Der Tod Yasser Arafats im Spiegel der US-Medien, 13.12.2004 (Friedensratschlag)
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Die Geschichte gehört den Siegern

Der Tod Yasser Arafats im Spiegel der US-Medien

Von Noam Chomsky*

Der Tod Yasser Arafats zeigt in mehrfacher Hinsicht, wie wichtig es ist, die Definitionsmacht über die Geschichte zu besitzen, und nach welchen Prinzipien diese Geschichte geschrieben wird.

Dabei ist das fundamentale Prinzip, dass “wir gut sind” – wobei “wir” der Staat sind, dem wir dienen – und dass alles, was “wir” tun, den höchsten Prinzipien gehorcht, auch wenn es dabei in der Praxis manchmal zu Irrtümern kommen kann. Eine typische Illustration für diese Einstellung ist die retrospektive Haltung der extremsten Vertreter des US-amerikanischen Linksliberalismus zum Vietnamkrieg, der laut ihrer patriotisch angepassten Version mit „stümperhaften Versuchen, Gutes zu tun“, begann, sich aber schließlich 1969 laut dem Vorzeigeliberalen der New York Times Anthony Lewis in ein „Desaster“ verwandelt hatte – 1969, als sogar die Geschäftswelt sich von diesem Krieg distanziert hatte, weil er zu teuer wurde, und als 70 Prozent der Bevölkerung ihn als „von Grund auf falsch und unmoralisch“ und nicht lediglich als „Fehler“ betrachteten; 1969, sieben Jahre nach Beginn des von Kennedy eingeleiteten Angriffs auf Südvietnam, zwei Jahre, nachdem der angesehenste Vietnamspezialist und Militärhistoriker Bernard Fall gewarnt hatte, „Vietnam als kulturelles und historisches Gebilde“ stehe „vor der Auslöschung, ... da die Landgebiete unter den Schlägen der größten Militärmaschinerie, die je gegen ein Gebiet dieser Größe in Gang gesetzt wurde, buchstäblich zu Grunde gehen“; 1969, zur Zeit einiger der grausamsten Aktionen staatlichen Terrors während einem der größten Verbrechen in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts, Aktionen, unter denen John F. Kerrys Schnellbootoperationen im bereits durch Sättigungsbombardements, chemische Kriegführung und organisierten Massenmord in Trümmer gelegten Süden Vietnams noch zu den weniger schlimmen gehörten. Trotz all dieser Fakten trägt die patriotisch revidierte Version der Geschichte den Sieg davon. Expertenrunden grübeln ernsthaft über die Gründe für die „Besessenheit Amerikas von Vietnam“ im Präsidentschaftswahlkampf 2004, in dem der Vietnamkrieg in Wirklichkeit nie zu Sprache kam – wobei ich natürlich von dem tatsächlichen Krieg spreche, nicht von dem für die Geschichte zurechtfrisierten schönen Bild davon.

Dem erwähnten fundamentalen Prinzip entsprechen noch einige andere. Das erste besagt, dass auch die von uns unterstützten Staaten im Kern gut sind, wenn auch nicht so gut wie „wir“: Soweit sie den Forderungen der USA gehorchen, werden sie von „vernünftigen Pragmatikern“ regiert. Ein weiteres Prinzip besagt, dass unsere Feinde von Grund auf böse sind – wie böse genau hängt davon ab, wie intensiv wir sie gerade angreifen oder Pläne schmieden, dies zu tun. Der Status solcher Staaten kann sich nach diesen Richtlinien sehr rasch ändern. So waren die Vertreter der gegenwärtigen US-Regierung und ihre unmittelbaren Mentoren unter Reagan und Bush I durchaus angetan von Saddam Hussein und unterstützten ihn, so lange er lediglich Kurden vergaste, Dissidenten folterte und einen schiitischen Aufstand niederschlug, durch den er schon 1991 beinahe gestürzt worden wäre – denn damit trug er zur „Stabilität“, lies: zu „unserer“ Vorherrschaft bei, also auch, wie ganz offen erklärt wurde, zu den Geschäften der US-Exportfirmen. Aber dieselben Verbrechen verwandelten sich in den Beweis abscheulicher Bösartigkeit, als „wir“ die Zeit gekommen sahen, im Namen Gottes den Irak zu überfallen und dort ein Regime zu etablieren, das man als „Demokratie“ bezeichnen wird, so lange es uns gehorcht und so zur „Stabilität“ beiträgt.

Diese Prinzipien sind simpel und für jeden, dem Karriere und Ansehen das Wichtigste sind verständlich. Die Konsistenz, mit der sie zur Anwendung kommen, ist hervorragend dokumentiert. In totalitären Gesellschaften und Militärdiktaturen ist nichts anderes zu erwarten, in freien Gesellschaften, in denen man sich kaum auf Furcht als Motiv berufen kann, ist dies jedoch ein höchst bemerkenswertes Phänomen.

Der Tod Arafats ist nur ein weiterer Fall unter zahllosen anderen. Ich werde mich hier auf die einflussreichste Zeitung der Welt, die New York Times (NYT) und den Boston Globe (BG) der vielleicht mehr als die anderen lokalen Zeitungen der USA die Meinung der gebildeten liberalen Elite widerspiegelt, beschränken.

