NSU: Feindbild Dönerbude, 07.06.2013 (Friedensratschlag)
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Feindbild Dönerbude

NSU-Prozess: Warum sich der Beschaffer der Mordwaffe in der Jenaer Neonazi-Szene "gut fühlte"

Von René Heilig, München *

Vor dem Oberlandesgericht München hat der Angeklagte Carsten Schultze am Mittwoch seine Aussage fortgesetzt. Der Helfer der NSU-Terrorbande wird der Beihilfe zu neunfachem Mord beschuldigt. Bislang hat er allenfalls den Mitangeklagten Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben belastet. Der sei für ihn »ein Freund« gewesen.

So lange Fotografen im Verhandlungssaal sein durften, schützte ihn eine Kapuze. So kennt ihn folglich die Öffentlichkeit. Bei seiner Vernehmung ist Carsten Schultze, geboren 1980, deckungslos und somit nur ein schmächtiger junger Mann. Blass, brav sitzt er hinter der Hauptangeklagten Beate Zschäpe.

Stimmt das Bild, das er vermittelt? Er ist der NSU-Helfer, der den konspirativen Telefonkontakt gehalten hat zu dem untergetauchten Neonazi-Trio. Er brach auf dessen Order mit Hilfe des Kameraden Jürgen Helbig in Zschäpes Wohnung ein, vernichtete Papiere und Akten. Er versuchte mit seinem Freund Ralf Wohlleben ein Motorrad für die in Chemnitz abgetauchten Kameraden zu stehlen. Und: Er besorgte die Ceska-Pistole, mit der neun Menschen hingerichtet wurden.

Nur in seltenen Fällen liegt die »Seele« eines Angeklagten vor Gericht offen wie ein Buch aus. Bei Schultze erkennt man neben dem Einband allenfalls die Kapitelüberschriften. Ja, er scheint auskunftswillig, erinnert sich jedoch nur selektiv, bestimmte Zeitabläufe kommen ihm »fremd« vor. Und was er sagt, lässt eine kritische Rückschau des heute 33-jährigen Sozialpädagogen vermissen.

Der Mann, der seit Jahren in einem Zeugenschutzprogramm aufgehoben wird, ist angeblich um die Jahrtausendwende aus der Neonazi-Szene ausgestiegen. Vor allem, weil er sich als Homosexueller da wahrlich nicht geborgen fühlen konnte. Der gelernte Autolackierer ging in den Westen, studierte an einer Düsseldorfer Fachhochschule, engagierte sich in mehreren schwul-lesbischen Initiativen, übernahm einen Job bei der Aids-Beratung. Er muss also täglich erlebt haben, wie wichtig Mitmenschlichkeit und Toleranz sind. Da ist es nahezu ausgeschlossen, dass er sich mit seinem »Andocken« bei rechtsextremen – und wie man heute weiß – terroristischen Strukturen so wenig auseinandergesetzt hat. Fragte er sich nie, was Böhnhardt, und Mundlos mit »seiner« Waffe getrieben haben? Damals dachte er sich angeblich »nichts Schlimmes, die drei »waren in Ordnung«. Heute schwant ihm, dass es »möglicherweise um Geldbeschaffung gegangen ist«.

Der Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Angeklagten hatte stellenweise skurrile Züge. Vor allem dann, wenn Richter Manfred Götzl versuchte zu ergründen, was die jungen Leute in der Neonazi-Szene von Jena zusammenführte. Götzl gab sich redlich Mühe, doch wie auch soll man als Richter in München begreifen, wie in den Nachwendejahren eine Dönerbude in Jena zum »Feindbild« werden konnte – und deshalb nächtens umstürzen musste. Der Angeklagte, war immer nur dabei, nie vorneweg. »Ich habe jedoch auch nie gebremst.«

Auch als sie zwei junge Leute in einer Holzbude zusammengeschlagen haben, weil einer von denen einen Kameraden »Nazi geschimpft hatte«. Schultze erinnert sich, dass er zweimal zugetreten hat. In der Zeitung habe er dann gelesen, dass die Opfer schwer verletzt wurden.

Er spielte gern beim »Cops running« mit. Provokation als Programm, denn: »Zu einen guten Abend gehörte eine Polizeikontrolle.«

Nur langsam ließ er sich gestern darauf ein, über Motive, vor allem politische, zu reden. Er sei hauptsächlich über die Musik an die Naziszene herangekommen. »Die Texte waren lustig.« Schultze bestellte die Infopost von NPD und JN. Mit deren Themen konnte er sich identifizieren.

Spärlich erinnerte er sich an Themen bei den Schulungs- und NPD-Kreisverbandstreffen. Es ging um »das Reich«, die »alten Grenzen« Deutschlands, es ging »gegen die multikulturelle Gesellschaft«, das »jüdische Finanzkapital, das uns beherrschte«. Bücher, die den Holocaust leugneten, habe es gegeben, doch er habe sie nicht gelesen. »Überhaupt habe ich kaum Bücher gelesen.«

Was Schultze so in die rechtsextremistische Szene gezogen hatte, wurde deutlicher, als er sagte, dass er »nun von Leuten gegrüßt wurde, die mich früher gemobbt hatten«. Schultze hat sich »stark gefühlt« und »Respekt« erfahren. »Da ging's mir gut«.

Um kurz vor 16 Uhr bat einer der Verteidiger darum, die Vernehmung zu unterbrechen. Sein Mandant sei erschöpft, könne sich nicht mehr konzentrieren. Zudem sei der zuständige Sachverständige nicht da. Der wird allerdings erst in der kommenden Woche verfügbar sein. Der Prozess geht aber am heutigen Donnerstag weiter.

