Vietnam: Mühsamer Weg aus dem Elend, 18.11.2007 (Friedensratschlag)
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"Und es herrscht Frieden"

Ein Besuch in Ho-Chi-Minh-Stadt und in Hanoi drei Jahrzehnte nach dem Aggressionskrieg der USA in Indochina: Vietnam auf dem mühsamen Weg heraus aus dem Elend

Von Roland Platz *

Boomtown Ho-Chi-Minh-Stadt. Fast scheint es, als nehme der Verkehr von Tag zu Tag zu. Glücklicherweise bietet sich im ehemaligen Saigon trotzdem da und dort noch eine Chance, zwischen rasenden Mopeds, qualmenden LKW und hupenden Autos die Straßenseite zu wechseln – wenn man schnell ist. Allenthalben wird gebaut. Vor allem am Rande der acht Millionen Einwohner zählenden Metropole des vietnamesischen Südens wachsen neue Hochhäuser und Industrieparks aus dem Boden. Dagegen präsentiert sich die Skyline im Zentrum eher bescheiden, und wer durch Cholon wandelt, das »Chinatown« der Stadt, sieht noch immer die traditionellen ein- bis zweigeschossigen chinesischen Häuser mit ihren typischen Ladenfronten. Dort wird eine abenteuerliche Mixtur aus allen möglichen Dingen angeboten: Von in Schnaps eingelegten Schlangen und Käfern über Rindenstücke und Kräuter bis hin zu für Ausländer undefinierbaren Dingen – allesamt unverzichtbar bei der Herstellung traditioneller chinesischer Medizin.

»Dong Koi« heißt die neue alte Prachtstraße in der Innenstadt. Zu Zeiten des französischen Kolonialismus hieß sie »Rue Catinat«. Danach, im Vietnamkrieg der USA zwischen 1965 und 1975, befand sich eben hier die »Amüsiermeile« für ungezählte US-Besatzungssoldaten mit Hotels, Spelunken aller Art, Bordellen, Bars – von Pracht keine Spur, von Elend umsomehr: von Menschen, die ihre Körper verkauften für ein paar Dollar.

Die Straße ist nicht mehr wiederzuerkennen. Heutzutage könnte man sich in der »Dong Koi« auf den ersten Blick in Südfrankreich wähnen. Cafés, in denen nicht nur Touristen sitzen, sondern auch vietnamesische Geschäftsleute – jedenfalls Leute mit Geld. Solche, die es sich leisten können, am Abend hier einen Cocktail zu trinken. Bettler sind nicht zu sehen. Nguyen Van The, ein Mitarbeiter der Kinderhilfsorganisation »terre des hommes« in Vietnam, meint: »Ich weiß nicht genau, wie viele Straßenkinder es wirklich gibt in Vietnam. Aber ein paar tausend sind es sicherlich.«

Familien strömen aus den ländlichen Regionen in die Metropolen, versprechen sich Arbeit und ein besseres Leben. Zwar darf nicht jeder einfach in die Großstadt ziehen, doch finden sich immer Wege, staatliche Stellen zu umgehen. Die City lockt: In Ho-Chi-Minh-Stadt ist überall spürbar, daß sich wirtschaftlich viel tut. Das Wirtschaftswachstum liegt bei jährlich über acht Prozent. Auch der Tourismus floriert wie nie. Im vergangenen Jahre wurden fast vier Millionen Urlauber gezählt. Die Infrastruktur funktioniert, und das Land hält sehr viel von dem, was es verspricht.

In der Regel besuchen die Touristen neben der Metropole des Südens auch Hanoi, die Hauptstadt des Landes im Norden, oder das uralte Hue, die einstige kaiserliche Residenz, auf halbem Weg zwischen beiden Metropolen gelegen. Fast immer steht die Halong-Bucht im Norden auf dem Programm, wohin immer mehr Reisende aus China, dem sozialistischen Nachbarland im Norden, kommen. Es gibt inzwischen auch vietnamesische Reiseagenturen, die einen nachhaltigen Ökotourismus propagieren – wie jene von Vu Minh Anh, die mit deutscher Unterstützung aufgebaut wurde. Der Reisefachmann meint: »Der Ökotourismus hat Zukunft. Auch große Veranstalter nehmen Ideen, die wir schon lange umsetzen, in ihr Programm auf.« Dazu gehört, auf Luxushotels zu verzichten, weniger frequentierte Strecken zu erschließen und weitgehend auf Inlandsflüge zu verzichten.

