Gedenken an das Massaker von Odessa, 27.05.2015 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

"Das Thema wird umgangen"

Am 2. Mai fanden in vielen europäischen Städten Veranstaltungen zum Gedenken an das Massaker von Odessa ein Jahr zuvor statt. Die meisten Medien schwiegen. Ein Gespräch mit Oleg Musyka *


Oleg Musyka ist Mitglied der ukrainischen Partei Rodina und war Aktivist der Antimaidanbewegung auf dem Platz Kulikowo Polje in Odessa. Deren Zeltstadt wurde am 2. Mai 2014 von Neofaschisten zerstört. Dabei kamen nach offiziellen Angaben über 40 Menschen um, nach Aussagen von Augenzeugen waren es weit über 100 Menschen. Zusammen mit anderen Aktivisten, die Repressionen durch die Kiewer Regierung bzw. durch Neofaschisten fürchten und sich deswegen nicht in der Ukraine aufhalten, versucht er seit Sommer 2014, die Informationsblockade über das Geschehen in Westeuropa zu durchbrechen.

Am 2. Mai jährte sich das Massaker im Gewerkschaftshaus von Odessa, bei dem wahrscheinlich weit über 100 Menschen ums Leben kamen, zum ersten Mal. Sie und andere Aktivisten der dort angegriffenen Antimaidandemonstranten haben im vergangenen Jahr versucht, europaweit über das, was dort geschah, zu informieren. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Wir betrachten es als unsere Aufgabe, die Informationsblockade über das Geschehen am 2. Mai 2014 in Odessa zu durchbrechen. Das haben wir nach unserer Meinung weitgehend erreicht, aber es war sehr schwierig. Immerhin gelang es uns am ersten Jahrestag, in mehr als 40 Städten Europas an die Ereignisse vor einem Jahr zu erinnern – mit Ausstellungen, Demonstrationen und Kundgebungen.

Wo gab es besonders große Resonanz?

Die größten Manifestationen fanden in London, Stockholm und in Mailand statt, außerhalb Europas in Kanada, mit Australien hatten wir eine Skype-Konferenzschaltung. In Berlin hatten verschiedene Solidaritätsgruppen zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor aufgerufen, zu der insgesamt etwa 500 Menschen kamen. Wir hatten dort einen Konflikt mit der Polizei, die von uns verlangte, auf die zum Tiergarten gewandte Seite des Tores zu gehen, wo es weniger Publikumsverkehr gibt. Dieser Standortwechsel war ärgerlich, weil wir dadurch viel Zeit verloren haben.

Wie groß ist das Interesse in der Bundesrepublik an diesem Datum?

Außer in Berlin gab es Veranstaltungen in Hamburg, Osnabrück und Rostock. Nach meiner Meinung ist die Unterstützung hier für unser Anliegen sehr groß. Viele Menschen wissen, was tatsächlich passiert ist. Die deutschen Politiker bemühen sich allerdings sehr, das Thema vergessen zu machen und es zu umgehen. Bei den Medien ist es so wie vor einem Jahr: Die einen berichten nicht, andere informieren und helfen uns damit.

Was geschah am Jahrestag in Odessa?

Er fand in der Bevölkerung große Aufmerksamkeit. Fast 5.000 Menschen kamen im Laufe des 2. Mai auf den Platz vor dem Gewerkschaftshaus, den Kulikowo Polje, um Blumen und Kränze niederzulegen. Auf den Straßen patrouillierten allerdings viele Polizisten und andere Uniformierte, die jeden kontrollierten, der zum Gewerkschaftshaus wollte. Trotz der drohenden Repressionen kamen Tausende.

Zuerst hieß es, dass die Behörden die öffentliche Erinnerung an die Opfer unterbinden wollten, dafür sollte eine Demonstration des »Rechten Sektors« stattfinden, aus dem die Angreifer vor einem Jahr kamen. Was wurde daraus?

Vor allem haben das Innenministerium und der Geheimdienst in den letzten Apriltagen bis zum 1. Mai in Odessa zahlreiche Menschen verhaftet und eingeschüchtert. Am Tag selbst gab es viele Schikanen. Nur ein Beispiel: Eine Aktivistin der Antimaidanproteste, die unter dem Namen Viktoria als »Stimme Odessas« in der Stadt bekannt ist, wurde vom Geheimdienst am 2. Mai, also am Sonnabend, für zwei Stunden zur Mittagszeit zu einem Gespräch vorgeladen. Für den Abend war ein »Trauermahl der Erinnerung« vorbereitet, zu dem auch sie eingeladen war, aber sie wurde erneut einbestellt.

