Vietnam: Agent Orange und die Folgen, 22.12.2007 (Friedensratschlag)
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Kein Kriegsende für Agent Orange

Vietnam leidet bis heute unter den Folgen des Gifteinsatzes der USA

Von Ilona Schleicher *

Der dunkle Schatten des Krieges lastet noch immer auf Millionen Menschen in Vietnam. So verursacht das Entlaubungsgift Agent Orange bis heute körperliches Leid und hindert Menschen daran, sich aus der Armut zu befreien. Zu den Betroffenen gehört auch die Familie des 67-jährigen Bauern Vou An Ho in Linh Hai, Provinz Quang Tri, wo mit Hilfe des Solidaritätsdienst-international e. V. (SODI) ein Gemeindegesundheitszentrum entsteht.

»Haben Sie die breiten Streifen gesehen, die sich an der Straße Nr. 9 Richtung Laos über die Berge ziehen?«, fragt uns Vou An Ho. »Das sind die Schneisen, über denen die US-amerikanischen Flieger das Entlaubungsgift Agent Orange versprühten. Sie wollten das dichte Blätterdach des Ho- Chi-Minh-Pfades beseitigen, um den Nachschub an Soldaten, Waffen und Lebensmitteln aus dem Norden in den Süden unseres Landes durch Bombardierungen zu verhindern. Aber sie konnten uns nicht aufhalten.« Bauer Ho war damals Soldat der Befreiungsarmee. »Heute sind die Schneisen wieder grün, von Buschwerk überwuchert«, sagt er. »Aber Bäume wachsen dort nicht. Es wird noch lange dauern, bis die Wunden, die unserem Wald zugefügt wurden, heilen.«

Und auch die Menschen, die mit dem grauen Nebel in Berührung kamen, tragen nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten an den Folgen des Einsatzes des dioxinhaltigen und deshalb hochtoxischen chemischen Kampfmittels »made in USA«. Noch in dritter Generation kommen Kinder von Betroffenen, deren Erbgut durch Agent Orange geschädigt wurde, mit schwersten Behinderungen zur Welt. Auch der ehemalige Soldat Ho und seine Frau werden keine gesunden Kinder haben.

Ihre Tochter Thuy Thi Linh, 21 Jahre alt, ist geistig behindert. Sie braucht eine permanente Betreuung. Die Mutter hat Angst, sie auch nur eine Minute aus dem Auge zu lassen. Inzwischen weiß sie, dass weder sie noch ihr Mann Schuld an dem Unglück ihrer Tochter tragen. Es ist keine Strafe der Ahnen – diese Erklärung ist in Vietnam als erster Reflex auf die Geburt von Babys mit Behinderungen noch immer verbreitet – sondern Folge des verbrecherischen Krieges.

Die Verantwortung tragen diejenigen, die diesen Krieg vom Zaun brachen und den Einsatz von Agent Orange befahlen, um den Widerstand des vietnamesischen Volkes zu brechen. Alle bisherigen USA-Präsidenten seit dem Vietnamkrieg und der Produzent des Gifts, Dow Chemicals, der heutige Monsanto-Konzern, weisen dies zurück. Monsanto zahlte zwar nach einem außergerichtlichen Vergleich Entschädigungen in Millionenhöhe an US-amerikanische Kriegsveteranen, die durch Agent Orange krank wurden. Aber die 2004 erhobene Klage eines vietnamesischen Opferverbandes gegen den Hersteller vor einem US-amerikanischen Gericht wurde zunächst abgewiesen.

SODI fordert ebenso wie andere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich in einer wachsenden internationalen Solidaritätsbewegung engagieren, dass sich die USA zu ihrer Verantwortung gegenüber den Opfern von Agent Orange in Vietnam bekennen und diese durch die Verursacher entschädigt werden – soweit dies angesichts des unbeschreiblichen Leids überhaupt möglich ist. Etwa drei Millionen Vietnamesen sind direkte Opfer des Gifts, allein in der Provinz Quang Tri wurden bisher 15 451 registriert. 2290 von ihnen sind verstorben. Familien wie die von Bauer Ho brauchen die Fürsorge der ganzen vietnamesischen Gesellschaft und internationale Solidarität.

Für Thuy Thi Linh und ihre Eltern ist eine bessere medizinische Betreuung, die in Linh Hai mit dem neuen Gesundheitszentrum möglich wird, ganz besonders wichtig. Der Weg von ihrer kleinen windschiefen Hütte bis dorthin ist nicht weit und auch für Thuy Thi Linh zu Fuß zu bewältigen. »Wir fühlen, dass wir nicht allein sind«, sagt Bauer Ho. Mit einem Lächeln verrät er zum Abschied, dass er zu den 320 Familien in der Provinz Quang Tri gehört, die sich mit Hilfe von SODI und der vietnamesischen Vaterlandsfront demnächst ein festes Haus bauen werden. (...)

* Aus: Neues Deutschland, 18. Dezember 2007


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