Atomare Abrüstung ist eine Überlebensfrage, 24.06.2009 (Friedensratschlag)
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Gefährliche Kollisionen

Unfälle und Havarien machen atomare Abrüstung zur Überlebensfrage

Von Wolfgang Kötter *

In Moskau treffen sich heute (20.6.) die Mitglieder der Internationalen Kommission für Nukleare Nichtverbreitung und Abrüstung. Unter Leitung der Ex-Außenminister Australiens und Japans, Gareth Evans und Yoriko Kawaguchi, werden hochrangige Experten aus aller Welt darüber beraten, wie die Menschheit vor der drohenden Selbstvernichtung durch Atomwaffen bewahrt und eine atomwaffenfreie Welt geschaffen werden kann. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat die Bedrohung durch eien Nuklearkrieg zwar abgenommen, aber die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen ist gestiegen. Immer noch gibt es über 20 000 nukleare Sprengköpfe, die Zahl ihrer Besitzer ist gewachsen und das System der Nichtverbreitung steht vor dem Kollaps. Der Kommissionsbericht soll deshalb Anfang nächsten Jahres, rechtzeitig vor der im Frühjahr stattfindenden Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag, vorgelegt werden.

Überlebensgefahr für die Menschheit

„Die Welt befindet sich vor einer Lawine der Verbreitung von Atomwaffen“, aber sie habe die atomare Gefahr bisher „schlafwandlerisch ignoriert“, warnt Evans. Es grenze daher an „ein Wunder, dass die atomare Katastrophe bisher noch nicht eingetreten“ sei. Jeder weitere Kernwaffenbesitzer aber erhöht das Risiko ihrer Anwendung. Die Geschichte zeigt, dass Unfälle, Fehlfunktionen und Irrtümer das Atomzeitalter von Anfang an begleiten. Zwar erschweren Geheimnistuerei, bewusstes Verschweigen und Vertuschen der Verantwortlichen eine umfassende Dokumentation der Fakten. Dennoch werden immer wieder vergangene Zwischenfälle aufgedeckt, von denen viele sich zu Katastrophen hätten auswachsen könne. Manche mögen es sogar gewesen sein, ohne dass die Öffentlichkeit je davon erfuhr. Und es gibt auch jüngere Beispiele für kreuzgefährliche Situationen.

Der Jahrhundert-Crash

Über Texas sichteten Bewohner Anfang des Jahres angeblich mehrere Feuerbälle. Einige Menschen meinten zudem, laute Knallgeräusche gehört zu haben. Doch bei dem Phänomen handelte es sich weder um Ufos noch um Halluzinationen. Die wahrscheinliche Erklärung lieferten zunächst der US-Sender CBS und andere Medien: „Satelliten-Crash in fast 800 Kilometern Höhe!“, lautete die Spitzenmeldung. Am 10. Februar waren ein kommerzieller amerikanischer Kommunikationssatellit und der seit Jahren abgeschaltete russische Himmelskörper "Kosmos-2251" im Weltall über dem Norden Sibiriens zusammengestoßen. Nach der Kollision der Satelliten habe sich ein weites Trümmerfeld gebildet, ließ die US-Weltraumbehörde NASA wissen. Erste Radar-Untersuchungen hätten rund 600 Wrackteile registriert. Weltraumexperten äußerten sich besorgt. Die Trümmer könnten leicht mit alten sowjetischen Aufklärungssatelliten, die Atombatterien an Bord haben, zusammenstoßen, so die Warnung aus Moskau. Dabei besteht die Gefahr, dass Wolken mit radioaktiver Strahlung im All austreten. Ein Jahrhundert-Crash, urteilen Experten, denn die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Volltreffer ist eine Million Mal geringer als sechs Richtige im Lotto zu haben.

Leiser als eine Krabbe

Ob ein Zusammenstoß ganz anderer Art vermeidbar gewesen wäre, darüber rätseln die Militärexperten immer noch. Mit fast zwei Wochen Verspätung und nach vergeblichen Verschleierungsbemühungen der Marine wurde ein Unterwasserunfall bekannt, der haarscharf an einer nuklearen Katastrophe vorbeigeschrammt war.

