Friedensnobelpreis 2008: Kritik an Komitee, 11.10.2008 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Friedensnobelpreis 2008: Zweifelhafte Leistung des Preisträgers im Kosovo-Konflikt / Ahtisaari has repeatedly functioned as "peace fixer" for Western power elites

Kritik an Nobelpreis-Komitee / Nobel Committee's Prize - yet another scandal


Friedensratschlag kritisiert Nobelpreis-Komitee

Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensratschlag
  • Verrat an Intention des Begründers des Friedensnobelpreises
  • Zweifelhafte Leistung des Preisträgers im Kosovo-Konflikt
  • Immer seltener wird genuine Friedensarbeit und -politik gewürdigt
Kassel, 10. Oktober 2008 - Zur Verleihung des Friedensnobelpreises 2008 an den finnischen Politiker Martti Ahtisaari erklärte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag in einer ersten Stellungnahme:

Vor wenigen Tagen veröffentlichte Fredrik S. Heffermehl, eine norwegischer Jurist, ein Aufsehen erregendes Buch über die Geschichte des Friedensnobelpreises. Seine wichtigste These: Der Preis sei häufig an die falschen Personen vergeben worden, die Jury halte sich immer weniger an die ursprüngliche Zielsetzung des Begründers des Preises, Alfred Nobel.

Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees, den Friedensnobelpreis 2008 an Martti Ahtisaari zu vergeben, ist eine Bestätigung der Anklage Heffermehls. Der finnische Politiker erfüllt keines der Kriterien, die Alfred Nobel 1895 an die Preisvergabe gestellt hatte, nämlich einen Beitrag zu leisten zur Brüderlichkeit unter den Menschen, zur Reduzierung der Armeen und zur Gründung von Friedens-Kongressen.

Martti Ahtisaari wurde, so viel ist richtig, nach seiner Amtszeit als finnischer Staatspräsident zu verschiedenen Konflikten als Vermittler hinzu gezogen, etwa in Aceh (Indonesien) 2007, im Irak, in Namibia oder in Nordirland 2000. Dafür erhielt er u.a. im Mai 2008 den Félix-Houphouët-Boigny-Friedenspreis der UNESCO. Pikanterweise hielt damals die Lobrede auf den Preisträger der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, bis zum heutigen Tag einer der prominentesten Berater von US-Präsident Bush und in seiner Biografie eher ein Brandstifter denn ein Friedensmann.

In bester oder besser: schlechter Erinnerung bleibt die "Leistung" Ahtisaaris im Kosovokonflikt. Er erarbeitete im Auftrag der UNO den sog. Ahtisaari-Plan einer "bewachten Souveränität", der einer staatlichen Unabhängigkeit des Kosovo den Weg bereiten sollte. Mit diesem Plan schoss er über sein Mandat und über das Völkerrecht derart hinaus, dass nicht einmal der UN-Sicherheitsrat folgen wollte. Vor wenigen Tagen hat das höchste Organ der UNO, die Generalversammlung, die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo zur Begutachtung an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag überwiesen.

Wenn man die Preisträger der letzten Jahre Revue passieren lässt, muss man zum Schluss kommen, dass sie mit der ursprünglichen Idee Nobels tatsächlich nicht mehr viel gemein haben. Manche von ihnen hätten eher einen Umweltpreis oder einen Preis für Menschenrechtsarbeit oder für humanitäre Hilfe bekommen können. (Vgl. z.B. die Kritik Heffermehls am Friedensnobelpreis 2007 [Al Gore]: "Dem Friedensnobelpreis kommt der Frieden abhanden".) Der letzte wirkliche "Friedenspreis", der diesen Namen auch verdient, liegt 11 Jahre zurück: 1997 erhielt die internationale Landminenkampagne den Friedensnobelpreis zugesprochen.

2008 hat das Nobel-Komitee (der Friedenspreis wird von Parlamentariern des norwegischen Reichstags vergeben - auch das nicht im Sinn von Nobel) einem angesehenen Politiker einen Freundschaftsdienst erwiesen - die vielen unabhängigen Kandidaten, die mit genuiner Arbeit am Frieden, mit Konfliktprävention und friedlicher Konfliktbearbeitung praktisch und theoretisch zu tun haben, gingen wie so oft leer aus.

Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski, Kassel (Sprecher)

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Martti Ahtisaari,

über die Verleihung des Friedensnobelpreises an Sie freue ich mich außerordentlich. Ich gratuliere Ihnen hierzu herzlich.

Mit der Auszeichnung belohnt das Nobelpreiskomitee ein Lebenswerk und einen Menschen, der sich wahrlich um den Frieden in der Welt verdient gemacht hat. Sie haben über viele Jahrzehnte und auf verschiedenen Kontinenten bewiesen, dass es möglich ist, mit Weitsicht, Beharrlichkeit, Geschick und Überzeugungskraft für schwierige und gefährliche Konflikte friedliche und gerechte Lösungen zu finden.

Dies ist ein großer Tag für Sie, für Ihr Land und für den Frieden in der Welt.

Dr. Angela Merkel

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung



Nobel Committee's Prize - yet another scandal

The choice of Martti Ahtisaari satisfies - even with a broad interpretation - none of the criteria outlined in Alfred Nobel's will, namely: to contribute to fraternity in the world, to reduce armies and to establish peace congresses - to quote them in the Nobel's own language of 1895.

Ahtisaari has repeatedly functioned as "peace fixer" for Western power elites. In 1999 he was the envoy who persuaded the Serb state to give in after NATO's 78 days of bombing, the most brutal event in Europe since 1945, which also lacked a UN Security Council mandate.

He then was appointed as the "architect" of the plan behind the separation of now "independent" Kosovo which, following this bombing, broke off from Serbia. Independent Kosovo is recognized by only 25% of the world's governments.

So, Ahtisaari is a man who by his "mediations" fully endorses the "peace" brought about by militarist means and international law violations - rather than following the UN norm of "peace by peaceful means."

The Nobel Committee should, according to Nobel's will, not necessarily consist of Norwegian parliamentarians. Nobel only stated that those who decided on the Prize should be appointed by the Norwegian Parliament.

Would anyone dream of letting a group of parliamentarians anywhere award the prize in, say, medicine, physics or literature without having the slightest knowledge of the subject or professional background? Yet this is exactly what the Nobel Committee does. None of them have any professional knowledge about the subject of peace.

The Committee has again rewarded one of its politician friends ­ instead of one of the independent candidates of this year, who have truly contributed intellectually, culturally or people-to-people wise to genuine peace.

This is a scandal - one more after Al Gore last year. http://www.transnational.org/Resources_Treasures/2007/Oberg_NobelPrize2007.html

Those of us who wish for a genuinely peaceful world are being deprived once again of our most important Prize with this year's decision.

More about Alfred Nobel and how his will is being circumvented here: http://www.transnational.org/Resources_Nonviolence/2008/Heffermehl_Nobel.html

Jan Oberg
TFF co-founder and director


Zur Seite "Friedenspreise"

Zur Seite "Friedensbewegung"

Zur Presse-Seite

Zurück zur Homepage