Terrorismus und Krieg (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

"Einen Ausweg suchen aus der Blutmühle von Aktion und Reaktion, von Gewalt und Gegengewalt"

Die Paderborner Rede von Eugen Drewermann

Im Folgenden dokumentieren wir eine Rede, die Eugen Drewermann am 27. Oktober 2001 in Paderborn gehalten hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,

zu meinem Erstaunen sind wir heute Mittag zahlreicher versammelt als es zu vermuten stand. Kundgebungen gegen den Krieg haben in aller Regel starken Zulauf aus dem Motiv der Angst. Sobald jemand den Krieg fürchtet, versammelt er sich zu einer Aktion gegen den Krieg. In diesen Tagen in Deutschland aber und in den USA fürchten wir den Terror, und also scheint es kein Wunder, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika 90% der Bevölkerung den Kriegshandlungen in Afghanistan oder sonst wo in der Welt übermorgen schon bedingungslos zustimmen, und dass Kanzler Schröder die Deutschen dahin bestimmt, bedingungslos an der Seite der Vereinigten Staaten zu stehen und mehr als 60% bislang diesem Kurs der Politik zustimmten. Egal aber, wie viel wir heute Mittag hier sind, ganz sicher ist, dass wir der Anfang einer Bewegung sein werden, die zunehmend, je länger der Krieg in Afghanistan dauert, ihn nicht akzeptieren wird. In der ‚Neuen Westfälischen' dieser Woche bereits stand, dass mehr als zwei Drittel der Deutschen eine Einstellung des Bombardements gegen ein Land der Dritten oder der Fünften Welt wollen; und dies allerdings ist eine zentrale Forderung der Kundgebung heute Mittag: ein Ende des Bombardements auf Menschen, die mit der Sache absolut nichts zu tun haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sogleich den Vorwurf ernten werden, Anti-Amerikanisten zu sein, wenn wir eine Kurskorrektur der amerikanischen Politik wünschen. Deshalb scheint es mir überaus wichtig zu sein, vorweg zu betonen: jemand, der den Standpunkt der amerikanischen Friedensbewegung sich zu eigen macht, ist kein Anti-Amerikanist. Jemand, der als Freund der USA Befreundeten sagt, dass innerhalb des gemeinsamen Wertekonsenses bestimmte Handlungsweisen sich förmlich verbieten aus moralischem Ethos, ist kein Feind der Vereinigten Staaten von Amerika. Man muss aber nicht jede Art von Raketenpatriotismus gut finden, um ein ordentlicher amerikanischer Bürger zu sein, selbst wenn die jetzige Bush-Administration genau das nahe legt. Wahr ist freilich, dass der ungeheuerliche Satz aus dem Munde von George W. Bush ‚Wer jetzt nicht mit den Vereinigten Staaten ist, der ist gegen die Vereinigten Staaten' ein biblisches Zitat mit absolutem Gültigkeitsrecht auf die amerikanische Außenpolitik anwendet. Dieses ‚Entweder Oder' gibt es nicht, denn was wir suchen heute Mittag, ist ein dritter Weg. Er besteht darin, jede Art von Gewalt zu verurteilen. Als erstes die terroristische Gewalt. Als nächstes aber, auf fast gleicher Ebene, die Gegengewalt, die sich vom Terrorismus das Gesetz des Handelns vorschreiben lässt.

Wonach wir suchen ist ein Ausweg aus der Blutmühle von Aktion und Reaktion, von Gewalt und Gegengewalt, weil damit das Leid der Menschen nur vermehrt, der Krieg niemals überwunden wird, und weil selbst vorsichtige Zeitungen darauf hinweisen, dass man auf diese Art mit jedem getöteten Terroristen vermutlich 5 bis 10 weitere Terroristen - allein geboren aus dem Sog der Verzweiflung - hervorspülen wird. Diese Art von Politik, muss man George W. Bush mit allem Ernst entgegenhalten, organisiert die Gewalt am Ende zum Recht haben und zum Durchhalten in einer Sache, bei der erkennbar bis heute kein wirklich politisches Ziel zu erkennen ist. Selbst diejenigen, die den Krieg befürworten würden, sollten lesen vor 200 Jahren in den Schriften des Militärtheoretikers in Preußen über den Krieg: wie dort gesprochen wird davon, dass man Gewalt nur einsetzen kann, wenn man am Ende des Krieges ein klar definiertes Ziel sich zu eigen machen kann. Clausewitz wusste, dass man den Krieg als die grausamste Handlung, die unter Menschen möglich ist, bestenfalls als ein Mittel für ein klar präzisiertes Ziel einsetzen dürfte. Nicht einmal das ist im Augenblick in der amerikanischen Politik erkennbar. Wir aber sind der Meinung, dass der Krieg egal für welchen Zweck niemals eingesetzt werden darf, wenn er nicht die Ordnung herbeiführt, die er verspricht. Die meisten, die hier stehen von Ihnen, werden das Versprechen noch im Ohr haben, wie man 1991 uns glauben machen wollte am Golf, dies sei ein Krieg, der eine neue Weltordnung herbeiführen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Bei jedem Krieg wird uns gesagt, dies ist der letzte Krieg, und danach beginnt der Friede. Es ist aber die Nachkriegszeit in aller Regel nur die Anfangszeit eines neuen Krieges, und so geht die Spirale weiter. Unsere eigenen Politiker von der ehemaligen Friedensbewegung in Gestalt der Grünen versichern uns, dass man jetzt begrenzte Kriegformen akzeptieren müsste. Was wir miterleben ist eine Umfunktionierung des Militärs gewissermaßen zu einer internationalen Polizeitruppe. Und allein dieser Gedanke basiert darauf, uns vorzustellen, wir müssten als Deutsche verpflichtet sein, zur Vermeidung von Unrecht selber jede Art von Unrecht zu erlernen und zu üben. Die Logik der Rechtfertigung der Kriege ist immer wieder dieselbe: wir müssten das Böse bekämpfen, indem wir selber die Instrumente des Bösen handhaben. Immer wieder wollen wir da den Teufel aus der Hölle holen, indem wir selber zum Oberteufel werden und sogar die schlimmsten Satans Meister würden.

