Atomwaffen: Botschaften zum Hiroshima-Gedenktag, 14.09.2004 (Friedensratschlag)
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Atomwaffen: "Es kann jederzeit alles aus sein." (Elfriede Jellinek)

Botschaften aus Wissenschaft, Politik und Literatur zum Hiroshima-Gedenktag 2004

In der österreichischen Hauptstadt Wien findet - wie in vielen anderen Städten dieser Welt - jedes Jahr zum 6. August eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima (6. August 1945) und Nagasaki (9. August 1945) statt. Die Organisatoren, darunter Alois Reisenbichler, den Besuchern des "Friedenspolitischen Ratschlags" in Kassel kein Unbekannter, schaffen es immer wieder, zu dieser Veranstaltung in Wien Grußbotschaften aus aller Welt zu erhalten. Im Folgenden dokumentieren wir eine kleine Auswahl von insgesamt über 400 Botschaften zum Gedenken 2004.

Aus der großen Auswahl (vollständig veröffentlicht unter www.hiroshima.at) an Botschaften dokumentieren wir die folgenden:


Grußbotschaft von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer

Im Gedenken an die Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki versammelt sich auch heuer wieder die Wiener Friedensbewegung gemeinsam mit der Hiroshima-Gruppe Wien, um die Österreicherinnen und Österreicher zum Engagement gegen die atomare Bedrohung in der Welt aufzurufen.

Ich freue mich über diese Aktion, die ein wichtiger Beitrag für die öffentliche Bewusstseinsbildung ist.

Noch gibt es Überlebende der Katastrophe des Jahres 1945, die als Zeitzeugen zu sprechen vermögen, wenngleich wohl niemals Worte gefunden werden können, um die Schrecken und deren unauslöschliche Folgen zu beschreiben.

Dennoch wird uns beinahe täglich vor Augen geführt, dass die politisch-technische Zerstörungskraft weiter gewachsen und die Gefahr der Selbstzerstörung der Menschheit ins Bedrohliche gestiegen ist.

Immer wieder muss daher bewusst gemacht werden, dass wir inmitten dieser Selbstgefährdung leben, und dass alle Menschen in den ihnen zugänglichen Wirkungskreisen Verantwortung übernehmen müssen, um die Gefahr durch Atomwaffen endgültig zu eliminieren.

Österreich muss mit gutem Beispiel vorangehen und seine Stimme erheben für eine Welt ohne Krieg und Zerstörung, ohne Angst und Gewalt.

Mit den besten Wünschen für den heutigen Gedenktag
Ihr Heinz Fischer


Tadatoshi Akiba, Mayor, The City of Hiroshima

I send this message to the memorial service in Vienna to mourn the victims of the atomic bombing of Hiroshima.
Based on our atomic bomb experience of 59 years ago, the city of Hiroshima has consistently called for lasting, genuine world peace and the total abolition of nuclear weapons. Unfortunately, we remain bound by chains of hatred, violence and retaliation, our planet still bristles with vast arsenals of nuclear weapons, and the probability that these heinous weapons will be used is actually increasing.

Here in Hiroshima we greatly fear the apparent global fading of the memory of the atomic bombing. Therefore, by promoting establishment of Hiroshima-Nagasaki Peace Study Courses in colleges and universities around the world, we are seeking to convey to future generations the facts of the bombings of Hiroshima and Nagasaki and the primary message of our A-bomb survivors or hibakusha, that such a tragedy must never be repeated anywhere on Earth.

In addition, we are calling on cities around the world to help abolish and prevent the use of nuclear weapons, and we are preparing for the NPT Review Conference in 2005 by asking them to support our Emergency Campaign to Ban Nuclear Weapons and hold their own Hiroshima Day events that increase public demand for freedom from the nuclear threat. Thus, the fact that many people in Vienna are taking part in a memorial service is profoundly meaningful. I hereby express my respect and gratitude for your efforts for peace.

Our task now is to spread wide the circle of solidarity demanding peace and the abolition of nuclear weapons. I trust that you will join us in praying, speaking and acting every day in ways that will lead to a genuinely peaceful nuclear-free world liberated from hatred and fear.
I close with my best wishes for health and success for all of you.

