Ellen Diederich über Petra Kelly, 27.08.2006 (Friedensratschlag)
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Petra Kelly - mutig, zäh, subversiv und zärtlich

Visionärin für eine andere Welt

Am 18. August 2006 wurde in Bonn eine Straße nach Petra Kelly benannt. Die Laudatio hielt Renate Künast, Vertreterin einer Generation von Grünen, "die mit den Zielen von Petra Kelly so gut wie nichts mehr zu tun hat", wie Ellen Diederich kritisch anmerkt. In ihrer biografischen Beschreibung von Petra Kelly kam das Wort "Frieden" nicht einmal vor. Trotzdem freut sich auch Ellen Diederich über die Entscheidung der Stadt Bonn. Es war die Stadt, in der Petra Kelly gearbeitet hat. Hier wurde sie auch, unter ungeklärten Umständen, am 1. Oktober 1992 ermordet.
Die folgenden biografischen Notizen über Petra Kelly hat uns Ellen Diederich, Leiterin des INTERNATIONALEN FRAUENFRIEDENSARCHIVs FASIA JANSEN e.V., zur Verfügung gestellt. Der Text basiert auf einem Vortrag aus einem Seminar, das zum 10. Jahrestag des Todes von Petra Kelly, also vor drei Jahren, stattfand.



Von Ellen Diederich

„Lebe, als müßtest du heute sterben; stirb, als ob du unsterblich wärst“, heißt ein wichtiger Gedanke aus dem tibetischen Totenbuch, er wird zu ihrem Lebensmotto.

Und so ist immer die wichtigste Stunde die gegenwärtige und der wichtigste Mensch ist immer der, der uns gerade gegenübersteht, und die wichtigste Tat bleibt eigentlich immer die Liebe. Auch die Liebe, die Zärtlichkeit und die Barmherzigkeit in der Politik.“

Anfang Oktober habe ich in einem Seminar über Globalisierung, Krieg, Rolle der Frauen, Widerstand referiert. Das Seminar fand am 10. Todestag von Petra Kelly statt. Ich sagte zu Beginn meines Vortrages, daß ich ihn Petra Kelly widmen möchte. Einige der jüngeren Frauen schauten mich verständnislos an. Petra Kelly ist ihnen bereits kein Begriff mehr. Umso wichtiger finde ich diese Veranstaltung heute hier.

Am 1. Oktober 1992 wird Petra Kelly in ihrem Haus in Bonn in der durch ihren Lebensgefährten Gert Bastian mit einer Derringer Pistole erschossen. Anschließend erschießt er sich selber.
Erst knapp drei Wochen nach dieser Tat werden die Toten entdeckt. Die Grünen, die Friedensbewegung, die Ökologiebewegung, die Menschenrechtsbewegungen, alle sind schockiert über den Mord und den Selbstmord, aber auch darüber, daß die beiden Menschen, die so populär waren, unentdeckt mehrere Wochen tot in ihrem Haus liegen können, ohne daß sie gefunden werden. Keiner mag an Mord durch Bastian und anschließenden Selbstmord glauben. Vermutungen darüber, wer beide getötet haben könnten, gehen vom chinesischen Geheimdienst, weil Petra Kelly sich intensiv und sehr wirkungsvoll gegen die Menschenrechtsverletzungen durch chinesische Militärs und Polizei in Tibet eingesetzt hat, weitere Vermutungen sprechen von Auftragsmorden durch die Atomlobby, vielfältige Spekulationen wuchern.

In einem Interview, das Gert Bastian im März 1982 dem Playboy gibt, sagt er auf die Frage, ob er private Waffen besitzt: "Ja, ich habe Pistolen und einen schweren amerikanischen Revolver. Petra Kelly und ich haben allerdings völlig gegensätzliche Auffassungen über den Nutzen von Waffen. Ich halte Waffen für nützlich zur Abwehr von Gewalt und Unrecht. Petra Kelly schauert schon, wenn sie ein Pistole sieht." (Schwarzer, Eine tödliche Liebe, S. 18)

Die Beziehung zu Gert Bastian bedeutet für Petra Kelly lange Jahre Halt.

In einem Gespräch sagt sie auf die Frage: Welchen Platz kann die Liebe zu einem Mann in einem Leben haben, das so besetzt ist von dem Wunsch, die Welt gerechter zu machen. Ein Leben aus Koffern, ein Leben, in dem der Schnitt 12–16 Stunden Arbeit pro Tag ist? Was fällt diesem Engagement zum Opfer?