Hindernisse auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat

Die Titelkolumne der NYT vom 12. November beginnt mit einer Darstellung Arafats als „Symbol der Hoffnung der Palästinenser auf einen lebensfähigen, unabhängigen Staat und zugleich das wichtigste Hindernis seiner Realisierung“. Weiter wird erklärt, Arafat habe leider nie das Niveau des ägyptischen Präsidenten Sadat erreicht, der laut dem israelischen Philosophen und Ex-Regierungsmitglied Shlomo Avineri (in der NYT vom 13. November) „durch einen Friedensvertrag mit Israel den Sinai zurückgewann“, da er fähig gewesen sei, „auf die Israelis zuzugehen und ihre Ängste und Hoffnungen anzusprechen“.

Man könnte sich vielleicht wichtigere Hindernisse für die Realisierung eines palästinensischen Staates vorstellen, aber diese können aufgrund der skizzierten Prinzipien ebenso wenig diskutiert werden wie die Wahrheit über Sadat, die zumindest Avineri bestens kennt. Ich möchte im folgenden einige dieser Hindernisse ansprechen.

Seit die Durchsetzung palästinensischer Rechte im Rahmen eines palästinensischen Staates Mitte der siebziger Jahre auf die internationale Tagesordnung trat, ist die Regierung der USA eindeutig immer „das wichtigste Hindernis“ für die Entstehung eines solchen Staates gewesen, und die NYT kann in dieser Hinsicht getrost Anspruch auf den zweiten Platz erheben. Das wurde spätestens 1976 klar, als Syrien im UN-Sicherheitsrat eine Resolution einbrachte, die eine Zweistaatenlösung für den Nahostkonflikt forderte. Die Resolution enthielt die wesentlichen Passagen der UN-Resolution 242 aus dem Jahr 1967, die allen Beteiligten zufolge die Grundlage jeder Regelung sein muss. Sie gestand Israel sämtliche internationalen staatlichen Rechte zu und sah die Etablierung eines palästinensischen Staates in den 1967 von Israel eroberten Gebieten vor. Die USA blockierten die Resolution durch ihr Veto, während sie von den führenden arabischen Staaten unterstützt wurde. Arafats PLO verurteilte „die Tyrannei des Vetos“; einige andere Staaten enthielten sich aufgrund technischer Details.

Damals hatte sich bereits ein internationaler Konsens zugunsten einer Zweistaatenlösung auf dieser Grundlage herausgebildet, der ausschließlich von den USA blockiert und von Israel zurückgewiesen wurde. Dasselbe Bild wie 1976 zeigte sich auch in den folgenden Jahren, nicht nur im UN-Sicherheitsrat, sondern auch in der Vollversammlung, die regelmäßig mit Mehrheiten wie 150 zu 2 ähnliche Resolutionen verabschiedete (wobei es den USA hin und wieder gelang, einen weiteren ihrer Klientenstaaten auf ihre Seite zu bringen). Zudem blockierten die USA ähnliche Initiativen aus Europa und seitens der arabischen Staaten.

Unterdessen weigerte sich die NYT hartnäckig, die Tatsache zu berichten, dass Arafat in den achtziger Jahre immer wieder Verhandlungen forderte, die jedoch von Israel abgelehnt wurden. Im Gegensatz zur NYT berichtete die israelische Presse an prominenter Stelle über Arafats Forderung nach direkten Verhandlungen mit Israel, die von Shimon Peres mit der Begründung, Arafats PLO könne „kein Verhandlungspartner sein“, zurückgewiesen wurden. Kurz darauf schrieb der NYT-Jerusalemkorrespondent und Pulitzerpreisträger Thomas Friedman, der mit Sicherheit die Berichte in der hebräischen Berichte lesen konnte, Artikel, in denen er die frustrierende Situation der israelischen Friedenskräfte aufgrund „der Abwesenheit jeglichen Verhandlungspartners“ beklagte. Er berichtete über Shimon Peres’ Beschwerde über das Fehlen einer „Friedensbewegung in der arabischen Bevölkerung, wie wir sie in der jüdischen Bevölkerung haben“ und seine erneute Erklärung, solange die PLO „eine gewalttätige Organisation bleibt und sich weigert, zu verhandeln“, könne sie nicht an Verhandlungen beteiligt werden. Diese Verlautbarungen Friedmans kamen kurz nach einem weiteren Verhandlungsangebot Arafats, das von der NYT unterschlagen worden war hatte, und beinahe drei Jahre, nachdem die israelische Regierung Arafats Angebot von Verhandlungen mit dem Ziel gegenseitiger Anerkennung abgelehnt hatte. Peres dagegen wird von ihm in Einklang mit den Leitlinien korrekter Berichterstattung als „vernünftiger Pragmatiker“ bezeichnet.

