sich Vertreter von 95 Staaten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zur ersten großen UN-Desertifikationskonferenz getroffen und einen Aktionsplan verabschiedet. Der sollte bis zum Jahr 2000 eigentlich 30 Millionen Quadratkilometer Land vor der Wüstenbildung retten. Doch das Ziel wurde nicht erreicht. Im Laufe der Zeit hat es unendlich viele Treffen und Berichte gegeben. 1996 ist mit der Ratifizierung durch den 50. Staat die UNCCD in Kraft getreten. Konkrete Schritte im Kampf gegen die Ausweitung der Wüsten lassen allerdings auf sich warten. Nur wenige der 170 UNCCD-Vertragsstaaten haben entsprechende Pläne entwickelt, noch weniger arbeiten an ihrer Umsetzung.

Neoliberaler Druck

Ein entscheidendes Problem ist das Geld. Gerade diesen Staaten fehle es an finanzieller Unterstützung, bedauert Uriel Safriel von der Hebräischen Universität in Jerusalem und Gastdozent an der Universität von Maryland, der ebenfalls an der neuen Studie mitgearbeitet hat. Statt dessen erhöhten die sogenannte weltweite Liberalisierung des Handels und insbesondere die Milliarden Dollar teuren Agrarsubventionen wichtiger Industriestaaten den Druck auf die Bauern in den Ländern des Südens. Diese würden entweder zur Aufgabe ihrer Ländereien oder zum Einsatz zerstörerischer Anbaumethoden mit einem hohen Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln gezwungen. Besonders betroffen ist Westafrike. Seit den 70er Jahren sind die Niederschläge in dieser Region um 30 Prozent gesunken. Der Klimawandel trifft den gesamten Kontinent besonders hart. Die neue Untersuchung belegt insbesondere für Brasilien, Mexiko und den afrikanischen Westen, wie die von der Welthandelsorganisation (WTO) propagierte Liberalisierung kleine Bauern zum Verlassen ihrer Betriebe treibt und großen landwirtschaftlichen Höfen sowie Agrarkonzernen den Weg bereitet.

Unterdessen setzt sich der Verwüstungsprozeß nahezu ungebremst fort. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) werden das landwirtschaftlich produktive Gebiet in Afrika bis 2008 um 90 Millionen Hektar zusammenschmelzen und 65 Entwicklungsländer 280 Millionen Tonnen ihrer potentiellen Getreideproduktion verlieren.

* Aus: junge Welt, 20. Juni 2005

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