Der Norden Zyperns, 30.12.2008 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Atatürk auf Zypern

Unterwegs mit Ahmed Cavit im von der türkischen Armee besetzten Nordteil der Mittelmeerinsel

Von Karin Leukefeld *

Der Kinderarzt Ahmed Cavit steuert seinen Wagen entlang der »grünen Linie«, die quer durch die zypriotische Hauptstadt Nikosia verläuft. Cavit ist türkischer Zypriot und kennt die Stadt wie seine Westentasche. »Hier lebten früher Armenier. Sie flohen bei den Auseinandersetzungen nach den Unruhen zwischen den Volksgruppen 1963 hinüber, auf die andere Seite vom Pediosfluß. Danach wohnten türkische Zyprioten hier, doch in der letzten Zeit kommen immer mehr Siedler.«

Die zweistöckigen Armenierhäuser im Arabahmet-Viertel setzen sich deutlich ab von den Neubauten, die erst nach 1974 unter der türkischen Besatzung entstanden. Der Eingang zum armenischen Friedhof, nur wenige hundert Meter entfernt, liegt jenseits der Grenze, im südlichen Teil von Nikosia, in der Republik Zypern. Dazwischen ist »Niemandsland«, das von der türkischen Armee gelegentlich für militärische Übungen genutzt wird. Die einzigen, die sich ungehindert zwischen beiden Teilen der Hauptstadt Zyperns bewegen, sind die Katzen der Stadt und die Vögel.

Seit die türkische Armee den Norden der Mittelmeerinsel besetzt hält, habe sich das Gesicht im türkisch-zypriotischen Teil des Landes enorm verändert, erzählt Ahmet Cavit. Am sichtbarsten werde dies an dem ungebremsten Bauboom, sagt er und deutet auf die Überreste einer ehemaligen Mehlfabrik, die einem Casino weichen mußte. Das wiederum gehört zu einer Hotelkette, die in Nordzypern ein Hotel nach dem anderen baut. »Erst waren sieben Etagen genehmigt, nun sind es 13«, sagt Cavit. »Niemand kümmert sich hier um Vorschriften unserer Verwaltung. Geld, verstehen Sie?!«

Die Wohnviertel tragen ausschließlich türkische Namen: Hürriyet, Ortaköy, Göcmenköy, zählt Cavit auf, während die Fahrt weiter in die Außenbezirke des nördlichen Nikosia geht. »Göcmenköy ist das »Dorf der Flüchtlinge«, hier wohnen seit 1963 türkische Zyprioten«, erläutert Cavit. Viele kamen im Zuge eines Bevölkerungsaustausches Ende der 1970er Jahre in den Norden. Die Einwohnerzahl der türkischen Zyprioten betrage zwischen 80000 und 100000 Personen, die der inzwischen hinzugezogenen Festlandtürken sei zwei- bis dreimal so hoch. Viele Siedler kämen aus ländlichen Gebieten der Türkei, seien arm, Analphabeten und mit der zypriotischen Kultur und Geschichte weder vertraut noch daran interessiert.

Für Cavit gibt es nur eine Lösung: »Die Siedler sollen gehen, die Armee soll weg, damit wir wissen, wie viele türkische Zyprioten übrig geblieben sind, und wie wir für uns weiter planen können.« Neben den nach 1974 entstandenen Siedlungen Göcmenköy, Taschkenköy, Hamidköy werden auch Moscheen und Ausstellungshallen für Autos gebaut, in einem Industriegebiet, gleich neben dem alten Friedhof. Das Geld für die Moscheen kommt aus der Türkei, Libyen und Saudi-Arabien, sagt Cavit, dem der Ärger anzumerken ist. »Früher hat es das hier nicht gegeben.«

In der Altstadt

Wir fahren zurück in die innere Altstadt von Nikosia, kreuz und quer durch alte türkische und griechische Wohnviertel mit den aus Sandstein gebauten Häusern der britischen Kolonialzeit. Dicht beieinander liegen griechisch-orthodoxe Kirchen, muslimische Grabmäler und venezianische Paläste. Es ist, als sei die Zeit stehengeblieben. Die meisten Häuser, die direkt an die »Grüne Linie« grenzen, sind in schlechtem Zustand. Einschüsse haben den Putz aufgeblättert, herunterhängende Fensterläden klappern im Wind. Die ursprünglichen Bewohner, oft griechische Zyprioten, sind geflohen. Heute leben dort Familien aus dem tiefsten Anatolien.