In den neunziger Jahren änderte sich die Situation insofern, als die Clinton-Administration sämtliche UN-Resolutionen für „obsolet und anachronistisch“ erklärte und ihre eigene Form der Ablehnung einer diplomatischen Lösung entwickelte. Bis heute stehen die USA mit ihrer Blockadepolitik in dieser Hinsicht allein da. Eines der letzten Beispiele hierfür war die Präsentation der Genfer Friedensinitiative im Dezember 2002, die wie übliche außerordentlich breite internationale Unterstützung bekam, mit der üblichen Ausnahme: „Auffälligerweise war die US-Regierung nicht unter den Regierungen, die eine Unterstützungsbotschaft sandten“, berichtete die NYT in einem abfälligen Artikel vom 2. Dezember 2002.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer diplomatischen Bilanz, die so einheitlich und dramatisch deutlich ist, dass sie unmöglich zu übersehen ist – es sei denn, man hält sich konsequent an die geschichtliche Version jener, die die Geschichte als ihr Eigentum betrachten.

USA und Israel setzen auf Gewalt

Wenden wir uns dem zweiten Beispiel zu: Sadats Annäherung an Israel, wodurch er 1979 die Sinai-Halbinsel für Ägypten zurückgewann, eine Lehre für den üblen Schurken Arafat. In der inakzeptablen Welt der realen Geschichte bot Sadat Israel schon im Februar 1971 ganz entsprechend der damaligen offiziellen US-Politik, die einen Rückzug Israels aus dem Sinai forderte, einen umfassenden Friedensvertrag an, der den Palästinensern nicht mehr als ein paar leere Gesten machte. Jordanien machte daraufhin ähnliche Angebote. Israel erkannte, dass es einen umfassenden Frieden haben konnte, aber die sozialdemokratische Regierung Golda Meirs entschied sich dafür, die Angebote abzulehnen und statt dessen eine Politik der Expansion zu betreiben. Dies betraf vor allem den Nordosten des Sinai, wo Israel Tausende von Beduinen in die Wüste trieb und ihre Dörfer, Moscheen, Friedhöfe und Häuser zerstörte, um die rein jüdische Stadt Yamit zu gründen.

Wie immer war die entscheidende Frage die Reaktion der USA. Dabei setzte sich in den internen Debatten der US-Regierung Henry Kissinger mit seiner Politik des „Patt“ durch, die Verhandlungen ablehnte und statt dessen auf Gewalt setzte. Die USA wiesen Sadats Versuche, eine diplomatische Lösung zu erreichen ab oder ignorierten sie, während sie Israels Ablehnungs- und Expansionspolitik unterstützten. Dies führte schließlich zum Krieg von 1973, der Israel und wahrscheinlich die gesamte Welt an den Rand der Katastrophe brachte: In den USA kam es während des Kriegs zum Atomalarm. Unterdessen hatte selbst Kissinger eingesehen, dass Ägypten nicht als ohnmächtiger Zwerg abgetan werden konnte, und er begann mit seiner „Pendeldiplomatie“, die schließlich zu den Treffen in Camp David führte, bei denen die USA und Israel Sadats Angebot von 1971 akzeptierten – aber zu Bedingungen, die vom Standpunkt der USA aus wesentlich schlechter waren. Damals hatte sich bereits ein internationaler Konsens für die Anerkennung der nationalen Rechte der Palästinenser herausgebildet, und dementsprechend forderte Sadat auch einen palästinensischen Staat, was jedoch für die USA und Israel nicht in Frage kam.

In der offiziellen, von den Medienkommentaren nachgebeteten Version der Eigentümer der Geschichte waren diese Ereignisse ein Triumph für die USA und der Beweis, dass die Araber ihre Ziele erreichen könnten, wenn sie sich bloß dazu durchringen könnten, sich unserer Präferenz für Frieden und Diplomatie anzuschließen. In der tatsächlichen Geschichte war der angebliche Triumph ein Desaster, und die Ereignisse demonstrierten, dass die USA sich ausschließlich der Gewalt beugten. Die Weigerung der USA, nach diplomatischen Lösungen zu suchen, führte zu einem furchtbaren und sehr gefährlichen Krieg und vielen Jahren unnötigen Leids mit bis heute nachwirkenden schlimmen Folgen.

Der Militärkommandeur der besetzten Gebiete von 1967 bis 1969, General Shlomo Gazit, schreibt in seinen Memoiren, die sozialdemokratische Regierung Israels trage aufgrund ihrer von Washington unterstützten Weigerung, die Vorschläge aus dem Militär und den Nachrichtendiensten zur Zulassen irgendeiner Form von Selbstverwaltung und vielleicht sogar begrenzter politischer Aktivitäten in den besetzten Gebieten zu berücksichtigen, und durch ihr Bestehen auf „gravierenden Grenzveränderungen“ erhebliche Mitverantwortung für den späteren Aufstieg der fanatischen Siedlerbewegung Gush Emunim sowie den Widerstand der Palästinenser, der sich lange später, nach vielen Jahren der Brutalität, des Staatsterrors und der kontinuierlichen Übernahme wertvoller palästinensischer Ländereien und Ressourcen in der ersten Intifada entwickelte.