Schauen Sie sich die Kriegspropaganda in der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an: sie arbeitet immer wieder mit demselben Plakat: Adolf Hitler gilt es zu jagen. Ob er Ho Chi Minh heißt oder Saddam Hussein heißt oder Milosevic heißt oder jetzt Osama Bin Laden heißt, ständig wird die Hölle und das Böse in Gestalt von Hitler und seinen Nachfolgegespenstern bekämpft. Die Idiotie der Bildzeitung geht sogar dahin, zu erklären, dass Osama Bin Laden als Anti-Christ womöglich vom Teufel selber gezeugt und in die Welt geschickt worden sei. Die heilige Hildegard von Bingen im 11. Jahrhundert habe das schon kommen sehen und die Verheißungen von Fatima im 20. Jahrhundert beglaubigt. Jede Art von Unsinn zur Dämonisierung und zur Apokalyptisierung der Geschichte lassen sich heute in Umlauf bringen und werbewirksam an die Menschen weitergeben. Es ist aber ein erster erkennbarer Fehler, wenn George W. Bush ausgeht, das Böse zu bekämpfen. Man tut so, als gäbe es eine imaginäre Größe, genannt im Abstraktum und Neutrum ‚das Böse', dessen wir Herr würden, indem wir es wegoperieren - chirurgisch aus dem Organismus der menschlichen Geschichte. Genau das ist nicht möglich, weil wir - wenn schon - das Böse in uns selber tragen. Und lediglich, wenn wir es nach Außen projizieren, alles tun, um selber böse zu werden, vermeintlich um es auszurotten. Es geht so ähnlich zu wie in der rabbinischen Geschichte eines frommen Mannes, der glaubte, dass nachts auf seinem Dachboden der Teufel wohne. Tatsächlich eines Abends, als er Geräusche hörte, kletterte er aufs Dach, fand jemanden, würgte ihn und ging stolz in sein Haus zurück: er hatte, wie er meinte, das Böse besiegt. Am anderen Morgen erfuhr er, dass auf seinem Dach ein einfacher Landstreicher Zuflucht gesucht hatte. Er selber im Wahn, das Böse auszurotten, war selber des Bösen Opfer geworden. In einer kleinen Geschichte lässt sich die Logik des Kriegsgeschehens kaum deutlicher machen als in diesen wenigen Szenen. Deswegen möchten wir am heutigen Mittag darüber nachdenken, wie es zum Terrorismus in Gestalt des Bösen kommt.

Augenblicklich wenn ich das vorschlage, höre ich sogleich, dass wir dann den Terrorismus ja rechtfertigen würden. Statt die Opfer von New York zu beklagen und zu bedauern und den Terrorismus klar zu verurteilen, schafften wir ihm sogar ein legales oder legitimes Forum. Ein solcher Vorwurf ist in jeder Art absurd. Es muss möglich sein, Gewalt zu verurteilen, ohne sofort der Lakai des Militärs zu werden. Diese Idiotenlogik ‚man kann gegen Gewalt nur sein, wenn man militant aufrüstet gegen die Gewalt' ist das ganze Unglück der Geschichte im 20. und - wie zu befürchten steht - im 21. Jahrhundert. Genau dagegen suchen wir die Alternative.

Was geschieht denn, wenn wir nach den Ursachen des grauenhaften Attentats in New York und in Washington forschen? Es ist so ziemlich dasselbe, wie wenn ein Arzt untersucht, wie ein Krebs den Organismus eines Menschen in den Tod zu drücken unternimmt. Ein solcher Arzt rechtfertigt nicht den Krebs, er wünscht nicht den Krebs, er redet den Krebs nicht herbei, er schafft sich lediglich die Grundlage, ihn wirksam zu bekämpfen. Aber genau das wäre nötig. Etwas blind zu verurteilen und dann draufzuschlagen, ändert überhaupt nichts in der Welt. Also lautet die entscheidende Frage: Welche Wurzeln hat der Terrorismus im 19., 20. und offensichtlich 21. Jahrhundert? Und der Gründe dafür sind eine ganze Menge. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel, weil augenblicklich auch deutlich wird, welche Handlungsalternativen wir zu dieser Art der militärischen Terrorismusbekämpfung scheunentorweitoffen zur Verfügung stünden. In den 40er Jahren noch des 19. Jahrhunderts kam es in Irland zu einer schweren Hungersnot, weil 2 Jahre lang die Ernte der Kartoffeln im Boden durch starke Niederschläge verfaulte. Die Nahrung der irländischen Bevölkerung damals bestand als Grundnahrungsmittel in der Kartoffel. Und man hatte nicht einmal mehr Saatgut für den kommenden Frühling. In diesem Augenblick hätte natürlich Großbritannien seine riesigen auf dem gesamten Kolonialimperium zusammengebrachten Nahrungsmittel in einem geringen Quantum zur Linderung der Not zur Verfügung stellen können. Statt dessen erklärten die Briten, dass jene Iren auf der Insel ohnedies notorische Whiskysäufer und Faulenzer seien. Man nutzte ihre Not aus. Man kaufte ihre Höfe auf und vertrieb sie von ihren Äckern. Das ist der Grund gewesen, der gewisse religiöse Unterschiede, die im Grunde marginal sind innerhalb des Christentums, auflud mit sozialen Spannungen und einem Hass, der 150 Jahre später vielleicht gerade in diesen Tagen endlich sein Ende findet.

Die Briten, die gerade sich in die erste Reihe der Bekämpfer des Terrorismus drängen, haben in vielen Jahrzehnten den Terror vor ihrer eigenen Insel, im selben Sprachgebiet, innerhalb derselben Kultur nicht wirksam zu unterdrücken und zu bekämpfen vermocht. Wie also will man glauben, dass man mit militärischen Mitteln Terror bekämpfen könnte? Es wäre aber sehr einfach möglich gewesen, vor 150 Jahren Iren und Briten für immer zusammenzubinden.