„Na ja, Privatleben hatte ich bisher eigentlich nicht. Gert Bastian, mein Seelengefährte, ist mir sehr nahe. Ohne seine solidarische, liebevolle Unterstützung hätte ich das Engagement der letzten Jahre nicht durchgehalten. Es ist eine sehr politische und persönlich tiefe Freundschaft. Ich fühle mich mit Gert in einer Symbiose. Ohne diese Dimension hätte ich die Wahnwelt von Bonn nicht überleben können Gert ist seit vierzig Jahren verheiratet, und das begrenzt die Freundschaft natürlich in einem gewissen Maße, aber umgekehrt lernt man dabei Toleranz und wird zu mehr Liebe fähig, obwohl man auch darunter leidet. Jemand liebe soll auch heißen, nicht die zu zerstören, die der andere ins Herz geschlossen hat. Achtung und Respekt vor dem anderen und seinen Gefühlen sind Teil der umfassenden Liebe.
Ich möchte jedenfalls niemanden besitzen, obwohl das sehr schwer ist. Liebe wird oft Besitz und das tötet die Liebe. Ich sehe das wie Alexandra Kollontai: Miteinander solidarisch sein ist das eigentlich Wichtige. Männer und Frauen, die sich lieben, sollen zuallererst die besten Freunde sein. Die Solidarität und die Achtung, die ich mit Gert erlebe, ist für mich praktizierte Liebe. In vielen Liebesbeziehungen kommt das leider allzu selten vor."


"Petra Kellys Charisma bestand darin, daß sie uneingeschränkt and die Richtigkeit ihrer Überzeugungen glaubte, daß sie angefüllt war mit einem flammenden humanistischen und ökologischen Idealismus und daß sie unbedingte Gefolgschaft verlangte. Dadurch wurde sie in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Wandel sich zu beschleunigen begann und in der die großen und lebensbedrohlichen Menschheitsprobleme, die Zerstörung der Umwelt und die gigantische Hochrüstung ins Bewußtsein sehr vieler Menschen traten und sie zutiefst verunsicherten, zum Leuchtfeuer."
Mit dem Tod von Petra Kelly verliert die Grüne Partei ihr Charisma, kommentiert ihr Weggefährte Wolf-Dieter Hasenclever. (Lebe, als müßtest du heute sterben, S. 226)


Wie ist der Lauf des Lebens der Petra Kelly? Was war das Grüne Projekt für sie?

Wenn die meisten von uns heute an die Grünen denken, überfällt uns blankes Entsetzen, Unverständnis, Wut. Blankes Entsetzen, wenn wir uns die Ziel vergegenwärtigen, mit denen die Grünen mal angetreten sind, Unverständnis darüber, daß Menschen wie Joseph Fischer, Angelika Beer, Claudia Roth und viele viele andere sich bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, Wut über verratene Ziele und Visionen, Wut über die Beteiligung der Grünen an Entscheidungen von Militäreinsätzen, an der Verdoppelung der Rüstungsexporte unter Rot-Grün, an die Preisgabe sozialer, ökologischer, Frauen- und friedenspolitischer Forderungen, deretwegen die Grünen mal angetreten sind und wofür viele von uns sie mal gewählt haben.

Dieser Prozeß der Veränderung bei den Grünen – ausgedrückt in einem Statement der Realos: „Visionen haben auf der Regierungsbank nichts verloren“, war ein langer. In diesem Prozeß ist Petra Kelly, die bekannteste Grüne der Welt, Stück für Stück an die Seite gedrängt und isoliert worden.

Als ich mich für heute vorbereitet habe, habe ich noch einmal einige ihrer Reden aus dem Bundestag gelesen. Ihre erste Rede hält sie im Mai 1983. Sie beginnt mit den Worten: "Daß die Dinge geschehen, ist nichts, daß sie gewußt werden, ist alles."
Sie redet die Abgeordneten nicht mit Meine Damen und Herren an, sondern mit Liebe Freundinnen und Freunde! Sie zitiert als erstes ihr großes Vorbild Rosa Luxemburg, von der sie ein überlebensgroßes Foto im Büro ihrer Brüsseler Wohnung hängen hat: "Für ein sozialistisches Deutschland" steht unter dem Plakat. Das Zitat heißt: "Rosa Luxemburg erklärte im September 1913 auf einer politischen Veranstaltung: Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffe gegen unsere französischen Brüder zu erheben, dann rufen wir: Nein, das tun wir nicht!" Dieser Humanismus kam einem Hochverrat gleich: Der Richter verurteilte die Angeklagte Luxemburg zu einem Jahr Gefängnis.
"Ich spreche in diesem Hohen Haus der vielen Männer und wenigen Frauen, weil die Menschen aus der Friedens- und Ökologiebewegung, für die ich hier spreche, in dieser Tradition der Gewaltfreiheit stehen." (Lebe, als müßtest du heute sterben, Texte und Interviews, S. 47)

