NSU-Prozess: Beweisaufnahme im Mordfall Özüdogru, 26.06.2013 (Friedensratschlag)
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Der Tod des Schneiders

NSU-Prozeß: Beweisaufnahme begann mit Mordfall Özüdogru. Nebenkläger wollen Kontakte der Terroristen nach Kassel und Dortmund klären

Von Claudia Wangerin, München *

Der Nürnberger Mord an dem Änderungsschneider Abdurrahim Özüdogru am 13. Juni 2001 war am Montag Thema der Beweisaufnahme im Prozeß um die Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU). Ein Polizeibeamter namens Norbert Hahn gab als Zeuge vor dem Oberlandesgericht München tiefe Einblicke in sein Innenleben. Zur Fotografie des Toten, dem ins Gesicht und in die Schläfe geschossen worden war, fiel ihm zunächst ein, das Bild zeige eine »gewachsene Unordnung« in der Schneiderwerkstatt. Über eine dem Opfer nahestehende Frau sagte Hahn: »Das soll eine Freundin gewesen sein, die der Herr Özüdogru nach seiner Scheidung sich zugelegt hat.« Ob sich am Tatort auf den Fallrohren der Regenrinne ein Aufkleber der neonazistischen »Fränkischen Aktionsfront« befunden habe, konnte er nicht sagen. Nebenklageanwälte fragten deshalb nach Tatortfotos in höherer Auflösung. Einen wichtigen Hinweis lieferte Hahn allerdings: Der Mord sei in einer Gegend passiert, »die eigentlich nicht von zufälligen Passanten frequentiert wird«. Tatortfotos zeigten außerdem, daß die Schneiderei für flüchtige Passanten gar nicht als Geschäft eines Inhabers mit Migrationshintergrund erkennbar gewesen wäre. Ein deutschsprachiges Schild wies auf die Art der Dienstleistung hin, das Schaufenster war mit Kleiderständern zugestellt. Der Name Özüdogru soll nur handschriftlich an der Tür gestanden haben, auf den Fotos nicht lesbar. Das wirft erneut die Frage auf, ob lokale Unterstützer bei der Auswahl der Opfer halfen.

Die Aussage einer 70jährigen Zeugin stand emotional im Kontrast zu der des Polizisten: »Dieser Schneider war mein Nachbar und ein ganz, ganz lieber Mensch«, sagte die Frau, in deren Lottogeschäft Özüdogru seine Zeitungen gekauft hatte. »Wir haben uns immer gut unterhalten, und er war immer zu einem Späßle bereit.« Ein Verdächtiger, den sie später auf einem Phantombild wiedererkannte, kaufte bei ihr Zigaretten. Wie alt er etwa gewesen sei, konnte sie aber aus eigener Erinnerung nicht mehr sagen.

Das Phantombild basierte auf den Angaben einer anderen Nachbarin, die nach eigenen Worten die mutmaßlichen Täter weglaufen sah. Sie war sich aber nicht mehr sicher, wann sie die Schüsse gehört und das Opfer »da liegen sehen« hatte. Aus welchem Blickwinkel das von ihrer Wohnung aus überhaupt möglich war, blieb unklar. »Ich habe die Leiche da liegen sehen, ich schwöre Ihnen das«, antwortete sie auf die Frage eines Nebenklageanwalts. Mit den Verdächtigen habe sie auch eine schlanke Frau mit hellen, lockigen Haaren gesehen, konnte aber nicht sagen, in welcher Situation. Nebenklageanwalt Adnan Menderes Erdal meinte allerdings, die Frau sei beim Anblick der Angeklagten Beate Zschäpe nervös geworden. Die Zeugin bestritt einen Zusammenhang. Eine Kollegin Erdals hakte nach, ob sie Angst habe. Als die Frau das bejahte und zu schluchzen begann, unterbrach der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zunächst die Vernehmung.

Nebenklagevertreter wollen unterdessen auch die Verbindungen der Terroristen zur Neonaziszene in Dortmund und Kassel abklären. Laut Rechtsanwalt Thomas Bliwier, der die Familie des ermordeten Halit Yozgat vertritt, besuchten die mutmaßlichen Haupttäter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos am 18. März 2006 ein Konzert der Dortmunder Neonaziband »Oidoxie« in Kassel. Bliwier stellte am Montag einen Beweisantrag, in dem er die Vernehmung von vier Zeugen verlangte, die Mundlos und Böhnhardt in diesem Konzert getroffen haben sollen. Darunter auch der Brieffreund der Hauptangeklagten Zschäpe, die zur fraglichen Zeit mit den inzwischen toten Neonazis Mundlos und Böhnhardt im Untergrund lebte.