Wir hören in diesen Tagen z. B., dass für 120 Milliarden Dollar ein Raketenschirm über die Vereinigten Staaten und beliebig viele sich assoziierende Länder ausgespannt werden soll. 120 Milliarden Dollar sind eine so unvorstellbare Summe, dass man damit vielerlei Leid in den Ländern der Dritten Welt nicht nur kurieren, sondern endgültig aus der Welt schaffen könnte. Wir richten den Raketenschirm ein z. B. gegen einen sogenannten Schurkenstaat wie Nordkorea. Allein die Wortwahl, die im Amerikanischen inzwischen üblich ist, nötigt zu Widerspruch. Nordkorea ist ein Staat, der nicht waffenstarrend uns im Westen bedroht, sondern der in den letzten 3 Jahren über eine Million Menschen durch Hungersnot verloren hat. Was wäre, wir würden von den 120 Milliarden Dollar nur ein weniges einmal einsetzen, um hungernden Menschen z. B. in Nordkorea wirklich zu helfen? Und wir täten das außerhalb von geostrategischen und geopolitischen Kalküls, es ginge uns vielleicht zum ersten Mal in dieser saumäßigen Politik der Macht und der Gewaltausübung wirklich um die Hilfe von Menschen, wir hätten Nordkorea von einem sog. Schurkenstaat in einen Freundesstaat in Zuverlässigkeit für lange Zeit verwandelt. Das ist ganz sicher. Ein Raketenschutzschild aber schützt uns in Wirklichkeit vor gar nichts. Das unter anderem zeigt das Grauen, das angerichtet wurde bei den Attentaten in New York und in Washington. Sicherheit werden wir nur finden, wenn wir lernen, miteinander zu leben, und dazu gäbe es viele Wege. Wir könnten mit dem riesigen Einsatz unserer Geldmittel und unseres Wissens z. B. tun, was auf jedem amerikanischen Flugzeugträger möglich ist: Meerwasser entsalzen. Sie fahren in den Ferien nach Helgoland und Sie werden merken, dass eine kleine Insel allein durch die osmotischen Verfahren, die wir von den Pflanzen abgeschaut haben, eine eigene Trinkwasserversorgung technisch sich gewährleisten kann. Mit anderen Worten: wir könnten aus der gesamten Sahara ein Paradies machen, wenn wir nur wollten. Wir könnten Not und Elend in den Ländern der Dritten Welt wirksam bekämpfen und damit einen Hauptprozess, der in die Verzweiflung und schließlich in die Gewalt führt, im Kern mildern oder sogar gänzlich beseitigen.

Dann kommt eine ganz andere politische Schicht mit in die Debatte, unter der wir bis heute so leiden, weil keiner der Regierenden einen tatsächlichen Ausweg dafür findet. Bei der UNO verankert ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Von wann aber ist ein Volk, in welcher Zahlengröße berechtigt, sich als ein eigener Staat zu etablieren? Diese Frage betrifft derzeit 17 Millionen Kurden, verteilt in drei Ländern darunter im Ostgebiet des NATO-Staates Türkei, einen unserer eigenen Befreundeten und Verbündeten. Sind 17 Millionen Kurden nicht ein eigenes Volk nach einer Kulturgeschichte von mehr als 3000 Jahren parallel zur Bibel? Hat eine kurdische Mutter nicht das Recht, ihr eigenes Kind in ihrer eigenen Sprache zu erziehen? Müssen wir uns weiter anhören nach türkischen Erklärungen, dass es Kurden eigentlich gar nicht gibt, sondern eigentlich nur Bergtürken in den wilden Gebirgen von Ostanatolien? Und müssen das alles hinnehmen vermeintlich im Kampf für Freiheit und Solidarität?

Was ist das mit den 2 1/2 Millionen Palästinensern, die nach vielen Jahrzehnten der Enteignung, der Vertreibung, der sozialen Diskriminierung sich anhören müssen, dass sie wie Läuse sind, die bei 12 anderen arabischen Staaten Unterschlupf suchen müssen, aber eigentlich nicht ein Recht haben auf dem heiligen Land zu leben, das Palästina heißt. Darin liegt eine der potenziellen Ursachen für Terrorismus weltweit bis heute, eine Gefahrenquelle erster Ordnung. Auch da fürchte ich, dass es Leute geben wird, die erklären, dies sei Anti-Judaismus, das ist es keinesfalls. Wer dem Staat Israel befreundet sein will, der muss suchen nach Wegen des Friedens, denn der Dauerkrieg ruiniert sie alle, und er korrumpiert sie vor allem menschlich. Was, frage ich, wird mit Achtzehnjährigen, die man 2 1/2 Jahre lang auf den Kasernenhofplätzen trainiert zum Töten und die plötzlich mit Hartgummigeschossen und mit Schlimmerem auf Achtjährige und Fünfzehnjährige Steine werfende palästinensische Kinder schießen müssen? Was passiert in ihrer Seele? Wie weit verroht allein der Militärdienst, der rundum die Welt für jeden Achtzehnjährigen mehr oder minder ausnahmslos zur Pflicht erhoben wird, jeden in seinem Denken und Gefühl durch die Gewaltbereitschaft, die man in seine Seele pflanzt? Konrad Lorenz hat vor vielen Jahren schon gesagt, der ganze militärtrainingsche, technische Dienst sei im Training einzig darauf ausgerichtet, die angeborenen Tötungshemmungen der Spezies des ‚homo sapiens' reflexartig herunterzufahren. Diese Verfahren sind heute so weit ausgefeilt, dass man visualisierte Tötungsszenen so realitätsnah simuliert, dass es kaum noch einen Unterschied im Erleben macht, ob man in die Computerwand hineinschießt oder auf wirklich lebendige Menschen. Das Töten wird zu etwas befohlenermaßen Harmlosen, Vaterländischen, Nützlichen, Polizeimäßigen, jedenfalls Unschuldigen zurückgegeben, und dies ist eine Perversion des Begriffs.