Der ausführliche Nachruf der NYT-Nahostspezialistin, Judith Miller, vom 11. November 2004 ist im selben Tenor gehalten wie der Titelkommentar. Miller zufolge „lehnte Arafat bis 1988 die Anerkennung Israels immer wieder ab und bestand statt dessen auf bewaffnetem Kampf und Terror. Für den diplomatischen Weg entschied er sich erst nach seinem Schulterschluss mit dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein während des Kriegs am Persischen Golf von 1991.“

Damit gibt Miller die offizielle Geschichtsversion akkurat wieder. In Wirklichkeit bot Arafat wiederholt Verhandlungen mit dem Ziel gegenseitiger Anerkennung an, während Israel – besonders die gemäßigten „Pragmatiker“ – dies mit Unterstützung Washingtons rundweg ablehnte. 1989 bestätigte die israelische Koalitionsregierung Shamir-Peres mit ihrem Friedensplan den überparteilichen Konsens. Dessen wichtigstes Prinzip lautete, es könne keinen „weiteren palästinensischen Staat“ zwischen Jordanien und Israel geben, da ja Jordanien bereits ein „palästinensischer Staat“ sei. Das zweite Prinzip besagte, das Schicksal der besetzten Gebiete müsse „entsprechend den grundlegenden Leitlinien der israelischen Regierung“ geregelt werden. Dieser Plan wurde von den USA vorbehaltlos akzeptiert und verwandelte sich so in den von Außenminister James Baker verkündeten „Baker-Plan“ vom Dezember 1989. Ganz im Gegensatz zu Millers Darstellung und der offiziellen Geschichtsversion war es die US-Regierung, die erst nach dem Golfkrieg bereit war, Verhandlungen in Betracht zu ziehen, da man in Washington erkannte, dass die USA nun einseitig ihre eigene Lösung durchsetzen können würden.

Der Verrat von Oslo

Die USA beriefen die Madrider Konferenz ein, an der als Feigenblatt auch eine russische Delegation teilnahm. Dies führte dann tatsächlich zu Verhandlungen mit einer authentischen palästinensischen Delegation, die von Haider Abdel Shafi, einem aufrichtigen Nationalisten und dem wahrscheinlich angesehensten politischen Führer in den besetzten Gebieten geleitet wurde. Aber die Verhandlungen fuhren sich bald fest, weil Abdel Shafi Israels von Washington unterstützte Politik des fortgesetzten Raubs wichtiger Teile der besetzten Gebiete durch Siedlungs- und Infrastrukturprogramme ablehnte. Dabei hat selbst der US-Richter am Weltgerichtshof, der als einziger gegen die kürzliche Entscheidung des Gerichts stimmte, in der die israelische Mauer zur Zerteilung des Westjordanlands verurteilt wird, anerkannt, das diese Programme samt und sonders illegal waren. Unterdessen fielen die „Tunis-Palästinenser“ den palästinensischen Unterhändlern in Madrid in den Rücken und schlossen mit dem „Oslo-Abkommen“, das im September 1993 mit großem Getöse auf dem Rasen des Weißen Hauses gefeiert wurde, einen separaten Handel ab.

Es war von vornherein klar, dass das Abkommen Verrat an den palästinensischen Interessen war. Das einzige schriftliche Dokument – die so genannte „Prinzipienerklärung“ (PE) – legte fest, dass das Endergebnis der Verhandlungen ausschließlich auf der UN-Resolution 242 von 1967 basieren würde, womit das wichtigste diplomatische Thema seit Mitte der siebziger Jahre, nämlich die nationalen Rechte der Palästinenser auf dem Weg einer Zweistaatenlösung, ignoriert wurde. Mit der UN-Resolution 242 als Grundlage des gesamten Dokuments steht das Endresultat der Verhandlungen bereits fest, denn in dieser Resolution ist von den Rechten der Palästinenser keine Rede. Nicht erwähnt in der PE werden die zahlreichen UN-Resolutionen, die entsprechend dem seit seiner Herausbildung in den siebziger Jahren von den USA blockierten internationalen Konsens neben den Rechten Israels auch die Rechte der Palästinenser erwähnen. Aus dem Wortlaut des Abkommens ging klar hervor, dass es ein Mandat für die Fortsetzung der israelischen Siedlungsprogramme darstellte, und die damalige politische Führung Israels (Yitzhak Rabin und Shimon Peres) gab sich auch keine Mühe, das zu verheimlichen. Aus diesem Grund lehnte Abdel Shafi eine Teilnahme an den Feiern ab. Wie Rabin erläuterte, dachte man Arafat die Rolle des Polizisten Israels in den besetzten Gebieten zu. Solange er diese Aufgabe erfüllte, galt er als Pragmatiker und genoss die Unterstützung der USA und Israels, während die Korruption, Gewalttätigkeit und Unterdrückung unter seinem Regime ignoriert wurden. Erst als er die Bevölkerung nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, weil Israel den Palästinensern immer mehr Land und Ressourcen wegnahm, verwandelte er sich wie schon so viele andere vor ihm in einen üblen Schurken und ein Friedenshindernis.