Den vielen Kindern sind die engen Gassen der Altstadt nur ein schlechter Ersatz für die frühere Weite der anatolischen Felder und Dörfer. Weil sich die Bauern vom Ertrag ihrer Landwirtschaft in der Türkei nicht mehr ernähren konnten, wurden sie zu Landarbeitern im türkischen Besiedlungsplan auf Nordzypern und verdingen sich heute als Tagelöhner auf einer der vielen Baustellen. Unweit des Paphos Tors in der venezianischen Stadtmauer verfällt das armenische Benediktinus-Kloster aus dem 14. Jahrhundert, dessen Kirche fast vollständig zerstört ist. In den Wipfeln der hohen Bäume des verwilderten Kirchhofs schaukeln Krähen im Wind, das Dach über dem einstigen Hauptportal wird nur noch von zwei Giebelsteinen gehalten. »Wenn sie sich lösen, bricht alles zusammen«, sagt Ahmet Cavit.

Geschichtsdiskussion

Der Kinderarzt ist ein scharfer Gegner der türkischen Besatzung, was ihm schon viele Probleme bereitet hat. Seine medizinische Fachausbildung absolvierte er Ende der 1970er Jahre an der Kinderklinik Leipzig. Neben seiner Tätigkeit in einem Krankenhaus Nikosias eröffnete er 1982 eine private Praxis, die er aber wieder schließen mußte. Seine politische Heimat war lange Zeit die Sozialistische Arbeiterpartei der Türkei (TSIP), die er beim Studium 1969 bis 1975 in Istanbul kennengelernt hatte. Was von der Partei übrigblieb, wird heute von einem Abgeordneten der türkischen Freiheits- und Demokratiepartei (ÖDP) im Ankaraer Parlament vertreten. »Die Teilung Zyperns ist für die ÖDP kein Thema«, kritisiert Cavit. »Die türkische Besetzung ist ein zu heißes Eisen.«

In der »Neuen Zypern-Gesellschaft«, die gleich nach dem Krieg 1974 gegründet wurde, engagiert sich Cavit seit 1982. »Unsere Ideologie war immer der Zypriotismus, also Zypern für die Zyprioten«, erklärt er die Ausrichtung der Organisation. »Die griechisch-zypriotischen Freunde kämpften gegen die griechischen Fahnen auf öffentlichen Gebäuden im Süden, so wie wir hier im Norden gegen die türkische Fahne antraten. Doch wir sind zu schwach.« Um wirklich etwas verändern zu können, »braucht man viele intellektuelle Köpfe und Geld«, meint Cavit.

Die zypriotische Presse ignoriere Veröffentlichungen der Organisation, wer sich offen dazu bekenne, werde als »Verräter« abgestempelt, und zwar »auf beiden Seiten«. Man brauche eine Massenorganisation und entsprechende Medien, derzeit sei beides völlig unrealistisch. Bei einer Wiedervereinigung beider Teile dürfe sich auf keinen Fall die Kirche einmischen, fordert Cavit. Besonders die griechisch-orthodoxe Kirchenführung im Süden müsse sich zurückhalten.

Mit der Wahl des Kommunisten Dimitris Christofias zum Präsidenten der Republik Zypern bestehe die Chance, daß sich das ändere. Immerhin habe mit dem neuen Erziehungsminister eine Geschichtsdiskussion angefangen. »Vielleicht muß man mehr historische Bücher zu Zypern übersetzen«, schlägt Cavit vor. »Werke von türkischen Zyprioten müßten ins Griechische und Bücher von griechischen Zyprioten müßten ins Türkische übersetzt werden.« Leider gebe es nur wenige Dolmetscher, die beide Sprachen beherrschten, doch das wäre notwendig, so Cavit: »Damit wir uns besser kennenlernen.«

Am Grenzübergang

Die Jugend beider Volksgruppen findet derweil einen eigenen Weg, sich einander anzunähern. Im Zentrum von Nikosia, auf der Ledrastraße, arbeiten einige Seite an Seite bei Starbucks oder McDonald's in den Ledra-Arkaden. Seit April 2008 gibt es hier einen Grenzübergang zwischen dem Norden und dem Süden. Hassan (28) und seine Freundin Gizem (22) aus der nordzypriotischen Hafenstadt Kyrenia (türkisch: Girne), machen einmal im Monat einen Ausflug zu McDonald's, um Hamburger zu essen. Wegen des Embargos gegen den Norden gebe es McDonald's dort nicht, das sei ungerecht, meint Hassan.