So setzt sie im ersten Satz ihrer Rede einen ihrer lebenslangen Schwerpunkte als Prämisse grüner Arbeit im Bundestag: Die Gewaltfreiheit. In dieser Rede wird sie 18 mal durch Abgeordnete der CDU/CSU Fraktion unterbrochen.

Als ich die Rede weiter las, bekam ich langsam eine Gänsehaut. Alles, was Petra Kelly aufzählt: Waffenexporte an Militärdiktaturen, an die Türkei, was sie zur NATO und Dritte Welt-Politik sagt, zu gewaltfreiem Widerstand, sind genau die Dinge, die wir aus der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung heute der Grünen Fraktion im Bundestag in genau der gleichen Weise vorhalten würden, wären wir im Bundestag vertreten.
"Wir verurteilen jede Art der interventionistischen Politik, wir setzen uns für das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein, sei es in Afghanistan, seien es die Kurden in der Türkei oder sei es in Nicaragua."
Sie kündigt gewaltfreie Aktionen gegen Atompolitik, gegen Rüstungsexporte an und Gehorsamsverweigerung auf vielen Ebenen. Und sie bezieht sich und die anderen Abgeordneten der Grünen ein: "Wir als die Grünen im Bundestag werden dabei nicht weniger riskieren als unsere Verbündeten in der außerparlamentarischen Opposition". (S. 49)

Radikal deckt sie in den folgenden Jahren Skandale auf wie die Lieferung deutscher Industrieller zur Produktion von Chemiewaffen in den Irak. Sie deckt auf, daß zwischen 1982 und 1986 Waffen, Munition und Rüstungsgüter für 334 Millionen DM in den Irak mit Wissen und Zustimmung der Bundesregierung geliefert worden sind. Mit diesen Waffen war das irakische Militär in der Lage, die Giftgaseinsätze gegenüber iranischen Soldaten während des Iran-Irak Krieges und gegenüber der irakischen kurdischen Bevölkerung einzusetzen.
Darüber hinaus gab es viele Ko-Produktionen deutscher Firmen mit ausländischen Unternehmen, über die ebenfalls weitere Waffen und Grundstoffe geliefert wurden. So wurden auch die technischen Geräte geliefert, mit denen das irakische Regime die Reichweite der sowjetischen Scud Raketen bis auf Ziele in Israel steuern konnte.

Sie griff die Scheckbuchpolitik der Bundesregierung Israel gegenüber an, die, anstatt die Lieferungen an den Irak einzustellen und sich bei Israel zu entschuldigen, hastige Wiedergutmachungs-Waffen und Auslieferungen an Israel hinterherschickte.
Die Bundesregierung kann nicht länger vertuschen, daß die militärische Unterstützung des Irak auch ihr Projekt gewesen ist und nur mit ihrem Wissen und ihrer Duldung so erfolgreich hat geschehen können. Sowohl der alerte Nahost Lobbyist Möllemann als auch der Bundesaußenminister Genscher erklärten öfffentlich, daß es seit 1961 keine Waffenexporte aus der BRD in den Irak gegeben habe. Es besteht leider kein Zweifel, sowohl die Wirtschaftsführer als auch unsere jeweiligen Koalitionspolitiker wußten genau, welch schwunghaften Handel deutsche Firmen mit dem Irak getrieben haben.
Sie forderte den Rücktritt der Bundesregierung:
"Nicht wer für den Frieden am Golf demonstriert, schädigt das deutsche Ansehen, wie Herr Kohl besorgt zu befürchten vorgibt. Der Bundeskanzler selbst und seine unverantwortlichen Minister haben das gründlich besorgt, als sie die Aufrüstung des Irak durch deutsche Firmen zuließen, ja förderten und mit der Verbesserung der irakischen ‚Fähigkeit, Krieg zu führen und auch Israel zu bedrohen, den zerbrechlichen Frieden im Nahen Osten noch unsicherer machten. Ein derartiges Versagen zum Nachteil anderer Länder und der eigenen Nation muß, wie in jeder anderen Demokratie, auch bei uns zum Rücktritt der Regierung führen." (S. 60)

Lebensstationen

Petra Kelly wird am 29. November 1947 in Bayern geboren.