In der Nacht vom 3. zum 4. Februar kollidierten im Atlantik das britische Atom-U-Boot „HMS Vanguard“ und das französische „Le Triomphant“ mit zusammen 252 Matrosen an Bord. Beide etwa 150 Meter langen Boote sind mit Atomreaktoren, jeweils 16 Atomraketen und insgesamt 48 Nuklearsprengköpfen bestückt. Obwohl es bei dem Crash keine Verletzten gab, hätten durch ein Leck radioaktive Strahlung austreten oder die Nuklearsprengköpfe mit einer bis zu 24-fachen Zerstörungskraft der Hiroshimabombe verloren gehen können. Während das französische U-Boot trotz beträchtlicher Schäden an Steuerung und Sonarsystem aus eigener Kraft nach Brest zurückkehren konnte, musste Her Majesty's Ship mit etlichen Schrammen und Beulen in seinen schottischen Heimathafen Faslane geschleppt werden.

Die Verantwortlichen spielten die Gefahr zunächst auch hier herunter. Der Chef der britischen Marine Admiral Jonathon Band räumte zwar ein, dass es zu „einer Berührung bei sehr langsamer Geschwindigkeit" gekommen sei, aber es wäre „zu keinem Zeitpunkt die Sicherheit der Atomanlagen an Bord gefährdet oder die Wehrkraft unseres U-Boots beeinträchtigt gewesen." Das französische Verteidigungsministerium hatte anfänglich sogar lediglich von einer Kollision der „Triomphant“ mit einem nicht identifizierten Objekt gesprochen. Vermutlich habe es sich um einen Container gehandelt. Die Bürgerbewegung „Sortir du nucléaire“ (Atomausstieg) warf der Regierung deshalb zu recht vor, den Vorfall vertuschen zu wollen. Die Atomkraftgegner sehen in dem Crash im atlantischen Ozean ein Alarmsignal. Die britische „Kampagne für Nukleare Abrüstung“ warnt vor einem „atomaren Alptraum größter Ordnung“. „Der Zusammenstoß hätte eine große Menge an Strahlung freisetzen und die Atomsprengköpfe über den Meeresboden verstreuen können“, meint die Vorsitzende Kate Hudson. Einen sehr speziellen Erklärungsversuch lieferte der französische Verteidigungsminister Hervé Morin. Dass die französische „Le Triomphant“ und die britische „HMS Vanguard“ trotz ausgefeilter Sonartechnik kollidierten, sei auf „einen einfachen technischen Sachverhalt zurückzuführen“, sagte Morin dem Fernsehsender Canal plus. „Die U-Boote sind leiser als eine Krabbe, deswegen sind sie nicht zu orten.“

Anderthalb Monate später eine erneute Kollision. Am 20. März stießen zwei US-Kriegsschiffe in der Straße von Hormus nahe der iranischen Küste zusammen. Das Atom-U-Boot „USS Hartford“ kollidierte mit dem Amphibienschiff „USS New Orleans”. Die "Hartford" ist mit Marschflugkörpern vom Typ "Tomahawk" und MK-48-Torpedos bestückt. Die "New Orleans" ist ein Transportschiff und unter anderem mit Raketenabschussgeräten ausgestattet. Der Atomreaktor des U-Bootes wurde Marineangaben zufolge bei der Havarie nicht beschädigt, aber 15 Besatzungsmitglieder leicht verletzt. Aus dem beschädigten Treibstofftank des anderen Schiffes seien rund 90 000 Liter Dieseltreibstoff ausgelaufen.

Derartige Unfälle sind zwar selten, aber sie sind auch nicht ausgeschlossen. Für einen U-Boot-Zusammenstoß nennt das US-amerikanische „TIME-Magazin“ eine Wahrscheinlichkeit von eins zu 85 Millionen. Weil aber das Risiko einer nuklearen Katastrophe nicht gleich Null ist, schlussfolgert das Blatt, werde die Gefahr über die Jahre wachsen, selbst wenn die Möglichkeit jedes Jahr nur ganz klein ist. Erst wenn alle Atomwaffen beseitigt sind, wird auch diese Bedrohung endgültig gebannt sein.

Unfällen mit Atomwaffen auf Schiffen und U-Booten

Barentssee, 12. August 2000: Das russische U-Boot „Kursk“ gerät während eines Manövers durch eine Explosion in Brand. Nuklearsprengköpfe explodieren und reißen ein großes Loch in die Wand des U-Bootes. Durch das eindringende Wasser sinkt die Kursk 180 km nordöstlich von Murmansk auf eine Tiefe von 108 m. Alle 118 Besatzungsmitglieder kommen ums Leben.

