Familienangehörige von Opfern des 11.09. für Frieden, 27.10.2002 (Friedensratschlag)
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Friede statt Rache - "Wir handeln wie ein kleines, schwaches Land"

Interview mit David Potorti von "September 11th Families for Peaceful Tomorrows"

Das folgende Interview mit David Potorti von "September 11th Families for Peaceful Tomorrows" haben wir der Homepage der New Yorker Internetzeitung "springwords" entnommen. Bernd Hendricks, der das Interview führte, versorgt uns gelegentlich mit aktuellen Reportagen aus den USA.

Er verlor seinen Bruder im World Trade Center, heute will er Frieden für die Welt gewinnen: David Potorti arbeitet für "September 11th Families for Peaceful Tomorrows", eine Friedensorganisation, die von Angehörigen der Opfer des 11. Septembers gegründet wurde. Er koordiniert die Aktivitäten der Organisation an der amerikanischen Ostküste. Bernd Hendricks sprach mit ihm über den Bombenkrieg in Afghanistan, Briefe an den Präsidenten und über seinen Bruder James.

springwords: Was hat Sie als Angehörige der Terroropfer vom 11. September veranlaßt, eine Organisation für den Frieden zu gründen?

Potorti: Die Bombardierung Afghanistans hat uns zusammengebracht. Das war im Oktober 2001, in den Tagen, an denen die ersten Beerdigungen unserer Verwandten und Freunde aus dem Pentagon und dem World Trade Center stattfanden. Wir standen an den Gräbern und wußten, daß in einem anderen Teil dieser Welt andere Menschen demnächst auch ihre Verwandten beerdigen werden, weil sie einen Bombentot sterben mußten. Man ehrt seine Toten nicht dadurch, indem man Menschen tötet. Wir gründeten unsere Organisation am 14. Februar, am Valentinstag.

springwords: Was hat Ihre Organisation seitdem unternommen?

Potorti: Wir besuchen im ganzen Land Kirchen und Schulen und geben Vorträge. Wir hatten zum Jahrestag des Terroranschlags andere Organisationen gebeten, für die Opfer des 11. September und für Frieden Gedenktreffen und Gebete durchzuführen. "United for Peace" listete in ihrer Webseite allein 200 Veranstaltungen in sieben Ländern auf. Wir unterstützten die Kundgebung "Not in Our Name" gegen die Pläne für einen Angriff auf den Irak. Vier Mitglieder unserer Organisation reisten nach Afghanistan und besuchten Angehörige von Kriegsopfern. Es sind nun unsere Schwesterfamilien, mit denen wir in Kontakt stehen. Und wir schrieben dem Präsidenten einen Brief.

springwords: Was stand drin?

Potorti: Wir haben dem Präsidenten vorgeschlagen, einen Fond für afghanische Bombenopfer einzurichten. Das afghanische Volk hatte uns ja nicht angegriffen. Es machte für uns keinen Sinn, so viele Bomben abzuwerfen, um eine kleine Gruppe von Al Quaida-Terroristen zu finden. Wir wissen ja bis heute nicht, ob Al Quaida zerschlagen wurde, ob Osama bin Laden noch lebt und irgendwo im arabischen Raum seine Terroristengruppe neu organisiert.

springwords: Hat der Präsident auf Ihren Brief geantwortet?

Potorti: Nein. Wir haben weitere Briefe geschrieben, unter anderem mit unserer ablehnenden Meinung zum Irakkrieg, aber noch nichts von ihm gehört.

springwords: Er könnte antworten, daß die Militäraktion in Afghanistan zumindest weitere Terroraktionen verhindert hätte.

Potorti: Seine Bundesermittlungsbehörde, das FBI, sagt das nicht. Im Juni berichtete die New York Times über ein FBI-Dossier, wonach die Bombardierung Afghanistans Amerika nicht sicherer gemacht habe. Al Quaida sei zersprengt in andere Teile der Welt. Es ist jetzt schwieriger, die Terroristen zu finden.

springwords: Was sollten die Vereinigten Staaten Ihrer Meinung nach tun, um künftige Terroranschläge zu verhindern?

