Islam in der Türkei, 18.11.2003 (Friedensratschlag)
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Islam in der Türkei

Wissenswertes über Laizismus, Religiosität und Hauptvarianten des Islam

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus einem Artikel aus den "Informationen zur politischen Bildung", (Heft 277) herausgegeben von der Bundeszentrale für Politische Bildung.


Von Udo Steinbach


Laizismus und Religiosität

Die Kemalisten waren der Überzeugung gewesen, dass es gelingen würde, den Islam aus dem Erscheinungsbild der Türkei zurückzudrängen und ihn ausschließlich in die Sphäre der persönlichen Religiosität zu verbannen. Bereits Ende der vierziger Jahre deutete sich an, dass sie einen zu rationalen, zu europäischen Maßstab an die Türkei angelegt hatten.

Lediglich in ihren frühen Jahren hat die Türkische Republik das Prinzip des Laizismus konsequent angewandt und streng auf einer Trennung von Religion und Politik bestanden. Mit der Einführung des Mehrparteiensystems begannen Politiker jedoch, die Religion für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Der Religionsunterricht wurde wieder zugelassen, zunächst nur wahlweise an den Grundschulen, unter den Militärs im Jahre 1982 sogar obligatorisch in allen Schulformen. Noch vor dem erdrutschartigen Wahlsieg der DP im Jahre 1950 wurde 1949 in Ankara eine neue theologische Fakultät eröffnet. Korankurse, wenn auch staatlich organisiert und kontrolliert, erhielten Zulauf, ein intensiver Neubau von Moscheen setzte ein, verfallene Moscheen wurden restauriert.

Nach ihrem Putsch von 1980 setzten die Generäle den Islam dann gezielt ein, um die politische Linke zurückzudrängen. Als sie 1983 abtraten, gelang es dem neuen Premierminister Turgut Özal, der selbst dem Orden der Nak?ibendi (siehe unten) angehörte, die religiösen Stimmen nahezu geschlossen an sich zu binden. Zu den meisten Bruderschaften (siehe unten) unterhielt er gute Kontakte; in seiner "Mutterlandspartei" waren die - gemäßigten - Islamisten lange Zeit stärker als der liberale Flügel. Von 1983 bis 1991 übernahmen sie zahlreiche Stellen in der staatlichen Bürokratie, vor allem in den Ministerien für Erziehung und Inneres sowie im Planungsamt.

Die Bruderschaften (Tarikat) und Gemeinschaften (Cemaat) begannen, Zeitungen zu gründen, Schulen zu führen und Unternehmen zu betreiben. Auch die marktwirtschaftliche Öffnung begünstigte die "Islamisierung". Wo der Staat dem gestiegenen Bedarf an sozialen Leistungen aufgrund leerer Kassen nicht mehr nachkommen konnte, füllten islamische Selbsthilfegruppen die Lücke. In den achtziger Jahren konnte somit eine neue Generation von säkularen, aber auch urbanen religiösen Intellektuellen heranwachsen, die sich erstmals zu Fragen der politischen Ordnung äußerten. Einige von ihnen zählen heute zu den meist gelesenen Theoretikern der Türkei. Zeitungen und Zeitschriften mit islamischem Profil etabilierten sich, auch Fernsehkanäle und Radiostationen. Es entstand ein islamischer Literaturbetrieb mit eigenen Verlagen und Vertriebswegen.

Hauptvarianten

Der Islam in der Türkei stellt sich in drei Varianten dar: als Staatsislam, Volksislam sowie als politischer Islam (Islamismus). Die erste Variante ist vor allem durch die Religionsbehörde, das Diyanet I?leri Reisli?i (Präsidium für religiöse Angelegenheiten, kurz: Diyanet), geprägt. Ihm oblagen und obliegen die Überwachung der religiösen Literatur und die Verwaltung der geistlichen Ämter. Das Diyanet war bis 1950 mit wenig Personal ausgestattet und hatte lediglich den Koran und einige religiöse Grundlagenwerke herausgegeben. Seither wuchs das Amt zu einer komplexen Behörde: Es beschäftigt 88000 Angestellte - Vorbeter (Imam), Prediger (Hatip), Gebetsrufer (Müezzin) und islamische Rechtsgelehrte (Müftü). Ihm unterstehen über 70000 Moscheen, die von der "Generaldirektion für Stiftungen" unterhalten werden.