Horst-Eberhard Richter, IPPNW Deutschland

Wir deutschen Ärztinnen und Ärzte der IPPNW fühlen uns mit Ihnen und Ihrer Hiroshima-Veranstaltung eng verbunden. Wir sehen es wie Sie als Pflicht an, am Tage des Gedenkens an mehr als 200 000 Opfer der ersten gezündeten Atombombe die Völker zum Widerstand gegen die fortdauernde nukleare Bedrohung aufzurufen. Wir dürfen nicht dazu schweigen, dass die Atomwaffen besitzenden Länder sich weiterhin gegen die Einhaltung ihrer Verpflichtung aus dem Atomwaffensperrvertrag von 1970 weigern, nämlich Verhandlungen mit dem Ziel einer allgemeinen und vollständigen atomaren Abrüstung unter strenger Kontrolle einzuleiten.

Das bedeutet eine Verhöhnung der Völkergemeinschaft, die wir nicht länger hinnehmen dürfen. Und es bedeutet zugleich, wie der amerikanische Ex-Verteidigungsminister McNamara schreibt, der inzwischen an unserer Seite kämpft, für das 21. Jahrhundert die immense Gefahr einer Menschheitskatastrophe heraufzubeschwören. Dieser Bedrohung wollen wir uns und unsere Kinder nicht länger aussetzen. Das ist der Wille der großen Mehrheit der Völker in aller Welt. Und diesem Willen müssen wir gemeinsam verstärkt Ausdruck geben. So wünschen wir der Wiener Veranstaltung eine weit ausstrahlende Wirkung.


Univ.-Prof. Dr. Erwin Bader, Erster Vorsitzender des Universitätszentrums für Friedensforschung

Mit Trauer und Wut nimmt man zur Kenntnis, dass die Ächtung von Atomwaffen als Kriegsverbrechen in der Öffentlichkeit und im Völkerrecht noch immer weit von ihrer Realisierung entfernt ist. Nur den Friedensgruppen und Friedensforschern bleibt es vorbehalten, alljährlich gegen diese Kulmination von Tötung und Folter unschuldiger Menschen und diesen Wahnsinn zu protestieren. Krieg selbst ist eigentlich vom gesunden Menschenverstand und vom Völkerrecht geächtet, gegen Kriegsverbrecher beginnt man löblicher Weise auch an internationalen Gerichtshöfen Prozesse zu führen, aber nichts wird noch unternommen zur Unterbindung der Spitze der Unmenschlichkeit aller Kriege, der Vorkehrung zur Ausübung aller Kriegsverbrechen auf einen einzigen Schlag, der Rüstung mit Atomwaffen. Eigentlich sind alle Massenvernichtungswaffen ein Widerspruch zu jeder Vorstellung von Humanität, aber erst recht sind Atomwaffen, die ein vielfaches der Tötungskapazität konventioneller Massenvernichtungswaffen besitzen, aus dem Bereich der kalkulierbaren und tolerierbaren Kriegsführung zu verbannen.


Prof. Dr. med. Ulrich Gottstein, IPPNW Deutschland

Der US-Amerikanische Präsident George W.Bush begründete den illegalen Angriffskrieg gegen das Land Irak mit dem Vorwurf, der Irak besitze Atomwaffen oder stelle sie z.Zt. her. Wir alle wissen heute, dass dies Eine Lüge war, aber wir wissen außerdem, dass die USA vielfältigen Vertragsbruch begehen, indem neue Atomwaffen produziert und per Simulation in den Forschungslabors getestet werden, und dass sehr bald auch wieder mit Explosionstests in der Wüste von Nevada begonnen werden wird.

Es ist typisch für die Psychologie der US- Regierungen und Politik, dass sie riesige Angst davor haben, andere Länder könnten sich durch die Anschaffung eigener Atomwaffen "unverwundbar" machen. Die USA, aber auch die anderen Atomwaffenmächte, sprechen großartig über Menschenrechte und Genfer Konventionen, sind aber gleichzeitig bereit, mit atomaren Massenvernichtungswaffen die Menschenrechte und die Genfer Konventionen gröblichst zu verletzen, also unschuldige Menschen massenhaft umzubringen, wenn es in die Militärpolitik passt.