In den neunziger Jahren ging es auf dieselbe Art weiter. Die Ziele der israelischen „Gemäßigten“ – oder „Tauben“ – finden sich in einer 1998 erschienenen akademischen Studie von Shlomo Ben-Ami, der zwei Jahre später Ehud Baraks Chefunterhändler in Camp David werden sollte: Der „Osloer Friedensprozess“ sollte zu einer „permanenten neokolonialen Abhängigkeit“ in den besetzen Gebieten führen, bei der den Palästinensern ein gewisses Maß an örtlicher Autonomie zugestanden werden sollte. Unterdessen setzte Israel seine Politik der Besiedlung und Integration der besetzten Gebiete mit voller Unterstützung der USA ungebremst fort. Im letzten Jahr der Amtszeit Clintons (und Baraks) erreichte sie ihren absoluten Höhepunkt, wodurch die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung weiter schwand.

Miller hingegen hält sich an die offizielle Version, nach der „die PLO im November 1988 nach erheblichem Druck seitens der USA der UN-Resolution zustimmte, die die Anerkennung Israels und eine Distanzierung vom Terrorismus enthielt“. In der wirklichen Geschichte hatte sich Washington im November 1988 mit seiner Weigerung, zuzugeben, dass Arafat eine diplomatische Lösung anstrebte, bereits international zum Gespött gemacht. Vor diesem Hintergrund fand sich die Reagan-Administration widerstrebend zur Anerkennung der offensichtlichen Realität bereit und musste sich anderen Mitteln zuwenden, um eine diplomatische Lösung zu sabotieren. Die USA begannen auf niedriger Ebene Verhandlungen mit der PLO, aber wie der israelische Ministerpräsident Rabin führenden Mitgliedern der israelischen Friedensorganisation Peace Now versicherte, hatten diese Verhandlungen keine Bedeutung und wurden nur geführt, um Israel mehr Zeit für „harten militärischen und wirtschaftlichen Druck“ geben, wodurch die Palästinenser „am Ende gebrochen werden“ und die Bedingungen Israels annehmen würden.

Das "großzügige Angebot" von Camp David

Dieser Tenor zieht sich durch Millers gesamten Nachruf, bis hin zum üblichen Finale: In Camp David „verwarf“ Arafat das großzügige Friedensangebot von Clinton und Barak, und selbst danach weigerte er sich, wie Barak die Clinton-„Parameter“ von Dezember 2000 zu akzeptieren, womit er endgültig bewies, dass er unverbesserlich auf Gewalt besteht – ein deprimierender Befund, mit dem die friedliebenden Staaten USA und Israel irgendwie zu leben lernen müssen.

In der wirklichen Geschichte teilten die Vorschläge von Camp David das Westjordanland in praktisch vollständig voneinander getrennte Kantone, und kein palästinensischer Führer hätte sie akzeptieren können. Das wird schon durch einen Blick auf die Karten klar, die ja leicht zugänglich waren, allerdings nicht in der New York Times und offenbar auch nicht im Rest der US-Mainstreampresse – vielleicht aus genau diesem Grund. Nach dem Zusammenbruch der Camp-David-Verhandlungen erkannte Clinton, dass Arafats Vorbehalte durchaus begründet waren. Das zeigte sich nicht zuletzt an den berühmten „Parametern“, die zwar vage formuliert waren, aber einer möglichen Lösung viel näher kamen – womit sie die Version vom unnachgiebigen und sturen Arafat unterminieren, aber das ist ja nur der logische Schluss und von daher für die offizielle Geschichtsschreibung inakzeptabel. In einer Rede vor dem Israeli Policy Forum gab Clinton am 7. Januar 2001 seine eigene Version von der Reaktion auf seine „Parameter“: „Sowohl Ministerpräsident Barak als auch Vorsitzender Arafat haben diese Parameter jetzt als Basis für weitere Bemühungen akzeptiert. Beide haben einige Vorbehalte zum Ausdruck gebracht.“

Über Aussagen wie diese kann man sich aus so obskuren Quellen wie der angesehenen, von der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) herausgegebenen Zeitschrift International Security (Herbst 2003) informieren, die überdies zu dem Schluss kommt, dass “die palästinensische Version der Ereignisse von 2000/2001 wesentlich zutreffender ist als die israelische Version” – das heißt, die Version der USA und der New York Times.

Danach nutzten hochrangige israelisch-palästinensische Unterhändler die Clinton-Parameter als „Basis für weitere Bemühungen“ und diskutierten im Lauf gemeinsamer Treffen im Januar 2001 in Taba ihre „Vorbehalte“. Daraus ging ein vorläufiges Abkommen hervor, das einigen der palästinensischen Bedenken entgegenkam – eine weitere Tatsache, die die offizielle Version der Geschichte untergräbt. Damit waren noch nicht alle Probleme gelöst, aber die Taba-Abkommen kamen einer möglichen Einigung weitaus näher als alle vorhergehenden Bemühungen. Diese Verhandlungen wurden dann von Barak abgebrochen, so dass wir nicht wissen, wozu sie hätten führen können. Ein detaillierter Bericht des EU-Gesandten Miguel Moratinos wurde von beiden Seiten als zutreffend akzeptiert, und wurde in den israelischen Medien an prominenter stelle behandelt. Ich bezweifle jedoch, dass er in den Mainstreammedien der USA überhaupt erwähnt worden ist.

