Venezuela: Land für alle, 12.12.2005 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Land für alle

Gegen die Widerstände der alten Eliten schreitet die Bodenrefom in Venezuela voran

Von Dario Azzellini, Felipe*

»Nieder mit dem Großgrundbesitz« und »Land für alle« – solche Transparente schmücken den Eingang zur landwirtschaftlichen Kooperative »Bella Vista 2005« in der Nähe der Ortschaft Urachiche. Die Kooperative im zentralvenezolanischen Bundesstaat Yaracuy wurde erst vor drei Monaten gegründet. Hier ist es das gesamte Jahr über schwül-heiß, die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel. Doch Wasserreichtum und fruchtbarer Boden sorgen für ein sattes Grün, wohin das Auge blickt.

Eine Gruppe Bauern, Frauen wie Männer, hat sich zum Empfang unserer Gruppe (der jW-Leserreise - d.Red.) zusammengefunden. Einige tragen T-Shirts mit dem Bild des argentinisch-kubanischen Revolutionshelden Ernesto »Che« Guevara, auf anderen ist das Bild von Präsident Hugo Chávez zu sehen. Nach einer kurzen Vorstellung ergreift Germán Oviedo, ein kleiner Mann mit sonnengegerbter Haut, Schnauzbart, in Blaumann, Gummistiefeln und mit einer roten Baseballmütze das Wort: »Willkommen in Yaracuy, im Land der Mythen und Legenden, im Land von María Lionza, einer Göttin, die von ihren Eltern verlassen wurde. Sie wuchs allein auf, ritt auf einem Tapir, und die Menschen beten sie an. Sie bitten sie um gute Ernten. Aber ich glaube das alles nicht, ich bin Marxist-Leninist.« Die Ansprache ist kurz und energisch, so wie es sich wohl für einen Marxisten-Leninisten gehört, auch wenn er der einzige der Kooperative zu sein scheint. Dann stellt Germán einige weitere Mitglieder vor, darunter Javier Duran, den Vorsitzenden der Kooperative. Für diese Position ist er erstaunlich jung, vielleicht Mitte zwanzig Jahre, bestimmt nicht älter. Seine Lebenspartnerin Ana Vargas, mit bronzefarbener Haut und blonden Haaren unter einer roten Baseballmütze, trägt einen Blaumann wie Germán, aber mit heruntergerolltem Oberteil. Dafür hat sie zwei T-Shirts übereinandergezogen – funktionaler Schick bei der Landarbeit. Ana ist, so Germán, in der Kooperative zuständig für »Kommunikation und Information«. Sie beide übernehmen die Führung durch die Kooperative. Auf dem Weg schließen sich immer neue Personen, Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder an.

Hilfe durch »Misiones«

»Diese Kooperative besteht erst seit drei Monaten«, berichtet Javier. Er redet mit leiser Stimme, aber entschlossen: »Sie wurde aus 13 landwirtschaftlichen Kooperativengruppen der Misión Vuelvan Caras und einer Umweltkooperative gebildet.« In dem als »Missionen« bezeichneten Regierungsprogramm erhalten Freiwillige ein kleines Stipendium und ein Jahr lang eine berufliche Ausbildung. Zusätzlich nehmen sie an Kursen in Kooperativenwirtschaft und Buchhaltung sowie an politischen Schulungen teil. Anschließend werden sie mit Krediten und Arbeitsmitteln in Kooperativen verschiedenster Art entlassen. Der Name der Mission hat Geschichte. »¡Vuelvan caras!«, »Wendet Euch um!«, rief General José Antonio Páez 1819 seinen Unabhängigkeitstruppen bei der Schlacht von Las Queseras del Medio zu, als sie vor der spanischen Armee fliehen wollten. Das Bauernheer folgte den Anweisungen – und gewann die Schlacht zum Erstaunen und Verdruß der Spanier.

Am Eingang der Kooperative steht das einzige Steinhaus. Darin sind das Büro der Kooperative und ein Vorratsraum untergebracht. Ein großes Poster von Chávez hängt an der Wand neben der Veranda, darunter verkünden Computerausdrucke die Arbeitsteilung: »Bau der Bäder«, »Saatgut«, »Tourismusprojekt«, »Besuch des Vizeumweltministers«, »Aussaat Oktober 2005«, »organischer Dünger« und einige andere Punkte sind zu lesen. Vor dem Gebäude wurden kleine Beete angelegt, in denen Paprika, Salat, Radieschen, Koriander, Lauchzwiebeln und Knoblauch für den Eigenbedarf angebaut werden. In jedem Beet wachsen sporadisch andere Gewächse. »Diese Pflanzen halten das Ungeziefer fern« erklärt Javier, »denn wir praktizieren ausschließlich ökologischen Anbau. Auch auf den großen Feldern benutzen wir keine Chemikalien«. Javiers Frau Ana ergänzt: »Wir benutzen organischen Dünger und haben gelernt, wie man Kompost herstellt. Wir legen verschiedene Pflanzen drei Tage lang in Wasser ein, darunter Tabak, um eine Flüssigkeit zu gewinnen, die wir dann auf die großen Felder sprühen, um das Ungeziefer fernzuhalten.«

Schlacht gegen Großgrundbesitz

»Das Landgut gehörte früher einem Großgrundbesitzer«, sagt Javier, »1068 Hektar für nur eine Person!« Er habe auf dem Land Zuckerrohr anbauen lassen, obwohl der Boden fruchtbar sei und viel mehr hergebe. »In den Wäldern dort hinten« – Javier zeigt auf eine Hügelkette am Ende der Felder – »hat er Holz schlagen lassen und verkauft«. Dabei sei das verboten.