Es hat eine Inderin dieser Tage gesagt, wer immer noch erklärt, dass er mit Krieg Frieden machen kann, der kann genau so gut sagen, dass eine Katze ein Hund ist oder ein Schwein ein Pferd; wir lassen uns diese Lügerei nicht lebenslänglich mehr gefallen. Mit dem Krieg kommt man zum Krieg und nie zum Frieden.

Dann müssen wir lediglich vergleichen: Wir haben jetzt plötzlich kein Geld z. B. für das Krankenkassenwesen, wir haben kein Geld für die Sozialkassen, wir haben kein Geld für die Rentenkassen, wir haben kein Geld für die Arbeitslosen, wir haben Geld für genau gar nichts. Aber plötzlich haben wir 3 Milliarden für das Militär, und das wird nicht aufhören. Immer haben wir Geld zum Kriegführen.

3000 Millionen Mark kriegen wir nicht einfach vom Baum gezaubert, natürlich muss das alles wieder eingeholt werden. Und siehe: wir wollen es einholen von der Zigarettenindustrie. Also rauchen sich die einen den Krebs, damit die anderen Krieg führen können, und beide gehen sie vor die Hunde in demselben Irrsinn. Das soll uns eine derartige Politik, die am Ende von der Schädigung der eigenen Bürger, die unbezahlbar wird, die Toten bezahlen wird, die sie auf dem Felde der Ehre herbeizuführen trachtet.

Würden wir ein Weniges alleine aus den 50 Milliarden DM, die wir jedes Jahr für Rüstung ausgeben, einsetzen z. B. für Entwicklungshilfe in den Ländern der Dritten Welt, könnten wir dem Terrorismus ganz sicher an der Wurzel begegnen - ohne Frage wäre dies. Wir haben 1963 unter Adenauer in der Bundesrepublik versprochen, wir würden wenigstens 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe einsetzen. Das ist saumäßig wenig, vielleicht ein Sechstel von dem, was wir jedes Jahr für Reklame zum Abräumen eines völlig überfütterten und vollgestellten Marktes der Konsumgüter in die Schaufenster und an die Reklamewände hängen. Wir haben aber in den letzten 35 Jahren nicht einmal 0,4 % des Bruttosozialproduktes im Durchschnitt für Entwicklungshilfe frei gemacht. Und heute ist schon gar nicht mehr davon die Rede. Statt dessen sehen wir, wie das Elend zwischen Nord und Süd, zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern immer weiter auseinander treibt, alleine durch die Preisentwicklung für Fertigwaren und für Rohstoffe. Allein dieses Auseinanderdriften der Schere des Elends richtet natürlich immer neue Katastrophen ein, und dann müssen wir ganz simpel Herrn Schily fragen, was er sich als innere Sicherheit eigentlich vorstellt, wenn wir vor den Folgen des Elends, das wir selber anrichten, einen Gesetzeszaun errichten, der am Ende jeden für einen nicht berechtigen Asylanten erklärt, der vor den Folgen des blanken Hungers und der Drohung des Verhungerns sich aufmacht, irgendwo auf der Welt ein Land zu suchen, in dem er mindestens überleben kann. Wirtschaftsasylanten sind keine Asylanten, erklärt uns Herr Schily, und sie müssen abgeschoben werden - in Konkurrenz inzwischen zum Innenminister von Bayern, Herrn Beckstein. Die äußerste Linke und die äußerste Rechte geben sich inzwischen ihre Hände in dem gemeinsamen Pakt. Wie die Folgen aussehen, lässt sich international beobachten. Australier rücken gerade an, in Afghanistan den Terrorismus zu bekämpfen. Aber sie sind außerstande, ein paar hundert Leute in Seenot im Pazifik - Leute aus Afghanistan - in ihr weitgehend menschenleeres Gebiet zu lassen. Die 5000 Asylanten in Australien leben in Lagern, von denen unabhängige Beobachter erklären, diese Lager sehen nicht nur aus wie Konzentrationslager, sie sind Konzentrationslager, wenn nicht Schlimmeres. Das ist die Art inzwischen, wie wir mit Menschen umgehen, um in unseren Wohlstandsinseln uns zu verbarrikadieren. Eine Politik so kurzfristig und so kurzschlüssig wie der Limes-Bau der Römer im 2. Jahrhundert. Es ist nicht möglich, in einer Welt, die wir permanent aggressiv mit unserem Wirtschaftssystem zu globalisieren trachten, abzuschotten vor den Folgen genau dieses unseres Handelns. Wir können nicht weltweit auf die Suche gehen nach den billigsten Arbeitssklaven und den profitabelsten Absatzmärkten, ohne am Ende zu merken, dass der Globus rund ist und dass wir zusammenhängen in ein und derselben Welt. Das hieße Globalisierung: wir sind verantwortlich und solidarisch mit allen Menschen.

Dann kommt als Wurzel des Terrors zum dritten hinzu: die Suche nach Freiheit und Unabhängigkeit. Die gesamte Ablösephase der Kolonialreiche im 20. Jahrhundert ging einher mit dem Waten durch den Blutsumpf der Gewalt. Keine einzige Bewegung in den Ländern der Dritten Welt - so heute genannt - hat den Weg zu Eigenständigkeit erlangen können ohne Militanz terroristischer Sabotageakte gegen die sog. Kolonialländer. Furchtbare Taten, Verbrechen z. B. beim Mau-Mau-Aufstand der Kikuyus in den 40er und 50er Jahren in Kenia im Kampf gegen den britischen Kolonialismus, furchtbare Terror- und Sabotageakte der algerischen FFLN im Kampf gegen den französischen Kolonialismus, furchtbare Terror- und Sabotageakte in Vietnam über drei Jahrzehnte hin ... Das alles schien nötig, um dem Westen endlich beizubringen, dass er sich nicht gegen den Rest der Welt als ein Imperium eigener Rechte definieren kann. Außer dem wunderbaren Mahatma Gandhi gab es nicht eine einzige Freiheitsbewegung, die es vermocht hätte, Unabhängigkeit für ein eigenes Volk in einem eigenen Staat den Herrschenden freiwillig abzuringen. Weil das so ist, weil die Sprache der Gewalt scheinbar immer wieder die einzige ist, die man glaubt verstehen zu können, ist der Terrorismus die Ausflucht und die Missweisung der Verzweifelten.

