Maduro zieht Bilanz seiner Europareise, 24.06.2013 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Neue Allianzen

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro zieht Bilanz seiner Europareise. Caracas und Havanna ausgezeichnet

Von Volker Hermsdorf/André Scheer *

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat eine positive Bilanz seiner Europareise gezogen, die ihn seit dem vergangenen Sonntag nach Italien, in den Vatikan, nach Portugal und schließlich nach Frankreich geführt hatte. Offizieller Anlaß für die Reise war die diesjährige Konferenz der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom. Dort wurden Venezuela, Kuba, Nicaragua, Guyana, Peru sowie St. Vincent und die Grenadinen als diejenigen Länder Lateinamerika ausgezeichnet, die das 1996 vom Weltgipfel der FAO definierte Ziel, die Zahl unterernährter Menschen bis 2015 zu halbieren, bereits zwei Jahre vorher erreicht haben. Insgesamt bescheinigte die FAO auf ihrer Tagung in Rom weltweit 18 Nationen solche Erfolge bei der Bekämpfung des Hungers. Der Anfang letzten Jahres zum Vorsitzenden der FAO gewählte brasilianische Ökonom, Hochschullehrer und Agraringenieur José Graziano da Silva lobte auf der Konferenz, daß Kuba, Venezuela und einige andere Länder einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Lateinamerika und die Karibik bis 2025 vom Hunger zu befreien. Er kündigte an, daß er seiner Organisation auf der am Sonnabend zu Ende gehenden Konferenz vorschlagen werde, als neues Ziel die vollständige Beseitigung des Hungers in der Welt zu beschließen. Das hatte der damalige kubanische Präsident Fidel Castro bereits bei der Beschlußfassung auf dem FAO-Weltgipfel in Rom 1996 gefordert: »Wenn das Ziel die Halbierung der Zahl der hungernden Menschen ist, was sollen wir der anderen Hälfte sagen?«

Ende April hatte Da Silva dem »lieben Comandante« in einem Brief zu den Erfolgen Kubas und zur vorzeitigen Erreichung der FAO-Ziele beglückwünscht und sich für dessen »beeindruckende Rede« von 1996 bedankt, die noch immer »im Gedächtnis unserer Organisation« präsent sei. Bei einem Arbeitsbesuch in Havanna hatte der FAO-Chef am 2. Mai mit Kubas Präsident Raúl Castro die Ausweitung der Zusammenarbeit vereinbart. Die ständige Vertreterin der Karibikrepublik bei der FAO in Rom, Silvia Álvarez, griff am Rande der Tagung den Wunsch Da Silvas auf, »daß eines Tages viele kubanische Agrarexperten und Veterinäre – ähnlich wie Ärzte und medizinisches Personal – in verschiedenen Regionen der Welt Hilfe leisten«. Die Kubanerin stimmte zu: »Die FAO darf nicht ein Verein von Bürokraten sein, die in Rom sitzen, während die Menschen in Afrika vor Hunger sterben.«

Auch Venezuelas FAO-Vertreter Marcelo Resende betonte, daß sein Land nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern die gesamte Region im Blick habe. Die bisherigen Erfolge seines Landes bei der Bekämpfung der Unterernährung nannte er »phantastisch «. Anfang der 90er Jahre habe es in Venezuela rund vier Millionen Hungernde gegeben, das habe 15,5 Prozent der Bevölkerung entsprochen. Bis heute sei dieser Anteil auf 2,5 Prozent gesenkt worden.

Bei einer Kabinettssitzung in Caracas hob Präsident Maduro am Donnerstag abend (Ortszeit) die »neuen Allianzen« hervor, die er während der ersten Europareise seiner Amtszeit habe schließen können. So hob er seine Begegnung mit Papst Franziskus im Vatikan hervor, dessen Bescheidenheit ihn beeindruckt habe. Auch mit Italiens Präsident Giorgio Napolitano habe er eine »sehr interessante Unterhaltung « gehabt, die Grundlagen für eine gemeinsame Industriepolitik gelegt habe. Auch mit Portugals Staatschef Aníbal Cavaco Silva und dem französischen Präsidenten François Hollande kam Maduro während seiner Reise zusammen. In Paris nutzte er zudem die dortige Luftfahrtausstellung für Treffen mit führenden Vertretern der Konzerne Airbus und Renault, bei denen es unter anderem um den Kauf neuer Flugzeuge für Venezuelas staatliche Airline Conviasa ging.

Die auf den offiziellen Fotos festgehaltenen Händedrücke mit den europäischen Regierungschefs wurden in Venezuela als weitere Niederlage der rechten Opposition gewertet, die sich lange gegen eine internationale Anerkennung der aus den Wahlen vom 14. April hervorgegangenen Regierung Venezuelas gewehrt hatte.

* Aus: junge Welt, Samstag, 22. Juni 2013


Zurück zur Venezuela-Seite

Zur Europa-Seite

Zurück zur Homepage