In den Bergen entspringen zwei kleine Flüsse, von denen die Gemeinde mit Wasser versorgt wird. Heute leben 277 Erwachsene in der Kooperative und mindestens ebenso viele Kinder. Von den 1068 Hektar Gesamtfläche sind 116 Hektar landwirtschaftlich nutzbar, der Rest sind Wald und Berge. 32 Hektar werden derzeit bestellt. Sind 116 Hektar nicht zu wenig? »Wir müssen sehen, wie wir klar kommen«, entgegnet Javier, »aber es wird schon gehen, denn wir wollen noch eine Fischzucht aufbauen und Ökotourismus organisieren.«

Die 1999 verabschiedete »bolivarische Verfassung« lehnt Großgrundbesitz ab. Er »widerspricht dem gesellschaftlichen Interesse«, heißt es in dem Text der Konstitution. Gemäß einem Landgesetz von Ende 2001 darf Großgrundbesitz, je nach Bodenqualität, höchstens 5000 Hektar umfassen und muß zu mindestens 80 Prozent produktiv genutzt werden. Trotzdem wurde bei Verstößen lange Zeit nicht enteignet, nur illegal in Anspruch genommene Ländereien wurden vom Staat zurückgefordert. Und das auch nur, sofern sie brach lagen. Erst seit Anfang des Jahres hat, wie Präsident Hugo Chávez sie nennt, die »Schlacht gegen den Großgrundbesitz« mit einem Dutzend Enteignungen ausgedehnter Landgüter begonnen.

In »Bella Vista 2005« ist von der Politik im fernen Caracas, auf den ersten Blick zumindest, wenig zu spüren. Im Schatten einiger riesiger Bäume stehen kleine Kaffeepflänzchen in mit Erde gefüllten Plastikbeuteln, 4000 sollen es sein, und sie sollen bald an einigen der Hänge ausgepflanzt werden, die vom Vorbesitzer gerodet worden waren. »Den Rest wird die Umweltkooperative wieder aufforsten«, berichtet Ana begeistert, »außerdem haben wir dem Umweltministerium ein Projekt vorgeschlagen, um Wildtiere aufzuziehen und auszuwildern, Ameisenbären und andere Arten, die hier langsam aussterben«. In den Bergen soll ein Wildreservat entstehen, »um das Gleichgewicht der Natur zu erhalten«.

Eine neue Heimat

An einer anderen Stelle der Kooperative ist ein Gruppe Männer und Frauen, unter fachkundiger Anleitung und mit Hilfe eines Zementmischers dabei, Toiletten und Duschen zu bauen. An die Baustelle reihen sich einige Dutzend notdürftig aus Holzlatten und alten Kunststoffsäcken errichtete Hütten. Hier leben die Bauern, Familien von bis zu zehn Personen auf bestenfalls 18 Quadratmetern. »Unsere Eltern und Großeltern sind auch mitgekommen. Sie haben früher für den Großgrundbesitzer gearbeitet, aber er hat nichts für sie getan, keine Häuser gebaut, keine Schule geboten, kaum etwas bezahlt, sie durften nichts für den Eigenbedarf anbauen, und dann hat er sie nach teilweise 30 Jahren und mehr ohne Abfindung rausgeworfen, als er aufgehört hat, das Land zu bewirtschaften«, erklärt Javier. Er bemerkt die betretenen Blicke auf die Holzhütten. »Am Rand von Urachiche haben sie vorher auch nicht besser gelebt als hier«, beeilt er sich zu sagen. »Aber jetzt werden wir nach und nach Häuser für alle bauen.«

Zunächst steht aber die Errichtung eines großen Versammlungssaals an. Ein Dutzend Mitglieder der Kooperative setzt das Grundgerüst aus Baumstämmen zusammen. Die Palmblätter liegen schon neben der Baustelle, um anschließend das Dach zu decken. Etwas abseits stehen zwei Traktoren aus iranischer Produktion mit britischen Motoren. Sie wurden der Kooperative »Bella Vista 2005« vom Landwirtschaftsministerium kostenlos zur Verfügung gestellt. »Letzte Woche ist auch ein Teil unseres Kredits gekommen«, sagt Javier, »deswegen konnten wir nun mit dem Bau beginnen«.

