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Fanal Ferguson

USA: Staatsanwaltschaft verzichtet nach Mord an afroamerikanischem Teenager auf Anklageerhebung. Wut und Proteste Tausender

Von Jürgen Heiser *

Der Mord an dem Afroamerikaner Michael Brown bleibt ungesühnt. Darren Wilson, der weiße Polizist, der den unbewaffneten 18jährigen Teenager am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, mit sechs Schüssen getötet hatte, wird sich dafür nicht vor Gericht verantworten müssen. So hatte schon am frühen Montag nachmittag (Ortszeit) die Anklagejury der Staatsanwaltschaft von St. Louis entschieden. Deren Veto blieb jedoch noch über Stunden geheim. Erst um 20.30 Uhr trat Bezirksstaatsanwalt Robert McCulloch mit der Entscheidung vor die Presse, zu einem Zeitpunkt also, an dem vor allem Schulen mit ihrem großen Protestpotential längst geschlossen waren. Die Jury habe »keinerlei Hinweise gefunden, die eine Anklage gegen Wilson rechtfertigten«, erklärte McCulloch. Wilson habe in Notwehr gehandelt, da er sich bedroht gefühlt und somit »objektive Angemessenheit« seines Handelns vorgelegen habe.

Während McCulloch vor der Presse noch seine Rechtfertigungen ausbreitete, brachen sich Wut und Empörung Hunderter Wartender vor dem Justizgebäude Bahn. Erste Steine und Flaschen flogen gegen das Gebäude und die Polizeiketten. Michael Browns Eltern waren außer sich. Wütend und unter Tränen schrien sie ihre Enttäuschung und ihr Entsetzen in die Menge. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im ganzen Land, und die seit Monaten aufgestaute Spannung entlud sich. In Ferguson gingen Streifenwagen und Geschäftsgebäude in Flammen auf. Eine Stadtautobahn und Straßenkreuzungen wurden blockiert. In ersten Meldungen war von rund dreißig Festnahmen die Rede.

Auch in anderen Städten der USA gingen spontan Tausende auf die Straße. In Chicago, Los Angeles und San Francisco besetzten sie wichtige Straßen. In New York City durchbrachen tausend Demonstranten Polizeisperren und bespritzten Polizeichef Bill Bratton mit künstlichem Blut. Die Brooklyn Bridge und weitere Brücken der Stadt wurden blockiert. In Washington D.C. versammelte sich eine große Menschenmenge vor dem Weißen Haus und forderte lautstark »Gerechtigkeit für Mike Brown«.

US-Präsident Barack Obama kommentierte derweil in seinem Presseraum das Jury-Veto und sprach von dem »harten Job«, den »unsere Polizisten unter Einsatz ihres Lebens jeden Tag an vorderster Front verrichten, wenn sie Gesetzesbrecher zur Rechenschaft ziehen«. Angesichts »friedlicher Proteste der Mehrheit« forderte er die Polizei zu »besonnenem Verhalten« auf, warnte jedoch gleichzeitig vor »den wenigen, die diese Entscheidung zum Anlass nehmen werden, Gewalt auszuüben«.

Von Beamten, die »bloß ihren Job gemacht« haben, hatte auch der Polizeichef von Cleveland, Ohio, gesprochen, als am Montag die brutale Erschießung eines zwölfjährigen schwarzen Kindes auf einem Spielplatz bekannt wurde. Ein weißer Polizist hatte den Jungen mit einem Bauchschuss von einer Schaukel geschossen, weil er mit einer Spielzeugpistole hantierte. Nach Ferguson steht fest, dass auch dieser Akt rassistischer Polizeigewalt keine Folgen für die Täter haben wird - solange nicht öffentlicher Druck die Behörden zu anderen Entscheidungen zwingt.

Auf dieses Ziel orientiert neben vielen anderen Initiativen auch die Internetplattform fergusonaction.com im Kampf gegen den real existierenden Rassismus in den USA: »Dies ist ein historischer Moment - Ferguson ist überall!« Die »Bewegung für Gerechtigkeit für Mike Brown und zur Beendigung der Polizeigewalt im ganzen Land« sei gut organisiert und werde jetzt Zeichen setzen.

* Aus: junge Welt, Mittwoch, 26. November 2014


Reporterin abgeführt

USA: Polizei nimmt Journalistin fest, die über Proteste in Ferguson berichtet. Freilassung nach fünf Stunden **

In den USA halten die Proteste gegen die Entscheidung an, den Polizisten nicht anzuklagen, der im August den unbewaffneten Afroamerikaner Michael Brown erschossen hatte. Während es Medienberichten zufolge in der vergangenen Nacht zu weniger gewaltsamen Ausschreitungen als am Tag zuvor kam, ging die Polizei mit Härte gegen Demonstranten vor. In Ferguson wurde dabei eine Korrespondentin von Ruptly, der Videoagentur des russischen Fernsehsenders RT, festgenommen und mehrere Stunden lang festgehalten.

Wie Denise Reese selbst aus dem Polizeifahrzeug heraus über den Internetdienst Twitter mitteilte, wurde sie abgeführt, nachdem die Polizei den Demonstranten ein Ultimatum gestellt hatte, die Kundgebung aufzulösen, sonst würden sie verhaftet. Wie Ruptly berichtete lautete der Vorwurf gegen die Kollegin - die mit Mikrofon und Kamera unterwegs war -, an einer verbotenen Versammlung teilgenommen zu haben. Fünf Stunden später wurde sie ohne Anklage wieder auf freien Fuß gesetzt und kündigte umgehend an, in Kürze die Berichterstattung aus Ferguson wieder aufzunehmen.

Reese, die nach Angaben aus der Ruptly-Redaktion die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, ist innerhalb von 48 Stunden bereits die zweite Journalistin der Medienagentur, die Opfer des Vorgehens der Polizei gegen die Demonstranten wurde. In der Nacht zum Dienstag war Lorena de la Cuesta während ihrer Arbeit am Bein von einer Tränengasgranate der Polizei getroffen worden.

In Russland selbst werden die Proteste gegen den Rassismus in den USA bereits mit der Lage in der Ukraine verglichen. »Barack Obama hat seinen Maidan«, kommentierte am Mittwoch die Moskauer Zeitung Iswestija. »Die Ereignisse in Ferguson sind ein ernster Warnruf. Obama ist so sehr mit internationalen Angelegenheiten beschäftigt, dass ihm einfach keine Zeit und Kraft bleiben, innere Probleme zu lösen, die mit der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung der USA zu tun haben.«

** Aus: junge Welt, Mittwoch, 26. November 2014


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