Hohe Absturzraten von Flugrobotern (Drohnen), 24.06.2014 (Friedensratschlag)
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Wenn Drohnen vom Himmel fallen: Absturzraten von Flugrobotern der US-Armee und der Bundeswehr

Von Matthias Monroy *

Unter dem Titel “When drones fall from the sky” hat die Tageszeitung “Washington Post” über eine größere Untersuchung zu Abstürzen von US-Drohnen berichtet. Demnach haben sich seit 2001 bereits 418 Unfälle mit großen Drohnen der US-Armee ereignet. Kleinere Drohnen sind in der Aufstellung nicht berücksichtigt. Als Ursachen der Abstürze gelten technische Defekte, schlechtes Wetter und menschliches Versagen.

Betrieben wurden die abgestürzten Flugroboter entweder von der Luftwaffe, dem Heer oder der Marine. Menschen seien nicht zu Schaden gekommen, tödliche Vorfälle in einigen Fällen aber jedoch nur knapp vermieden worden. Eine Drohne stürzte etwa nahe einer Grundschule ab. Die meisten Crashs ereigneten sich in Afghanistan, es folgen die USA und der Irak. Auch in Dschibuti, Pakistan oder in Mali ereigneten sich Unfälle. Nicht immer hat die US-Armee aber Abstürze zugegeben.

Die Vorfälle sind in einer Grafik dargestellt und lassen sich den Teilstreitkräften, Orten oder Typen zuordnen. Für den Artikel hatten die AutorInnen ein Jahr lang 50.000 Seiten mit Unfallberichten ausgewertet. Kleinere Drohen wurden jedoch nicht berücksichtigt. Die höchste Absturzrate verzeichnet die Langstreckendrohne “Predator” bzw. ihr Nachfolger “Reaper”. So wie es aussieht wird auch die Bundeswehr dieses bewaffnungsfähige Modell beschaffen. Auch fünf Exemplare der Riesendrohne “Global Hawk” fielen bereits vom Himmel. Die “Global Hawk” ist nahezu baugleich mit der “Euro Hawk”, die von der Bundeswehr in einer Kleinserie von ebenfalls fünf Stück beschafft werden sollte. Erst ein Gerät ist geliefert und nach explodierenden Kosten vorübergehend eingemottet worden.

Bundeswehr wirft Nebelkerze: Verschiedene Arten von “Landungskategorien”

Aufgeführt sind auch Abstürze der US-Drohnen “Raven”, “Hunter” und “Shadow”. Alle drei Typen hat die US-Armee auch in Deutschland stationiert. Die “Hunter” soll zukünftig sogar außerhalb militärischer Anlagen verkehren. Eine Genehmigung wurde aber vom Verteidigungsministerium noch nicht erteilt. AktivistInnen hatten unter Bezug auf Meldungen in US-Soldatenzeitungen berichtet, dass bald auch die (ebenfalls häufig abgestürzten) größeren Drohnen “Gray Eagle” in Bayern stationiert würden. Die Bundesregierung dementiert das aber.

Letztes Jahr hatten Berichte über Abstürze von Drohnen der Bundeswehr Furore gemacht. Das Verteidigungsministerium hatte in Antworten auf parlamentarische Anfragen zunächst falsche Angaben über die Anzahl der Vorfälle gemacht. Später wurde behauptet, die Abgeordneten hätten die falschen Fragen gestellt: Denn es gebe verschiedene Arten von “Landungskategorien”. Ein Absturz sei nur dann gegeben, wenn “durch einen unkontrollierbaren Flugzustand das Luftfahrzeug am Boden zerstört wurde”. In der entsprechenden Vorschrift des Generals für Flugsicherheit wird dies als “Beendigung eines unkontrollierbaren Flugzustandes am Boden durch Zerstörung” definiert. Ein Flugunfall liegt nur vor wenn mindestens eine Person tödlich oder schwer verletzt worden ist, “verwendungsunfähig” ist oder als verschollen gilt. Das Gleiche gilt für das Luftfahrzeug, das entweder zerstört, vermisst oder “nicht zugänglich” ist.

Auch wenn die Drohnen außer Kontrolle geraten liegt nicht immer ein Flugunfall vor. Denn wenn es den PilotInnen gelingt, ein Notlandeverfahren auszulösen, handelt es sich offiziell um eine “systemkonforme Landung” – auch dann, wenn die Drohne Schaden nimmt. Derartige Ereignisse würden werden in der “Fluggeräteakte” erfasst, aber nicht statistisch ausgewertet. Selbst wenn die Datenverbindung zwischen Drohne und Bodenkontrollstation unterbrochen wird, gilt dies nicht als Unfall. Über die Anzahl derartiger Vorkommnisse werden vom General Flugsicherheit der Bundeswehr ebenfalls keine Statistiken geführt.

