Menschenkette gegen Atomkraft, 27.04.2010 (Friedensratschlag)
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Atommüll? Annahme verweigert!

120 000 Demonstranten sorgten am Sonnabend für eine geschlossene Menschenkette

Von Reimar Paul, Hamburg *

Demonstranten aus Gorleben und Asse bringen Atommüllfässer zurück zu den AKW -- Spaß und Politik hielten sich bei der Menschenkette gegen Atomkraft am Sonnabend die Waage.

Wer ist hier Demonstrant, wer nur Passant? In der Mönckebergstraße im Stadtzentrum von Hamburg herrscht Samstagmittag großes Gedränge. Die Sonne scheint -- bestes Protest-, aber auch bestes Einkaufswetter. Die Menschenkette zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel führt mitten durch Hamburgs City. Um 15 Uhr soll sie geschlossen sein.

Ähnlich unübersichtlich ist die Lage am Hamburger Hafen. Zahlreiche Menschen hat es bei dem schönen Wetter ans Wasser gezogen. Einige junge Frauen sagen, dass sie sich später in die Kette einreihen wollen. Jetzt gehen sie erst mal Eis essen. An den früher besetzten Häusern in der Hafenstraße ist eine Bühne aufgebaut. Techniker checken den Sound, ein paar Punks trinken Bier aus Plastikbechern. Ein Kameramann bittet die Umstehenden, sich probehalber zu einer Menschenkette zu formieren. Sie kämen auch ins Fernsehen. Rund zwei Dutzend Jugendliche machen lachend mit.

Die Organisatoren der Menschenkette haben die 124 Kilometer zwischen Brunsbüttel und Krümmel in ebenso viele Abschnitte unterteilt. »Die Herausforderung ist, die Menschen gleichmäßig an der Strecke zu verteilen«, sagt Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz, einer der Sprecher des Demo-Trägerkreises. Rund 250 Streckenposten sollen dafür sorgen, dass die Kette möglichst überall geschlossen ist. Insgesamt sind für die Organisation etwa 1500 Menschen ehrenamtlich aktiv.

Auf dem Rathausmarkt haben die Hamburger Grünen, die hier GAL heißen, zu einem Fototermin geladen. Auch der Bundesvorsitzende Cem Özdemir schaut vorbei. Der GAL-Vorstand und die drei grünen Senatoren sagen, dass sie die Menschenkette für eine ganz tolle Aktion gegen Atomkraftwerke halten. Aus dem Kreis der Neugierigen gibt es Pfiffe. »Ihr Heuchler«, ruft einer. Die GAL-Fraktion hat vergangene Woche mit ihrem Koalitionspartner CDU dagegen gestimmt, dass die Hamburgische Bürgerschaft zur Beteiligung an der Menschenkette aufruft.

Auch SPD und LINKE haben den Medien vorab mitgeteilt, wo sich ihre Spitzenleute in die Menschenkette einreihen und auf welchen der insgesamt sieben Kundgebungsbühnen an der Strecke sie reden werden. SPD-Chef Sigmar Gabriel und die Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin haben ein Treffen zwischen Glückstadt und Elmshorn arrangiert.

Nicht allen Demonstranten ist es Recht, dass sich die Parteien so in den Vordergrund schieben. »Hätte Rot-Grün die Atomkraftwerke vor zehn Jahren wirklich abgeschaltet und sich nicht auf einen halbherzigen Konsens eingelassen, brauchten wir heute nicht hier zu stehen«, sagt der 53-jährige Martin W. Es sei ja in Ordnung, dass sich Parteimitglieder an der Kette beteiligten. »Ihre Parteifahnen hätten sie aber zu Hause lassen sollen.«

Rund 30 Kilometer weiter östlich, in Geesthacht, rollen die ersten Trecker aus dem Wendland über die Elbbrücke. Seit dem Start am Mittwoch in Gorleben ist der Konvoi mächtig gewachsen. Rund fünfzig Traktoren, ebenso viele Begleitfahrzeuge und ein Dutzend Motorräder fahren im zwei Kilometer langen Zug mit. Zwischendrin kurven Radfahrer. Fast alle Traktoren sind mit Protestplakaten gegen Atomkraft behängt. Von den Führerhäuschen wehen Fahnen mit Parolen gegen ein Endlager in Gorleben und der orange-grünen Sonne der »Republik Freies Wendland«. Auf einem Anhänger liegt die maßstabgetreue Attrappe eines Castorbehälters. »Retour«, steht in großen Buchstaben auf dem Behälter aus Pappmaché.