Ich mache mir an dieser Stelle deswegen Aufforderungen zu eigen, die ernsthaft ergangen sind. Noam Chomsky z. B., dessen Gedanken über den Ursprung der menschlichen Sprache inzwischen in fast allen Linguistikbüchern zitiert werden, und der des Glaubens ist, dass wir Menschen im Grunde eine einzige Sprache reden, die lediglich ineinander transformierbar wäre, Noam Chomsky meinte allen Ernstes, dass man mit Terroristen reden müsse. Er war der Meinung, dass es keinen Terror gibt, in dem nicht - so pervertiert auch immer - zumindest subjektiv so etwas lebe wie der Anspruch auf ein unterdrücktes Recht. Das allerdings kann man mit Händen greifen. Kein geringerer als der Dalai Lama hat in diesen Tagen genau dies befürwortet. Er war übrigens der einzige, der zwei Tage nach dem Attentat in New York und in Washington erklärte auf CNN, dies jetzt sei eine große Chance für die Nicht-Gewalttätigkeit, ‚a big chance for non-violence'. Es ist ein Buddhist, der so redet, und wir könnten im Schatten einer christlichen Kirche in Paderborn erwarten, dass auch die Kirchen einmal sich engagieren würden mit genau diesem Tenor. Dass sie es nicht tun oder nur sehr zweideutig, so dass man es kaum hört, ist ein Übelstand des gesamten Christentums; am Ende sind wir wieder dabei, zu beten, dass - wenn schon Krieg ist - er kurz sein möge. Aber die Herren Bischöfe sollten von den Militärs lernen, was es heißt, dass ein Krieg kurz ist, auch das steht bei Clausewitz vor 200 Jahren: der kurze Krieg ist der beste Krieg, er muss aber grausam geführt werden und mit aller Entschlossenheit. Das ist, was Militärs unter einem kurzen Krieg verstehen. Und nun muss man den Blick richten auf das, was in Afghanistan geschieht. Jetzt erklären uns die Amerikaner, dass sie vielleicht gar keinen kurzen Krieg führen können. Das war vor drei Wochen noch anders. Da wollten sie draufhauen, und dann war's passiert. Jetzt hören wir, dass auch der Ramadan kein Grund sein wird, um Einhalt zu tun, wie es die Pakistanis und die muslimische Welt will. Jetzt hören wir sogar, dass der Anbruch des Winters vermutlich keinen Entschluss zu ‚cease fire' - zur Einstellung der Kampfhandlungen - bringen wird.

Stellen wir uns vor, dass nach unabhängigen Schätzungen etwa 1,5 - 2 Millionen Afghanen von dem 6-Millionen-Volk auf der Flucht vor amerikanischen Bomben sind. Stellen wir uns vor, dass in drei bis vier Wochen spätestens der afghanische Winter beginnen wird. Vielleicht lernt Herr George W. Bush mal aus der Geographie, was ein Kontinentalklima ist. Es besteht im Sommer darin, Temperaturen von 40 / 50° in der Wüste Afghanistans anzuheizen, im Winter aber Temperatursenkungen auf 10 bis 20° C unter dem Gefrierpunkt erwarten zu lassen. Was wird aus 2 Millionen Flüchtlingen mit ihren Frauen, ihren Kindern, mit ihren alten Leuten, die unversorgt womöglich ohne Nahrungsmittel, womöglich ohne irgendwelche Zelte überwintern sollen in einem Gebiet, das für Menschen im Grunde kaum vorgesehen ist als Überlebensraum? Das bedeutet es, ein gesamtes Volk derart umzuwühlen in der Jagd vermeintlich nach einem einzigen: ‚Osama Bin Laden' - der personifizierte Dämon. Was zum Teufel gibt denn George W. Bush das Recht, ein ganzes Volk zu zerschmettern für einen einzigen? Wäre dies z. B. eine vernünftige Politik, wenn wir in den 30er Jahren, um Al Capone in Chicago zu fangen, nachdem er die Unterwelt mit Schnellfeuerwaffen ausgestattet hatte, ganz Chicago zusammengeschlagen hätten? Wäre es eine vernünftige Politik, wenn z. B. die RAF Anfang der 70er Jahre in Deutschland nach ihrem Attentat auf die Kaserne in Kaiserslautern nicht ausgeliefert worden wäre an die USA, schon weil wir an ein Land, das die Todesstrafe kennt, überhaupt niemanden ausliefern dürfen, anschließend von den Amerikanern mit Krieg überzogen worden wäre? Ist eine Politik denkbar, die in solch ungleichgewichtiger Weise, um einen Schuldigen zu fangen, auf Unschuldige mit dem Prügel des Militärs einschlägt unerachtet dann sogar der Waffen wie man sie nennt.

