Jugoslawien (Friedensratschlag)
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Jugoslawien: Das andere Gesicht der "Revolution"

Tage der Demokratie - Tage der Putschisten

Die demokratische Wahl in Jugoslawien, die das Ende des Milosevic-Regimes bedeutete, war das eine, sozusagen die Visitenkarte der neuen Machthaber gegenüber dem Westen und der Weltöffentlichkeit. Es gab noch eine andere Seite, die weniger schön war und über die kaum oder nur verschämt gesprochen wird: die mediengerechte Inszenierung der "Revolution". Diana Johnston hat darüber in ihrer gewohnt kritischen Art geschrieben (vgl. Wendezeit in Jugoslawien). Am 3. November erschien im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (ja, immer wieder das Feuilleton, in dem sich die hintergründigsten Erzählungen zur Zeitgeschichte finden) ein Bericht, der, wenig distanziert, aber aus sich heraus sehr kritisch die Ereignisse des Sturms auf das Belgrader Parlament schildert. Ein hochinteressanter Blick auf die beteiligten Akteure, ihre Motive und ihre Vergangenheit. Der Westen, so scheint uns, täte gut daran, mit seiner Verehrung für die "Helden der Revolution" zurückhaltender zu sein.

Nichts war unmöglich

Zivan Markovic - ein ganz normaler Held der Revolution / Von Timothy Garton Ash

Ich stelle vor: Zivan Markovic, Held der serbischen Revolution. Markovic ist ein untersetzter, muskulöser Mann mit glatt rasiertem Kopf, olivfarbenem Teint und stechendem Blick. Am Morgen des 5. Oktober, einem Donnerstag, war er mit einem großen Pkw- und Lkw-Konvoi in der von der Opposition kontrollierten serbischen Provinzstadt Cacak losgefahren, um das Parlament und den staatlichen Fernsehsender in Belgrad zu stürmen.

Sie hatten Pistolen unter den Jacken. Auf den Lastwagen hatten sie Steine und Gewehre. Sie hatten Gasmasken gegen Tränengas, einen eigenen Stromgenerator in ihrem Lautsprecherwagen, einen Bulldozer und eine Erdbewegungsmaschine, um Straßensperren der Polizei zu durchbrechen. Sie hatten sogar elektrische Sägen, um sich einen Weg durch den Wald zu bahnen, falls es misslang, die Straße zu räumen. Das Ganze war geplant, wie eine militärische Operation. Die Nachhut bildete ein bunter, aber zu allem entschlossener Haufen von Lastwagenfahrern, Bodybuildern, ehemaligen Polizisten und ehemaligen Soldaten. Vor der Abfahrt ermutigte sie der oppositionelle Bürgermeister von Cacak, Velimir Ilic: "Heute werden wir frei sein - oder sterben!"

Die Männer von Cacak räumten wirklich mit ihrem Bulldozer geparkte Polizeiautos und Busse beiseite, die die Straße nach Belgrad versperrten. Sie waren bald beim Parlament und gehörten zu den Ersten, die das Gebäude stürmten. Nachdem sie - so Markovic' Darstellung - die Polizisten im Parlament entwaffnet "und kurz verprügelt" hatten, übernahmen sie zusammen mit anderen die Zentrale des staatlichen Fernsehsenders - "TV Bastille", wie er seit langem genannt wurde. Sie stürmten die Bastille. Schließlich halfen sie mit, die Sendezentrale in einen Belgrader Vorort zu verlegen. Als ich Markovic frage, was diese Operation bezweckte, antwortet er militärisch knapp, wie ein Soldat, der den Befehl seines Offiziers wiederholt: "Dass Kostunica (der gewählte Präsident) abends um halb acht im Fernsehen kommt." Und er setzt hinzu: "Für uns war es ein klassischer Putsch."

Der schönste Tag des Lebens

War es der schönste Tag seines Lebens? "Nein, der schönste Tag war der Freitag" - als sie nach Hause kamen und von den Bürgern Cacaks als Helden begrüßt wurden. Und als er mit seiner Frau telefonieren konnte, die er vorsorglich in einem Versteck untergebracht hatte. Der Erfolg hat viele Väter, und es gibt viele widersprüchliche Berichte darüber, wer all die Heldentaten geplant und ausgeführt hat, die dank CNN und BBC um die Erde gingen. Aber praktisch alle stimmen darin überein, dass die treibende Kraft die harten Männer von Cacak waren. Auch Zivan Markovic.

Was hat er früher gemacht? Er war Fallschirmjäger beim renommierten 63. Fallschirmjäger-Regiment der jugoslawischen Armee. Mit 20 Jahren war er als regulärer Wehrpflichtiger zur Armee gekommen und zurzeit des Ersten jugoslawischen Erbfolgekriegs - gegen Slovenien - gerade den Fallschirmjägern zugeteilt worden. Er war stolz auf seine Einheit und seine Kameraden: "Für uns war nichts unmöglich." Und sie hatten "an allen kritischen Punkten" gekämpft, von Slowenien bis nach Srebrenica.