Das halbamtliche Konzept einer türkisch-islamischen Synthese sucht eine Verbindung von Türkentum und Islam, Staat und Religion herzustellen. Ihre Ideologen und Wortführer, vertreten durch den "Intellektuellenclub" (Ayd?nlar oca??), haben sich seit den siebziger Jahren in Gestaltung und Ausführung von Verfassung und Gesetzgebung eingeschaltet. Hauptanliegen des "Clubs" war es, salopp formuliert, "2500 Jahre (!) Türkentum, 1000 Jahre Islam und (nur) 150 Jahre westlichen Denkens in der nationalen Kultur der Gegenwart" zur Synthese zu bringen (nach Petra Kappert). Dieses Anliegen wurde sowohl von einer nationalistischen wie einer islamischen Klientel verinnerlicht, die den Grundkonflikt zwischen gesteigertem türkischen Nationalbewusstsein und islamischer Identitätskrise bis dahin nicht zu lösen vermocht hatte.

Volksislam

Dem puristischen Islamverständnis gegenüber hat sich in der gesamten islamischen Welt ein Volksislam entwickelt, der überwiegend die einfachen Gläubigen anspricht. Er organisiert sich in Bruderschaften und nimmt Elemente des Heiligenkults auf, aber auch der Mystik und des Aberglaubens. Die Bruderschaften vertreten die Einstellung, dass der Mensch Gott erkennen und zeitweise zu einer Einheit mit ihm gelangen kann. Der mystische Lehrer, der an der Spitze einer Bruderschaft steht, führt seine Anhänger auf den Weg dieser Gotteskenntnis.

1924 wurde nicht nur das Kalifat beseitigt, auch die Bruderschaften wurden abgeschafft. Gleichwohl war es schwierig, den Aktionsradius jener Bruderschaften einzuschränken, die sich informell um Scheichs gruppierten. Sie überlebten, oft als Wanderprediger, im Untergrund; zum Fortdauern des türkischen Islam leisteten sie einen wesentlichen Beitrag. Im Zeichen der einsetzenden Liberalisierung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen sie wieder zum Vorschein.

An der Spitze eines der einflussreichsten Orden, der Nak?ibendi, steht Fethullah Gülen, der 1938 in der nordostanatolischen Stadt Erzurum geboren wurde. (Der Orden führt seine Entstehung auf den aus der Gegend von Buchara stammenden Mohammed Naqschband, 1317-1389, zurück.) Der "türkische Islam", den Gülen vertritt, soll wie das Osmanische Reich gegenüber nichtislamischen Religionen tolerant und gegenüber den Wissenschaften aufgeschlossen sein. Gülen strebt nach einer Einheit zwischen den Traditionen der lokalen Religiosität und den Anforderungen der Moderne. In seinem Imperium nehmen daher die privaten Schulen eine zentrale Stellung ein. Eine zweite Säule seiner Aktivitäten sind die Medien. Die auflagenstärkste islamische Tageszeitung "Zaman" der nationale Fernsehkanal "Zamanyolu" und mehrere Zeitschriften hören auf seine Stimme.

Politischer Islam

Die dritte Facette des Islam in der Türkei ist der politische Islam. Bis in die sechziger Jahre hatte der türkische Islam keinen Anspruch auf politische Wirksamkeit erhoben. Dies änderte sich mit Mehmet Zahid Kotku (1897-1980), einem Scheich der Bruderschaft der Nak?ibendi. Er begann in den sechziger Jahren in Istanbul einen Kreis politisch motivierter Studenten um sich zu scharen, verließ den "kulturellen Islam" der türkischen Konservativen und entwickelte einen "politischen Islam". Zu seinen Studenten gehörten Necmettin Erbakan und Turgut Özal. Auf Anregung Kotkus gründete Erbakan 1970 die erste islamistische Partei der Türkei. Nach diversen Verboten durch das Verfassungsgericht (bzw. das Militär) nannte sie sich in den achtziger und neunziger Jahren "Wohlfahrtspartei" (Refah Partisi, RP).

Aufgrund der zwei Phasen ihrer Geschichte - Herkunft aus einer politisierten Bruderschaft, Wählerzuwachs durch die rasche Urbanisierung - besteht die islamistische Partei aus zwei Generationen, die ein unterschiedliches Politikverständnis vertreten. Die erste, traditionalistische Generation stammt überwiegend aus der anatolischen Provinz und ist in den hierarchischen Strukturen der Bruderschaft der Nak?ibendi verwurzelt.

