Zypern: Verhandlungen zwischen Süden und Norden, 24.06.2008 (Friedensratschlag)
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Erste Ergebnisse bei Verhandlungen zwischen Inselsüden und -norden

Von Karin Leukefeld, Nikosia *

»Sechs Punkte, über die wir uns geeinigt haben, sind vielleicht nicht viel nach 180 Treffen. Aber wir wollen Ihnen die Informationen dennoch nicht vorenthalten.« Mit einem verschmitzten Lächeln verkündete der Zypriote Georgios Yacovou am Freitag in Nikosia auf einer Pressekonferenz die ersten unterschriftsreifen Erfolge von Verhandlungen zwischen den Vertretern des südlichen und des nördlichen Teils der Insel.

Yacovou, lange Jahre Außenminister Zyperns, war in Begleitung seines türkisch-zypriotischen Verhandlungspartners Özdil Nami und einem Vertreter der UN-Friedensmission auf Zypern im einstigen Luxushotel Ledra Palast vor die Presse getreten. Seit Ende April verhandeln Zyprioten der Republik und aus dem besetzten Norden des Landes in Technischen Komitees darüber, wie sie den Alltag auf der seit 34 Jahren gespaltenen Insel erleichtern können.

Die Technischen Komitees waren nach dem 21. März 2008 entstanden, als sich der neu gewählte zypriotische Präsident Demetris Christofias und Mehmet Ali Talat, Führer des türkisch besetzten Nordzyperns, auf die Bildung einer »bikommunalen und bizonalen Föderation« Zypern geeinigt hatten. Der historische Durchbruch wurde weltweit begrüßt und Mitte April symbolisch mit der Öffnung der Ledrastraße untermauert, die vor der Teilung des Landes als zentrale Einkaufsstraße in Nikosia den Süden und den Norden miteinander verband. Seit 1963 innerzypriotische Unruhen ausbrachen und 1974 der Norden des Landes von der Türkei besetzt wurde, war die Ledrastraße zum Symbol der Teilung der Insel geworden.

Die politischen Verhandlungen ziehen sich aber in die Länge. Ein für den 21. Juni angekündigtes Treffen von Christofias und Talat wurde auf den 1. Juli verschoben, die Zyprioten müssen sich vorerst mit kleinen Fortschritten begnügen. Informationen über die Straßenverkehrsordnungen der jeweiligen Landesteile in den jeweiligen Sprachen plus Englisch werden erstellt, Krankentransporte dürfen -- nach vorheriger Koordinierung -- künftig ungehindert von einem Teil des Landes in den anderen fahren und eine gemeinsame Studie soll über das Ausmaß der Umweltverschmutzung Aufschluss geben. Außerdem sollen gemeinsame Bildungsprogramme zum Erhalt und zur Respektierung des kulturellen Erbes Zyperns sowie zum Schutz der Umwelt ausgearbeitet werden.

Angesprochen auf einen konkreten Termin für den Beginn von Friedensverhandlungen, zeigten sich allerdings deutliche Differenzen zwischen den beiden Lagern. Während Nami erklärte, die türkisch-zypriotische Seite habe »klipp und klar Ja zum Plan des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan gesagt«, meinte Yacovou, die griechischen Zyprioten lehnten den Plan ab, weil es weder eine »gemeinsame Sprache« gebe noch »gemeinsam festgelegte Ziele«.

Während für die Zyprioten in der (südlichen) Republik Zypern nur ein föderaler Staat mit einer gemeinsamen politischen internationalen Vertretung in Frage kommt, geht die Führung der türkischen Zyprioten von einer Konföderation zweiter Staaten aus, mit getrennter Staatsangehörigkeit, zwei Präsidenten, getrennter Außen- und Verteidigungspolitik. Das Misstrauen bleibt groß, der Einfluss Ankaras und insbesondere des dortigen Militärs ist ein offenes Geheimnis. Die 43 000 türkischen Soldaten im Inselnorden veranlassten Präsident Christofias kürzlich zu der Bemerkung, die Türkei solle ihre »Einmischung beenden«, denn das schade den innerzypriotischen Gesprächen. Talat brauche die Möglichkeit, »unabhängig« zu verhandeln, ohne dass das Ergebnis von Ankara absegnet werden muss. Als Zeichen ihres guten Willens könne die Türkei schon einmal damit beginnen, die Hälfte ihrer Soldaten aus dem nördlichen Zypern abzuziehen.

* Aus: Neues Deutschland, 23. Juni 2008


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