Jetzt geben die Amerikaner zu, dass sie Splitterbomben eingesetzt haben. Der Begriff klingt simpel, aber es verbirgt sich dahinter eines der grausamsten Waffensysteme der konventionellen Kriegführung. Jean-Paul Sartre z. B. und Bertrand Russell haben 1968 die sog. Splitterbombe im Vietnamkrieg als menschenrechtswidrig geächtet und das mit vollem Recht. Sie besteht darin, mit schwarzem Napalm bei 1200° Menschen lebendig zu verbrennen. Durch die eigene Hitzeentwicklung frisst sich das Brennmaterial in den Körper hinein, das war konventionell in Vietnam. Aber es genügte nicht den Strategen im Pentagon, man brauchte Splittersysteme, die in der Entfernung von 400 Metern alles zerfetzen, was am Boden ist. Das ist konventioneller Krieg in den Händen des Pentagon heute; ‚antipersonal weapon' nennt man das. Es ist gerichtet nicht einmal gegen die Schutzräume, es zersplittert nicht z. B. die Schützengräben, es zerfetzt aber die Leiber lebender Menschen. Es ist schlimmer als jedes Dum-Dum-Geschoss. Mit dieser Art der Kriegsführung haben wir ganz routinemäßig ohne jeden Skrupel jetzt zu tun - ‚around the clock', wie Rumsfeld uns erklärt. Bei Tag und bei Nacht, 24 Stunden lang. Bombenterror, wenn Sie so wollen, gegen Menschen, die kaum wissen werden, wer in Amerika lebt und wer sie eigentlich angreift.

An dieser Stelle gilt es auch zu bezweifeln, ob wir überhaupt sichere Wege haben zu erkennen, wer hinter den Anschlägen in New York und Washington steckt. Es wird uns gesagt, es liegen Beweise vor, dass es Osama Bin Laden und seine Al Qaeda sei. Aber wenn es diese Beweise gibt, dann gehörten sie vor dem Forum der UNO ausgebreitet, dann gehörten sie vor ein entsprechendes UNO-Tribunal. Dann bräuchte es eines internationalen Schiedsgerichts, um zu befinden, was nun zu tun sei. Alles das passiert nicht, und es macht den Verdacht, dass es solche Beweise überhaupt nicht gibt - eine Situation, ähnlich wie in der Zeit des Kosovo-Krieges: da gab es plötzlich den Hufeisenplan, und der bestimmte uns Deutsche, zum ersten Mal Angriffe gegen Belgrad zu fliegen. Jeder Schafskopf weiß, dass es einen solchen Hufeisenplan nie gegeben hat. Herr Scharping verweigert seine Herausgabe aus Gründen der Sicherheit, aber - verdammt noch mal - zwei Jahre später gibt es keine Gründe der Sicherheit! Zumindest für die Historiker wäre es mal interessant zu wissen, wie die Lüge fabriziert wurde. Vielleicht ist es ja überhaupt nicht möglich, dass man aus Afghanistan heraus eine Logistik entwickelt, die zu solchem Terror taugt, vielleicht kam das ganze aus dem Jemen oder es kam aus dem Oman, oder es waren Drahtzieher des entlaufenen KGB beim Zusammenbruch der Sowjetunion beteiligt - das alles ist ja denkmöglich, es wird sogar von Sicherheitsexperten diskutiert. Eh man das alles nicht weiß, hat man kein Recht, ein ganzes Volk zu verwüsten und einen ganzen Staat auseinander zu nehmen - so viel steht zumindest fest. Und dann muss man es für einmalig und singulär erklären. Wenn George W. Bush den CIA und sein eigenes Militär auffordert, Osama Bin Laden zu ermorden - einen solchen Tötungsauftrag offiziell hat es noch nie gegeben. Was es gegeben hat, waren Undercover-Aktionen des CIA z. B. 1952 Mossadegh zu fangen, nachdem er die Erdölindustrie in Persien nationalisieren und verstaatlichen wollte gegen amerikanische Interessen. Die Folge war, dass man das Schah-Regime einrichtete mit der Terrorpolizei im Inneren auf amerikanisches Geheiß hin. Von Demokratisierung in Persien keine Rede - worüber wundern wir uns dann angesichts des Mullah-Regimes? Ende der 50er Jahre im Kongo wollte Lumumba eine Demokratie in Afrika errichten, und er war ein begnadeter Mann, der Millionen Menschen hinter sich versammelte. Aber Lumumba wurde ermordet, und so geht es Zug um Zug weiter: CIA-Mordversuche gegen Kubas Präsidenten Castro - selbstverständlich. Mit Erfolg im Falle Allendes; da war ein demokratischer Präsident in Chile, der für sein eigenes Volk die Kupferminen endlich in chilenische Hände bringen wollte, um faire Preise auf dem Weltmarkt zu diktieren. Das war Grund, ihn zu ermorden. Die ganze Sache war so übel, dass Jimmy Carter schließlich, ein moralischer Präsident nach dem Desaster des Vietnamkrieges, dem CIA die Mordmission entzog unter Befehl, es sollte keine amerikanische Tötungsaktion mit Regierungsbeteiligung und -genehmigung mehr geben. Für George W. Bush alles Makulatur! Wir hören jetzt allen Ernstes, dass wir im Kampf gegen das weltweite Unrecht die CIA mit der Mafia gemeinsam, mit den Killerkommandos der Mafia fusionieren müssen, um effizient zu morden. Ist denn Herrn Bush nicht deutlich, dass man auf diese Weise den Rechtsstaat selber abschafft, statt ihn zu schützen?

Wir müssen zusätzlich erleben, dass gerade gestern ein sog. Patriotengesetz erlassen wurde, nach dem es möglich wird, Ausländer sogar ohne Gerichtsbeschluss zu verhaften und über ˝ Jahr lang in den Knast zu stecken, begründet mit gar nichts, mit dem blanken Verdacht! Es ist also möglich, jemanden auf der Strasse zu schnappen, bloß weil ihm die Nase nicht gefällt oder weil irgendein Polizist an den Ohren irgendeines Afrikaners, eines Niggers, irgendetwas Beleidigendes findet, oder weil der Mann ausgespuckt hat, vielleicht sogar vor seine Füße. Aller Willkür ist heute Tür und Tor geöffnet.