Das schlimmste an diesem Tag war aber der Aufmarsch der Neofaschisten. Die Partei Swoboda bezeichnet den 2. Mai 2014 als »Tag des Sieges« und beging ihn nicht als Trauer-, sondern als Feiertag. Das charakterisiert, in welcher Verfassung der Staat ist. Trotz alledem haben zwei Stadtverordnete meiner Partei Rodina an diesem Tag das Gedenken in Odessa organisiert.

Welche Bedeutung hat der 2. Mai 2014 für die Bevölkerung der Stadt?

Die Mehrheit betrachtet diesen Tag nach meiner Meinung als denjenigen, an dem sie durch die neue Macht in Kiew auf die Knie gezwungen wurde. Odessa war eine Heldenstadt des Großen Vaterländischen Krieges, nun behaupten die ukrainischen Massenmedien, sie sei eine »Bandera-Stadt«, stehe also in der Tradition des Nationalisten. Die Einwohner seien froh, dass die Lage nun ruhig sei. Die große Zahl von Menschen, die am 2. Mai zum Kulikowo Polje kamen, besagt aber, dass die Bevölkerung nicht einverstanden ist mit dem, was dort vor einem Jahr geschah. Ich als Odessaer freue mich darüber, denn ein Jahr lang wurde gegen die Opfer gehetzt.

Ist die Stadt politisch gespalten?

Das betrifft nicht nur Odessa, sondern die gesamte Ukraine – das haben die herrschenden Politiker erreicht. Sie versuchen die Bevölkerung von der Realität abzulenken. Dem wollen wir unsere Informationen entgegensetzen. Langsam bemerken die Menschen, dass sie getäuscht wurden. Dazu gehören nicht wenige, die auf dem Maidan waren. Im April wurde der Journalist Oleg Busina in Kiew ermordet, das hat viele erschüttert. Denn es zeigt klar, dass die Regierung nicht in der Lage ist, die nationalistischen Kräfte zu steuern. Das Justizsystem funktioniert nicht und klärt weder auf, wer auf dem Maidan geschossen hat, noch den 2. Mai in Odessa oder den Abschuss des malaysischen Flugzeugs. Westeuropäische Politiker äußern zwar ihre Sympathie für die Ukraine, aber für Ermittlungen setzen sie sich nicht ein.

Im November finden Kommunalwahlen statt, wir arbeiten dafür, dass sie in Odessa ohne Einmischung von Polizei oder gar Militär stattfinden. Dann wird sich zeigen, wie die Bevölkerung denkt.

Gegen die Partei Rodina der Ukraine und gegen Sie persönlich gibt es in der Bundesrepublik immer wieder Angriffe: Ihre Partei sei politisch ähnlich ausgerichtet wie die Partei Rodina in Russland, die Ende März in St. Petersburg eine Konferenz abhielt, an der westeuropäische Neofaschisten teilnahmen. Was antworten Sie den Kritikern?

Unsere Partei wurde 2009 registriert. Sie nahm 2010 an den Kommunalwahlen teil und erhielt 13 Mandate im Stadtrat von Odessa sowie drei Sitze im Parlament des Gebietes Odessa. Unser Parteivorsitzender Igor Markow ist Abgeordneter in der Werchowna Rada in Kiew. Der Parteiname ist identisch mit dem in Russland, aber die führenden Personen und die Ziele sind völlig unterschiedlich. Unsere sind z. B. der föderative Staatsaufbau der Ukraine, die Einführung von Russisch als zweiter Amtssprache sowie eine starke Rolle der Gewerkschaften bei der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes. Vom ersten Tag an verstanden wir uns als antifaschistische Partei und kämpften entsprechend. Unsere gesamte Tätigkeit ist auf unserer Internetseite dokumentiert, das kann man sich ansehen. Igor Markow wird dort mit den Satz zitiert: »Wir werden den Faschismus bekämpfen, wenn nötig so wie unsere Väter.« Wir können nicht mit der russischen Partei Rodina gleichgesetzt werden, in der nationalistische Ideen vorherrschen. Wir haben deswegen keine organisatorischen oder andere Beziehungen zu ihr.