Neben der Baustelle liegt ein weit ausgedehntes Maisfeld. Eben dort hat der Großgrundbesitzer einst Zuckerrohr angebaut, ebenso auf den Feldern, die sich bis zu den waldigen Hügeln hinziehen. Die Kooperative hat an dieser Stelle nun Tomaten, Gurken, rote Bohnen, Wassermelonen, Honigmelonen und natürlich Caraotas angebaut, jene kleinen schwarzen Bohnen, die in Venezuela bei traditionellen Speisen nicht fehlen dürfen. Durch die Felder fließt ein großer Bach. Von einem Staubecken führen kleine Kanäle ab, die ein komplexes Bewässerungssystem bilden. An den Wasserläufen entlang, berichtet Javier, hat die Kooperative 1480 Bananenstauden gepflanzt. Es handelt sich um Kochbananen, die an Stelle von Kartoffeln verwendet werden.

»So können wird das ganze Jahr hindurch eine große Vielfalt an Lebensmitteln anbauen und ernten, während der Großgrundbesitzer nur Zuckerrohr gepflanzt hat«, sagt Javier. Er habe nicht einmal einen Eigentumstitel für das Land gehabt. »Unsere Großeltern und Eltern haben hier geschuftet und wurden wie zu Kolonialzeiten behandelt und bezahlt«, fügt er hinzu. Und heute wissen sie, daß das Land dem ehemaligen Herren nicht einmal gehört hatte, er hatte seinen Besitztitel einfach erfunden. Keine der damaligen Regierungen hat ihm und anderen, die auf diese Weise Land gestohlen haben, widersprochen. »Selbst die Nationalgarde war auf deren Seite«, erinnert sich der Kooperativenchef. »Unsere Großeltern konnten nicht einmal lesen und schreiben, aber jetzt haben wir hier die Misión Robinson und die Misión Ribas eingerichtet, so können alle ihre Schulabschlüsse nachholen«, sagt Javier. Und tatsächlich: In einer Klasse sitzt seine eigene Großmutter, um lesen und schreiben zu lernen.

In Richtung des Hügels wachsen kleine Tomatenpflanzen, die bereits blühen. Als nächstes müssen sie an bereits geschlagenen Stöcken hochgebunden werden. Gegenüber wachsen Bohnen, die sich schon an anderthalb Meter hohen Holzstäben hochranken. Am Ende der Felder liegt das Staubecken, am Fuße der ersten Hügel. Hier ist es schattig und frisch, tropische Vegetation mit zum Teil riesigen Bäumen erzeugt ein angenehmes Mikroklima. Auf dem Weg führen Frauen verschiedene Heilpflanzen vor, darunter Arnika. Aus einem Gras, das im seichten Uferwasser des kleinen Sees wächst, flechten sie Körbe und Hüte. Sichtlich stolz berichten sie, all das in ihrer einjährigen Ausbildung gelernt zu haben. Weiter oberhalb des Baches bildet eine Biegung ein großes natürliches Schwimmbecken, in dem sich gerade ein halbes Dutzend Kinder vergnügt. Eigentlich ist das Wasser nicht besonders kalt, doch angesichts der Tagestemperaturen von über 30 Grad, scheint es sehr erfrischend.

Hoffnung in die Zukunft

Auf dem Rückweg spielt noch einmal die Perspektive eine Rolle. Ob sie denn glaubten, daß das Land wirklich reicht, um alle zu ernähren? Javier hat nun mehr Vertrauen gefaßt und zeigt auf ein Grundstück neben der Kooperative. »Dort sind 460 Hektar bestes Agrarland, und auch dieser Großgrundbesitzer hat keinen Besitztitel«, sagt er. Vermutlich hatte er einen gefälschten Besitztitel. Und auch dieser Landbesitzer läßt den Boden brachliegen. »Wir haben ihm vorgeschlagen, er solle 200 Hektar behalten und uns 260 geben, schließlich sei das Land für alle da«, erzählt Javier. »Das einzige, was ihr haben könnt, ist ein Loch in der Stirn«, habe er unverhohlen gedroht. Solche Ankündigungen sind auch in Venezuela durchaus ernst zu nehmen. Seit der Verabschiedung des Landgesetzes vor vier Jahren wurden etwa 130 Bauernaktivisten von Killertrupps der Großgrundbesitzer ermordet. Die Kooperativenmitglieder lassen sich trotzdem nicht einschüchtern. »Wir haben es im Guten versucht«, meint Javier. Angesichts der Reaktion hätten sie nun aber alles in die Wege geleitet, um das gesamte Land auf gesetzlichem Weg zurückzugewinnen. »Es gibt in dieser Revolution noch viel Ungerechtigkeit zu beseitigen«, sagt Javier zum Abschied. Doch dafür müsse das Volk selbst sorgen, wie auch Präsident Chávez immer wieder bekräftigt.

* Aus: junge Welt, 10. Dezember 2005 (Wochenendbeilage)


Zurück zur Venezuela-Seite

Zurück zur Homepage