Während der Urbanisierung der achtziger Jahre wurde die erste Generation um eine junge, modernistische ergänzt, die nicht mehr in Bruderschaften eingebunden ist. Die RP trat jetzt moderner auf als ihre Vorgängerparteien. Themen wie Wirtschaft und Soziales, Verwaltung und Management ersetzten religiöse Diskurse und theologische Fragestellungen. Erst der modernistische Flügel ermöglichte der Partei, ihren Stimmenanteil von 1987 bis 1995 zu verdreifachen. Die Früchte dieser Strategie konnte sie 1994 (Sieg bei den Lokalwahlen) und 1996 (Übernahme der Regierungsverantwortung) ernten.

Die anhaltenden inneren Auseinandersetzungen und Querelen auch in der Nachfolgepartei ("Tugendpartei", Fazilet Partisi, FP) haben deren Ansehen in der Öffentlichkeit jedoch sinken lassen. Das Ergebnis war der Rückgang der Wählergunst bei den Parlamentswahlen vom April 1999. Im Juni 2001 wurde die Partei verboten. Von den beiden Nachfolgeparteien versteht sich die "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) als reformistische Kraft im Gegensatz zur traditionell-religiösen "Glückspartei" (SP). Damit ist die Spaltung in den Reihen des politischen Islam in der Türkei unübersehbar geworden.

Anders als in anderen islamischen Ländern, etwa Algerien oder Ägypten, ist islamisch motivierte Gewalt, die das islamische Gesetz (?eriat) mit Waffen durchzusetzen sucht, noch kein verbreitetes Phänomen.

Eine Bedrohung geht jedoch von zwei militanten Bewegungen aus: der "Front der Soldaten des islamischen Großen Ostens" (Islami Büyük Do?u Ak?nc?lar-Cephe, IBDA-C) und der türkischen Hizbollah. Beide sind für eine Reihe von Terroranschlägen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre verantwortlich: Die IBDA-C in westlichen Großstädten, die Hizbollah im kurdischen Südosten. Die IBDA-C ist aus einer kurdischen Umgebung hervorgegangen und hat einen großen föderativen islamischen Staat propagiert. Viele Anhänger der Hizbollah rekrutierten sich indessen aus islamistischen kurdischen Kreisen, die mit der Unterstützung der Sicherheitsorgane den "linken" kurdischen Separatismus bekämpfen sollten.

Ende 1999 begannen die Sicherheitskräfte selbst, gegen die Hizbollah vorzugehen. In wenigen Wochen wurden Dutzende von Leichen ermordeter Journalisten, Intellektueller und Wirtschaftsvertreter entdeckt. "Kurden", "Linke", "Liberale" und "Unterstützer der PKK" waren die Kriterien, nach denen sie als Opfer ausgesucht zu sein schienen. Nur zögernd räumten Vertreter des Staates ein, dass die Sicherheitskräfte an der makabren Instrumentalisierung islamistischer Extremisten und an der Vertuschung ihrer Untaten Anteil hatten.

Aleviten

Nach den sunnitischen Muslimen bilden die Aleviten die zahlenmäßig größte Religionsgemeinschaft, der jeder fünfte Bewohner der Türkei angehört. Die Aleviten bekennen sich zum Islam. Doch anders als die Sunniten beherzigen sie die "Fünf Säulen", die grundlegenden Glaubensvorschriften des Islam (Ablegung des Glaubensbekenntnisses; fünfmaliges Gebet am Tag; Abgabe eines bestimmten Vermögensanteils; Fasten im Monat Ramadan; Wallfahrt nach Mekka) nicht.

Den Koran legen die Aleviten nicht nach den Buchstaben aus, sondern deuten ihn mystisch. Der Mensch, der im Zentrum ihrer Frömmigkeit steht, soll nicht Sklave Gottes sein, sondern seine vollkommene Schöpfung; er soll autonom und selbstverantwortlich handeln.

Die Aleviten beten nicht in einer Moschee, sondern treffen sich zu kultischen Handlungen in einem Gemeindehaus (Cemevi), Männer und Frauen nehmen daran gleichberechtigt teil. Kultelemente sind religiös inspirierte Gedichte und rituelle Tänze. Das Alevitentum ist das Ergebnis einer religionsgeschichtlichen Entwicklung, die christliche und gnostische Elemente aufgenommen hat. Am auffallendsten aber sind zugleich radikal schiitische Züge, die in der Vergöttlichung Alis gipfeln, des Vetters und Schwiegersohns des Propheten Mohammed. An die Stelle der Einheit Gottes setzen die Aleviten die Trinität Allah-Ali-Mohammed.