Millers Version in der NYT basiert auf einem viel gelobten Buch von Clintons Nahostbeauftragtem und -unterhändler, Dennis Ross. Dabei muss jedem Journalisten klar sein, dass eine derartige Quelle schon wegen ihres Ursprungs zwangsläufig sehr suspekt ist. Und in der Tat zeigt schon eine flüchtige Lektüre, dass die Schilderung von Ross ganz und gar unzuverlässig ist. Die 800 Seiten seines Berichts bestehen größtenteils aus Lobpreisungen für Clinton (und für seine eigene Tätigkeit). Diese basieren praktisch nie auf überprüfbaren Quellen, sondern statt dessen auf angeblichen „Zitaten“ von ihm selbst oder anderen Verhandlungsteilnehmern, die ganz intim mit Vornamen angeführte werden, wenn sie zu „den Guten“ gehören. Ross sagt praktisch nichts über das Thema, das, wie allseits bekannt, spätestens seit 1971 die Kernfrage des Konflikts gewesen ist, nämlich die Programme zur Besiedlung und Infrastrukturentwicklung in den besetzten Gebieten, die nur durch die wirtschaftliche, militärische und diplomatische Unterstützung der Vereinigten Staaten, insbesondere auch der Clinton-Administration, möglich waren und sind. Das Problem, das die Taba-Verhandlungen für seine Version darstellen, löst Ross ganz simpel, indem er sein Buch unmittelbar vor Beginn der Verhandlungen enden lässt. Dadurch kann er auch die oben zitierte Bewertung Clintons kurz nach Beginn der Verhandlungen ignorieren. So kann er die Tatsache umschiffen, dass seine wichtigsten Schlüsse aus den Ereignissen des Jahres 2000 umgehend widerlegt wurden.

Auch Abdel Shafi wird in Ross’ Buch Am Rande erwähnt. Natürlich lässt Ross dabei die Einschätzung seines Freundes Shlomo Ben-Amis vom Osloer Friedensprozess und alle bedeutenden Aspekte der verschiedenen auf Oslo folgenden Interimsabkommen und der Verhandlungen in Camp Davis unter den Tisch fallen. Die unzweideutige Weigerung seiner beiden Helden Rabin und Peres – bei ihm: „Yitzhak“ und „Shimon“ –, einen palästinensischen Staat auch nur in Betracht zu ziehen, wird nicht erwähnt. Tatsächlich ist die Möglichkeit eines solchen Staates in Israel offenbar erstmals während der Regierungszeit des „Bösewichts“ und extrem rechten Politikers Binyamin Netanyahu angesprochen worden: Sein Informationsminister antwortete auf die Frage nach einem palästinensischen Staat, ihm sei es gleich, ob die Palästinenser die Kantone, die man ihnen übrig lassen werde, als „Staat“ oder als „Kentucky Fried Chicken“ bezeichnen würden.

Damit sind die Mängel dieses Buchs noch längst nicht erschöpft. Ross’ Darstellung wird durch derart wenig unabhängiges Material gestützt und ist derart selektiv, dass all seine Behauptungen mit großer Vorsicht zu genießen sind, und zwar von spezifischen (mittels eines versteckten Kassettenrecorder aufgezeichneten?) Äußerungen, die er pedantisch und wortwörtlich wiedergibt, bis hin zu seinen sehr weitreichenden Schlussfolgerungen, die ohne glaubwürdige Beweise als unanfechtbar präsentiert werden. Es ist von einigem Interesse, dass dieses Buch behandelt wird, als könne es als autoritativer Bericht betrachtet werden. Von der Tatsache abgesehen, dass es die Wahrnehmung eines der Akteure wiedergibt, ist es so gut wie wertlos. Es ist schwer vorstellbar, wie dies einem Journalisten verborgen bleiben kann.

Keineswegs wertlos sind dagegen wichtige Zeugnisse, die in den USA ignoriert wurden, wie zum Beispiel die Einschätzungen israelischer Geheimdienstleute über die letzten Jahre der Besatzung. Sie stammen vom Chef des israelischen militärischen Nachrichtendienstes, Amos Malka, dem Leiter des Allgemeinen Sicherheitsdienstes Shin Bet, General Ami Ayalon, dem Sonderberater für palästinensische Angelegenheiten beim Leiter von Shin Bet, Matti Steinberg und dem für palästinensische Fragen zuständigen Beamte der Forschungsabteilung des Militärs, Oberst Ephraim Lavie. Malka skizziert den in diesen Kreisen herrschenden Konsens folgendermaßen: „Wir waren der Meinung, dass Arafat einen diplomatischen Prozess vorzieht, dass er alles in seiner Macht stehende tun wird, um ihn voranzubringen, und dass er nur dann, wenn man ihm dabei den Ausweg versperrt, zu Gewalt greifen wird. Aber diese Gewalt würde dann darauf abzielen, ihn wieder aus der Sackgasse herauszubringen, internationalen Druck zu erzeugen und die noch fehlenden Zugeständnisse zu bekommen.“ Malka behauptet weiter, diese Einschätzungen hoher Militärs und Sicherheitsleute seien im Lauf ihrer Weitergabe an die politische Führung und die Öffentlichkeit verfälscht und entstellt wurden. Für US-Journalisten jedenfalls wären diese Einschätzungen problemlos und sogar auf Englisch zugänglich gewesen.