Die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki waren ein unentschuldbares Verbrechen, dem über 200.000 Zivilisten zum tödlichen Opfer wurden, außerdem Tausende mit schweren körperlichen und seelischen Schäden. Die Japanische Regierung stand im August 1945 kurz vor der Kapitulation oder hätte sofort kapituliert, wenn eine einzige Atombombe über nicht bewohnter Region oder ins Meer geworfen worden wäre. Die Regierung und die Militärphysiker aber wollten das "wissenschaftliche Ergebnis" ihrer Teufelserfindung auswerten, also sie brauchten die Explosion von zwei verschiedenen Atombombentypen und die Opferzahlen und das Ausmaß der Zerstörungen.

Die Menschheit darf die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki nicht vergessen, und wir alle dürfen die Atommächte nicht aus ihrer Verantwortung für die Menschheit entlassen. Wir dürfen nicht aufhören, anzuklagen, aufzuklären und zu ermahnen. Atomwaffen müssen von den Vereinten Nationen verboten werden!

In voller Solidarität mit Ihnen grüße ich Sie herzlich


Dolores M. Bauer

Die erste Atombombe über Hiroshima wurde von einem Flugzeug der USA abgeworfen. Die zweite Atombombe der Menschheitsgeschichte wurde von einem Piloten der US-Army ausgeklinkt. Der Effekt war beachtlich und ist bis heute wirksam. Genügt das nicht?

Schon wieder oder sollte man sagen immer noch, bastelt die größte Militärmacht der Welt an ihrem Lieblingsspielzeug und vermeldet unter dem Signum der Mini-Nukes, dass ein Atomkrieg durchaus führbar wäre, wenn es um den internationalen Terrorismus geht.

Noch bedenklicher allerdings ist, dass solche Gedanken auch in EU-Militärköpfen herumgeistern. Im neuen EU-Verfassungsvertrag klingt eine Aufrüstungs-Verpflichtung für die Teilnehmer-Staaten an und auch so etwas wie Präventiv-Schläge, um aufkeimende Krisenherde von vorne herein zu entschärfen und da wäre doch dieses kleine atomare Waffenzeug durchaus effizient einzusetzen. Ich halte das für eine von der US-amerikanischen Verteidigungs- und Sicherheits-Doktrin abgekupferte Bedrohung des Weltfriedens, derer Europa sich mit Blick auf seine blutige Vergangenheit nicht schuldig machen darf.

Ich rufe daher euch und alle Friedensgruppen- und Bewegungen auf, sich massiv gegen eine Ratifizierung dieser Verfassungs-Mogelpackung zu wehren und dafür zu kämpfen, dass es ein EU-weites Referendum geben muss. Ich bin sicher, dass die Menschen in Europa vernünftiger und weit blickender sind als ihre Politiker.


