Ernesto Kroch zum G8-Gipfel, 02.06.2007 (Friedensratschlag)
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"Studiert habe ich eigentlich nur das Leben"

G-8-Gegner sollten vor allem für den Frieden kämpfen. Ein Gespräch mit dem Antifaschisten und Gewerkschafter Ernesto Kroch

Ernesto Kroch mußte als Gewerkschafter in den 30er Jahren vor den Nazis nach Uruguay fliehen, wo er noch heute lebt und politisch aktiv ist. Der Filmemacher Martin Keßler hat ihn in "Ernesto alias Ernst: Der Langstreckenkämpfer" porträtiert.

Hätten Sie als junger Gewerkschafter und Antifaschist, der in den 30er Jahren nach Uruguay emigrierte, gedacht, daß Sie ein Leben lang kämpfen müssen?

Eigentlich nicht. Aber vielleicht gibt es so etwas wie ein umgekehrtes Trägheitsgesetz: Wenn man einmal in Bewegung geraten ist und für etwas eintritt, dann setzt man sich ein Leben lang dafür ein. Ich habe mich sowohl in Nazideutschland als auch später in Uruguay für die linke Sache eingesetzt und auch genügend Niederlagen überstanden. Vom Aufkommen des deutschen Faschismus – den ich auch ganz persönlich durch Gefängnis und KZ erfahren habe – über die Militärdiktatur in Uruguay bis zum Ende der DDR. Die war zwar nicht mein Ideal, aber immerhin ein Weg zu einer antifaschistischen Gesellschaft, zu einem alternativen Deutschland. Ich war zwar kritisch gegenüber der DDR, aber der Westen war für mich kein Vorbild. Das Kulturinstitut in Montevideo, das Bertolt-Brecht-Haus, hat die DDR überdauert und repräsentiert für mich immer noch ein anderes Deutschland.

Hat die Kontinuität, mit der Sie arbeiten, auch damit zu tun, daß Sie aus der Arbeiterbewegung kommen und nicht studentisch sozialisiert sind?

Ich habe die 68er Studentenbewegung in Deutschland nicht erlebt. Damals war ich in Uruguay, wo die Gewerkschafts- und die Studentenbewegung traditionell miteinander verbunden sind. Das fehlte in Deutschland, deshalb war ein Scheitern wohl programmiert. Ich selbst bin mit 15 Jahren in Deutschland in die Lehre gegangen und der Metallarbeiterjugend beigetreten. Studiert habe ich eigentlich nur das Leben.

Was war für Sie nach dem Krieg ausschlaggebend für Ihre Entscheidung, nicht nach Deutschland zurückzukehren?

In Uruguay sind meine Lebensgefährtin und ich gesellschaftlich, menschlich und politisch mehr zu Hause als in Deutschland, wo wir schon über 60 Jahre nicht mehr heimisch geworden sind. Nur während der Militärdiktatur waren wir wieder in Deutschland. Nachdem ich in der Metallarbeitergewerkschaft aktiv gewesen war und nicht noch einmal in ein KZ kommen wollte, bin ich über die brasilianische Grenze geflüchtet und dann nach Deutschland – ins Exil im eigenen Land. Nachdem die Demokratie in Uruguay wiederkehrte, haben wir uns freiwillig für dieses Land entschieden.

Mit welchen Gedanken sind Sie nun kurz vor dem G-8-Gipfel nach Deutschland gereist?

Um ehrlich zu sein: In Uruguay weiß man sehr wenig über diesen Gipfel. Vom Gegengipfel liest man in der Zeitung sowieso kaum etwas. Ich habe meine Informationen unter anderem aus dem Freitag bezogen, den wir abonniert haben. Die Südamerikaner haben im Moment ganz andere Probleme, obwohl die auch in Heiligendamm besprochen werden. Die Welt hängt ja zusammen wie Herr und Knecht zusammenhängen.

Welche Prioritäten sollte die Anti-G-8-Protestbewegung setzen?

Das müßte vor allem eine Friedensbewegung sein, die Interventionskriege wie in Afghanistan oder im Irak bremsen kann. Ökonomische Themen sind in Deutschland wohl im Augenblick nicht so brennend, weil ja gerade mal wieder ein bißchen Konjunktur herrscht. Obwohl Aufschwung immer relativ ist: Auch in Uruguay haben wir Perioden großen Wachstums gehabt, aber gleichzeitig hat sich die Gesellschaft polarisiert, und viele Menschen wurden durch unbezahlbare Mieten in die Elendsviertel abgedrängt.

Haben Sie hier die Ausstrahlung linker Wahlerfolge in Lateinamerika auf die Protestbewegung in Europa bemerkt?

Für einen Großteil der Menschen ist spürbar, daß sich die Richtung in Lateinamerika geändert hat. In der sozialen Frage und auch in der Menschenrechtsfrage, die von den vorherigen bürgerlichen Regierungen nicht wahrgenommen wurde. In Uruguay gab es zum Beispiel volle Straffreiheit für Verbrecher in Uniform, die während der Militärdiktatur gefoltert, gemordet und entführt haben. Jetzt sitzen immerhin der Präsident, sein Außenminister und einige hohe Offiziere in Haft.

Interview: Claudia Wangerin

* Aus: junge Welt, 31. Mai 2007


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