US-Raketenabwehr besteht einen Test, 25.06.2014 (Friedensratschlag)
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Die Sternenkrieger atmen auf

Zum ersten Mal seit sechs Jahren besteht die umstrittene US-Raketenabwehr einen Test – doch die Zweifel bleiben

Von Olaf Standke *

Die USA haben einen erfolgreichen Test ihres Raketenabwehrsystems GMD vermeldet – er könnte das umstrittene Programm retten.

Abgefeuert wurde die Abwehrrakete vom Typ EKV CE-II (Exoatmospheric Kill Vehicle Capability Enhancement) am Sonntag (Ortszeit) vom US-Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien. Über dem Pazifik dann traf sie ein von der Militärbasis auf den Marshall-Inseln aus gestartetes Testgeschoss, wie das Pentagon am Montag mitteilte. Geortet worden sei die simulierte Mittelstreckenrakete von einem Zerstörer, der mit dem Warn- und Feuerleitsystem Aegis ausgerüstet ist. Anschließend sprach Raketenabwehr-Chef James Syring von einem »sehr wichtigen Schritt«.

Kein Wunder, waren doch fünf von acht Versuchen des bodengestützten Abwehrsystems seit dem Start der Ground-based Midcourse Defense (GMD) vor einem Jahrzehnt unter Präsident George W. Bush fehlgeschlagen. Er hatte die Installation angeordnet, um die USA gegen eine militärische Bedrohung durch Nordkorea zu wappnen – damals wie noch immer eine Schimäre. Hinzu kommt, dass das teure System des Rüstungsriesen Boeing in den vergangenen sechs Jahren im Test stets versagte; auch die beiden bisherigen Versuche mit der EKV CE-II im Jahr 2010 waren erfolglos. Pentagon-Beschaffungschef Frank Kendall machte nach ausführlichen Untersuchungen sehr viel »bad engineering« aus.

Wenige Tage vor dem jüngsten Raketenstart hatte Vizeadmiral Syring, der das Programm seit 2012 befehligt, sogar vor weitreichenden Folgen im Falle einer erneuten Pleite gewarnt. Dann müsse man die geplante Stationierung weiterer 14 Abwehrraketen überdenken. Bisher sind in den Bundesstaaten Kalifornien und Alaska 30 installiert. Dabei steht viel Geld auf dem Spiel. Beim Vertrag zwischen Pentagon und Boeing geht es um 3,48 Milliarden Dollar (2,56 Mrd. Euro). Der Konzern hat an dem Programm bislang über 18 Milliarden Dollar verdient. Das gesamte GMD-Projekt hat ein Finanzierungsvolumen von 41 Milliarden Dollar.

Verteidigungsministerium, Kongressabgeordnete und Sicherheitsexperten waren sich dabei einig, dass dieses Programm auch im Falle eines erfolgreichen Tests dringend überarbeite werden müsse – und das bedeutet noch mehr Geld. Denn im Gespräch sollen zusätzliche finanzielle Mittel sein, um die Abfangraketen verlässlicher zu machen, auch durch zusätzliche Tests. Zudem soll die Fähigkeit der Raketenabwehr verbessert werden, zwischen anfliegenden Sprengköpfen und Attrappen zu unterscheiden. Vor zehn Jahren sei man im Pentagon noch davon ausgegangen, dass zur Liquidierung eines Raketensprengkopfes in der Regel ein bis drei Abwehrraketen erforderlich sein würden, so der russische Militärexperte Viktor Litowkin. Inzwischen wisse man, dass es vier bis fünf sein könnten. Und werde mit »Scheinzielen« gearbeitet, sinke die Effektivität des Systems noch weiter.

Immer wieder haben in den vergangenen Jahren Fachleute in den USA davor gewarnt, dass der Abwehrschild im Ernstfall viel zu fragil sei. So kamen auch Wissenschaftler der National Academies 2012 in einem umfangreichen Report zu dem Schluss, dass das System zwar durchaus früh eingreife, aber deutliche technische Mängel habe und nur sehr begrenzt in der Lage sei, die USA vor Raketenangriffen aus dem Ausland zu schützen. Notwendig seien bessere Abfangraketen und Frühwarn-Radarsysteme mit modernerer Technologie. Der Umsetzung hochfliegender Star-Wars-Träume, die schon in der Reagan-Ära geboren wurden, erteilten sie eine nachdrückliche Absage. Für Abwehrsysteme im All seien Hunderte von Satelliten erforderlich, mit geschätzten Kosten für einen veranschlagten 20-jährigen Installierungszeitraum von sage und schreibe 500 Milliarden Dollar.

Auch wenn andere Kritiker in den USA selbst daran zweifeln, dass die bisher entwickelten boden- und seegestützten Systeme funktionieren würden, haben diese trotzdem erhebliche politische Sprengkraft. Denn als Teile eines geplanten NATO-Raketenschilds werden sie in Moskau mit größtem Argwohn gesehen. Der vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise bekräftigte Wunsch einiger europäischer Paktstaaten wie Polen oder Rumänien, so schnell wie möglich auf ihrem Territorium US-amerikanische Abwehrraketen zu stationieren, so Moskaus Vizeverteidigungsminister Anatoli Antonow, stärke die eigene Befürchtung, dass der Westen vor allem konsequent auf die Neutralisierung der russischen Abschreckungskräfte hinarbeitet. Man werde auf diese Pläne adäquat reagieren, würden sie doch die strategische Sicherheit untergraben.

* Aus: neues deutschland, Dienstag 24. Juni 2014


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