1958 heiratet ihre Mutter einen Offizier der in Deutschland stationierten US-Armee, John Kelly. 1959 wird ihre Schwester Grace Patricia Kelly geboren.
Im Dezember 1959 geht die Familie in die USA, der Stiefvater wird in Fort Benning, Georgia stationiert. Diese Einrichtung der US Army wird in den Jahren darauf zur berüchtigtsten Einrichtung der US Kriegskräfte. Hier sind bis heute etwa 100.000 Männer aus Lateinamerika systematisch zum Töten und zum Foltern ausgebildet worden. „The School of the Americas“ Die Mörderschule, Diese Männer aus Lateinamerika sind die Anführer der Contrabewegungen gegen die Befreiungsbewegungen. Unter ihnen sind Roberto D’Aubuisson, Anführer der Todesschwadronen in El Salvador, der Mörder Oscar Romeros und viele andere. Heute werden vor allem Kolumbianer ausgebildet, der nächste Kriegsschauplatz auf dem Kontinent.

Petra Kelly absolviert alle Schulen mit Bravour.
1967 erkrankt ihre Schwester Grace an Krebs, sie stirbt nach einem dreijährigen Leidensweg an dieser Krankheit.

Petra Kelly hat in dieser Erfahrung wohl die tiefste Motivation ihres lebenslangen Kampfes gegen die Gefahren des atomaren Zeitalters. Wie besessen kniet sie sich in die Erforschung aller Bereiche der militärischen und zivilen Nutzung des Atoms. Sie eignet sich ein ungeheuer großes Wissen an. Sie reist um die ganze Welt zu den Aboriginies nach Australien, in den Südpazifik, wo die Franzosen die Atombombentests machen, in indianische Reservate, wo Uran abgebaut wird und wo der Atommüll hinkommt. Sie beteiligt sich an internationalen Hearings gegen Atom und an unzähligen Blockadeaktionen vor Atomwaffensilos, Atomtestgebieten, Atomkraftwerken und Orten wie Gorleben, die als Mülldeponie eingerichtet werden sollen.

1973 gründet sie die Grace P. Kelly Vereinigung zur Unterstützung krebskranker Kinder und ihrer Familien.

Sie studiert Kunst in den USA, Politik und Europäische Integration in Amsterdam.

1971 übernimmt sie Patenschaft für ein tibetisches Flüchtlingskind. Das ist das zweite Thema – Tibet und die Menschenrechtsverletzungen, das sie nicht mehr loslassen wird.

Sie geht als Verwaltungsreferendarin zur Europäischen Union nach Brüssel. Später sagt sie, sie kann an jedem Ort der Welt wohnen, nur nie wieder in Brüssel. Die Bürokratie bleibt ihr Leben lang fremd.

Sie wird in den Bundesvorstand der Bürgerinitiativen Umweltschutz gewählt, tritt 1979 aus der SPD aus. Im Januar 1980 wird die Grüne Partei in Karlsruhe gegründet.

1979 treffe ich sie zum ersten Mal. Ich arbeite zu der Zeit bei der Frauenzeitung Courage in Berlin. Wir haben eine Petition gegen Atomkraft verfaßt. Über 40.000 Frauen unterschreiben sie. Wir präsentieren sie dem Bundestag und veranstalten im Herbst 1979 das erste große Antiatomtreffen in Köln. Über 100 Frauen kommen. Petra Kelly ist eine von ihnen, Eva Quistorp, die auch Gründungsmitglied der Grünen wird. Helen Caldicott, die australische Kinderärztin, die spätere Initiatorin von IPPNW, der ÄrztInnen gegen Atomkrieg rüttelt uns auf. Ihr gebührt das Verdienst, die komplizierten Vorgänge des gesamten Atomkreislaufs in eine Sprache übersetzt zu haben, die jeder Mensch verstehen kann. Sie beschreibt uns den Stand der internationalen Entwicklung der militärischen und zivilen Nutzung der Kernenergie und informiert uns darüber, was sich inzwischen an Atomwaffen in Deutschland befindet.