Ein Sechstel aller Bundeswehr-Drohnen gecrasht – mindestens

Vorbehaltlich dieser Angaben hatte der Presse- und Informationsstabes der Bundeswehr im Juni 2013 die Angaben zu Abstürzen nach oben korrigiert. So sei es bei insgesamt 137 Flugunfällen und Zwischenfällen zu einem “Verlust” gekommen ist. Nicht alle Verluste seien als als Flugunfall eingestuft worden. Letztes Jahr zählte die Bundeswehr 871 Drohnen der Typen “ALADIN” (Abstürze: 30), “KZO” (Abstürze: 18), “LUNA” (Abstürze: 52), “MIKADO” (Abstürze: 4) sowie “HERON 1″ (Abstürze: 3). Rund ein Sechstel ist also bereits vom Himmel gefallen. Die meisten Abstürze (numerisch) verzeichnete die “LUNA”. Dennoch will der Hersteller bald die Zulassung nach “Kategorie 3″ beantragen, um das Gerät auch im allgemeinen zivilen Luftraum fliegen zu dürfen.

Im Verhältnis betrachtet weist aber die Langstreckendrohne “Heron” die meisten Abstürze auf: Von den drei aus Israel beschafften Exemplaren sind alle bereits einmal mit Totalschaden gecrasht. Zu dem jüngsten Unfall im November will die Bundeswehr immer noch nicht erklären, wie es dazu kam und wer verantwortlich ist. Die Drohne sei in Afghanistan “aus bisher ungeklärter Ursache mit einem Berg” kollidiert. Die Verbindung zwischen der Bodenstation in Mazar-i Sharif und der “Heron” sei abgebrochen gewesen.

Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr drückt sich um die Frage, ob die “Heron” wegen fehlerhafter Steuerung, technischer Defekte oder Manipulationen Dritter zu Boden ging. Laut dem Militär habe es sich um einen Unfall während eines Aufklärungsfluges gehandelt. Sie sei demnach zum Zeitpunkt des Unfalls nicht von Technikern der Betreiberfirma EADS Cassidian geflogen worden. Ein endgültiger Unfallbericht ist für Ende Juni angekündigt.

Letztes Jahr bezifferte die Bundeswehr die Kosten der abgestürzten Drohnen auf rund 109,39 Millionen Euro. Die Reparatur von Drohnen bei nicht als “Unfall” eingestuften Vorfällen dürfte aber mit weiteren, hohen Kosten zu Buche schlagen.

* Aus: Netzpolitik.org, 21. Juni 2014; https://netzpolitik.org/
Dort auch weitere Grafiken und Links zum Thema.



»In großer Höhe verschwunden«

Über 400 Drohnen gingen dem US-Militär in aller Welt seit 2001 verloren **

Mehr als 400 große Drohnen der USA sind nach einem Pressebericht seit 2001 weltweit abgestürzt. Die meisten Abstürze (67) ereigneten sich in Afghanistan.

Washington. Mehr als 400 große Drohnen der US-Militärs sind nach einem Bericht der »Washington Post« weltweit seit 2001 abgestürzt. Technische Defekte, menschliches Versagen sowie schlechtes Wetter seien Hauptursachen der Unfälle der unbemannten Fluggeräte, meldet die Zeitung unter Berufung auf eine Auswertung von Unfallberichten. Tote hätten bei den Unfällen nur knapp verhindert werden können.

Drohnen seien in Häuser, Bauernhöfe oder auf Schnellstraßen gestürzt. In einem Fall habe es über Afghanistan einen Zusammenstoß in der Luft mit einem Transportflugzeug der US-Luftwaffe gegeben. Mitunter habe nur reines Glück eine Katastrophe verhindert. Die USA nutzen Drohnen vor allem in Afghanistan und Irak, beim sogenannten Anti-Terror-Kampf etwa in Jemen und zur Überwachung.

Der Bericht über die Unfälle dürfte nach Einschätzung der Zeitung auch den Einsatz ziviler Drohnen in den USA beeinflussen, der vom nächsten Jahr an zugelassen werden soll. Auch Drohneneinsätze von Polizei und Sicherheitskräften in den USA dürften dann zunehmen, heißt es. Die zuständigen US-Behörden stehen bislang auf dem Standpunkt, dass Drohnen sicher über Wohngebiete und im selben Luftraum wie Passagierflugzeuge fliegen können.

Laut Zeitungsbericht sind mehrere Drohnen der Streitkräfte bei ihren Flügen in großer Höhe verschwunden und wurden nie wieder gesehen. Piloten, die die Flugkörper aus der Ferne steuern, hätten die Kontrolle über die Geräte verloren. Dies sei etwa im September 2009 der Fall gewesen. Die bewaffnete Drohne vom Typ »Reaper« mit einer Spannweite von mehr als 20 Metern sei dann von US-Kampfflugzeugen »nahe Tadschikistan« abgeschossen worden.

Im April stürzte eine rund 170 Kilo schwere Drohne der US-Streitkräfte in unmittelbarer Nähe des Schulhofes einer Grundschule im US-Bundesstaat Pennsylvania ab – nur wenige Minuten nachdem die Kinder nach Hause gegangen waren, berichtet die Zeitung weiter.

Besonders häufig von Abstürzen betroffen sei der Typ »MQ-1 Predator«. Fast die Hälfte aller von der US-Luftwaffe gekauften »Predators« sei in schwere Unfälle verwickelt gewesen. Ein Exemplar kostet knapp vier Millionen Dollar. Die US-Streitkräfte besitzen laut »Washington Post« rund 10 000 Drohnen unterschiedlichen Typs. In den USA werden Drohnen auch jenseits des militärischen Einsatzes gebraucht.

** Aus: neues deutschland, Montag 23. Juni 2014


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