Brandstiftung: Zeugenbefragung im NSU-Prozess, 28.06.2013 (Friedensratschlag)
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Puzzleteile aus Zwickau

Zeugenbefragung im NSU-Prozeß konnte nicht klären, ob Angeklagte bei Brandstiftung in mutmaßlicher Terror-WG Tod von Handwerkern in Kauf nahm

Von Claudia Wangerin, München *

Beate Zschäpe wirkte gut gelaunt und grinste, als ihr früherer Hausverwalter am Mittwoch vor Gericht sagte, er wisse nicht, wie sie im Herbst 2011 ausgesehen habe. »Letztens waren in der Super Illu vier Fotos nebeneinander. Bei einem war ich mir sicher, bei den anderen nicht so sehr.«

Am 4. November 2011 soll die mutmaßliche Neonaziterroristin das Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße angezündet haben, um Beweismittel zu vernichten. Im Münchner Prozeß um die Mord- und Anschlagsserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) ging es am 16. Verhandlungstag um die Frage, ob sie damit den Tod von Handwerkern in Kauf nahm, die zu dieser Zeit mit Renovierungsarbeiten in einer Nachbarwohnung beauftragt waren. Zufällig machten sie gerade außerhalb des Gebäudes Pause, als das Feuer ausbrach.

Der Vorwurf der schweren Brandstiftung ist weit weniger strittig als die anderen Anklagevorwürfe gegen die 38jährige, die sich nun mit vier möglichen Terrorhelfern vor dem Oberlandesgericht München verantworten muß. Die Bundesanwaltschaft sieht sie als Mittäterin bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und mehreren Raubüberfällen, die sie gleichberechtigt mit ihren Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geplant haben soll. Sicher ist, daß sie 1998 mit ihnen untertauchte. Unter falschem Namen lebte sie mit ihnen in der komfortablen Zwickauer WG. Es gab ein Sportzimmer mit Laufband; ein weiterer Raum von 13 Quadratmetern wurde von Tatortermittlern »das Katzenzimmer« genannt, weil es in erster Linie mit Kratzbäumen möbliert war. Offizieller Wohnungsmieter war ein Mann namens Matthias Dienelt. Die Miete wurde jedoch unter verschiedenen Aliasnamen von Beate Zschäpe überwiesen. Am 28. September von »Lisa Dienelt für Matthias Dienelt«, am 25. Oktober von »Lisa Pohl«. Zuletzt betrug die Nettokaltmiete 500 Euro, hinzu kamen 240 Euro Betriebskosten.

Die Zeugenbefragungen des Hausverwalters und eines Handwerkers ergaben keine eindeutigen Hinweise darauf, ob Zschäpe erstens von den Renovierungsarbeiten wußte und zweitens mitbekam, daß die Handwerker gerade eine Pause einlegten. Die Arbeiter standen demnach nicht unter Zeitdruck, manchmal ruhten ihre Aktivitäten für mehrere Tage, von ihnen verursachte Geräusche muß Zschäpe nicht zwangsläufig registriert haben. Auch seien die Arbeiten den Mietern gegenüber nicht angekündigt worden, sagte der Hausverwalter auf Nachfrage.

Zschäpe will er nur einmal gesehen haben, als er wegen eines Schadens am Küchenboden in der Wohnung war. »Für mich war das damals eine Bekannte von Herrn Dienelt.« Nach eigenen Worten wußte der Hausverwalter nicht, daß drei Personen in der Wohnung lebten.

Auf Nachfrage war er alles andere als sicher, daß es sich bei der Frau, die er in der Küche traf, wirklich um Zschäpe handelte. Nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft wirkt die Angeklagte blasser als auf den Urlaubsfotos von der Ostsee. Ihr Haar ist heute länger als auf den Polizeifotos, die Ende 2011 aufgenommen wurden. Bei der Vorlage von Lichtbildern, die im Gerichtssaal auf eine Leinwand projiziert wurden, erklärte der Hausverwalter zu einem Polizeifoto der Angeklagten, so habe die Frau in der Küche nicht ausgesehen. Zu einem Bild von Susann Eminger, der Ehefrau des Mitangeklagten André Eminger, meinte der Zeuge hingegen: »Das könnte sie gewesen sein.« Susann Eminger wird als Fluchthelferin verdächtigt. Von ihr soll Zschäpe Kleidung zum Wechseln bekommen haben, nachdem sie den Brand gelegt hatte.

Ein 50jähriger Handwerker, der ebenfalls bei der Begegnung in der Küche dabei war, erklärte dagegen auf Nachfrage, er sei hundertprozentig sicher, daß »Frau Zschäpe« die Tür geöffnet habe. Er habe »eine hübsche Frau« in Erinnerung. An eine Begegnung mit ihr im Keller des Hauses konnte er sich nicht erinnern – obwohl er dem Hausverwalter nach dessen Worten erzählt hatte, »diese schwarzhaarige Frau« habe damals »ein Heidentheater gemacht«, weil er eine Blechtür öffnen wollte, die er nicht zuordnen konnte.

* Aus: junge welt, Donnerstag, 27. Juni 2013


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