Wir machen das erste Die-in, die Simulation eines Massensterbens vor dem Kölner Dom am Sonntagmorgen. Die Messebesucher müssen über die Körper von Hunderten von Frauen klettern.

1980 trifft Petra Kelly zum ersten Mal Gert Bastian bei einer Podiumsdiskussion. Bastian ist einer von 6 europäischen NATO-Generälen, die sich vehement gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen einsetzen. Er wird aus der Bundeswehr ausgeschlossen.

1981 gründet sich die Initiative „Krefelder Appell für Frieden und Abrüstung“ gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland und in ganz Europa. Petra Kelly und Bastian gehören zu den InitiatorInnen. Die größte Friedensbewegung des Nachkriegseuropas nimmt ihren Anfang.

1982 erhält Petra Kelly als erste Frau den Alternativen Nobelpreis. Sie erhält ihn für „das Erträumen und Verbreiten einer neuen Vision, die ökologische Belange mit Abrüstung, sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten vereint.“

Petra Kellys Vision

In der Laudatio heißt es:
Petra Karen Kelly ist eine der Gründerinnen von „Die Grünen“, der westdeutschen grünen Partei, die sie als „eine gewaltfreie ökologische und basisdemokratische Anti-Kriegs-Koalition parlamentarischer und außerparlamentarischer basis-orientierter Kräfte beschreibt. .. In ihrer internationalen politischen Arbeit und ihren öffentlichen Auftritten konzentriert sie sich auf die vier Themen, die ihr am meisten am Herzen lieben: Frieden und Gewaltfreiheit, Ökologie, Feminismus und Menschenrechte und deren Wechselbeziehungen. Sie glaubt an das Recht auf zivilen Ungehorsam und nimmt weltweit an solchen Aktionen teil. Sie nutzt ihr Ansehen als der Welt „bekannteste Grüne“ um jeden, den sie trifft, von Regierungsoberhäuptern, AktivistInnengruppen, ihre leidenschaftliche Anteilnahme für die Opfer von Unterdrückung und Gewalt nahezubringen.

Ihre Vision beschreibt sie so:

"Meine Vision ist nicht nur eine Bewegung direkter Demokratie, der Selbst- und Mitbestimmung und Gewaltfreiheit, sondern eine Bewegung, in der Politik die Macht der Liebe meint und die Kraft, sich auf dem Raumschiff Erde vereint zu fühlen. In einer Welt, die sich mit Gewalt und Unehrlichkeit quält, wird die weitere Entwicklung der Gewaltfreiheit – nicht nur als Philosophie, sondern als Lebensstil, als eine Macht auf den Straßen, auf den Marktplätzen, vor den Raketenstellungen, in den Chemiefabriken und der Kriegsindustrie – zu den dringendsten Aufgaben."

Soweit in der Laudatio.

1982 und 1983 finden die Demonstrationen der Friedensbewegung mit insgesamt mehreren Millionen Menschen statt.

1983 erreichen die Grünen bei der Bundestagswahl 5,6 %. Petra Kelly ist Spitzenkandidatin der bayrischen Grünen. Sie wird Mitglied der ersten grünen Fraktion und eine der drei SprecherInnen. Sie geht in den Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten. Gert Bastian, mit dem sie inzwischen eine Liebesbeziehung hat, wird ebenfalls grüner Abgeordneter.

Im gleichen Jahr im Mai beginnt sie mit den Protestaktionen in der DDR, eine Aktion findet auf dem Alexanderplatz in Ostberlin im Sinne der DDR Friedensbewegung Schwerter zu Pflugscharen statt. Im Oktober empfängt Honecker sie und andere Grüne zu einem Gespräch, sie erhält die Möglichkeit, mit BürgerrechtlerInnen der DDR zu sprechen.

Ebenfalls 1983 wird sie in den USA von allen Frauen- und Friedensorganisationen zur Frau des Jahrs gewählt.
1984 verläßt Bastian die Grüne Fraktion, beide verlassen das Bündnis Krefelder Appell.

1985 besetzt Petra Kelly zusammen mit anderen die Deutsche Botschaft in Pretoria Südafrika, um gegen die Politik der Bundesregierung mit dem Apartheidssystem zu demonstrieren.