Elfriede Jelinek

Wir starren seit vielen Jahren auf die schrecklichen Konflikte und Kriege in der Welt. Sie allein sind schon kaum noch zu kontrollieren, wie wir sehen. Jeder Tote ist einer zuviel. Aber diese Schrecknisse sind nur eine dünne Tünche über dem wahren Schrecken, der ständig in den alten wie den neuen Atommächten lauert, wie ein schlafendes Ungeheuer, das jederzeit aufwachen könnte. Aus Gründen der Staatsräson verschleiern viele Länder ihr atomares Potential oder reden es klein, andre wieder drohen ganz unverhohlen damit, um stärker zu erscheinen oder etwas anderes damit zu erreichen, durch Erpressung. Sie brüsten sich ihrer Fähigkeit, ganze Landstriche ausradieren zu können. Jedes dieser Länder hat die Möglichkeit, zugrunde zu gehen und viele andre Länder, die ganze Welt in ein Brandopfer ihrer selbst hineinzureißen. Es scheint, als ob alles Entscheidende ohne unser Zutun geschähe. Immer kleinere, mobilere atomare Waffen werden entwickelt, und gleichzeitig sinkt die Schwelle immer weiter, sie auch einzusetzen. Krieg scheint zu einem legitimen Mittel der Konfliktlösung geworden zu sein. Einzelsubjekte werden auf dem Schlachtfeld geopfert, damit das große Opfer, das Opfer des Kollektivs in einem atomaren Krieg, ein gewohntes wird. Aber niemand kann sich vorstellen, wie alles danach aussehen wird. Nur Hiroshima und Nagasaki, die beiden Städte, können es sich vorstellen, und damit haben sie eine Verpflichtung übernommen. Es sieht so aus, als müssten immer die Opfer und ihre Nachkommen vor dem Schrecken warnen, die Täter übernehmen diese Aufgabe so gut wie nie. Wir müssten unserer Opfererfahrung aber zuvorkommen, wir müssten schon warnen, ohne erst Opfer geworden zu sein (und die Opfer der beiden Weltkriege sind ja sehr wohl noch in unserem kollektiven Gedächtnis vorhanden). Das heißt, wir müssten diesen Schleier über den bestgehüteten Geheimnissen der atomaren Waffen immer wieder heben, ein einziger Blick unter diesen Schleier müsste uns zeigen, dass wir das Fragwürdigste überhaupt verehrt haben: die Macht. Die Macht, die es einer Nation verleiht, alle andren auslöschen zu können. Schon bevor die atomare Katastrophe eintritt, löst sich das Subjekt von seiner Bestimmung als Einzelner, der für seine Taten verantwortlich zu machen ist, und überantwortet sich dieser anonymen Macht. Wird schon nichts passieren. Wird schon alles nicht so schlimm werden. Es kann jederzeit noch viel schlimmer werden. Es kann jederzeit alles aus sein. Das sollte man unbedingt jeden Tag aus dem Gedächtnis herausholen und anschauen, bis man es nicht mehr aushält. Damit man nicht das eigene Ende aushalten wird müssen.


Dr. Peter Strutynski, Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Kassel (BRD)

Auch 59 Jahre nach der atomaren Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki gibt es keinen Grund zur nuklearen Entwarnung.
Immer noch verfügen die fünf offiziellen Atommächte über die unglaubliche Menge von 35.000 Atombomben – jede davon mit einer vielfachen Zerstörungskraft als die vergleichsweise „kleine“ Hiroshima-Bombe.

Die NATO und die USA haben bis zum heutigen Tag ihr angebliches „Recht“ auf einen atomaren Erstschlag nicht aufgegeben; Russland hat sich diese Doktrin ebenfalls zu Eigen gemacht. Die USA setzen auch ihre Forschungen auf dem Gebiet der bunkerbrechenden „Mininukes“ fort.

Die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und Indien, die beide über Atomwaffen verfügen, drohen im Ernstfall atomare Ausmaße anzunehmen. Beide Länder testen entsprechende Trägerraketen mittlerer Reichweite.
Nordkorea setzt offenbar auf die Entwicklung atomarer Kapazitäten – ob als Faustpfand im Kampf um internationale „Anerkennung“ oder als wirksames Drohpotential gegenüber Südkorea, macht dabei kaum einen Unterschied.
Israel als einzige inoffizielle Atommacht im Nahen Osten gefällt sich weiter in der Politik der atomaren „Zweideutigkeit“.

All dies verdeutlicht, dass die Menschheit noch immer am Rande einer atomaren Katastrophe lebt. Möge das weltweite Gedenken an Hiroshima und Nagasaki dazu beitragen, dass die Menschen in aller Welt diese Bedrohung nicht mehr hinzunehmen bereit sind und die Regierenden zwingen, ihre Atomwaffenarsenale endlich zu verschrotten.