Durch den Briefkontakt zu Robin Schmiemann, der zur Zeit in Bielefeld eine Haftstrafe absitzt, habe »Frau Zschäpe, möglicherweise ungewollt, den Prozeß entscheidend vorangebracht«, sagte Bliwier. Daß sie den Empfänger vor seiner Inhaftierung nicht kannte – was sie in einem beschlagnahmten Brief auffällig hervorhob – nimmt ihr der Nebenklageanwalt nicht ab. Beim besagten Konzert hätten Mundlos und Böhnhardt auch Sebastian Seemann getroffen, der Mitglied einer Schutzgruppe für Neonazikonzerte und als V-Mann für den Verfassungsschutz tätig war. Bliwier beantragte auch dessen Ladung als Zeuge. Mit Benjamin Gärtner soll aber laut Bliwier und Kollegen noch ein weiterer V-Mann vor Gericht vernommen werden. Seemann und Gärtner hätten ihre jeweiligen V-Mann-Führer – für Kassel namentlich den ehemals Beschuldigten Andreas Temme – mit Informationen aus dem Kreis der Gruppierung »Sturm 18« versorgt. Deren Netzwerk habe während des Konzerts den Kontakt zwischen den »aus unterschiedlichen Regionen angereisten Anwesenden« hergestellt.

* Aus: junge Welt, Dienstag, 25. Juni 2013


Mordbilder in München

Im NSU-Prozess werden nun die einzelnen Taten verhandelt / Untersuchungsausschuss in Berlin vernimmt V-Mann-Führer **

Im NSU-Prozess zeigt das Gericht Tatortfotos und Bekennervideos. Beate Zschäpe schaut bei den Bildern der Opfer lieber weg.

Die grausame Realität der Mordanschläge hat den NSU-Prozess in München erreicht: Am Montag wurden im Gerichtssaal die Bekennervideos des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) vorgeführt. Zuvor hatte das Gericht bereits Bilder vom zweiten Mord der Rechtsterroristen in Nürnberg gezeigt. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe schien es zu vermeiden, auf die Leinwand zu schauen – die meiste Zeit starrte sie auf ihren Laptop.

Nach der tagelangen Befragung des Angeklagten Carsten S. hat das Gericht nun damit begonnen, die einzelnen Terroranschläge aufzuarbeiten. Dazu wurden am Vormittag zwei Polizeibeamte vernommen, die nach dem Mord an Abdurrahim Özüdogru im Jahr 2001 ermittelten. Fotos vom Tatort zeigten den 49-Jährigen, wie er mit zwei Kopfschüssen tot in seiner kleinen Änderungsschneiderei liegt.

Nachmittags wurden dann die zynischen Bekennervideos der Terroristen vorgeführt – das bekannte »Paulchen Panther«-Video und zwei Vorgängerversionen. Mit aggressiver Musik der Rechtsrock-Band »Noie Werte« unterlegt, zeigen die Terroristen darin Bilder ihrer Opfer, jeweils gefolgt von dem Namen mit dem Zusatz »... ist nun klar wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist«. Nach den Bildern der Morde ist Applaus zu hören. Die spätere Version zeigt Fotos der Anschläge, eingebettet in Sequenzen aus der Zeichentrickserie »Der rosarote Panther«. Dieses Video soll Beate Zschäpe an verschiedene Medien und Institutionen verschickt haben.

Die Bekennervideos sind ein wichtiges Beweismittel in dem Prozess. In der Anklage werden den NSU-Terroristen insgesamt zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge vorgeworfen, außerdem zahlreiche Banküberfälle. Zschäpe wird Mittäterschaft an allen Taten vorgeworfen.

Getarnt im Ausschuss

Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages ist am Montag erstmals ein Zeuge getarnt erschienen. Der frühere V-Mann-Führer des baden-württembergischen Verfassungsschutzes ließ sich von einer Maskenbildnerin verfremden und saß während seiner Befragung hinter einem Sichtschutz. Er wies zurück, dass ihm eine Informantin kurz nach dem Mord Hinweise auf einen Zusammenhang der Tat zur rechten Szene gegeben habe. »Das wäre eine so außerordentliche Sache gewesen, auf die ich sofort reagiert hätte«, sagte der Mann, der inzwischen im Ruhestand ist. Er habe aber »nicht mal ansatzweise« solche Informationen erhalten.

** Aus: neues deutschland, Dienstag, 25. Juni 2013


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