1987 war ich zusammen mit mehreren Frauen ein halbes Jahr durch West- und Osteuropa mit unserem Friedensbus unterwegs. Wir fuhren knapp 20.000 km durch 12 europäische Länder auf der Route des 2. Weltkrieges, versuchten herauszufinden: Wie ist Krieg im Bewußtsein der Frauen in Europa präsent, was tun sie für Frieden? Im Juli 1987 hatte die sozialistische Weltfrauenorganisation IDFF, eine Organisation, in der sowohl die Frauen der sozialistischen Länder aber auch der Befreiungsbewegungen der Länder der 2/3 Welt sich zusammengeschlossen hatten, zusammen mit Michail Gorbatschow etwa 3.000 Frauen nach Moskau in den Kreml eingeladen. Frieden, ‚Abrüstung, Emanzipation, Fragen der Ökologie waren die Themen dieses Treffens. Ich traf dort Petra Kelly, die zusammen mit Gert Bastian zu diesem Treffen gekommen war. Selbst zu einem Frauentreffen kamen beide zusammen. Ich lud beide in unseren Friedensbus ein und interviewte sie.

Zu dieser Zeit ist Petra Kelly bereits sehr isoliert bei den Grünen, Gert Bastian ist bereits im Februar 1984 aus der Fraktion der Grünen ausgetreten. Sie berichtet von der Diskriminierung, die sie erfährt:
Die Grünen verstehen sich am Anfang als die Anti-Parteien-Partei. Es gibt keine Erfahrung, wie solche Strukturen im parlamentarischen Alltag entwickelt werden können. Bei den Grünen bestimmen relativ schnell Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis die Politik, Petra Kelly will sich nicht einklinken.

Was ist die Anti-Parteien-Partei für Petra Kelly?
"Für mich bedeutet ein Anti-Parteien Partei eine Partei, die in der Lage ist, zwischen Moral und Macht zu entscheiden, die schöpferischen zivilen Ungehorsam jeder Art von Repression entgegensetzt, die kühne Phantasie mit effizienter Arbeit verbindet und die den Zusammenhang zwischen Frieden in der Welt und dem Frieden in jedem einzelnen begreift. Und Anti-Parteien Parteien üben nicht Macht im alten Herrschaftssinn aus, sondern versuchen, sie zu transformieren, um Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen."

1990 scheitern die Grünen an der 5-Prozent-Klausel. Petra Kelly zieht Bilanz.
"Acht Jahre Selbstzerfleischung und fruchtlose, die politischen Aktivitäten lähmende Flügelkämpfe mit den jeweiligen Flügelmullahs und ein unerträgliches, von Neid und Mißtrauen geprägtes Klima waren auch unseren grünsten WählerInnen zu viel. Es konnte eben nicht gut gehen, wenn unser Umgang miteinander häufig mehr Aufsehen erregte und Schlagzeilen machte, als die Ziele und Inhalte unserer Politik. Als jemand, der von der ersten Stunde an die Grünen mitgegründet und mit aufgebaut und all seine Kraft und Energie in das Grüne Projekt als Anti-Parteien-Partei gesteckt hat, habe ich miterlebt (ohne es verhindern zu können), wie das Innenleben der Grünen Partei zu einem permanenten, ideologischen Kriegszustand zwischen den verschiedenen politischen Strömungen degenrierte. ....
Einer der großen Fehler war das Rotationsprinzip. Es bedeutet, daß alle Abgeordneten bereits nach zwei Jahren wechseln, den Nachrückern Platz machen sollen. 1985 soll es zum ersten Mal angewandt werden. Spätestens ab hier beginnt mit ihrer Weigerung ihre immer stärkere Isolierung innerhalb der Grünen. „Gewisse Strukturen, die trotz negativer Erfahrungen gegen jede Vernunft, je nach Bedarf und Opportunität hochgehalten. Zum Beispiel für die Rotation, deren verheerende Auswirkung sich schon in der ersten Legislaturperiode gezeigt und der Effizienz unserer Arbeit im Bundestag geschadet hat. Denn die mit einer Rotation nach zwei Jahren zwangsläufig heraufbeschworene Konkurrenzsituation zwischen Abgeordneten und Nachrückern hat die grüne Bürogemeinschaft in Bonn von Beginn an stark belastet und eine von gegenseitigem Mißtrauen vergiftete Atmosphäre erzeugt."


