USA strukturieren ihre Streitkräfte um, 23.08.2002 (Friedensratschlag)
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USA strukturieren ihre Streitkräfte um - Ein "neues Risikorahmenwerk"

Donald Rumsfeld legt Jahresbericht des Verteidigungsministeriums vor. Im Wortlaut

Am 15. August wurde der Jahresbericht des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums vorgelegt. Aus dem Geleitwort des Verteidigungsministers Donald Rumsfeld dokumentieren wir im Folgenden die entscheidenden Passagen. Die deutsche Übersetzung der Rede ("Rumsfeld Says Military Transformation Needed Now to Meet New Threats") besorgte die US-Botschaft in Deutschland.


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Ein neues Gebot: Den Krieg gewinnen bei gleichzeitiger Umstrukturierung der Streitkräfte

Die Angriffe vom 11. September zeigten, dass sich die Vereinigten Staaten in einer neuen und gefährlichen Zeit bewegen. Die historische Abgeschlossenheit der Vereinigten Staaten ist einem Zeitalter neuer Verwundbarkeit gewichen. Gegenwärtige und zukünftige Feinde werden danach streben, die Vereinigten Staaten und die amerikanischen Streitkräfte auf neuartige und überraschende Weise anzugreifen. Daher gilt für die Vereinigten Staaten ein neues Gebot: Sie müssen den gegenwärtigen Krieg gegen den Terrorismus gewinnen und sich jetzt auf zukünftige Kriege vorbereiten - Kriege, die sich bedeutend von denen des vergangenen Jahrhunderts und sogar vom gegenwärtigen Konflikt unterscheiden werden. Einige glauben, dass jetzt, während sich die Vereinigten Staaten inmitten eines schwierigen und gefährlichen Kriegs gegen den Terrorismus befinden, nicht der richtige Zeitpunkt für eine Umstrukturierung unserer Streitkräfte. Das Gegenteil ist richtig. Genau jetzt ist der Zeitpunkt für Veränderungen gekommen. Die Anschläge vom 11. September machen dieses Unterfangen nur um so dringlicher.

Die Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte ist notwendig, weil sich die Herausforderungen dieses neuen Jahrhunderts gravierend von denen des letzten Jahrhunderts unterscheiden. Während des Kalten Kriegs waren die Vereinigten Staaten mit einer relativ stabilen und berechenbaren Bedrohung konfrontiert. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind viel weniger vorhersagbar. Wer hätte sich noch vor wenigen Monaten vorstellen können, dass Terroristen Zivilflugzeuge entführen würden, um sie als Raketen gegen das Pentagon und die Türme des World Trade Centers einzusetzen? Aber es ist geschehen. Die Vereinigten Staaten werden unvermeidlich wieder von neuen Gegnern überrascht werden, die auf unerwartete Weise zuschlagen. In dem Maße, wie Gegner Zugang zu Waffen zunehmender Reichweite und Schlagkraft bekommen, könnten zukünftige Überraschungsangriffe weitaus tödlicher sein als die vom 11. September. Überraschung und Unsicherheit beschreiben so die Herausforderungen, denen das Verteidigungsministerium in diesem neuen Jahrhundert bei der Verteidigung der Nation gegen das Unbekannte, Unsichtbare und Unerwartete gegenübersteht.

Ein neuer Kurs

Weit vor dem 11. September war die oberste zivile und militärische Führung des Ministeriums dabei, neue Ansätze zur Abschreckung und Bezwingung von Gegnern festzulegen. Im Rahmen der Quadrennial Defense Review, dem Vierjahresbericht des Ministeriums, haben führende Militärs intensiv und lange das neue Sicherheitsumfeld beleuchtet und sind zu dem Schluss gekommen, dass ein neuer Verteidigungsansatz notwendig ist.

Umstrukturierung ist das Kernstück dieses neuen Verteidigungsansatzes. Im Rahmen der neuen Strategie wird durch die bedeutendsten Herausforderungen und Möglichkeiten strategisches Augenmerk auf die Entwicklung von Umstrukturierungsfähigkeiten und -kräften gerichtet.

Der Haushaltsentwurf des Verteidigungsministeriums für das Jahr 2003 ist richtungsweisend für die Umstrukturierung. Im Verlauf der nächsten zehn Jahre wird ein Teil der Streitkräfte umstrukturiert werden. Dieser dient als Vorhut und Signal für die kommenden Veränderungen. Bodentruppen werden leichter, tödlicher und sehr mobil sein. Sie werden auch weit entfernt von traditionellen Häfen und Luftstützpunkten einsatzfähig und durch Langstrecken-Präzisionswaffensysteme vernetzt sein. Marine- und Amphibieneinheiten werden in unmittelbarer Nähe feindlicher Küstengebiete und weit im Landesinnern operieren. Weltraumgestützte Einsatzkräfte werden mobile feindliche Ziele über weite Gebiete hinweg aufspüren, verfolgen und im Zusammenwirken mit Land- und Seestreitkräften aus großer Entfernung rasch und ohne Vorwarnung angreifen können. Die Streitkräfte werden untereinander vernetzt sein, um hochkomplexe und dezentralisierte Operationen über weite Entfernungen hinweg und im Weltraum durchzuführen.