Potorti: Als erstes sollten wir dem internationalen und nationalen Recht gehorchen. Wir haben Prinzipien und eine demokratische Verfassung. Die Terroristen haben das Recht mißachtet und wenn wir das gleiche tun, sind wir nicht besser als die Terroristen. Wir sollten nach Europa sehen, wo jede Woche Verdächtigte aufgespürt und verhaftet werden - nicht durch einen Bombenkrieg, sondern durch internationale Kooperation der Ermittlungsbehörden, durch solide Polizeiarbeit. Die Auffassung von Kanzler Schröder zum Irakkrieg zeigt, wie ein echter Staatsmann handeln sollte. Die Suche nach gewaltfreien Lösungen zeigt Stärke. Wir aber handeln wie ein kleines schwaches Land.

springwords: Ist der Krieg gegen Irak unvermeidlich?

Potorti: Ich bin optimistisch, daß er verhindert werden kann. Es hängt vom amerikanischen Volk ab, nicht vom Congress. Die Congress-Abgeordneten erhalten in diesen Tagen viele Anrufe von Wählern, die besorgt sind. Es gibt Leute, die zivilen Ungehorsam ausüben wollen, wenn es zu einem Krieg kommt. Dies ist der Moment der Wahrheit für das amerikanische Volk.

springwords: Was steht für das amerikanische Volk auf dem Spiel? Potorti: Ansehen in der Welt. Und Sicherheit. Unsere Zukunft. Ein Krieg gegen Irak hat nichts mit dem Kampf gegen den Terrorismus zu tun. Er schwächt unsere Bemühungen, die Verantwortlichen der Terroranschläge vom 11. September zu finden und vor Gericht zu stellen. Der Krieg würde den Terroristen neue Rekruten in die Arme treiben. Ich aber möchte das verhindern, weil ich meine Familie, meine Kinder vor Terrorakten schützen will -- heute und in zwanzig Jahren.

springwords: Werden Vertreter Ihrer Organisation auch nach Irak reisen?

Potorti: Im Moment haben wir nicht die Absicht, nach Irak zu reisen. Ich kenne Kirchengruppen, Congress-Abgeordnete und Senatoren, die nach Bagdad gereist sind und uns über ihre Beobachtungen berichtet haben. Wir reden über eine Person, über Saddam Hussein, aber wir wissen nichts über das irakische Volk. Im Irak leben 22 Millionen Menschen. Bagdad hat drei Millionen Einwohner. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist arm. Sie wären die ersten Opfer eines Krieges.

springwords: Viele Deutsche werfen den Amerikanern vor, gegenüber den Greueln eines Krieges blind zu sein.

Potorti: Ich weiß, daß viele Deutsche zwischen den Amerikanern und ihrer Regierung nicht unterscheiden können. Sie vergleichen uns mit Bush. Amerika ist mehr. Es ist eine sehr vielfältige Gesellschaft. Viele Leute sind dagegen, was im Moment in Washington passiert. Möglicherweise kommt das in den europäischen Medien nicht zum Ausdruck.

springwords: Haben Sie bei all ihren Aktivitäten für Ihre Organisation noch die Ruhe, sich an Ihren Bruder zu erinnern?

Potorti: Ich verteidige das Andenken und meine Erinnerung an meinen Bruder, indem ich gegen den Krieg arbeite. James starb im 95. Stock des Nordturmes des World Trade Centers. Er war mein jüngerer Bruder. Es ist für mich immer noch schwer, mich mit der Tatsache abzufinden, daß er nicht mehr lebt. Es kommt oft vor, daß ich zum Telefonhörer greifen will, weil ich ihn in Manhattan anrufen und ein interessantes Buch empfehlen will. Er fehlt mir sehr. Der einzige Trost, den ich aus seinem Tod ziehen kann, ist, daß er für ein freies Land gestorben ist.


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