Und wenn Herr Schröder schon erklärt, wir stehen geschlossen und unbedingt, unbedingt an der Seite der Vereinigten Staaten von Amerika, muss man unserem Kanzler sagen, dass es seit eh und je Grenzen dieser unverbrüchlichen Treue gibt, sie liegen in der Möglichkeit der Vereinigten Staaten, mit hoher Akzeptanz die Todesstrafe zu exekutieren und jetzt sogar zum politischen, außenpolitischen Instrument nach draußen zu tragen. Die Todesstrafe besteht genau darin zu erklären, dass es hier die Guten und die Richtigen gibt und dass sie ein Recht haben, über die anderen- die Bösen, die Unheilstiftenden - zu entscheiden, ob sie noch zum Kreis der Lebenden gehören oder nicht. Alle Ursachen, die Menschen böse machen könnten, spielen dabei keine Rolle. Sämtliche Selbstinfragestellungen werden eskamotiert. Im Staate Oklahoma haben wir alleine in diesem Jahr 16 ergangene Todesurteile, das bedeutet alle 2 ˝ Wochen zum Schauspiel für die sog. Guten eine Hinrichtung. Nur damit sie ihr absurdes Urteil, im Recht zu sein, unbedingt und absolut gegen andere ausüben können. Die Todesstrafe für Menschen sogar, die bei ihrer Straftat psychiatrisch krank waren, wie sich erkennen lässt. Für 18jährige, die nach 25 Jahren Aufenthalt in den Todeszellen ihr Leben längst geändert haben. Ich sage noch einmal: an einen Staat, der die Todesstrafe kennt, dürften die Deutschen nicht einmal Osama Bin Laden ausliefern, wenn Sie wüssten, dass er hinter den Terroranschlägen stünde und wenn sie wüssten, wo er irgendwo in Deutschland sich aufhielte. Es wäre nach dem Grundgesetz verboten. Da gibt es, Herr Schröder, eine Grenze der Mitbeteiligung an amerikanischer Art, zu denken, zu agieren und Recht zu formulieren. Nach unserer eigenen Tradition wird mit der Todesstrafe nicht Recht gesetzt, sondern nur Anmaßung geübt. Aber dann müssen wir feststellen, wie das erste Wort zur Begründung der zu erwartenden Aktion in Afghanistan lautete: unendliche Gerechtigkeit - ‚infinite justice'. Mussten das wirklich Muslime sein, die Herrn Bush erklärten: diese unglaubliche Arroganz und Anmaßung, sich an die Stelle zu setzen und mit dem Munde des Allerhöchsten Urteile über Menschen und ganze Völker ergehen zu lassen, steht uns nicht zu und ist in sich selber die Maßlosigkeit eines Denkens, das auf Menschen nicht losgelassen werden darf! Wir haben vor Augen beispielsweise, wie in der Zeit des sogenannten 2. Weltkriegs 1943 die sog. Operation Gomorrah über Hamburg hinging. Schon der Name war ein solches biblisches Strafgericht; über 30.000 Tote starben in einer Nacht im Feuersturm von Hamburg. Soll man den bibelkundig sich gebenden George W. Bush mal erinnern an eine Zeile aus dem Alten Testament; seine Lieblingsstelle scheint zu sein ‚Auge um Auge', aber dann muss man mit Mahatma Gandhi sagen, wenn dies das Prinzip des Handelns ist, wird die ganze Welt blind vor Hass und Revanchegedanken und immer neuem Grauen.

Es ist doch nicht möglich, eine Anweisung zur Eindämmung der Strafe ‚Willkür' in der Vendetta des alten Orients, eben des ‚ius talionis' der Todesstrafe 3000 Jahre später- im Atom- und Computerzeitalter völlig unhistorisch - immer noch zu zitieren und die Todesstrafe zu exekutieren und das Militär zu sanktionieren. Irgendwo ist doch eine biblische Berufung gegenfinal; man kann nicht den Muslimen vorwerfen, dass sie angeblich den Koran unhistorisch läsen und einen Präsidenten akzeptieren, der mit der Bibel ganz genauso verfährt. Umgekehrt: es gibt im Alten Testament eine ganze Menge Stellen zu Korrektur. Da wartet z. B. im Osten von Ninive ein Prophet darauf, dass Gott endlich das verfluchte Heidengebiet zermalmen möge durch sein Strafgericht. Aber am Ende dieses Buches wird Gott selber sagen zu seinem Propheten Jona: Ich sollte nicht Mitleid haben mit den 120.000 Menschen, die zwischen links und rechts nicht unterscheiden können und nicht mit all dem Vieh. Das ist es im Grunde, was wir heute Mittag wünschen: dass es zum ersten Mal vielleicht in dieser Geschichte so etwas gäbe wie Mitleid! Und es gäbe kein Militär mehr! Wir wissen zum ersten Mal, dass man zum Frieden nur kommen kann, indem man die Mittel des Friedens einsetzt. Und zur Ende wäre ein Gedanke, den schon Albert Camus 1952 in seinem Roman ‚Die Pest' formulierte und dann philosophisch reflektierte in ‚Der Mensch in der Revolte'; es sitzt heute die Unschuld, schreibt er, auf der Anklagebank und muss sich anhören, dass sie nicht genug gemordet hätte. Wir können nur sagen: solange es irgendeine Friedensbewegung gibt, die den Namen verdient, werden wir nicht schwarz für weiß malen, und wir werden uns nicht anhören, wie Herr Fischer uns beizubringen versucht, dass man im Kampf gegen Auschwitz und das Unrecht immer wieder nur neu Hiroshima, Dresden, Auschwitz und was sonst noch organisieren könnte. Man kann mit dem Bösen nicht das Böse besiegen. Das aber ist der wichtigste Satz im ganzen Neuen Testament, 12. Kapitel des Römerbriefs: ‚Mein ist die Rache, spricht der Herr', so heißt es da, und Paulus fordert genau dazu auf: das Böse zu besiegen durch das Gute.