Beide passieren die Grenze mit Pässen der Republik Zypern, denn ihre türkisch-zypriotischen Eltern stammen aus Paphos, an der Südküste. Mit dem Bevölkerungsaustausch wurden sie nach Kyrenia umgesiedelt. Das alles sei Geschichte, meint Gizem. Ihr Land sei die Türkische Republik Nordzypern und das solle auch so bleiben. Beide Staaten sollten Mitglied der Europäischen Union sein, fügt Hassan hinzu. Dann könnten sie mehr Geld verdienen und das Embargo gegen den Norden würde aufgehoben werden.

Eine Wiedervereinigung Zyperns erscheint beiden »unmöglich«, und ihre Zukunft sehen die zwei nicht sehr rosig: »Krieg überall«, meint Hassan. »Keine Arbeit. Und Fremde kaufen unser Land auf.« Zwar ist ihnen die Türkei mit ihrer Armee von 43000 Soldaten als Schutzmacht willkommen.Die vielen Baumaßnahmen ausländischer Firmen vor allem auf der Karpasia-Halbinsel aber lehnen sie ab. »Die Natur wird zerstört, die historischen Stätten«, kritisiert Hassan. »Doch was können wir schon tun?!«

Türkischer Bauboom

Auf der Schnellstraße von Nikosia nach Famagusta und zur Karpasia-Halbinsel im Nordosten Zyperns ist der Bauboom zu besichtigen, den Hassan und Gizem meinen. Bildungszentren und angegliederter Wohnanlagen mitten auf dem Land, kahle Hochhausgerippe und leerstehende Siedlungsanlagen, für die auf großen Werbetafeln geworben wird. Land, Villen, Appartements -- alles ist im Angebot. Luxushäuser mit Meerblick und Sonnenschein, zu zahlen in Euro oder Britischen Pfund. Selbst neben der Klosteranlage des Heiligen Barnabas bei Salamis, nördlich von Famagusta, soll eine Wohnsiedlung entstehen.

Investoren, die über gute Beziehungen verfügen, erhalten Kredite der türkischen Investitionsbank, um Land zu kaufen, erläutert Ahmet Cavit. Über die oft ungeklärten Besitzverhältnisse von Grund und Boden nach der Besatzung 1974, wissen die wenigsten der späteren, meist ausländischen Käufer von Ferienvillen oder -wohnungen. Auf den vielen Baustellen werden Gelder der türkischen Mafia oder andere Schwarzgelder gewaschen, spricht Cavit ein offenes Geheimnis aus.

Hotels, die zu Tiefstpreisen Ferien an den Küsten von Kyrenia oder auf der Karpasia-Halbinsel anbieten, seien selbst in einer guten Saison nur zu 30 Prozent ausgebucht. Dennoch sollen in den kommenden fünf Jahren noch 30000 weitere Hotelbetten für den Tourismussektor geschaffen werden. Ahmet Cavit vermutet dahinter einen anderen Plan, denn ein Hotel, das mehr als 200 Betten hat, darf ein Casino eröffnen: »Und das ist eine gute Einrichtung, um illegal erwirtschaftetes Geld zu waschen.«

Kulturelles Erbe

»Die Schädigung von Kulturgut, gleichgültig, welchem Volke es gehört, bedeutet eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit ...«. So steht es in der Präambel der Haager Konvention von 1954 zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Doch Zypern, das mit seinem kulturellen Erbe aus Jahrtausenden wie ein »großes, schwimmendes Museum« war, konnte durch die Konvention nicht geschützt werden.

Nach der türkischen Besetzung 1974 wurden Kirchen, Friedhöfe, religiöse und historische Denkmäler verwüstet und geplündert, sagt die Archäologin und Kunsthistorikerin Anna Marangou: »Fast alle griechisch-orthodoxen Friedhöfe wurden geschändet, Kreuze wurden entfernt, Gräber geöffnet, vor den Augen der türkischen Armee.« Viele der alten aramäischen, griechischen, römischen, byzantinischen Kulturstätten liegen im Norden Zyperns, so Anna Marangou. 550 byzantinische Kirchen wurden ganz oder teilweise zerstört -- die noch erhalten sind, werden als Ställe, Lagerhallen, Kinos, Restaurants oder Moscheen genutzt.

