Berlin: Eltern gegen Bundeswehr an Schulen, 29.05.2010 (Friedensratschlag)
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"Man will unsere Kinder an Kriege gewöhnen"

In Berlin protestieren Eltern gegen Bundeswehr an Schulen. Ein Gespräch mit Bert Schilden *


Sie haben im Namen des Berliner Bezirkselternausschusses Friedrichshain-Kreuzberg zur Gründung einer Initiative gegen Einsätze der Bundeswehr an Schulen eingeladen. Was war der Anlaß dafür?

Die Bundeswehr baut ihre Präsenz an Schulen aus und versucht immer häufiger, Jugendliche vom Sinn weltweiter Militäreinsätze zu überzeugen. Das Militär schult Lehrer in Seminaren und stellt überarbeiteten Kollegen ganze Unterrichtseinheiten mundgerecht zubereitet zur Verfügung. Psychologisch und rhetorisch bestens geschulte Jugendoffiziere werden von Schulen zum Unterricht unserer Kinder eingeladen, und Wehrdienstberater machen ihnen eine angebliche Karriere beim Bund schmackhaft. An uns Eltern ging diese Form der politischen Bildung bislang vorbei. Wir haben davon erst durch die Aktionen am Berliner Schadow-Gymnasium erfahren, als Schüler gegen die Einladung eines Bundeswehrvertreters protestiert haben.

Welches Echo hat Ihre Einladung hervorgerufen?

Uns hat die Resonanz positiv überrascht. Es kamen ungefähr 30 Personen, darunter Eltern aus unterschiedlichen Bezirkselternausschüssen, aber ebenso interessierte Einzelpersonen. Auch Schüler, Studenten und Lehrer waren da, darunter solche, die schon organisiert sind, aber auch persönlich von Bundeswehreinsätzen Betroffene.

Waren sich alle einig, die Bundeswehr aus den Schulen rauszuhalten, oder gab es auch Befürworter der Bundeswehr?

Es wurden verschiedene Haltungen bei den Vertretern der Bezirkselternausschüsse deutlich. Einer forderte zum Beispiel die Garantie der Ausgewogenheit von Militär und Militärkritikern. Außerdem müßten reine Informationsveranstaltungen mit Jugend¬offizieren und die Werbung für Ausbildungsplätze bei der Armee getrennt werden. Anderen Vertretern erschien dies als ein Akzeptieren der Tatsache, daß das Militär direkten Einfluß auf die Kinder und Jugendlichen an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen nimmt.

Was haben Sie grundsätzlich gegen die Präsenz der Bundeswehr an Schulen einzuwenden?

Hier kann ich nur als Einzelperson antworten, da sich unsere Initiative gerade erst gründet. Daß Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) angesichts der breiten Kriegsablehnung in der Bevölkerung fordert, Soldaten mit Einsatzerfahrung an den Schulen zu verwenden, spricht ja für sich: Weil zu viele Eltern gegen den Afghanistan-Krieg sind, sollen die Kinder durch die Präsenz von Militär an Schulen an die gegenwärtige und zukünftige Normalität des Krieges gewöhnt werden. Und an den Irrglauben, daß Konflikte mit Krieg gelöst werden könnten.

Ich halte das für skandalös. Das widerspricht den jahrelangen Bemühungen, die Schüler vom Sinn der konstruktiven Konfliktbearbeitung in Antigewalt-, Streitschlichter- und Mediations-AG zu überzeugen. bedeutet ja immer den Versuch, das Gegenüber unter seinen eigenen Willen zu zwingen.

Was fordern Sie konkret, und was planen Sie weiter?

Unser Bezirkselternausschuß fordert ein Informationsrecht für Eltern und eine Garantie der Ausgewogenheit, zu der die Schule rechtlich verpflichtet ist. Die Arbeitsgruppe »Schule muß militärfreier Raum bleiben« hat sich mit dem Ziel der landes- und bundesweiten Vernetzung gegründet. Durch Bündelung der Aktivitäten von Eltern, Lehrern Schülern und Studenten wollen wir den politischen Druck erhöhen, damit sich das Militär wieder aus den Schulen zurückzieht. Ein Ziel wird sein, das Thema in jeder Gesamtelternvertretung der Berliner Schulen zur Diskussion zu bringen.

Der langjährige Widerstand gegen das Bombodrom in der Kyritzer Heide hat gezeigt, daß die Politik auch wichtige militärische Vorhaben aufgeben muß, wenn die Bevölkerung sich wehrt. Die Beeinflussung unserer Kinder ist ein wichtiges politisches und militärisches Vorhaben. Doch das dürfen wir als Eltern nicht zulassen. Darum laden wir nächste Woche zu einem zweiten Treffen der Initiative ein.

Interview: Frank Brendle

* Aus: junge Welt, 28. Mai 2010


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