Ich erlaube mir, hier zum Abschluss Ihnen etwas vorzulesen, das ich als Deutscher gar nicht das Recht hätte, so zu formulieren. Denn wenn ich es täte, wäre sofort deutlich, dass man auf mich und jeden anderen, der dem zustimmt, reagieren würde wie in diesen Tagen auf Noam Chomsky oder Susan Sonntag oder auf andere, die versuchen, ein Stück Nachdenklichkeit in diese unselige, blutige Geschichte hineinzubringen. Es ist möglich, dass ein einziger wie z. B. die Abgeordnete Lee, die singulär gegen die Kampfeinsätze jetzt in Afghanistan gestimmt hat, in der New York Post selber geächtet wird als unpatriotisch. Es ist inzwischen in Deutschland möglich, dass in Siegen beispielsweise ein Lehrer, der ein Friedensinstitut unterhält und die Schüler zur Diskussion einlud, von seinem Amt gejagt wird vom zugehörigen CDU-Bürgermeister wegen Störung des schulischen Friedens. Wir können nur sagen, wenn es den schulischen Frieden stört, gegen den Krieg zu sein, dann haben wir inzwischen eine Gleichschaltung des Erziehungssystems für militaristische Aufrüstung in den Seelen unserer Kinder. Herr Schröder und Herr Schily, was wird da aus der kommenden Generation und soll das denn so weitergehen?

Ich lese Ihnen vor den Text von Robert Bowman. Er ist heute Bischof der Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach in Florida, und er hat verdammt viel hinter sich, er hat im Vietnamkrieg 101 Kampfeingriffe im Helikopter geflogen. Der Mann weiss, wovon er redet, wenn er sagt ‚Krieg'. Robert Bowman, Bischof der Vereinigten Katholischen Kirchen in Florida schreibt folgendermaßen:

‚Wenn wir uns weiterhin über die wahren Hintergründe des Terrorismus täuschen lassen, wird er uns so lange weiter bedrohen, bis wir vernichtet werden. Die Wahrheit ist, dass keine unserer tausend Atomwaffen uns vor dieser Bedrohung schützen kann. Kein Star-War-System - ganz egal wie technisch hochentwickelt, ganz egal wie viele Milliarden Dollar hineingesteckt worden sind - kann uns vor einer Atomwaffe schützen, die in einem Segelboot oder in einer Cessna, in einem Koffer oder in einem Mietwagen ankommt. Nicht eine einzige Waffe in unserem riesigen Arsenal, nicht ein Cent der 270 Milliarden Dollar, die wir jährlich für sogenannte Verteidigung ausgeben, kann uns gegen eine Terroristenbombe schützen. Das ist eine militärische Tatsache.

Als Oberstleutnant im Ruhestand und jemand, der häufig Vorträge zum Thema nationale Sicherheit gibt, habe ich oft den Psalm 33 zitiert: "Wenn ein König in der Schlacht den Sieg erringt, dann verdankt er das nicht seiner großen Armee; und wenn ein Krieger heil davonkommt, dann liegt es nicht an seinen starken Muskeln." Die Frage ergibt sich: "Was können wir dann tun? Gibt es denn nichts, wodurch wir unseren Bürgern Sicherheit bieten können?"

Ja das gibt es! Aber um das zu begreifen, müssen wir die Wahrheit über die Bedrohung kennen. Als Präsident Clinton dem amerikanischen Volk erklärte, warum wir Afghanistan und den Sudan bombardierten, sagte er nicht die Wahrheit. Er sagte, wir wären das Ziel des Terrorismus, weil wir für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte stehen. Ich sage: Unsinn! Wir sind das Ziel der Terroristen, weil unsere Regierung fast weltweit für Diktatur, Sklaverei und Ausbeutung steht. Wir sind das Ziel der Terroristen, weil wir gehasst werden. Und wir werden gehasst, weil unsere Regierung hassenswerte Taten begangen hat. In wie vielen Ländern haben die Vertreter unserer Regierung Führer, die von der Bevölkerung gewählt waren, abgesetzt und durch Militärdiktatoren ausgetauscht, die nichts anderes als Marionetten und bereit waren, ihre eigenen Bürger an amerikanische Großkonzerne zu verkaufen?

In einem Land nach dem anderen hat unsere Regierung Demokratie vereitelt, Freiheit unterdrückt und ist auf den Menschenrechten herumgetrampelt. Deswegen wird sie rund um die Welt gehasst. Und deswegen sind wir das Ziel von Terroristen.

In Kanada genießen die Menschen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte; ebenso die Menschen in Norwegen und Schweden. Hast du schon mal von einer kanadischen Botschaft gehört, die bombardiert wurde? Oder von einer norwegischen oder schwedischen?

Wir werden nicht gehasst, weil wir Demokratie ausüben, Freiheit schätzen oder die Menschenrechte unterstützen. Wir werden gehasst, weil die amerikanische Regierung diese Dinge den Menschen in den Dritte-Welt-Ländern versagt, deren Rohstoffe von unseren Großkonzernen begehrt werden: Der Hass, den wir säen, ist zurückgekommen, um uns in der Form des Terrorismus zu bedrohen.

Sobald die Wahrheit erkannt ist, warum diese Bedrohung besteht, wird die Lösung klar: Wir müssen unsere Richtung ändern. Unsere Atomwaffen loszuwerden, gegebenenfalls einseitig, das wird unsere Sicherheit erhöhen, und eine drastische Änderung unserer Außenpolitik wird sie garantieren.

Anstatt Terroristen und Todesschwadronen auszubilden, sollten wir die Schule der Nation des Militärs schließen. Anstatt Aufstand, Zerrüttung, Mord und Terror weltweit zu unterstützen, sollten wir den CIA abschaffen und das Geld Hilfsorganisationen geben. Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von Bösem.

Wer würde versuchen, uns aufzuhalten?
Wer würde uns hassen?
Wer würde uns bombardieren wollen?
Das ist die Wahrheit, die die amerikanischen Bürger und die Welt hören müssen.


Zurück zur "Terrorismus-Seite"

Zu anderen Themen

Zurück zur Homepage