10 Jahre Shanghai Cooperation Organization, 19.06.2006 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Öl ist nicht alles

In Chinas Hauptstadt wurde bei der Tagung der Shanghai Cooperation Organization über die wirtschaftliche Zukunft Zentralasiens verhandelt

Von Wolfgang Pomrehn*

Einige westliche Journalisten nennen es schon die östliche NATO, was sich da am Donnerstag und Freitag zum Gipfel in Peking traf. Die Staatschefs Rußlands, Chinas, Usbekistans, Kirgisiens, Kasachstans und Tadschikistans waren zur Jahrestagung der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit (SCO, Shanghai Cooperation Organization) zusammengekommen. Die beteiligten Politiker lehnen den Vergleich allerdings ab. »Vollkommen substanzlos« nannte ihn SCO-Generalsekretär Zhang Deguang. Die erst fünf Jahre alte Organisation suche mit keinem Land die Konfrontation, und ihr Ziel sei es nicht, einen Militärblock zu schaffen. Auf den ersten Blick könnten dem gemeinsame Manöver widersprechen, die in den letzten Jahren von den Mitgliedsländern abgehalten wurden. Doch die beinhalteten vor allem Übungen zur Bekämpfung von Aufständischen. Diese meist islamistisch inspirierten Kräfte und die Beilegung der zahlreichen Grenzstreitigkeiten waren seinerzeit die Motive, die zur Gründung der Organisation führten.

Indiens Sonderrolle

Heute kommen Aspekte wie die Bekämpfung des Drogenhandels, die Sicherung der Energieversorgung und die Handelspolitik hinzu. Letzteres wird durch die Aufnahme vier weiterer Staaten als Beobachter unterstrichen. Die Mongolei, der Iran und Pakistan waren ebenfalls durch ihre Präsidenten in Peking vertreten; Indien hatte seinen Minister für Erdölfragen geschickt und demonstrierte damit eine gewisse Reserviertheit. Eventuell hat man in Neu Delhi die USA nicht zu sehr verärgern wollen, die wegen der Einladung an den iranischen Präsidenten ungehalten waren. Doch andererseits ist der Posten des Ölministers im indischen Kabinett nicht gerade der unwichtigste. Das Riesenland ist dringend auf den Import von Erdöl und -gas angewiesen, um den Energiehunger seiner schnell wachsenden Volkswirtschaft zu stillen. Der indische Subkontinent verfügt kaum über eigene Lagerstätten fossiler Brennstoffe, sieht man von Steinkohlevorkommen ab. Bei den ölexportierenden Nachbarn in Zentralasien und im Iran einkaufen zu gehen, wäre die naheliegende Lösung.

Mit Teheran und Islamabad verhandelt man daher seit längerem über eine rund 2700 Kilometer lange Pipeline von den iranischen Gasfeldern über Pakistan nach Indien. In den USA sieht man das gar nicht gerne, doch trotz der engen Verbindungen Washingtons zu Islamabad und seiner jüngsten Avancen gegenüber Neu Delhi haben sich die ansonsten verfeindeten Nachbarn bisher nicht von diesem Vorhaben abbringen lassen. Pakistans Präsident Pervez Musharraf sprach am Mittwoch bei seiner Ankunft in der Volksrepublik sogar davon, er wolle auch China an die Pipeline anschließen, nannte jedoch keine Einzelheiten. Immerhin würde Musharrafs Vorhaben ganz neue Perspektiven für das komplizierte Dreiecksverhältnis der drei Regionalmächte eröffnen. China unterhält traditionell exzellente Beziehungen zu Pakistan, steht aber auch mit Indien seit neuestem auf gutem Fuße, indes ohne daß die alten Grenzstreitigkeiten bereits ausgeräumt wären. Der Handel zwischen den beiden asiatischen Giganten wächst derzeit im atemberaubenden Tempo, und mit Pakistan will die Volksrepublik noch in diesem Jahr ein Freihandelsabkommen abschließen. Auch mit Indien befindet sich ein entsprechender Pakt in Vorbereitung, und entsprechend käme es damit indirekt auch zu einer Annäherung der beiden Erzrivalen Indien und Pakistan. Eine Zusammenarbeit in West- und Zentralasien, für die die SCO den geeigneten Rahmen bietet, könnte zum weiteren Spannungsabbau führen.

Neue Pipeline-Pläne

Konkret müßte eine Gaspipeline, die China über Pakistan mit iranischem Erdgas versorgt, durch Kaschmir führen, das heißt, Voraussetzung wäre die Befriedung dieses ewigen Konfliktherdes. Es könnte also sein, daß Chinas wirtschaftlicher Aufstieg zum Katalysator für einen Friedensprozeß auf dem indischen Subkontinent wird.

Für China ist die SCO auch das Vehikel, seine Beziehungen zu den Ölförderstaaten in Zentralasien auszubauen. Erst kürzlich floß das erste Rohöl durch eine neue Pipeline über die chinesisch-kasachische Grenze. Mit der neuen Rohrleitung haben chinesische Unternehmen direkten Zugriff auf ihre im letzten Jahr erworbenen Felder in Zentralkasachstan. Etwas westlich von dort befindet sich eine weitere Pipeline im Bau, die China demnächst auch an die wesentlich ergiebigeren Vorkommen am Kaspischen Meer anschließen wird.

Aber Öl ist nicht alles. Die Volksrepublik hat auch ein erhebliches Interesse am Ausbau der Handelswege und fördert in Zentralasien den Bau eines Netzes von Fernstraßen. China hat bereits dafür gesorgt, daß das Straßennetz in seinen autonomen Grenzprovinzen Tibet und Xinjiang entsprechend modernisiert und ausgedehnt wurde. Demnächst soll auch weiter im Westen der erste Spatenstich für neue Asphaltpisten getan werden. Die Volksrepublik bot am Rande des SCO-Gipfels Kredite in Höhe von 60 Millionen Yuan (etwa sechs Millionen Euro) zu Vorzugsbedingungen für den Bau einer Verbindung zwischen Tadschikistan und Usbekistan an.

* Aus: junge Welt, 17. Juni 2006


Zurück zur "Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit" (SOZ)

Zur Asien-Seite

Zur Indien-Seite

Zurück zur Homepage