Das Alevitentum war im 13. Jahrhundert in Anatolien als Volksreligion der ländlichen Bevölkerung und der nomadisierenden Turkmenenstämme entstanden. Geprägt ist es von den Bruderschaften, die mit ihrer volkstümlichen Mystik den religiösen Grundbedürfnissen der einfachen Bevölkerung mehr entgegenkamen als der orthodoxe Islam mit seiner Gesetzestreue und Schriftgläubigkeit. Eng waren zunächst die religiösen und politischen Beziehungen zum mystischen Orden der iranischen ?afawiden.

Nach der Niederlage des ?afawidischen Schahs Ismail gegen die Osmanen bei C,ald?ran im Jahre 1514 fand die Mehrheit der anatolischen Aleviten eine neue geistige Leitung im Orden des türkischen Mystikers Haci Bekta? Veli, den Bekta?is. Dieser Orden war im 13. Jahrhundert gegründet worden und hatte sich über ganz Anatolien ausgebreitet.

Wegen ihrer unorthodoxen Auslegung des Korans und ihrer religiösen Praktiken galten die Aleviten in der osmanischen Epoche als "Häretiker". Sie wurden an den Rand gedrängt, sogar verfolgt. Die Republik Türkei brachte den Aleviten Glaubensfreiheit und die Anerkennung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger. Das erklärt, weshalb die Angehörigen der alevitischen Glaubensgemeinschaft politisch durchweg dem kemalistisch-laizistischen Lager zuzurechnen sind.

Aleviten leben über das ganze Land verteilt, doch liegen ihre Siedlungsschwerpunkte im Osten Zentralanatoliens. Die alevitischen Zuwanderer, die in den sechziger und siebziger Jahren in die Großstädte gezogen waren, haben den sozialen Aufstieg meist geschafft. Es entstand eine alevitische Mittelschicht, die Anwälte, Ingenieure, Unternehmer, Journalisten und ähnliche Berufe hervorbrachte. Ihnen fallen bei der Neuorganisation der Gemeinschaft heute Führungsaufgaben zu. Politisch bekennen sie sich überwiegend zur Sozialdemokratie und gemäßigten Linken. Auffallend ist aber zugleich der hohe Anteil von Aleviten in radikalen linken, teilweise militanten Organisationen.

Heute bekennen sich zahlreiche Aleviten öffentlich zu ihrer Identität und zu ihrem lange geheim gehaltenen Glauben. Konservative und nationalistische Aleviten behaupten, das Alevitentum habe den "wahren" Islam der Türkei geschaffen, ihr Islam entspreche den Eigenheiten der Türken mehr als die den Arabern entlehnte Orthodoxie. In den neunziger Jahren kam es zu mehreren gewalttätigen Ausschreitungen zwischen politisch Konservativen der extremistischen Sunniten auf der einen und Angehörigen der alevitischen Glaubensgemeinschaft auf der anderen Seite. Die Auseinandersetzung um die eigene Identität ist in vollem Gange.

Laizismus und Islam heute

Ihren sichtbaren Ausdruck findet die Auseinandersetzung um die Rolle des Islam in der türkischen Gesellschaft heutzutage in der Diskussion um das Tragen des Kopftuchs. Das laizistische Establishment sieht darin eine politische Manifestation und untersagt es an im weitesten Sinne "staatlichen" Plätzen. Dazu gehören vor allem das Parlament, die Regierung und die Verwaltung. Auch Studentinnen ist es seitens der staatlichen Behörde für die Aufsicht über die Universitäten nicht gestattet, das Kopftuch auf dem Campus zu tragen. Protesthandlungen von Frauen, die das Kopftuch an Orten anlegen, wo dies verboten ist, lösen in der Öffentlichkeit und in den Medien zum Teil leidenschaftliche und kontroverse Reaktionen aus.

Heute verfügt in der Türkei keine islamisch orientierte Gruppe, Bewegung oder Partei über ein Monopol. Hatten die diversen islamistischen Parteigründungen, die sich mit dem Namen Necmettin Erbakan verbinden, früher sozialen Protest in der Sprache des Islam zu artikulieren gesucht, so hat die islamische Bewegung in der Auseinandersetzung mit der türkischen Gesellschaft während der neunziger Jahre an Breite zugenommen. Inwieweit sie zu einem integralen Bestandteil der türkischen Demokratie werden könnte, ist eine der großen Zukunftsfragen an die Türkei.

Aus: Informationen zur politischen Bildung, Heft 277


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