Unbeliebte Rückkehrer

Minh Anh wuchs in der alten BRD auf und gehört zu den Tausenden, die in den neunziger Jahren zurückkehrten. Die Auslandsvietnamesen, »Viet Khieu« genannt, sind nicht immer beliebt: Während die Mehrheit der Bevölkerung in den schweren Jahren nach dem Vietnamkrieg in einem von den Yankees zerstörten und verseuchten Land Not und Entbehrungen überstehen mußte, ging es den Landsleuten in Übersee, in den USA, Australien oder Europa, zumindest materiell meist unvergleichlich besser. Le Thien Phuong, ein 40jähriger Architekt, sagt dazu: »Auch wenn diese Leute die vietnamesische Sprache sprechen und jetzt hier wieder leben, sind sie doch Westler in ihren Umgangsformen. Als Chefs wissen sie oft nicht, wie sie mit ihren Untergebenen umgehen sollen. Sie machen kaum Kompromisse und haben auch sonst wenig Ahnung von Sitten und Gebräuchen.«

Man schätzt, daß auch heute ein paar Millionen Vietnamesen im Ausland leben, dort längst die Staatsbürgerschaft angenommen haben oder in zweiter Generation in der Fremde geboren wurden. Wer auf den Flugplatz von Ho-Chi-Minh-Stadt kommt, erkennt die Heimkehrer sofort an ihrem großen Gepäck. Die meisten sind nur zu Besuch bei ihren Verwandten und demonstrieren westlichen Reichtum. Egal, wie es ihnen in ihrer neuen Heimat gehen mag: Großzügige Geschenke gehören einfach dazu. Und werden auch erwartet.

Der Krieg ist seit über 30 Jahren vorbei, doch die Wunden, die er schlug, verheilen langsam. Auch viele Besucher aus dem Westen assoziieren mit Vietnam noch immer den »Zweiten Indochina-Krieg« der USA gegen das Land, den die Vietnamesen selbst als »Amerikanischen Krieg« bezeichnen. Das Elend, die Not und der Tod, die die US-Besatzungsmaschinerie über die Bevölkerung brachte, waren generationenprägend. Auch nach drei Jahrzehnten, und wohl auch nach fünf oder sieben, ist nichts davon aus dem Bewußtsein verschwunden.

Als ich das Land vor Jahren erstmals bereiste, kannte ich schon viele Ortsnamen. Ich hatte sie als Kind in Radio und Fernsehen gehört. So wie heute tagtäglich ständig neue Grausamkeiten aus dem Irak-Krieg mit Namen und Orten in den Medien gemeldet werden, so waren es damals die aus Vietnam. Da Nang zum Beispiel, gelegen am Chinesischen Meer: Dort landeten US-amerikanische Marines zu Zehntausenden an. Haiphong bei Hanoi: Dort fielen die meisten Bomben – deren Ziel war die Schwerindustrie. Das Mekong-Delta mit den »free-fire-zones«, den Gebieten, in denen auf alles geschossen wurde, was sich bewegte. Und auch Napalmbomben fielen und die Reisfelder und die Wälder verbrannten. Die Vietcongs, wie die Partisanen der südvietnamesischen Befreiungsbewegung FNL im Westen genannt wurden, sollten »ausgeräuchert« werden.