Es bringt also wenig, sich noch weiter mit Millers Version oder mit Ross zu beschäftigen. Wenden wir uns statt dessen dem Boston Globe am liberalen Ende des politischen Spektrums zu. In ihrer Ausgabe vom 12. November halten sich die BG-Herausgeber an dasselbe Grundprinzip wie die NYT (das vermutlich so gut wie überall befolgt wird; es wäre interessant, nach Ausnahmen zu suchen). Immerhin räumen sie ein, dass die Tatsache, dass es immer noch keinen palästinensischen Staat gibt, „nicht nur Arafat angekreidet werden kann. Die politischen Führer Israels ... sind daran auch nicht ganz unschuldig...“ Die entscheidende Rolle der USA dagegen kann nicht erwähnt, ja nicht einmal gedacht werden.

Mao Zedong, Fidel Castro, Saddam Hussein, Arafat ...

Außerdem brachte der Globe am 11. November einen Titelkommentar. Schon im ersten Absatz erfahren wir, dass Arafat „zu jener kultisch verehrten Gruppe charismatischer, autoritärer Führer von Mao Zedong in China über Fidel Castro in Kuba bis Saddam Hussein im Irak“ gehörte, „die sich aus den weltweit grassierenden antikolonialen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildete.“

Diese Feststellung ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Die hier präsentierte Reihe offenbart erneut den eingefleischten, obligatorischen Hass auf Castro. Dafür hat es je nach dem Umständen verschiedene Vorwände gegeben, aber nichts, was die Schlussfolgerungen der US-Geheimdienste in den frühen Tagen der terroristischen Angriffe und der wirtschaftlichen Kriegsführung Washingtons gegen Kuba in Frage stellen würde: Das wichtigste Problem mit Castro sei sein „erfolgreicher Widerstand“ gegen eine US-Politik, die bis auf die Monroe-Doktrin zurückgeht. Aber dennoch steckt auch ein Körnchen Wahrheit in dem Portrait Arafats im BG-Kommentar, genau wie es der Fall gewesen wäre, wenn man in einem Titelkommentar während der imperialen Begräbniszeremonien für den bei dieser Gelegenheit zum Halbgott stilisierten Ronald Reagan diesen als Mitglied einer kultisch verehrten Gruppe von Massenmördern von Hitler über Idi Amin bis Shimon Peres beschrieben hätte, die ohne Hemmung und mit großer Unterstützung seitens der Medien und der Intellektuellen mordeten. Wer nicht imstande ist, diese Analogie zu begreifen, sollte sich ein wenig intensiver mit Geschichte beschäftigen.

In einer Aufzählung der Verbrechen Arafats berichtet der Globe weiter, er habe die Kontrolle über den Südlibanon an sich gebracht und sie „dazu benutzt, eine Serie von Angriffen auf Israel zu starten, worauf Israel [im Juni 1982] mit der Invasion des Libanon antwortete. Dabei war es das erklärte Ziel Israels, die Palästinenser aus der Grenzregion zu vertreiben, aber dann marschierten die israelischen Streitkräfte unter dem Kommando des damaligen Generals und Verteidigungsministers Sharon bis nach Beirut, wo Sharon seinen Verbündeten unter den christlichen Milizen erlaubte, das berüchtigte Massaker an Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila zu begehen, und dann Arafat und die palästinensische Führung ins Exil nach Tunis vertrieb.“

In der inakzeptablen Welt der wirklichen Geschichte hielt sich die PLO im Jahr vor der israelischen Invasion strikt an ein von den USA arrangiertes Friedensabkommen, während Israel zahlreiche und mörderische Angriffe im Südlibanon durchführte, um eine palästinensische Reaktion zu provozieren, die es dann als Vorwand für die ohnehin geplante Invasion benutzen könnte. Als die PLO keinen Vorwand lieferten, erfand Israel einen, besetzte den Libanon und tötete dabei etwa 20.000 Palästinenser und Libanesen, was nur dank der US-Vetos gegen die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats möglich war, die einen Waffenstillstand und den Rückzug Israels forderten. In diesem Rahmen war das Massaker von Sabra und Shatila nur eine Fußnote ganz am Ende. Das sowohl von den höchsten Ebenen der politischen und militärischen Führung als auch von israelischen Wissenschaftlern und politischen Analytikern klar umrissene Ziel der Invasion bestand darin, die immer bedrohlicher werdenden Vorstöße Arafats zu einer diplomatischen Lösung zu konterkarieren und Israels weitere Kontrolle über die besetzten Gebiete sicherzustellen.

Ähnliche diametrale Verkehrungen wohldokumentierter Tatsachen erschienen in praktisch allen Kommentaren zu Arafats Tod und sind seit vielen Jahren in den US-Medien derart üblich, dass man die Journalisten kaum noch dafür kritisieren kann, dass sie sie wiederholen – obwohl schon ein Minimum an Recherche genügen würde, um die Fakten zu etablieren.