Die Konferenz in einem Hotel in St. Petersburg habe ich mir angesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich um eine Provokation gegen die Regierung und den Präsidenten Russlands handelte. Sie sollten mit Dreck beworfen werden. Das gleiche gilt für die Einladungen zu dieser Konferenz an die Repräsentanten der Volksrepubliken Lugansk und Donezk. Sie haben abgelehnt. Unsere Partei hatte mit dieser Veranstaltung nichts zu tun.

Interview: Arnold Schölzel

* Aus: junge Welt, Dienstag, 26. Mai 2015

Lesen Sie hier wichtige ältere Beträge:



Erster Jahrestag: Alle waren schuld **

Der deutsche Mainstream bot zum ersten Jahrestag des Massakers von Odessa das gewohnte Bild: Über den 2. Mai 2014 und seine Folgen wurde wenig berichtet, bzw. die Bedeutung des Verbrechens für die folgenden Ereignisse in der Ukraine heruntergespielt. Die Methode: Schuldzuweisung an beide Seiten, vor allem aber an die im Gewerkschaftshaus Ermordeten. Die Konsequenz: Auf Aufklärung besteht die bundesdeutsche Presse anders als im Fall des am 27. Februar in Moskau ermordeten Politikers Boris Nemzow nicht. Hier kennt sie schon das Ergebnis: Putin war's.

Zu Odessa gab es rund um den diesjährigen 2. Mai u. a. zu lesen: »Moskau sinnt auf Rache« (stern.de), »Die Tragödie ist tatsächlich für alle Odessaer gleich« (taz.de), »Fest steht, dass beide Seiten äußerst brutal vorgingen.« (Deutsche Welle), »Die Katastrophe vom 2. Mai wurde nicht von langer Hand geplant. Die Lage sei schlichtweg außer Kontrolle geraten.« (www.zeit.de).

Eine andere Sicht vermitteln hierzulande fast ausschließlich ausländische Medien. So veröffentlichte die in Argentinien beheimatete Nachrichtenagentur Pressenza am 17. Mai ein Interview mit dem in Chile lebenden Ukrainer Oleg Yazinsky, in dem dieser an einige Tatsachen erinnerte, z. B. an die Reaktion der meisten Medien seines Landes auf die Ereignisse in Odessa vor einem Jahr: »Danach gab es eine Menge Kommentare von Unterstützern dieser Regierung, Kommentare über ›gegrillte Hühnchen‹, über ›notwendigerweise die schädlichen Insekten verbrennen zu müssen‹ und diese Art von Sprache…es wurde ziemlich pauschalisiert. Es erinnert mich an die Arbeit des Senders One Thousand Hills Free Radio and Television (1994, jW) in Ruanda, bevor das Schlachten begann. Es ist dieselbe Logik, derselbe Blick auf die anderen Menschen.« Zur gegenwärtigen Situation erklärte Yazinsky: »Die Ukraine geht durch Momente größter Angst, die größte in der Nachkriegsgeschichte. Vor ein paar Wochen wurden in Kiew, der Hauptstadt, innerhalb von 24 Stunden vier Menschen ermordet, drei Journalisten und ein Oppositionspolitiker. Diese Art zu agieren, zeigt uns, dass Todesschwadrone in der Ukraine operieren. In der Orwell-Sprache der ukrainischen Regierung werden diese Todesschwadrone ›Brigaden des Guten‹ genannt. Sie sind ultrarechte Gruppen, welche ihre Namen nicht enthüllen, sie sind immer maskiert. Eine Webseite ist aufgetaucht, welche, wiederum in der Orwell-Sprache, ›Die Friedensstifter‹ genannt wurde. Diese Webseite wird finanziert vom Verteidigungsministerium und dem Ministerium für Inneres der Ukraine, und auf ihr wurden Namen, Adresse, Fotos und Telefonnummern von Zehntausenden von Regierungsoppositionellen veröffentlicht.« (jW)

** Aus: junge Welt, Dienstag, 26. Mai 2015


Zurück zur Ukraine-Seite

Zur Ukraine-Seite (Beiträge vor 2014)

Zurück zur Homepage