Prof. Dr. Ernst-Otto Czempiel, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

Ich unterstütze die Gedenkveranstaltung der Hiroshima-Gruppe Wien und der Wiener Friedensbewegung zum Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Angesichts der zunehmenden Bereitschaft zum militärischen Gewalteinsatz ist die Tätigkeit einer gesellschaftlichen Akteursgruppe wie der Ihren in ihrer Bedeutung gar nicht zu überschätzen. Da die Politik, wie die Jahre seit der Wende zeigen, nur in geringem Ausmaß lernfähig ist, ist der Fortschritt in Richtung des Friedens darauf angewiesen, dass gesellschaftliche Großgruppen die Forderungen artikulieren, die Sie bei dem Gedenktag erheben werden:
  • Abschaffung aller Atomwaffen;
  • Wiederbelebung der kooperativen Rüstungskontrolle im Bereich der Massenvernichtungswaffen mit Einschluss der legalen Atomwaffenbesitzer, die ein Vorbild abgeben und den Abrüstungsprozess einleiten und intensivieren sollten;
  • die Einsicht, dass Krieg keinen Frieden schafft, richtig ist und die Grundlage der gesamten Sicherheitspolitik werden sollte.
Ich wünsche Ihnen für die Hiroshima-Veranstaltung am 6. August 2004 und für Ihre anhaltende Arbeit viel Erfolg.


Dr. Gerald Mader, Präsident, Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK), Burg Schlaining

Mit Recht gedenken wir jedes Jahr der Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Diese Atombombenabwürfe rufen uns aber auch in Erinnerung, wozu Politik und Menschen fähig sind.

Das Gleichgewicht des atomaren Schreckens ist Geschichte. Die Gefahr eines Atombombenkrieges ist deshalb nicht geringer geworden. Es gibt keine atomare Abrüstung und die neue amerikanische Militärdoktrin trägt dazu bei, dass viele Staaten den Besitz von Atombomben anstreben, um sich vor Angriffen zu schützen.

Gedenken ist wichtig und notwendig, aber es genügt nicht. Denn es ist eine Illusion, zu glauben, dass die politischen Eliten mächtiger Staaten von selbst aus den Krieg abschaffen und auf atomare Rüstung verzichten werden. Friedenspolitik muss von unten, von der Bevölkerung ausgehen. Daher ist es so wichtig, eine europäische Friedenspolitik, die militärischen Machtverzicht mit konventioneller und atomarer Abrüstung verbindet, zum Gegenstand eines europäischen Diskurses zu machen, der über die Mahnung am Hiroshima-Gedenktag hinausgeht.


Dr. Alfred Gusenbauer, SPÖ-Bundesvorsitzender

Mehr als 200.000 Menschen mussten als Folge der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki bisher ihr Leben lassen, noch heute sterben Menschen an den Spätfolgen. Die Menschheit hat – so sind wir überzeugt - vor dem Hintergrund des unvorstellbaren Leids, das den Opfern der Atombomben angetan wurde, gegenüber den Opfern des 6. und des 9. August 1945 eine Schuldigkeit, auf Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen zur Gänze zu verzichten.

Das Gedenken an die menschliche und politische Katastrophe Hiroshima und Nagasaki hat an Bedeutung und Aktualität nichts verloren: Noch immer vergeht kaum ein Tag, an dem keine Menschen aufgrund von kriegerischen Auseinandersetzungen den Tod finden, die Spirale der Gewalt schraubt sich immer noch hoch, ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen; und jeder einzelne Mensch, der Opfer von kriegerischen Handlungen wird, ist ein Opfer zu viel.

Auf der anderen Seite ist gerade dieser Gedenktag geeignet, auf die sozialen Ursachen vieler Kriege hinzuweisen. Die ungerechte Verteilung der Güter und Einkommen schafft den Nährboden für Gewalt zwischen Nationen, Ethnien und sozialen Gruppen. Nur ein Bruchteil der Kosten für das gigantische Waffenlager dieser Welt würde ausreichen, um die Armut wirksam zu bekämpfen.

Neuerlich wollen wir zu diesem Anlass des Gedenkens der größten auf Kriegstechnologie basierenden Katastrophe auf die Fehlentscheidung des Ankaufs von Kampfflugzeugen – den Eurofightern – für das neutrale Österreich hinweisen. Die Beschaffung von sündteurem offensivem Kriegsmaterial kann – neben allen Bedenken der Finanzierung und Tauglichkeit – nicht als friedenspolitisches Signal gesehen werden. Die Sozialdemokratie fordert die Stornierung der Beschaffungsverträge.