"Unterstützung durch die Straße"

Einige Randaspekte dieser Kommentare sind ebenfalls lehrreich. So heißt es in einem Kommentar in der NYT, dass die wahrscheinlichen Nachfolger Arafats – die von Washington bevorzugten „Gemäßigten“ – gewisse Probleme haben: es fehle ihnen an der „Unterstützung der Straße“. Das ist die übliche Formulierung für die öffentliche Meinung in der arabischen Welt, wie zum Beispiel, wenn über die „arabische Straße“ berichtet wird. Wenn ein Politiker im Westen unbeliebt ist, sagen wir nicht, es fehle ihm an der „Unterstützung der Straße“, und wir finden auch keine Berichte über die britische oder die amerikanische „Straße“. Dieser Ausdruck bleibt ohne weiteres Nachdenken für die globalen Unterklassen reserviert. Sie sind keine Menschen, sondern Kreaturen, die auf den „Straßen“ wohnen. Dem können wir noch hinzufügen, dass der populärste politische Führer der „palästinensischen Straße“, Marwan Barghouti, von Israel vorsichtshalber auf Dauer hinter Gitter verfrachtet wurde. Und dass George Bush seine Leidenschaft für die Demokratie dadurch unter Beweis stellte, dass er seinen Freund Sharon – wie er sagte, ein „Mann des Friedens“ – dabei unterstützte, den einzigen demokratisch gewählten arabischen Politiker der arabischen Welt in Ramallah praktisch in Haft zu nehmen und statt dessen Mahmoud Abbas an die Macht zu hieven, obwohl es diesem, wie die USA eingestanden, an der „Unterstützung der Straße“ fehlte. All das könnte uns gewisse Aufschlüsse über das geben, was die liberale Presse als die „messianische Vision“ Bushs zur Verbreitung der Demokratie im Nahen Osten bezeichnet, allerdings nur dann, wenn Fakten und Logik irgendeine Rolle spielen würden.

Neben alldem veröffentlichte die NYT einen ausführlichen Gastkommentar zum Tod Arafats, verfasst von dem israelischen Historiker Benny Morris. Der Kommentar würde eine eingehende Analyse verdienen, die ich hier nicht leisten kann. Ich halte mich statt dessen Morris’ einleitenden Kommentar, der schon den ganzen Ton wiedergibt: Arafat, so Morris, ist ein Rosstäuscher, der von Frieden und dem Ende der Besatzung spricht, aber in Wirklichkeit „Palästina erlösen“ will. Dies demonstriere Arafats unverbesserliche Bösartigkeit.

An dieser Stelle offenbart Morris nicht nur seine tiefgehende Verachtung die Araber, sondern auch seine Verachtung für die Leser der NYT. Er scheint davon auszugehen, letztere würden nicht bemerken, dass er die schreckliche Formel von der „Erlösung Palästinas“ dem Arsenal der zionistischen Ideologie entlehnt. Deren Kernprinzip während mehr eines Jahrhunderts war die „Erlösung des Landes“, ein Prinzip, das hinter dem steckt, was nach Morris’ Erkenntnis immer ein zentrales Konzept der zionistischen Bewegung war: dem „Transfer“, das heißt, der Vertreibung, der ursprünglichen Bevölkerung, um das Land zum Nutzen seiner wahren Eigentümer „zu erlösen“. Die Folgen solcher Konzeptionen müssen wohl nicht eigens erläutert werden.

Morris wird in der NYT zutreffend als der Autor des jüngst erschienenen Buches The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited vorgestellt. Darüber hinaus hat er aber auch die bisher umfangreichste Forschungsarbeiten in den israelischen Archiven zu diesem Thema geleistet und detailliert die Brutalität der israelischen Militäroperationen dokumentiert, die zum „Transfer“ der großen Mehrheit der Bevölkerung aus jenen Gebieten führten, die später zu Israel wurden und zum Teil auch das von den UN für einen palästinensischen Staat vorgesehene Areal umfassten, das sich Israel am Ende des Krieges von 1947-49 zu ungefähr gleichen Teilen mit Jordanien teilte.

Es gebührt Israel zur Ehre, dass Morris’ Haltung zu dieser Frage dort sehr scharf verurteilt worden ist. Hier in den Vereinigten Staaten dagegen glaubt man offenbar, er sei die richtige Wahl für den ausführlichsten Kommentar über das Ableben seines verhassten Feindes.

* Noam Chomsky, geboren 1928, forscht und lehrt seit 1955 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und sorgt seither mit seinen linguistischen Theorien für Aufsehen. Zugleich hat er sich als politischer Essayist einen Namen gemacht, dessen Gesellschaftsbefunde wegen ihrer schneidenden Klarheit bestechen. Seit Jahren analysiert er die Omnipotenz Amerikas und vertritt die Auffassung, andere Länder seien dem als Opfer oder Vasallen ausgeliefert. Diese These prägt seine Schriften zum Kosovo-Krieg von 1999, zur Lage im Nahen Osten wie auch zum Anti-Terror-Krieg der USA und ihrer Verbündeten seit 2001. (Vorspann zu dem Artikel im "Freitag")

* Der Beitrag von Noam Chomsky erschien in einer gekürzten Fassung in der kritischen Wochenzeitung "Freitag" 51, vom 10. Dezember 2004.
Die Langfassung befindet sich hier: http://www.freitag.de/2004/51/NCDA_deutsch.htm. Die Zwischenüberschriften haben wir eingefügt.



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