Teile der weiblichen Anatomie

Srebrenica? Jawohl. Sie hätten zu den Elitetruppen gehört, die 1993 Srebrenica zu nehmen versuchten. Es sei ein großer Schlamassel gewesen, weil sie nie gewusst hätten, ob ihre Befehle vom bosnischen Serbengeneral Mladic oder vom Oberkommando in Belgrad kamen. Sie hätten sich Srebrenica bis auf 400 Meter genähert, aber "Philippe Morillon hat uns gestoppt". (Der französische General Morillon hatte den Auftrag, die UN-"Sicherheitszone" Srebrenica zu halten.) Kurz danach verließ Markovic das Regiment und kehrte zu "privaten Geschäften" nach Cacak zurück.

Für uns im Westen ist Srebrenica ein Synonym für Horror, erkläre ich ihm. "Da, wo das passiert ist, war ich nicht." Und wirklich verabscheuten die Fallschirmjäger die paramilitärischen Einheiten, die nach ihnen kamen. Sie selbst ließen einen toten Gegner zurück; dann kamen die Paramilitärischen und schnitten ihm die Ohren oder andere Körperteile ab. "Wir waren in einer Stimmung, wo wir die am liebsten umgebracht hätten" - er meint die Paramilitärischen. Was denkt er über seine Gegner von damals? Die Kroaten respektiert er. Das waren ehrliche, aufrechte Kämpfer. Und die Muslime? Pah. Die Muslime sind - hier musste die Dolmetscherin schlucken und sagte: "Sie wissen schon, ein Teil der weiblichen Anatomie". Der Muslim, erläutert Markovic, setzt sich zu dir, trinkt Brüderschaft mit dir, legt dir den Arm um die Schulter - und stößt dir das Messer in den Rücken. Die Welt soll wissen, sagt Zivan Markovic, dass die Serben keine Wilden sind, sondern dass die Geschichte sie an eine Weggabelung zwischen Ost und West gestellt hat und dass sie dreimal die Muslime gehindert haben, in Europa einzudringen. "Ich bin ein Nationalist, kein Chauvinist", fügt er hilfreich hinzu. Er ist sich sicher, dass die verschiedenen Nationalitäten des früheren Jugoslawiens friedlich zusammenleben könnten, solange sie Geld hätten. "Wenn wir reich sind, können wir zusammenleben." Solche Begegnungen im nachrevolutionären Serbien hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack. Sie veranschaulichen, wie schwierig es für Serbien sein wird, sich dem Problem seiner Vergangenheit zu stellen. Dieses Problem wird nicht einfach dadurch gelöst, dass man Milosevic nach Den Haag bringt oder, was den meisten Serben lieber wäre, für das, was er ihnen angetan hat, in Serbien vor Gericht stellt.

Es trifft nicht zu (was einige im Westen glauben, die Serbien durch die Brille Bosniens und des Kosovo sehen), dass die Luft in Serbien geschwängert wäre von einem nationalistischen Triumphalismus. Im Gegenteil finde ich hier die sehr nüchterne Einsicht, dass Serbiens Zukunft die eines kleinen Nationalstaats sein wird, mit vielleicht nur 7,5 Millionen Menschen und im ärmsten Winkel Europas. Ohne Bosnien. Praktisch auch ohne den Kosovo. Und sehr wahrscheinlich ohne Montenegro.

Die Sache mit der weißen Weste

Im Übrigen kann man nicht oft genug sagen, dass es immer, auch in den dunkelsten Tagen, ein anderes Serbien gegeben hat. Es gibt Menschen hier, die von Anfang an gegen Milosevic gekämpft und unter Einsatz ihres Lebens liberale Werte verteidigt haben. Wie können wir es wagen, sie alle als "Nationalisten" abzutun? Freilich gibt es auch viele, die sich erst sehr spät von Milosevic abwandten und selbst keine weiße Weste haben. So ist einer der Oppositionsführer der frühere Armee-Stabschef Momcilo Perisic, der seine Leidenschaft für die Demokratie erst entdeckte (oder jedenfalls offenbarte), nachdem ihn Milosevic 1998 entlassen hatte. Perisic war tief in den Krieg in Kroatien und in Bosnien verstrickt. Einige glauben sogar, dass ihn in Den Haag eine bisher zurückgehaltene Anklage wegen Kriegsverbrechen erwarten könnte. Gerade unter den Männern, die der Revolution vom 5. Oktober den entscheidenden Anstoß gaben, sind manche, die in der Vergangenheit wer weiß was getan haben. Männer wie Zivan Markovic. Damals haben sie Srebrenica belagert. Heute belagern sie das Parlament. Aber immer kämpfen sie für Serbien.
Deutsch von Olga Anders

Aus: Süddeutsche Zeitung, 3. November 2000

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