Fluchtrouten von Afrika nach Europa, 17.06.2006 (Friedensratschlag)
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Die Devise heißt Leben oder Tod

Die Fluchtrouten von Afrika nach Europa werden immer gefährlicher, dennoch versuchen immer mehr Afrikaner die risikoträchtige Überfahrt mit nicht hochseetauglichen Booten

Von Alfred Hackensberger, Tanger*

Was auch immer die spanischen Behörden samt Küstenwache unternehmen: Flüchtlingsboot um Flüchtlingsboot sucht den Weg von Afrika auf die Kanaren. Seit Anfang des Jahres sind bereits rund 11 000 illegale Zuwanderer auf die Kanarischen Inseln gelangt, so viel wie niemals zuvor.

Die Bilder gleichen sich nun schon seit Jahren. Polizeischiffe bringen überfüllte Boote auf dem Meer auf, Helfer versorgen völlig erschöpfte Menschen und die Leichen derjenigen, die die Strapazen nicht überstanden, werden eilig in Plastiksäcke gepackt. Die illegale Immigration von Schwarzafrikanern ist für Europa Alltag geworden. Spanien, der europäische Frontstaat zu Afrika, versucht mit allen erdenklichen Mitteln, den Zustrom zu verhindern.

Üblicherweise greifen die Migranten in ihrer Not auf hochseeuntaugliche Boote zurück. Wer die 1200 Kilometer lange Fahrt von Senegal auf die Kanaren lebend überstehen will, muss Glück haben. Aus Mauretanien beträgt die Entfernung zu den Kanaren nur 800 Kilometer, weswegen das Land bis vor kurzem als Ausgangspunkt bevorzugt wurde. Nach Schätzungen der spanischen Polizei sind seit Jahresbeginn zwischen 1200 und 1700 Immigranten auf dem Weg zu den Kanaren gestorben. Insgesamt 11 000 haben ihr Ziel Europa erreicht. Eine Rekordzahl im Vergleich zu den Vorjahren.

Ausweichroute über Senegal

»Mauretanien als Abfahrtshafen hat sich erledigt«, sagt Natalie Daris (35) von »Ärzte ohne Grenzen (MsF)«. »Nun weicht man noch tiefer in den Süden nach Senegal aus.« Verständlich, denn nach den großen Flüchtlingswellen der ersten drei Monaten 2006 tat Spanien alles, um das Immigrations-Leck in Mauretanien zu schließen. Das spanische Militär baute in Zusammenarbeit mit der mauretanischen Regierung große Auffanglager an der Küste des afrikanischen Staates. Über 200 Immigranten wurden von Gran Canaria nach Mauretanien zurückgeflogen. Die stellvertretende Premierministerin Maria Teresa Fernandez de la Vega beteuerte vor kurzem, dass »auch die jetzt neu dazu Gekommenen ebenfalls deportiert werden«.

Mitte Mai ging zum ersten Mal eine spanisch-mauretanische Patrouille auf Kontrollfahrt. Neben diesen kurzfristigen Maßnahmen eröffnet Spanien als Reaktion neue diplomatische Vertretungen in Westafrika. Botschaften sind unter anderem in Mali, Sudan und den Kap Verdischen Inseln geplant. Dort will man nicht nur Informationspolitik betreiben, sondern auch »Übereinkünfte über Rückführung« von Immigranten treffen. Die »diplomatische Offensive« beinhaltet laut Vize-Premier de la Vega, auch eine »Erhöhung der Entwicklungshilfe«.

Obwohl die Chancen Tag für Tag sinken, machen sich auch einige Immigranten aus Nordmarokko trotzdem noch auf dem Weg nach Mauretanien. »Manche provozieren sogar eine Verhaftung«, sagt Natalie Daris, die das MsF-Büro in der marokkanischen Hafenstadt Tanger leitet. »Sie wollen einfach abgeschoben werden.« Resultat einer Verzweiflung, da viele Immigranten oft mehrere Jahre in Marokko festsitzen. Ohne Geld, gezwungen zum Betteln, ohne Aussicht auf das »goldene Europa« und selbst ohne Aussicht, in ihr Heimatland zurückzukommen.

Überfüllte Boote in unruhigen Gewässern

Andere dagegen warten nach wie vor auf ihre Chance, auf einer »patera« (Nussschale) die spanische Halbinsel zu erreichen. »In wenigen Tagen geht es wieder los«, erzählt Austine aus Kamerun, der in Marshan, einem Stadtteil von Tanger, jeden Freitag vor der Moschee bettelt. Er strahlt vor Freude und kann vor Nervosität kaum mehr ruhig stehen. »Ich habe das Boot schon gesehen, der Motor muss nur noch eingesetzt werden, dann geht es los.« Austine hat Glück, sein Bruder ist ein so genannter »Chairman«, eine Art Vorsitzender einer Gruppe von Immigranten. Er verhandelt mit den Bootsbesitzern über die Anzahl von Plätzen auf dem Boot, organisiert den Transport seiner Passagiere aus den Wohnquartieren in die Verstecke im Wald und von da aus an die Küste. Dem »Chairman« wird auch das Reisegeld, etwa 1000 Euro pro Person, anvertraut. Erst wenn der Anruf eines der Passagiere nach geglückter Überfahrt aus Spanien kommt, gibt der Vorsitzende das Geld an die Bootsschlepper weiter. Das ist leider aber nur der Idealfall. Vielfach verschwindet der »Chairman« mit den ihm anvertrauten Summen oder macht mit dem Bootskapitän gemeinsame Sache.