Das ganze Gerede, daß die Rotation die Gefahr von Machtkonzentration verhindern würde, ist verlogen, weil die eigentlichen Machtnischen im grünen Innenleben von keiner Rotation verhindert wurden. Antje Vollmer ergänzt: „Die Rotation war nur der satzungstechnische Ausdruck einer Mißtrauenskultur bei den Grünen, die in nach innen gerichtete Inhumanität ihresgleichen sucht.“

"... Auch der permanente Mißbrauch der Begriffe 'Basisdemokratie' und 'Basis' muß endlich einer demokratischen Definition des Basisbegriffs Platz machen. Basis ist nicht nur die Gesamtheit derer, die im Augenblick anwesend sind. Zur Basis gehören selbstverständlich auch all jene, für die grüne Politik sich stark macht, und die diese Politik, gleich ob Mitglied oder nicht, unterstützen.

Ein anderer Fetisch, mit dem endlich Schluß gemacht werden muß, ist der beliebte Basissport der Promijagd, mit dem ich selbst sehr beklemmende und demotivierende Erfahrungen gemacht habe. Es ist schon ziemlich perfide, wenn vorhandene Erfahrungen und Kompetenz in grünen Themen, die dann natürlich auch einen größeren Bekanntheitsgrad zur Folge haben, zwar gerne dazu ausgenutzt werden, Veranstaltungsräume zu füllen, aber gleichzeitig zum Anlaß genommen werden, den Betreffenden für sein Engagement gewissermaßen zu bestrafen, in dem man sie/ihn als Promi denunziert und diffamiert. Das führt, wie Gert Bastian bei seinem Fraktionsaustritt zu Recht gesagt hat, zu einer regelrechten „Diktatur der Inkompetenz“, wie sie sich keine Partei leisten kann. ...
Wie viele wertvolle Menschen, die grüne Inhalte transportieren und vermitteln konnten, sind auf ähnlich Weise wohl so abgeschreckt worden und uns verloren gegangen?"
(S. 66)

"Eine weitere heilige Kuh, .. die auch nicht unangetastet bleiben darf, ist die Art und Weise, wie die (sogenannten) freiwilligen Spenden von Abgeordneten eingefordert werden. .... Es war für mich schier unerträglich, von drei grünen Männern aus der Diätenkommission eindringlich befragt zu werden, warum ich erstens meine damals 80jährige Großmutter finanziell unterstütze und zweitens meine langjährige Patenschaft für eine tibetische Familie im nordindischen Exil weiterhin aufrecht halten wollte, und ob es nicht besser wäre, diese Patenschaft an eine Dritte Welt Gruppe zu übergeben, um dann mehr an den Ökofonds abgeben zu können. Ich empfand es als regelrecht demütigend, dann erklären zu müssen, daß und warum ich meine Omi schon seit vielen Jahren unterstütze und warum ich eine Patenschaft, die eine gewachsene menschliche Bindung bedeutet, nicht abbrechen lassen möchte. Auch die Art und Weise der Abgabenpraxis zeugt von der inhumanen Mißtrauenskultur, die in der Grünen Partei endlich überwunden werden muß."

Sie versucht trotz allem, ihren intensiven Arbeitsalltag durchzuhalten. Täglich bekommt sie zwischen 80 und hundert Briefen, unendliches Material über Menschenrechte, Ökologie, Frieden- und Frauenproblemen. Sie liest so viele Briefe wie möglich, versucht, alle zu beantworten, nicht wie ihre Kollegen, die ihr sagen, nimm formatierte Standardbriefe und laß es die Mitarbeiten machen. Sie studiert und archiviert die ganzen Informationen. Der Alltag in Bonn hat nichts mit Highlife zu tun, sagt sie.
"Ich begreife Politik und auch das Dasein von Parteien als das Parteiergreifen für Schwächere, für die ohne Lobby, für die ohne Einwirkungsmöglichkeiten in Bonn. Ich begreife meine Arbeit als Handeln für Menschen und mit Menschen. 1985 besetzt Petra Kelly zusammen mit anderen die Deutsche Botschaft in Pretoria Südafrika, um gegen die Politik der Bundesregierung mit dem Apartheidssystem zu demonstrieren."

Die Grünen haben sich weit entfernt von dieser Vorstellung. „Dieselbe Leidenschaft, mit der wir die Flügelkämpfe bei uns ausgetragen haben, fehlte so oft bei den wirklichen politischen Themen, die wir behandelt hatten. Die Grünen, die ich als eine Art Anti-Parteien-Partei mitgegründet habe, sind inzwischen zu einer Machterwerbspartei geworden, zu einer Partei, zu der Joseph Beuys so treffend sagte, stinklangweiligen deutschen Partei.