Gesegnete Jungfrau

Boltasli ist ein kleines, unscheinbares Dorf auf Karpasia. Früher hieß es Lythrágkomi, doch dieser Name ist auf keinem der heutigen Straßenschilder mehr zu finden. Die alten Ortsnamen wurden von den neuen Herrschern 1974 türkisiert. In Boltasli -- oder Lythrágkomi -- steht »Panayia Kanakaria«, die »Kirche der Gesegneten Jungfrau«. Panayia Kanakaria ist das älteste Gotteshaus auf Zypern. Der Journalist Michael Jansen hat die Verwüstung und den Diebstahl historischer Kulturgüter infolge von Krieg und Besatzung ausführlich dokumentiert. Es sei davon auszugehen, daß man Panayia Kanakaria offensichtlich aufgeräumt, den Kirchgarten mit antiken Steinen dekoriert, die aufgeschüttete Erde aus dem Inneren der Kirche entfernt hat.

Bei seinem letzten Besuch mußte der Schlüssel beim Dorfvorsteher, dem örtlichen Muchtar, geholt werden. Heute steht das Hauptportal weit offen, ein freundlich lächelnder Wärter weist auf eine überdimensionale Spendenbüchse und eine Informationstafel. Panayia Kanakaria sei eine byzantinische Kirche, die vermutlich Ende des fünften, Anfang des sechsten Jahrhunderts erbaut wurde, ist da zu lesen. Zerstört durch die »arabischen Piraten« im achten Jahrhundert, später neu aufgebaut. Im zwölften Jahrhundert erneut zerstört durch ein Erdbeben und wieder aufgebaut, stabilisiert und mit einem neuen Dach versehen im 19. Jahrhundert.

Die kostbaren Mosaikbilder, für die Panayia Kanakaria berühmt ist, werden mit keinem Wort erwähnt. Die letzten Restaurierungsarbeiten waren kurz vor der Invasion 1974 beendet worden, berichtet Michael Jansen und zeigt an die Decke, wo noch Reste der Mosaiken aus dem sechsten Jahrhundert zu sehen sind. Die kostbaren Bilder zeigten Maria mit Jesus als Kind, die Erzengel Gabriel und Michael sowie die zwölf Apostel. Diese waren ursprünglich aus Halbedelsteinen gefertigt und mit Silber und Gold aus Palästina verfeinert. Die Diebe, die vermutlich 1979 die Bilder stahlen, klebten Papier über die Mosaikmedaillons. Dann schnitten sie das Mauerwerk dahinter aus und entfernten sie von der Decke. Niemand stoppte die Diebe, bis heute hat die türkische Besatzungsmacht keine Verantwortung für die Zerstörung der zypriotischen Kulturgüter übernommen.

Verwandlung der Fahne

Statt dessen präsentieren Schilder, Wachposten und Fahnen immer wieder die Anwesenheit der türkischen Armee. Wie in der Türkei sind auch in Nordzypern gigantische Inschriften und Embleme an Berghängen besonders beliebt. »Gemeinsam für das Vaterland« ist da zu lesen, eingerahmt von einer türkischen Fahne und der Fahne der TRNC, der Türkischen Republik Nordzypern. Statuen des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk, mal als Kopf, mal hoch zu Roß, schmücken fast jeden Ortskern.

Auch am großen Bergmassiv von Zypern, dem Pentadaktylos, dem Fünffingerberg, der von jedem Dach in Nikosia zu sehen ist, wenn man nach Norden blickt, prangt eine solche Botschaft. »Diese Fahne soll eine große Provokation gegenüber den griechischen Zyprioten sein«, sagt Ahmet Cavit. »Unsere Nationalisten sind ganz stolz darauf. Am Anfang war die Fahne nur auf den Berg gemalt, jetzt wird sie nachts erleuchtet. Erst sieht man die türkische Fahne und dann verwandelt sie sich in die TRNC--Fahne. Manchmal fällt der Strom aus und wir sitzen im Dunkeln, aber diese Fahne leuchtet immer noch.« So erzählt der türkische Zyptriot. Und ergänzt dann noch: »Viele Leute sind natürlich wütend, aber es ist das Werk der Armee, und die einfachen Leute können nichts gegen die Armee unternehmen.«

* Aus: junge Welt, 24. Dezember 2008


Zurück zur Zypern-Seite

Zur Türkei-Seite

Zurück zur Homepage