Die Passagiere werden nachts einige Kilometer weiter an der marokkanischen Küste abgeladen. »Das ist Spanien. Lauft um euer Leben!« Fast alle dieser Geprellten sind all ihrer Ersparnisse beraubt und können nur noch auf den Straßen um Almosen betteln. »Zuerst waren nur 50 Passagiere eingeplant«, erzählt Austine, »aber jetzt will der Kapitän 60 mitnehmen. Da gibt es Zoff, denn mein Bruder will das nicht akzeptieren. Es ist viel zu gefährlich.« Überfüllte Boote sind auch in der Meerenge von Gibraltar lebensgefährlich, obwohl es nur 14 Kilometer bis zum spanischen Festland sind. Jederzeit kann das Wetter wechseln und die Strömungen sind unberechenbar, da in der Meerenge Atlantik und Mittelmeer zusammenfließen. Nur in den Sommermonaten ist an eine Überfahrt zu denken, da das Meer ruhiger und das Wetter etwas stabiler ist.

Warten auf die große Sommerwelle

In Tanger rüstet man sich wie jedes Jahr zur Hochsaison der Immigration. »Aber es gibt auch eine neue Route«, weiß die MsF-Mitarbeiterin Natalie Daris zu berichten. »Es soll Boote geben, die von Nador aus Richtung Spanien in See stechen«. Nador ist eine im Nordosten Marokkos gelegene Stadt, etwa 15 Kilometer von Melilla entfernt, das neben Ceuta die zweite spanische Enklave auf marokkanischem Territorium ist. »Da es eine wesentlich weitere Strecke ist, kostet ein Platz auf einer ›patera‹ 1500 Euro«, sagt Natalie Daris. »Die lange Route ist allerdings auch wesentlich gefährlicher.«

Wie an den aktuellen Beispielen von Senegal und Mauretanien erkennbar, ist das für die Flüchtlinge kein Grund, von ihrem Vorhaben abzulassen. Ganz fatalistisch akzeptiert man die Devise Leben oder Tod. »Mir bleibt keine andere Wahl«, sagt Austine aus Kamerun. »Ich kann nur vorwärts, nicht zurück. Zuhause warten Hohn und Spott auf mich. Meinen Job als Elektriker habe ich verloren. Ich wäre ganz unten, am Nullpunkt. Und alle Strapazen der letzten beide Jahre umsonst? Durch die Sahara, die Schläge der marokkanischen Polizei? Nein, das wäre furchtbar.«

Auch Natalie Daris, die 35-jährige Leiterin des MsF-Büros in Tanger, wartet auf die große Sommerwelle von Immigranten. »Bis jetzt ist davon noch wenig zu spüren, aber wir wissen, dass sie kommt.« Im Oktober letzten Jahres hatte MsF in einem Bericht über ständige gewaltsame Übergriffe der marokkanischen Polizei geklagt. »Das hat sich weitgehend gelegt«, erklärt Daris sichtlich zufrieden. Seit zwei Monaten würden die Immigranten in Tanger nicht mehr behelligt. Weder in den Lagern auf den Hügeln rund um die Stadt noch in den Häusern der Altstadt. Selbst im Camp von Bel Younech, wo noch immer einige der Immigranten im Wald lagern, die letzten September den Grenzzaun von Ceuta stürmten. »Nur wenn sie das Lager verlassen, kann es sein, dass sie verhaftet und abgeschoben werden.« Allerdings nicht mehr in die Wüste, wie noch vor sechs Monaten. Die Polizei transportiert sie wie in den Jahren zuvor nach Oujda, eine marokkanische Stadt direkt an der algerischen Grenze. Von Tanger etwa 600 Kilometer entfernt. Wie üblich kehren die abgeschobenen Immigranten illegal über die Grenze nach Marokko zurück. Zu Fuß wandern sie wochenlang nachts zurück nach Tanger oder in die Nähe der spanischen Enklave Ceuta. Unmittelbar hinter dem Grenzzaun liegt dort das marokkanische Dorf Bel Younech.

Knapp 100 Immigranten aus verschiedenen afrikanischen Ländern hausen hier versteckt im Wald. Sie hoffen irgendwann über den Zaun zu klettern oder mit einer Rettungsweste, sobald das Wasser wärmer ist, die Grenzbefestigungen im Meer zu umschwimmen und am Strand von Ceuta an Land zu gehen. Die Immigranten im Wald werden von spanischen Hilfsorganisationen, wie etwa dem »Weißen Kreuz«, regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt. In der Stadt Tanger warten rund 400 Schwarzafrikaner auf einen Bootsplatz. In der Region um Nador sind es noch einmal so viele. Vor einem Jahr zählte MsF im Norden Marokkos insgesamt etwa 1500 Immigranten. Viele davon sind über den Winter in Großstädte wie Rabat und Casablanca gezogen. Nach den Übergriffen der Polizei suchte man dort in urbaner Anonymität sichere und warme Quartiere. Außerdem gibt es dort Möglichkeiten, ein bisschen Geld mit Gelegenheitsjobs zu verdienen. In Algerien sollen es nach Schätzungen der EU angeblich bis zu 10 000 Immigranten sein, die verstreut in Lagern leben und die Küste Marokkos als Ziel haben. »Noch sind nicht alle gekommen«, meint Natalie Daris von MsF. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder richtig losgeht.«

* Aus: Neues Deutschland, 15. Juni 2006


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