(gemeinsam mit SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Dors Bures und SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos)


Mag. Gerald Oberansmayr, Stellungnahme der Friedenswerkstatt Linz

In diesen Tagen jähren sich zum 59. Mal die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und zum 90. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs. Die zentrale Konsequenz aller Friedenskräfte aus diesen verheerenden Ereignissen waren und sind: Nie wieder Krieg, Vernichtung aller Atomwaffen! Diese Forderungen haben nichts an Bedeutung verloren, im Gegenteil: die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Friedensbewegung heute mehr denn je gefordert ist, sich dafür zu engagieren:

Weil die Großmächte immer offener Angriffskrieg als Mittel zur Ausdehnung ihres wirtschaftlichen und politischen Einflusses einsetzen, wie die Kriege gegen Jugoslawien, Afghanistan und den Irak zeigen. Durch diese Kriege wurden zehntausende Menschen getötet und das Völkerrecht mit Füßen getreten. Im Windschatten von US-Kriegen versuchen sich die EU-Mächte als Kolonialmacht am Balkan, in Afghanistan und in Afrika zu etablieren. Mit der Aufstellung der EU-Armee und von EU-Schlachtgruppen will sich die EU erklärtermaßen dafür rüsten, bis 2010 Kriege von der Dimension des Jugoslawien-, Afghanistan- und Irakkrieges eigenständig durchzuführen.

Weil diesseits und jenseits des Atlantiks gewaltige Rüstungsprogramme, nicht zuletzt im Nuklearbereich, laufen. Die USA haben ihr Rüstungsbudget seit 2001 sprunghaft angehoben, in der Nuclear Posture Review wird das präventive Führen von Kriegen mit neuartigen Atomwaffen angedroht. Auch in den EU-Ländern wird auf allen Ebenen, die für die Angriffskriege notwendig sind, gerüstet. Alleine die 20 größten Rüstungsprojekte, die derzeit am Laufen sind, verschlingen rund 550 Milliarden Euro, das entspricht dem Sozialprodukt von Finnland, Schweden und Dänemark zusammengenommen. Frankreich modernisiert sein strategisches und taktisches Atomwaffenarsenal, die BRD hat in diesem Jahr mit der Inbetriebnahme des Atomforschungsreaktors Garching bei München, der mit hoch angereicherten Uran betrieben wird, einen weiteren Schritt in Richtung Verfügung über Atomwaffen gesetzt.

Weil mit dem derzeit vorliegenden EU-Verfassungsentwurf der EU eine regelrechte Militärverfassung übergestülpt werden soll. Diese Verfassung setzt einzigartige Schritte Richtung der Militarisierung Europas: Verankerung einer Aufrüstungsverpflichtung für die EU-Mitgliedstaaten, Verfassungsrang für ein Rüstungsamt zur Ankurbelung und Überwachung der Aufrüstung, Selbstmandatierung zu weltweiten Militäreinsätzen, militärische Beistandsverpflichtung beim sog. „Antiterrorkampf“. Diese Verfassung bekräftigt EURATOM, jenen EU-Vertrag, der der Förderung der Atomenergie in EU eine Vorrangstellung einräumt.

Die Jahrestage der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und des Beginns des 1. Weltkriegs sehen wir auch als Verpflichtung für die österreichische Friedensbewegung, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Militarisierung des eigenen Landes zu verhindern. Die derzeitigen österreichischen Machteliten drängen darauf, die Neutralität zu zerstören und Österreich im Rahmen der EU an Aufrüstungsprogrammen, Kolonial- und Kriegseinsätzen zu beteiligen. Sie wollen eine Volksabstimmung über die EU-Militärverfassung verhindern, weil sie fürchten, dass ihnen die Bevölkerung dabei einen Strich durch die Rechnung macht. Machen wir daher das Friedensvolksbegehren, das sich derzeit in der Einleitungsphase befindet, zu einem Erfolg. Denn die Forderungen des Friedensvolksbegehrens stehen im diametralen Gegensatz zu Regierungspolitik und EU-Verfassung:
  • Ja zur Neutralität
  • Keine Beteiligung an der EU-Armee
  • Keine Anbindung an die NATO
  • Soziale Sicherheit statt Aufrüstung


Prof. Dr. Werner Ruf, Kassel, AG Friedensforschung

In einem Jahr wird sich der Horror von Hiroshima und Nagasaki zum 60sten Male jähren. Was wird bis dann geschehen sein? Die Zahl der Atommächte wächst. Neben den fünf Großmächten und Ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats sind es nun schon Indien, Pakistan und Israel. Nordkorea steht an der Schwelle, andere wie Iran scheinen ernsthaft an der Nuklearfähigkeit ihrer Waffen zu arbeiten.