Im Kriegsmuseum, gelegen in einer Seitenstraße des Zentrums von Ho-Chi-Minh-Stadt, werden diese Bilder wieder lebendig. Man sollte es nicht glauben, aber der Vietnamkrieg wurde fotografisch und filmisch detailliert dokumentiert. Und die Hunderten Fotos, die hier ausgestellt sind, sprechen letztlich für sich selbst. Tote, Verstümmelte, die Opfer von »Agent Orange«, dem Entlaubungsgift. Das Museum ist eine Art fotografische Gedenkstätte über einen der brutalsten Aggressionskriege.

Weitere Kriege folgten

Robert McNamara, der ehemalige amerikanische Kriegsminister, kommentierte nach der US-Niederlage: »Nun, wir haben uns geirrt.« Dafür zahlten bis zu fünf Millionen Vietnamesen – und auch 40000 US-Soldaten – mit ihrem Leben. Viele ausländische Touristen, US-Amerikaner, Japaner und Koreaner vor allem, besuchen das Museum, darunter auch GIs, die sich offensichtlich ihrer Vergangenheit stellen wollen, vielleicht, um sie zu bewältigen, doch das bleibt ihr Geheimnis.

Die jüngere Generation scheint das Museum weniger zu interessen. Gegenwart und Zukunft vertdrängen die bösen Geister der Vergangenheit, und die Menschen empfinden es als Glück, seit 30 Jahren im Frieden zu leben. Derweil pflegt die Kommunistische Partei die Erinnerung an die Kämpfe, an die Zeit, als es dem heroische David gelang, den übermächtigen Goliath zu besiegen. Die Hauptkampfzone war damals im Süden, wo sich die südvietnamesische Armee und die Amerikaner auf der einen Seite und die Nationale Befreiungsfront zusammen mit nordvietnamesischen Verbänden auf der anderen Seite gegenüberstanden. Hier stößt man immer wieder auf Soldatenfriedhöfe mit symmetrisch angelegten Gräbern und einem von einem roten Stern gekrönten Obelisk, der an das Leiden und die Gefallenen erinnert.

Noch immer sind viele Kriegsopfer auf Schlachtfeldern verscharrt, die, so der Volksglaube, als hungrige Seelen umherirren. Die Vietnamesen praktizieren traditionell die Erdbestattung. Nur ordnungemäß bestattet können die Seelen ihre Ruhe finden. In vielen Reisfeldern sieht man die Familiengräber der Ahnen. Für die Bauern stellen sie die Verbindung zur Erde her. Einmal im Jahr, am Todestag der Verstorbenen, gedenkt man ihrer in einem Ritual mit Fotos der Betrauerten auf dem Ahnenaltar. Inzwischen werden auch Soldatenfriedhöfe für Gefallene der ehemaligen, mit den USA verbandelten und von ihr ausgehaltenen südvietnamesischen Armee hergerichtet.

Aber auch der »Dritte Indochina-Krieg«, der ab 1979 im benachbarten Kambodscha ausgetragen wurde, wirkt als Trauma für die Beteiligten fort. Nach ständigen Übergriffen auf vietnamesische Dörfer im Mekongdelta durch die terroristischen Roten Khmer hatte sich Hanoi entschlossen, zu handeln. Die vietnamesischen Truppen konnten im Januar 1979 die Hauptstadt Phnom Penh einnehmen, mußten aber bis zu ihrem Abzug noch zehn Jahre lang gegen eine von den USA und China unterstützte Guerilla kämpfen. Le Thien Phuong, der in Kambodscha stationiert war, erinnert sich: »Einer meiner besten Freunde kam in unmittelbarer Nähe von mir durch eine Mine ums Leben. Ich war sehr jung damals, Anfang 20. Als ich dann zurück nach Vietnam kam, hatte ich jegliche Orientierung verloren.«

