Spanien: Perspektive der Jugend: Auswandern, 30.06.2012 (Friedensratschlag)
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Die Perspektive heißt Auswandern

In einigen spanischen Regionen liegt die Jugendarbeitslosigkeit schon bei 60 Prozent - und steigt weiter

Von Ralf Streck *

Die Arbeitslosigkeit von jungen Leuten bis 25 Jahren hat in Spanien unvorstellbare Ausmaße angenommen. Nicht einmal Aushilfsjobs sind mehr zu kriegen.

Es ist drückend heiß in Melilla. Die spanische Exklave am Mittelmeer liegt wie Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent und ist wie sie von Marokko umschlossen. In den beiden Gebieten drückt aber nicht die Hitze auf das Gemüt. Vor allem junge Menschen sehen hier kaum noch eine Zukunft. Diese spanischen Regionen sind nämlich die Gebiete, welche laut der Statistikbehörde Eurostat die höchste Jugendarbeitslosigkeit in der EU aufweisen. Schon Ende 2010 betrug sie 60,2 Prozent für Ceuta und für Melilla 53,7 Prozent. Mit der Krise dürfte sie weiter gestiegen sein, auch wenn es noch keine offiziellen Daten gibt. Auch die Kanarischen Inseln, Andalusien, Extremadura und Kastilien-La Mancha stehen solchen Zahlen kaum nach. Im Durchschnitt habe die Quote in Spanien Ende 2010 noch bei gut 41 Prozent gelegen, nun sind es schon 52 Prozent.

Sergio Martínez wohnt in der kolonialen Altstadt Melillas und gehört zu den fast 80 000 Bewohnern, die hier auf gut 13 Quadratkilometern leben. Im Schatten unter den Palmen im Park an der Bibliothek erklärt er, dass sich die Lage noch deutlich zugespitzt habe. »Ich bin ausgebildeter Lehrer, doch ich habe nie als Lehrer gearbeitet.« Seit Jahren würden keine Stellen mehr ausgeschrieben. Zuletzt jobbte er sechs Monate bei einer Nichtregierungsorganisation. »Ich habe schon alles Mögliche gemacht, war Kellner, Bote, Bürokraft, doch auch solche Jobs finden sich nicht mehr.« Irgendwann einmal als Lehrer zu arbeiten, hat er beinahe abgeschrieben. Da die konservative Regierung die Schere besonders am Bildungssystem ansetzt, verlieren nun auch noch viele Aushilfslehrer ihre Stellen.

Sergio lebt derzeit von 426 Euro Sozialgeld, die man in Spanien für sechs Monate erhält, wenn man zuvor gearbeitet hat. »Davon kann ich nicht einmal die Miete bezahlen«, erklärt er niedergeschlagen. »Ich suche wie ein Verrückter einen Job, egal was.«

Wenn er nicht schnell etwas findet, wird er wohl wieder zu den Eltern ziehen müssen. Ein Schritt, den Laura Guerra schon gehen musste. Die 27-Jährige hat ein Kind, für das der arbeitslose Vater keinen Unterhalt mehr zahlen kann. Vom knappen Sozialgeld, das sie wegen des Kindes 21 Monate lang erhält, konnte sie aber ihre Wohnung nicht halten.

Sie bessert nun darüber die Haushaltskasse der Eltern etwas auf. Ihre Mutter hat noch einen Halbtagsjob, ihr Vater gehört ebenfalls zum Heer der mehr als 5,5 Millionen Arbeitslosen in Spanien. Auch der 63-Jährige bezieht nur noch Sozialgeld. Doch das laufe nun aus, womit es wirklich eng werde. »Wir wissen nicht, wie wir die Miete bezahlen sollen, wenn wir auch noch etwas essen wollen.« Als Sekretärin mit einfachem Schulabschluss sieht Guerra keine Chance auf einen Job, da auch viele Leute mit abgeschlossenem Studium auf der Straße stehen. »Alle Türen sind dicht«, stelle sie bei Bewerbungen fest. Sie sei am »Verzweifeln«, da sogar die Arbeitsförderung gestrichen werde. Weiter steigende Schul- und Studiengebühren machten eine Fortbildung unmöglich, sogar Sprachkurse an öffentlichen Sprachschulen seien unerschwinglich geworden. Auszuwandern, worüber sie längst nachdenke, sei ohne vernünftige Sprachkenntnisse schwierig. Wie Martínez spricht auch Guerra von einer »unglaublichen Ohnmacht und Wut«. Vom Staat werde man nur als Nummer behandelt. »Wir haben für ihn keinerlei Bedeutung mehr, sie streichen uns sogar das Bildungs- und Gesundheitssystem zusammen.« Es scheine, dass in der fernen Hauptstadt Madrid nur noch Geld für Banken da sei, in die Milliarden gesteckt werden. Guerra fragt sich, was unter diesen Bedingungen aus ihrer Tochter werden soll.

Zur Auswanderung regelrecht gezwungen fühlt sich die 21-jährige Amal Omar. Die Sozialarbeiterin hatte nach längerer Arbeitslosigkeit begonnen, Sozialpädagogik zu studieren, um ihre Jobaussichten zu verbessern. »Eigentlich bleibt dir wegen der extremen Arbeitslosigkeit nur die Chance, dich weiterzubilden«, erklärt sie. Doch wegen der sozialen Lage ihrer Familie muss sie wohl das Studium wieder abbrechen.

Ihre Familie gehört zu den 1,7 Millionen Haushalten, in denen alle Mitglieder arbeitslos sind. Vom Sozialgeld, das beide Eltern noch beziehen, kann gerade der Lebensunterhalt der vier Personen bestritten werden, denn auch die 17-jährige Schwester findet keine Stelle. »Wie sollen wir Studiengebühren bezahlen, die nun auf wohl 1500 Euro im Jahr steigen sollen?« Omar möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen und ihr Englisch verbessern, um ins Ausland gehen zu können. Denn für Melilla wie für Spanien insgesamt, wo die Arbeitslosigkeit gut 24 Prozent beträgt, sieht sie schwarz.

Irgendwoher muss bald Geld kommen. Wenn auch noch das Sozialgeld ausläuft und die Familie die Hypothek nicht mehr bezahlen kann, droht wie vielen anderen der Verlust der Wohnung, für die sie viele Jahre bezahlt haben. »Der Kreis schließt sich.« Spanien sei auf dem Weg zurück in die Vergangenheit, meint Omar: Vor Jahrzehnten mussten viele nach Frankreich und Deutschland auswandern, wie die Großmutter einer Freundin, die nun in Bochum wohne.

* Aus: neues deutschland, Donnerstag, 28. Juni 2012


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