Friedensbewegung in Großbritannien, 27.03.2008 (Friedensratschlag)
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Die britischen "Peaceniks" bleiben wachsam

Friedensbewegte knüpfen an die Tradition der Aldermaston-Märsche an

Von Thomas Kachel *

50 Jahre Ostermärsche, fünf Jahre "Stop the War": Die britische Friedensbewegung ist nach wie vor eine politische Größe auf der Insel.

Am vergangenen Wochenende jährten sich zwei Daten, die zeigen, wie traditionsreich das Friedensengagement in Großbritannien ist: Vor 50 Jahren begannen die »Aldermaston Marches«, die Ostermärsche gegen das britische Atomwaffenprogramm. Sie wurden als Modell für ganz Westeuropa zum festen Friedenstermin.

Die Ostermärsche begannen 1958 mit einem Aufruf zur Einstellung der Produktion von Atomwaffensprengköpfen in der Atomforschungsanlage Aldermaston. Sie zogen eine breite Koalition von Friedensbewegten an: Liberale, Künstler, Gewerkschaftsaktivisten. Linke marschierten gemeinsam – und bekamen, von der konservativen Presse prompt als Moskauer Satelliten verdächtigt, den Spitznamen »Peaceniks« verpasst. Den tragen sie bis heute. Veranstalter war die im selben Jahr gegründete CND, die Kampagne für nukleare Abrüstung, die sich auch heute noch der einseitigen nuklearen Abrüstung Großbritanniens verpflichtet sieht. In den frühen 80ern war die CND auf dem Höhepunkt ihres öffentlichen Profils – die Friedenscamps bei Greenham Common wurden zu einem Symbol des Widerstands gegen die Stationierung US-amerikanischer Pershing-IIRaketen in Westeuropa.

1982 ging die Labour Party mit dem Ziel der einseitigen nuklearen Abrüstung in den Wahlkampf, verlor jedoch haushoch; die britische Öffentlichkeit war mehrheitlich für einseitige Abrüstung nicht zu gewinnen. Seitdem, und erst recht seit Ende des Kalten Krieges, ging die Zahl der Teilnehmer an den Ostermärschen zurück, und auch das Camp in Greenham Common löste sich auf.

CND blieb aber weiter aktiv, und ihre Netzwerke bildeten eine Grundlage für die Renaissance der Friedensbewegung vor fünf Jahren, vor dem Angriff auf Irak. Auch die Organisatoren der neuen Welle britischen Friedensengagements sehen sich durchaus in der Tradition der Ostermärsche; in der Tat haben viele der jetzt Aktiven in der »Stop the War Coalition« ihre politische Sozialisation bei den Ostermärschen und im CND begonnen.

Am 15. Februar 2003 triumphierten die Friedensbewegten in Europa, und besonders in Großbritannien: Fast zwei Millionen Menschen kamen nach London, um Tony Blair zu zeigen, dass er nicht im Namen der britischen Bevölkerung sprach. Durch Umfragen belegt, stand die Mehrheit der Briten tatsächlich auf Seiten der Friedensbewegten.

Diesen Erfolg hatte die Koalition »Stop the War« zwei Umständen zu verdanken: zum einen der Zugkraft eines konkreten Anliegens (»Don’t attack Iraq!«), zum anderen aber auch der Tatsache, dass sich die Friedensaktivisten aus einer politisch recht engen linken Ecke heraus begaben und mit einer anderen neuen politischen Kraft kooperierten – den Verbänden der Eingewanderten. Der Erfolg wirkt bis heute nach. Der regierungsamtlichen Verschleierungsrhetorik steht eine skeptische Öffentlichkeit gegenüber, die die imperialistischen Reflexe ihrer Eliten durchschaut. In einer Umfrage zum fünften Jahrestag der Invasion sahen die Briten die Eroberung der Ölressourcen mehr als jede andere Motivation als wahren Grund für den Krieg im März 2003 an.

Dass es gelungen ist, diese Skepsis in den Köpfen einer Mehrheit von Briten festzusetzen, ist für sich schon ein großer Erfolg der Aktivisten von Ostermärschen und Antikriegskoalition. Nicht von ungefähr gilt vielen britischen Journalisten als ausgemacht, dass sich New Labour außerstande sieht, ein militärisches Vorgehen gegen Iran auch nur öffentlich zu erwägen. Andrew Murray, einer der Vorsitzenden der Stop-the-War-Coalition, schrieb im »Guardian« durchaus richtig: »Welchen Krieg haben wir (am 15. Februar 2003) verhindert? Den nächsten.«

An die Erfolge vom Februar 2003 will nun auch die Kampagne anknüpfen. Die CND-Vorsitzende Kate Hudson hatte dazu aufgerufen, am Ostermontag zum 50. Jahrestag des ersten Ostermarschs wieder nach Aldermaston zu ziehen. Angesichts des neuen Atomprogramms von New Labour, das die komplette Erneuerung aller britischen U-Boot-gestützten Atomraketen vorsieht (Kosten: 22 Milliarden Pfund), und der Drohung in der am vergangenen Mittwoch vorgestellten neuen Sicherheitsstrategie, sich »um gescheiterte Staaten bemühen« zu wollen, scheint das wieder mehr als geboten.

* Aus: Neues Deutschland, 25. März 2008


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