Offiziell gehören 80 Prozent der Bevölkerung keiner Religion an. Der in ­Asien einmalige Wert hat auch damit zu tun, daß es – abgesehen von den acht Prozent Christen – fließende Grenzen zwischen den Glaubenssystemen gibt. Nicht wenigen Vietnamesen fällt es schwer, sich zu einer bestimmten Religion zu bekennen. In der Praxis bedeutet das: Man geht am Morgen in eine buddhistische Pagode, betet am Mittag zu einem chinesischen Schutzgeist, um sich am Abend seinen Ahnen im eigenen Haus zu widmen. Dang, ein 35jähriger Familienvater, der als Touristenführer arbeitet: »Ich kann mit Religion nichts anfangen. Das ist alles nur Aberglaube und verschwendete Zeit und Geld.« Pragmatismus statt tiefer religiöser Gefühle, dazu die die atheistische Grundposition der KP sowie eine strenge Trennung von Staat und Kirchen – verschiedene Faktoren haben zu einer starken Säkularisierung beigetragen.

Nicht nur wirtschaftlich, auch außenpolitisch hat Vietnam Erfolge vorzuweisen. Mit der Aufnahme in die Welthandelsorgansiation ist das sozialistisch ­orientierte Land in allen wichtigen Institutionen der globalisierten Welt vertreten. Das Verhältnis zu den USA hat sich – zumindest ökonomisch – normalisiert, das Handelsembargo wurde von Washington 1995 aufgehoben. Im November 2000 reiste William Clinton nach Vietnam. In Ho-Chi-Minh-Stadt hängt sein Foto noch immer im »Phö 2000«, einem einfachen Nudelsuppenrestaurant beim Ben Than Markt, in dem der US-Präsident seinerzeit speiste. Die Beziehungen zum großen Nachbar China hat sich ebenfalls normalisiert. Es herrscht ein reger Warenaustausch. Den Tiefpunkt des Verhältnisses zwischen den einstigen Bruderländern bildete 1979 der Einmarsch chinesischer Truppen in den Norden des Landes. Er ist seit längerem überwunden. Damals dauerte der Grenzkrieg einige Wochen. Dann mußten sich Pekings Soldaten wieder zurückziehen.

Respekt vor Ho Chi Minh

Die Vietnamesen von heute, gerade die jungen Menschen, treten sehr stolz und selbstbewußt auf. Lan, eine erfolgreiche 40jährige Büroleiterin im Zentrum Ho-Chi-Minh-Stadts: »Klar bin ich stolz darauf, Vietnamesin zu sein. Wir sind ein kleines Land, aber wir haben viel erreicht.« Ho Chi Minh, der »Vater der Nation«, ist allgegenwärtig in Vietnam. Das Mausoleum in Hanoi erinnert an das sowjetische Vorbild mit Lenins Leichnam auf Moskaus Rotem Platz. Ein Zementkubus mit dem Sarkophag des 1969 Verstorbenen im Innern. Ho Chi Minh selbst wollte nach seinem Tod verbrannt, seine Asche sollte verstreut werden. Seine Nachfolger entschieden sich dagegen. Doch egal, wie man zur Partei steht: Von den meisten Vietnamesen wird Ho Chi Minh verehrt. Er verkörpert das asketische Ideal eines Menschen, der für sein Volk arbeitet, ohne sich die Taschen zu füllen.

Das Wohnhaus Ho Chi Minhs in Hanoi nahe des ehemaligen Gouverneurspalastes symbolisiert diesen Geist. Aus Holz auf Stelzen errichtet und nur mit dem Nötigsten ausgestattet, wird es auch heute noch von vielen Vietnamesen besichtigt. Fast jeder Vietnamese kennt das Leben Ho Chi Minhs, seine Lebensstationen. Die Besucher, die an seinem gläsernen Sarkophag vorbeidefilieren, nehmen ihre Kopfbedeckung ab und die Hände aus den Hosentaschen.

Mein Erleben Vietnams in diesen Tagen besagt: Viele Menschen äußern sich positiv, was das heutige Leben in dem wunderschönen Land angeht. Der Architekt Phuong meint: »Wir hatten jahrzehntelang Krieg und Armut. Jetzt haben die Menschen Geld zum Leben, und es herrscht Frieden. Ich denke, die meisten Menschen sind zufrieden.«

* Aus: junge Welt, 17. November 2007 (Wochenendbeilage)


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