Es gibt wenig Erneuerungen in den grünen Reihen, es ist wenig zu spüren von einer feministischen, phantasievollen, liebevollen Partei. Und so sind die Grünen, angetreten, die Macht von oben zu transformieren, selber Opfer der Macht geworden. Ihre Vorstellung ging in die Richtung, die Vaclav Havel entwickelte, es wurde sozusagen zu ihrer Art alternativen Eides:

"Politik sollte Ausdruck des Bedürfnisses sein, einen Beitrag zum Glück der Gemeinschaft zu leisten und nicht Ausdruck des Willens, die Gemeinschaft zu betrügen und zu vergewaltigen. ... und laßt uns lernen und auch den anderen vermitteln, daß die Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein muß, ... sondern auch die Kunst des Unmöglichen werden kann, nämlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser werden zu lassen.

Dieser Prozeß wird nicht gelingen, wenn nicht die Frauen in großem Maße einbezogen sind. Die mutigen, kühnen Frauen, die sie in der Bürgerrechtsbewegung der osteuropäischen Länder trifft, vor allem aber auch in der Ökologie, Menschenrechts, und Frauenbewegung der 2/3 Welt. Sie trifft Vandana Shiva und lernt von ihr: „ Da die Frauen der Dritten Welt einen privilegierteren Zugang zu Überlebenserfahrungen haben, ist ihr Wissen umfassend, nicht exklusiv. Die ökologischen Maßgaben, nach denen sie denken und handeln, können die Maßgaben der Befreiung für alle werden, für Männer wie für Frauen, für den Westen wie für die nichtwestlichen Staaten, für die Menschen und für die nichtmenschlichen Bestandteile der Erde."


Feminismus, Ökonomie und Globalisierung

Wir treffen uns wieder bei weltweiten Treffen der Ökofeministinnen in Miami als Vorbereitung für die Weltkonferenz zur Umwelt in Rio 1992. Im Manifest dieses Weltfrauenkongresses in Miami für einen gesunden Planeten heißt es u.a.:

"Wir handeln, weil unsere Erde krank ist. ... Wir Frauen sind nicht nur Opfer – wir können denken, organisieren und handeln. Wir sind Teil einer weltweiten Bewegung , die in jede Nation der Welt, unabhängig davon, wie arm und unterdrückt, die Botschaft getragen hat, daß Frauen zusammen arbeiten können , um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen, und daß sie ihre kollektiven Erfahrungen, ihre Weisheit und ihre große Zahl dort einbringen können, wo Politik gemacht wird und Entscheidungen über die Zukunft unseres Planeten gefällt werden." (S. 158)

Die gegenwärtigen feministischen und ökologischen Kämpfe, in denen Frauen im Vordergrund stehen, sind Hoffnung machende Versuche, die Erde und uns selbst zu heilen. Die stärker werdende Kritik an westlicher zerstörender Wissenschaft und Technologie kann uns zu neuem, zu demokratischen und leidenschaftlichem Leben und ökologischen Grundlagen führen.

Frauen und Ureinwohner sind in erster Linie ökologisch und durch Krieg bedroht. Wir sind Opfer, aber wir sind auch diejenigen, die sich weigern, diese Situation zu akzeptieren. In dieser Weigerung liegt unsere Hoffnung.

Petra Kelly hat sich zunehmend mit Ökonomie beschäftigt, mit globaler Wirtschaftspolitik. Sie hat angefangen, sich mit der Weltbank auseinanderzusetzen, mit der Rolle der USA. Heute gibt es die neuen Bewegungen gegen die Globalisierung, national und international.

Ich hoffe, daß wir nicht die gleichen Fehler machen werden, daß wir gelernt habe, aus den Erfahrungen, den Kämpfen, den Leiden derjenigen, die ernsthaft etwa anderes wollten und nun doch so sehr Teil dieser Macht geworden sind.

Ich denke, es kommt die Zeit, da Petra Kellys Ideen und die ihrer MitstreiterInnen uns wie Geschenke erscheinen werden.
Sie sind da, wir müssen sie herausholen, studieren und vergleichen. Das subversive Wissen muß bewahrt und genutzt werden.
In absehbarer Zeit soll keine junge Frau in Deutschland mich so erstaunt anschauen und fragen: Petra Kelly, wer war das?




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