Mit hegemonialer Arroganz treiben die USA ihr Atomwaffenprogramm voran, entwickeln so genannte Mini-Nukes, auch und gerade, um den Einsatz dieser völkerrechtswidrigen Waffen „akzeptabler“ zu machen. Zugleich versuchen sie durch ein neues Anti-Raketen-System sich selbst unangreifbar zu machen, was nichts Anderes heißt, als dass sie den Einsatz dieser fürchterlichen Waffen im Rahmen ihrer neuen Präventivkriegs-Doktrin als Option vorbereiten – und sich zugleich vor atomaren Gegenschlägen zu schützen suchen.

Dies alles wird mit großer Energie vorangetrieben und könnte bereits in einem Jahr in greifbare Nähe gerückt sein.

Um so dringender und wichtiger ist es, den Protest gegen nukleare Rüstung auf die internationale Tagesordnung zu setzen und die Forderung zu erheben, mit der so dringend gebotenen Abrüstung dort zu beginnen, wo sie am nötigsten ist: bei den fortgeschrittensten Technologien. Nur so kann den Nachahmern überzeugend vermittelt werden, dass diese menschenverachtenden Waffen für sie keine Bedrohung darstellen. Nur so können sie international geächtet werden. Nur so kann ein Prozess international kontrollierter Abrüstung eingeleitet werden. Nur so können wir erreichen, dass der 60ste Jahrestag des Abwurfs dieser Bomben zu einer Zeitenwende werden kann.


Konstantin Wecker

Konstantin Wecker sendet Ihnen die neue Textfassung seines Liedes "Sage nein" für Ihre Veranstaltung:

Sage nein

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen
Mit bewährten Kriegsparolenv Scheinheilig zum Höchsten beten
Und das Recht mit Füssen treten
Wenn sie dann in lauten Tönen
Einzig ihrer Machtgier frönen
Denn am kriegerischen Wesen
Muss nun mal die Welt genesen
Dann steh auf und misch dich ein
Sage nein

Meistens rückt dann ein Herr Wichtig
Die Geschichte wieder richtig
Und behauptet nur mit Kriegen
Ließe sich die Welt befrieden
Diese fleischgewordne Lüge –
Ach man kennt es zur Genüge
Mach dich stark und misch dich ein
Zeig es diesem dummen Schwein
Sage Nein

Ob als Penner oder Sänger
Bänker oder Müßiggänger
Ob als Priester oder Lehrer
Hausfrau oder Straßenkehrer
Ob du sechs bist oder hundert
Sei nicht nur erschreckt, verwundert
Tobe zürne, misch dich ein:
Sage Nein

Wenn sie dich jetzt rekrutieren
Hab den Mut zu desertieren
Lass sie stehn, die Generäle
Und verweigre die Befehle
Menschen werden zu Maschinen
In den Militäranstalten
Niemand soll mehr denen dienen
Die die Welt so schlecht verwalten
Nie mehr solln uns jene lenken
Die nicht mit dem Herzen denken
Lass dich nie mehr auf sie ein
Sage Nein

Doch es tut sich was, ihr Lieben
Auf den Straßen, auf den Plätzen
Finden sich die Freunde ein
Sich dem Wahn zu widersetzen
Jetzt muss Schluss sein mit dem Schweigen
Dem Gehorsam, dem Verstecken
Wenn für unser Wohlbefinden
Hunderttausende verrecken
Dann ist´s Zeit zu widerstehen
Wenn, dann aufrecht untergehn
Sage Nein



Quelle: www.hiroshima.at


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