Arbeiterwiderstand in Berlin, 24.06.2009 (Friedensratschlag)
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Mehr als ein Dialog

65 Jahre nach der Zerschlagung der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation: Eine Ausstellung erinnert an den Arbeiterwiderstand in Berlin

Von Denis Ruh *

Seit Donnerstag (18. Juni) vergangener Woche lädt eine bemerkenswerte Exposition im Foyer der Juristischen Fakultät der Humboldt- Universität zu Berlin im Gebäude der »Kommode« am Bebelplatz zum Besuch und zum Nachdenken ein. Sie trägt den Titel »Berliner Arbeiterwiderstand 1942–1945: Weg mit Hitler – Schluß mit dem Krieg«. Im Mittelpunkt steht das Wirken einer der größten Berliner Widerstandsgruppen gegen das Naziregime: die Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe. Die von Dr. Bärbel Schindler-Saefkow, Dr. Annette Neumann und Dr. Susanne Riveles – alle drei Töchter von Mitgliedern der Gruppe – erarbeitete Ausstellung zeichnet den Weg der Widerstandsorganisation nach. Seit 2006 arbeiteten sie an dem Projekt, das jetzt unter der Schirmherrschaft der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Die Angehörigen der Widerstandsgruppe bauten unter gefährlichsten Umständen Kontakte in über 70 Berliner Betriebe, in andere deutsche Städte und ins Ausland auf. Soweit heute noch genaue Angaben zu ermitteln sind, haben der Organisation mehr als 500 Männer und Frauen der unterschiedlichsten Weltanschauungen, Arbeiter, Angestellte, Künstler und Ärzte angehört. In erster Linie waren es Kommunisten. Auch zu den Verschwörern um Graf Stauffenberg gab es erste Kontakte – leider kam eine Zusammenarbeit nicht mehr zustande.

Die Ausstellung gibt dank der intensiven Recherchearbeit der Autorinnen und zahlreicher Helfer Einblick in die Tätigkeit der Gruppe Saefkow-Jacob- Bästlein mit Lebensläufen, Fotos und Dokumenten und zum Teil bisher unbekannten Details. Besonders ergreifend sind die noch erhalten gebliebenen Abschiedsbriefe der insgesamt 99 zum Tode Verurteilten oder im KZ zu Tode Gequälten. Nicht einer hat gejammert oder um Gnade gefleht. Sie haben alle gewußt, was ihnen bevorsteht und daß sie das Ende des Naziregimes zwar vor Augen hatten, es aber nicht mehr selbst erleben würden. Die Briefe sind Dokumente menschlicher Größe und aufrechter Gesinnung. Nicht ein einziger bereute seine antifaschistische Haltung. Natürlich spricht aus ihnen auch das tiefe Bedauern, daß sie die endgültige Niederlage des Faschismus nicht mehr erleben würden und der Schmerz, daß sie ihre Lieben nicht mehr in die Arme nehmen würden.

Man muß sich das vor Augen führen: Am 18. April 1945 – die Rote Armee stand vor den Toren Berlins – wurde beispielsweise Georg Leichtmann im Alter von 51 Jahren in Plötzensee ermordet. Oder: Heinz Rosenberg war erst 32 Jahre alt, als er im Konzentrationslager Sachsenhausen am 20. Februar 1945 erschossen wurde. Der gewöhnliche Faschismus in Perversion – bis zur letzten Minute! Die Ausstellung gibt auch Einblicke in den faschistischen Justizterror und nennt Verräter beim Namen. Die Ausstellungseröffnung am vergangenen Donnerstag in der »Kommode « fand außerordentliches Interesse – die Besucher drängten sich, das Foyer war überfüllt. Mehrere Redner, so der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, sowie die stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, Doro Zinke, würdigten nach einführenden Worten des Vorsitzenden der Berliner VVN-BdA, Hans Coppi, das Zustandekommen der Ausstellung. Auch das Engagement der Humboldt-Universität zu Berlin wurde hervorgehoben.

Den beeindruckendsten Redebeitrag zur Eröffnung der Ausstellung gab wohl Dr. Bärbel Schindler-Saefkow. Sie führte – sichtlich bewegt, wie alle Anwesenden – einen Dialog mit ihrem Vater Anton Saefkow, der am 18. September 1944 im Alter von 41 Jahren im Zuchthaus Brandenburg-Görden von den Faschisten ermordet wurde. Sie führte u.a. aus: »Ich würde meinem Vater sagen wollen, daß ich mit Freunden – darunter mit vielen Angehörigen seiner Mitstreiter – eine Ausstellung über seinen Kampf und den seiner 500 Freunde erarbeitet und versucht habe, die Ereignisse, die heute 65 Jahre her sind, einem breiten Publikum nahezubringen. Ich habe meinen Vater nie bewußt gesehen und fühle mich ihm doch sehr nahe, als hätten wir – mein inzwischen mehr als 60 Jahre dauerndes Leben – doch gemeinsam verbracht. Oft denke ich an ihn und versuche, mir vorzustellen, was er wohl über die heutige Zeit denken würde? Bei aller Unvergleichbarkeit der Zeit, in der wir heute leben, mit der meines Vaters, fühle ich mich durch ihn bestärkt, auch heute andere zu ermutigen, sich gegen Ungerechtigkeit und Krieg, gegen Gleichgültigkeit und Intoleranz einzusetzen.«

Parallel zur Vorbereitung der Ausstellung wurden durch den Künstler Gunter Demnig in Berlin 50 »Stolpersteine « für die ermordeten Angehörigen der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe vor deren jeweils letztem Wohnhaus verlegt.

Die Ausstellung ist noch bis zum 23. Juli in der »Kommode«, Unter den Linden 11, Eingang Bebelplatz, zu sehen. Geöffnet Mo-Fr. 10–19 Uhr, Sa 10–14 Uhr.

* Aus: junge Welt, 23. Juni 2009


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