Risikoabschätzung

Das Verteidigungsministerium kann ohne einen neuen Ansatz zur Abschätzung verschiedener Verteidigungsrisiken die Ziele der neuen Verteidigungsstrategie nicht erreichen. Der bisherige auf einem Drohszenario beruhende Ansatz hob sehr stark auf kurzfristige operative Risiken im Zusammenhang mit dem Szenario zweier Hauptkriegsschauplätze ab. Dies hatte zur Folge, dass Investitionen in andere kritische Bereiche flossen. Im Lauf der letzten zehn Jahre hat das Verteidigungsministerium zu wenig in Personal, Ausrüstungsmodernisierung und den Unterhalt der Verteidigungsinfrastruktur investiert. Bei der Schaffung einer Militärmacht des 21. Jahrhunderts muss sich der Risikoausgleich in den Investitionsprogrammen des Verteidigungshaushalts niederschlagen.

Zum ersten Mal wird das Programm des Verteidigungsministeriums in diesem Bericht als neues Risikorahmenwerk vorgelegt. Es bezeichnet die folgenden vier Risikobereiche und das jeweils darauf abgestimmte Programm des Verteidigungsministeriums.
  1. Das Risiko des Streitkräftemanagements gründet auf Problemen bei der Fähigkeit, qualifiziertes Personal zu rekrutieren, zu behalten, auszubilden und auszurüsten sowie der Bewahrung der Einsatzfähigkeit der Truppe während sie ihre vielen operativen Aufgaben wahrnimmt.
  2. Das operative Risiko geht auf Faktoren zurück, die die Fähigkeit beeinflussen, in einem kurzfristigen Konflikt oder einem anderen unvorhergesehenen Eventualfall militärische Ziele zu erreichen.
  3. Das Risiko zukünftiger Herausforderungen ist die Folge von Faktoren, die die Fähigkeit betreffen, in neue militärische Fähigkeiten zu investieren und neue operative Konzepte zu entwickeln, die notwendig sind, um mittel- bis langfristige militärische Herausforderungen zu vereiteln oder abzuwehren.
  4. Das institutionelle Risiko beruht auf Faktoren, die die Fähigkeit betreffen, Managementmethoden, Verfahren, Maße und Kontrollen zu entwickeln, um Ressourcen effizient einzusetzen und effektives Handeln des Verteidigungsapparats zu fördern. Der Zweck dieses Rahmenwerks ist es, dass das Ministerium bei der Zuweisung von Mitteln für grundlegende Ziele einen Ausgleich in Betracht ziehen kann. Es wäre unklug, bei der Konzeption der Streitkräfte des 21. Jahrhunderts einen dieser Bereiche zu vernachlässigen. Das Verteidigungsministerium muss Ressourcen sinnvoll zuteilen und Programme entwickeln, um ein Fähigkeitsportfolio schaffen, dass der Vielfalt der Herausforderungen angemessen ist. Der Haushaltsplan, den der Präsident dem Kongress für das Haushaltsjahr 2003 vorgelegt hat, begründet einen solchen Ausgleich.

    Die Probleme des Verteidigungsministeriums und die Risiken, die sie darstellen, haben sich über viele Jahre hinweg entwickelt, und es wird einige Zeit dauern, sie zu beseitigen. Es ist die unmittelbare Aufgabe des Ministeriums, die Aushöhlung der militärischen Fähigkeiten zu stoppen, die auf Grund der Unterfinanzierung während der letzten zehn Jahre entstanden ist. Der aktuelle Budgetantrag zielt auf diese Aufgabe ab und sieht zusätzliche Investitionen vor, damit die Streitkräfte alle vier Risikokategorien reduzieren und bewältigen können.

    Schlussbemerkung

    Heute hört man oft, dass sich nach dem 11. September alles geändert hat. Auch wenn die Nation vereint hinter dem mutigen Einsatz unserer Streitkräfte steht, besteht die Gefahr, dass die Selbstzufriedenheit langsam wieder zurückkehrt. Die Versuchung, zu den ausgetretenen Wegen zurückzukehren, wird kommen. Die freien Menschen müssen darauf bedacht sein, die Lektionen vom 11. September nicht zu vergessen oder zu missachten. Eine dieser Lektionen besteht darin, dass Gefahren sich eher erhöhen als verringern. Unser Leben und unsere Freiheit sowie das Leben und die Freiheit zukünftiger Generationen hängen vom Beitrag der amerikanischen Streitkräfte ab. Um unsere Freiheit, Sicherheit und unseren Wohlstand zu erhalten, müssen wir sicherstellen, dass unsere Männer und Frauen in Uniform über die Ressourcen verfügen, die sie benötigen, um zu Frieden und Sicherheit in unserer immer noch gefährlichen Welt beizutragen.

    Jede Generation muss der nächsten die Fähigkeiten weiterreichen, die zur Gewährleistung ihrer Sicherheit notwendig sind. Heute liegt die Sicherheit zukünftiger Generationen von Amerikanern in unseren Händen. Wir müssen es richtig machen.

    Originaltext: Rumsfeld Says Military Transformation Needed Now to Meet New Threats


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