Nordkapbecken, 7. April 1989: Auf der Linie zwischen Nordkap und Bären-Inseln kommt das sowjetische U-Boot K-278 "Komsomolez" vom Kurs ab und versinkt nach einigen Stunden Überwasserfahrt. Durch Verbrennungen, Verletzungen, Ersticken und Unterkühlung sterben 42 Besatzungsmitglieder. Ein Kernreaktor und zwei Torpedos mit Atomsprengköpfen liegen in 1685 m Tiefe, knapp 480 km von Norwegens Küste entfernt.

Bermuda-Inseln, 6. Oktober 1986: Rund 980 km nordöstlich von den Bermuda-Inseln versinkt beim Abschleppen das sowjetische Atom-U-Boot K-219, nachdem drei Tage zuvor im Raketenschacht Feuer ausgebrochen war. Vier Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Widersprüchlichen Angaben zufolge sind zusammen mit dem U-Boot entweder zwei Kernreaktoren und 15 oder 16 ballistische Raketen mit bis zu 50 Atomsprengköpfen in 5000 m Tiefe versunken.

Mittelmeer, 22/23. November 1975: In der Nacht kollidieren die US-Schiffe „John F. Kennedy“ und „Belknap“ bei schlechtem Wetter in der Nähe von Sizilien. Es entsteht ein heftiges Feuer mit Explosionen. Glücklicherweise wurde das Feuer unter Kontrolle gebracht, jedoch nicht mal zehn m von den Atomwaffen entfernt.

Azoren, 5. Juni 1968: Das atomgetriebene US-U-Boot „Scorpion“ versinkt 640 km südwestlich der Azoren Inseln. Alle 99 Seeleute an Bord sterben. Ein Atomreaktor und zwei atomar bestückte Torpedos versinken mit dem U-Boot auf 3 000 m.

Hawaii, 11. April 1968: 1 200 km nordwestlich der Insel Oahu versinkt ein sowjetisches Diesel-U-Boot K-129 in einer Tiefe von 4 900 m im Stillen Ozean unter ungeklärten Umständen. Drei ballistische Raketen und möglicherweise zwei Torpedos mit nuklearen Sprengsätzen waren an Bord. 80 Seeleute werden getötet.

Pazifik, nähe Japan, 1965: In einem sehr brisanten Fall während des Vietnam-Krieges stürzt ein Flugzeug mit einer B-43-Wasserstoffbombe vom US-Flugzeugträger „Ticonderoga“ ins Meer und sinkt auf eine Tiefe von etwa 5 300 m. Entgegen amerikanischen Behauptungen geschah der Unfall nur 125 km von der japanischen Inselkette Ryukyu und 320 km von Okinawa entfernt.

Quellen: Trägerkreis "Atomwaffen abschaffen", Atomwaffen A-Z

Mitglieder der Internationalen Kommission für Nukleare Nichtverbreitung und Abrüstung

  • Gareth Evans, (Ko-Vorsitzender), Australien, ehemaliger Außenminister
  • Yoriko Kawaguchi, (Ko-Vorsitzender), Japan, ehemaliger Außenminister
  • Wiryono Sastrohandoyo, Indonesien, ehemaliger Botschafter bei UNO und IAEA
  • Turki Al-Faisal, Saudi-Arabien, ehemaliger Botschafter in Großbritannien und USA
  • Alexei Arbatov, Russland, Professor der Internationalen Beziehungen, Carnegie-Stiftung Moskau
  • Gro Harlem Brundtland, Norwegen, ehemalige Ministerpräsidentin und WHO-Generaldirektorin
  • Frene Noshir Ginwala, Südafrika, Doktorin, Kanzlerin der Universität von KwaZulu-Natal
  • François Heisbourg, Frankreich, Vorsitzender des Instituts für Strategische Studien und des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik
  • Jehangir Karamat, Pakistan, ehemaliger General und Generalstabschef
  • Brajesh Mishra, Indien, ehemaliger Botschafter und Berater des Premierministers
  • Klaus Naumann, Deutschland, ehemaliger General und Generalinspekteur der Bundeswehr
  • William J. Perry, USA, Professor, ehemaliger Verteidigungsminister
  • Wang Yingfan, China ehemaliger UN-Botschafter und Vizevorsitzender des Chinesischen Volkskongresses
  • Shirley Williams, Großbritannien, Professorin an der Harvard-Universität und Beraterin des Premierministers
  • Ernesto Zedillo, Mexiko, Professor und Direktor des Zentrums für Globalisierungsstudien an der Yale-Universität


19. Juni 2009


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