Ein anderer Wagen hat rund 50 Fässer mit dem Radioaktivitätszeichen geladen. »Die bringen wir zurück zum Absender«, ruft ein Mann, der es sich auf dem Stapel bequem gemacht hat. Er deutet auf den großen Abluftschornstein des Atomkraftwerks Krümmel ein paar Kilometer weiter östlich. »Da kommen die Fässer wieder hin.«

Ein Geschäft in der Nähe des Geesthachter Rathauses nutzt die Gunst der Stunde. Das Schaufenster ist mit Anti-AKW-Stickern und T-Shirts mit dem Aufdruck: »Kettenreaktion -- Ich war dabei!« dekoriert. Marianne Fritzen, 86, steht in der Nähe des Schwimmbades an der Elbuferstraße. Die Altvordere des Gorleben-Widerstandes packt einen Klappstuhl aus ihrem Rucksack aus. »Ich kann nicht mehr so lange stehen«, erklärt sie. Vor ein paar Jahren wurde sie an der Hüfte operiert. Dass sie die Strapazen einer Demonstration noch im hohen Alter auf sich nimmt, sei für sie eine Selbstverständlichkeit, sagt Fritzen: »Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass die Atomkraft ein Irrweg ist.«

Die ersten Trecker fahren bis zum Atomkraftwerk Krümmel vor. Der Siedewasserreaktor steht nach Bränden in den Transformatoren und anderen schweren Pannen seit fast drei Jahren still. Vattenfall will das Kraftwerk aber wieder in Betrieb nehmen. Am Mittwoch wurde ein neuer, fast 500 Tonnen schwerer Trafo angeliefert. »Krümmel bleibt aus«, rufen ein paar Jugendliche und hüpfen auf der Straße auf und ab. Die Werkschützer hinter dem Zaun verziehen keine Miene.

Auf den Laptops der Journalisten laufen die ersten Fotos ein. In einem Wassergraben am Atomkraftwerk Brokdorf, das auch an der Strecke für die Menschenkette liegt, schwimmen Dutzende Fässer. Umweltschützer von den Atommüllstandorten Asse und Schacht Konrad hatten die Tonnen in Heimarbeit mit gelber und schwarzer Farbe versehen und »Zurück -- Annahme verweigert« darauf geschrieben. »Wir sind in der Region nicht bereit, die Atommüllkippe für Brokdorf und die anderen Atomkraftwerke zu werden«, sagt Peter Dickel von der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad.

Am Nachmittag haben sich weit mehr als tausend Demonstranten auf dem Kundgebungsplatz am AKW versammelt. Hier steht die Menschenkette, das lässt sich gut übersehen. Aber ist sie auch überall geschlossen? Um 15 Uhr summen und brummen die Handys. Per SMS geben die Organisatoren die Teilnehmerzahl bekannt: 120 000 Menschen haben alleine im Norden der Republik für einen zügigen Atomausstieg demonstriert. Die Leute jubeln, eine Sambagruppe trommelt, Kinder blasen mit aller Kraft in mitgebrachte Trillerpfeifen. Ein paar Bauern aus dem Wendland lehnen an ihren Traktoren und halten Klönschnack. Sie schmieden schon Pläne für weitere Proteste. Für den Herbst, wenn der nächste Castortransport kommt.

* Aus: Neues Deutschland, 26. April 2010





Öko-Veteranen und ihre Enkel

20 000 Menschen zogen vor das Atomkraftwerk in Biblis

Von Hans-Gerd Öfinger, Biblis **


Große Resonanz auch in Hessen: Höhepunkt des dortigen Protestmarsches war eine Menschenkette rund um das Kraftwerksgelände.

Über dem südhessischen Biblis strahlte an diesem Samstag die warme Frühlingssonne ebenso wie die Gesichter der Demonstranten, die in einem kilometerlangen Demonstrationszug zum ältesten Atomkraftwerk der Republik zogen. Die rund 20 000 Demonstranten ahnten bald, dass sie Teil einer wieder anschwellenden Protestbewegung waren, die so viele Menschen auf die Straße bringt wie seit 20 Jahren nicht mehr.