* Aus: neues deutschland, Donnerstag, 6. Juni 2013


Erinnerungsschnipsel

NSU-Prozeß: Der mutmaßliche Terrorhelfer Carsten S. will nicht mehr wissen, was er über den Verwendungszweck der von ihm beschafften Pistole dachte

Von Claudia Wangerin, München **


Der Angeklagte Carsten S. weiß angeblich nicht mehr, ob und welche Gedanken er sich über den Verwendungszweck der Pistole gemacht hat, die er Ende 1999 oder Anfang 2000 den mutmaßlichen Haupttätern der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) übergab. Die Vernehmung des 33jährigen, der sich vor dem Oberlandesgericht München wegen Beihilfe zum Mord verantworten muß, wurde am Mittwoch fortgesetzt. »Hatten Sie da keine Bedenken, keine Befürchtungen?« fragte ihn der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Antwort: »Ich weiß es nicht.« Erst auf mehrfache Nachfrage erklärte der Angeklagte, er habe von den Geldnöten der drei untergetauchten Neonazis aus Jena gewußt und daher womöglich angenommen, daß es um Geldbeschaffungsaktionen ging. Konkrete Erinnerungen habe er aber nicht. Am Dienstag hatte S. – zur Tatzeit 19 oder 20 Jahre alt – noch von der Annahme gesprochen, »daß nichts Schlimmes passieren wird«. Seine Gedächtnislücken erwiesen sich insgesamt als beachtlich. Denn S. formulierte so, als müsse er seine Erinnerungen rekonstruieren wie eine geschredderte Akte. So sagte er etwa: »Ich werde diesen Auftrag bekommen haben, bin zum Herrn Wohlleben gegangen, und der hat das dann veranlaßt«.

Als Helfer für das untergetauchte Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hätten ihn der Mitangeklagte Ralf Wohlleben und der Jenaer Neonazi André Kapke angesprochen. Sie hätten gesagt, »daß sie das nicht machen können, weil sie überwacht werden«. Nichtsdestotrotz soll Wohlleben mit S. im Auftrag des Trios ein Motorrad gestohlen haben, das sich allerdings nicht – wie erhofft – mit einem Schraubenzieher starten ließ, nachdem beide das Schloß mit einem Bolzenschneider geöffnet hatten. Schließlich hätten sie es ein Stück weit geschoben und dann stehen lassen. Als sie wiederkamen, sei es nicht mehr da gewesen. Für die Kommunikation mit dem Trio seien Handys und anrufbare Münzfernsprecher benutzt worden. Rücksprache über die Wünsche der Untergetauchten habe er mit Wohlleben gehalten.

Der Schalldämpfer, der bei der späteren rassistischen Mordserie eine wichtige Rolle spielte, da die Opfer tagsüber aus nächster Nähe erschossen wurden, war nach Aussage von Carsten S. ursprünglich gar nicht bestellt. Das wisse er noch. Gewünscht hätten die Untergetauchten nur eine Handfeuerwaffe mit Munition, »möglichst deutsches Fabrikat«. Er habe Rücksprache mit dem Mitangeklagten Ralf Wohlleben gehalten, als der Kontaktmann im Szeneladen »Madley« nur eine Ceska 83 mit Schalldämpfer anbieten konnte. Von Wohlleben habe er »das Okay« und das Geld zum Bezahlen der Waffe erhalten. Er habe aber noch das Bild vor Augen, »daß der Wohlleben den Schalldämpfer draufschraubt und dabei Lederhandschuhe an hat«. Er gehe aber davon aus, daß die Waffe bis zur Übergabe an Mundlos und Böhnhardt nicht bei Wohlleben, sondern bei ihm selbst verblieben sei.

Sollten die Aussagen von Carsten S. am Dienstag nachmittag zutreffen, dann hatte der NSU in seinen Frühzeiten so dilettantische Helfer, daß es an ein Wunder grenzt, daß er nicht schon damals aufflog. Als S. Mundlos und Böhnhardt in Chemnitz traf, um ihnen eine Pistole vom Typ Ceska 83 mit Munition und Schalldämpfer zu übergeben, trug er nach eigener Aussage einen Pullover mit dem Kürzel ACAB. »Das steht in der Szene für ›All Cops are Bastards‹. Ich hatte eine weiße Hose an und hatte gedacht, der Pullover paßt gut dazu.« Als ihn »die beiden Uwes« am Bahnhof abholten, hätten sie ihn erst einmal angewiesen, das Kleidungsstück auszuziehen. Die Blauäugigkeit des Angeklagten zur Tatzeit paßt wiederum zu dessen Antworten, die auf die Nachfrage des Richters erfolgten, was S. über den Verwendungszweck der Waffe gedacht und ob er nachgefragt habe.

Die Hauptbeschuldigte Beate Zschäpe soll bei der Übergabe der Ceska 83 allerdings nicht dabei gewesen sein. Ihr Mitangeklagter Carsten S. meint sich jedoch zu erinnern, daß sie am selben Tag eine von ihm überbrachte Vollmacht, die vorher von einem Anwalt aus der Neonaziszene ausgestellt worden sei, unterschrieben habe, als er sie mit Mundlos und Böhnhardt in einem Restaurant in der Nähe des Bahnhofs von Chemnitz traf.

** Aus: junge Welt, Donnerstag, 6. Juni 2013


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