In Biblis waren alle Altersgruppen vertreten, Öko-Veteranen aus den 1970er Jahren ebenso wie ihre Kinder und Enkel. Viele hatten eigene Schilder und Transparente mit Aufschriften wie »Wer Atom spaltet, spaltet die Gesellschaft« mitgebracht. Höhepunkt der Protestaktion bildete die Umzingelung des Kraftwerksgeländes und das »Die-In«, ein symbolisches Schausterben, zu dem sich die Demonstranten fünf Minuten stumm auf den Boden legten.

Auch SPD, Grüne und LINKE hatten viele Menschen mobilisiert und setzten sich mit ihren Plakaten, Fahnen, symbolischen Müllfässern und Schutzanzügen kameragerecht in Szene. Bei der Abschlusskundgebung vor dem Kraftwerk allerdings kamen keine Parteienvertreter, sondern Sprecher regionaler Umweltgruppen und Bürgerinitiativen zu Wort. So kritisierte der Notfallmediziner Michael Wilk den »faulen Atomkompromiss« der ehemaligen rot-grünen Bundesregierung. Und Herbert Würth von der Initiative gegen das AKW Neckarwestheim forderte die Zuhörer zu einem »Stehempfang« für den anstehenden Castor-Transport in das niedersächsische Gorleben im kommenden November auf. So entstehe »Druck, an dem keiner vorbeikommt«.

Schlaglicht auf das gesellschaftliche Kräfteverhältnis wirft auch die Tatsache, dass eine von der Atomlobby geförderte Demonstration pro Atomstrom im vergangenen September in Biblis allenfalls 1500 Menschen auf die Straße brachte. Dies waren überwiegend Auszubildende aus Kraftwerken in der ganzen Republik, die auf Arbeitgeberkosten in einer Art Betriebsausflug herangekarrt worden waren. Erhard Renz vom Bündnis AKWende lässt diese »Panikmache« der Atomlobby mit den Arbeitsplätzen als Folge des Atomausstiegs nicht gelten: »Bei erneuerbaren Energien entstehen bundesweit täglich 80 neue Arbeitsplätze.«

Atomkraftgegner aus Rheinland-Pfalz warben in Biblis für eine weitere Demonstranten pro Atomausstieg, die heute durch Koblenz ziehen wird. Da auch hier ein breites Bündnis aufgerufen hat, erwarten die Veranstalter mindestens 2000 Teilnehmer.

** Aus: Neues Deutschland, 26. April 2010


Totgesagte leben länger

Von Christian Klemm ***

Die Anti-Atomkraft-Bewegung hat jahrelang kaum etwas von sich hören lassen. Doch jetzt hat sie sich mit Pauken und Trompeten zurückgemeldet: Am Samstag demonstrierten rund 120 000 Kernkraftgegner gegen die Technologie, die vor 24 Jahren in Tschernobyl Tausende das Leben gekostet hat. Höhepunkt der Demonstration war sicherlich die Menschenkette zwischen den AKW-Standorten Krümmel nach Brunsbüttel. Nicht zufällig wurden diese norddeutschen Schrottmeiler ausgewählt. Beide wurden in jüngster Vergangenheit abgeschaltet -- wegen technischer Probleme, wie es heißt. Bleibt zu hoffen, dass die Kernkraftgegner nicht nachlassen und weiter für einen schnellstmöglichen Ausstieg mobilisieren. Denn die Atomkraft ist eine Risikotechnologie, die nicht ans Netz, sondern ins Museum gehört.

Bekanntlich sieht die derzeit herrschende Politik das anders. Sie stellt die Kernkraft, die keine Emissionen in die Atmosphäre pustet, als eine umweltfreundliche Alternative zu Braun- und Steinkohle dar. Schwarz-Gelb probt den Ausstieg aus dem Ausstieg und ignoriert dabei, dass noch immer kein Endlager für den Atommüll gefunden wurde.

Und der nächste umweltpolitische Sündenfall bahnt sich an. Trotz anders lautender öffentlicher Bekenntnisse mutmaßt der »Spiegel«, dass Angela Merkel verbindliche Grenzwerte für Treibhausgase vorerst nicht weiter unterstützen wolle. »Klimakanzlerin« -- das war einmal?

*** Aus: Neues Deutschland, 26. April 2010


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