Unklarheit über Opfer in Turkmenistan
Explosionsserie in Munitionsdepot lässt sich jedoch nicht mehr verharmlosen
Von Irina Wolkowa, Moskau *
Es habe »sehr viele Tote« gegeben, warnten Menschenrechtgruppen gleich nach der Explosion in
einem Munitionsdepot nahe der Stadt Abadan im Süden der zentralasiatischen Republik
Turkmenistan am Donnerstag (14. Juli) vergangener Woche. Genaue Zahlen liegen bis heute nicht vor.
Agenturen sprechen inzwischen von bis zu 1400 Toten, darunter viele Kinder.
Die Druckwelle der Explosion hatte Teile der Bestände weit verstreut. Granaten detonierten daher
noch am Folgetag, trafen Schulen und Kindergärten. Bei dem Versuch, die Geschosse zu bergen
und zu entschärfen, kamen auch Dutzende Soldaten ums Leben.
Dennoch konnte sich die Regierung, die versucht hatte, die Katastrophe zu verharmlosen –
zunächst war von einer Explosion in einem Lager für Pyrotechnik die Rede, bei der es keine Opfer
gab – nicht zu einer Staatstrauer aufraffen. Auf einer Krisensitzung seiner Regierung kündigte
Präsident Gurbanguly Berdymuhammedow inzwischen jedoch an, das 20 Kilometer von der
Hauptstadt Aschchabad entfernt gelegene Abadan solle neu aufgebaut werden. Offenbar erschreckt
durch die Empörung der Massen, die ihre Herrschenden bisher ebenso hinnahmen wie ihre Armut,
obwohl Turkmenistan mit Öl- und Gasvorkommen reich gesegnet ist, sah Berdymuhammedow sich
sogar zum Verzicht auf sein Machtmonopol gezwungen: Er bot der Opposition die Teilnahme an den
Präsidentenwahlen im kommenden Februar nebst Garantien für eine faire Abstimmung an.
So jedenfalls zitierten ihn russische und westliche Medien. Das turkmenische Fernsehen indes
zeigte die Bilder ohne Ton. Russische Zentralasienkenner glauben ohnehin, ein Macht- und
Kurswechsel sei selbst bei demokratischen Wahlen nicht drin. Im Lande ist nach wie vor nur eine
Partei zugelassen, die sich jetzt demokratisch nennt. Berdymuhammedows Vorgänger Saparmurad
Nijasow, der bis zu seinem Tod 2006 als Turkmenbaschi – Führer aller Turkmenen –
halbgottähnliche Verehrung beanspruchte, ging gleich nach Machtübernahme und Souveränisierung
Turkmenistans 1990 mit einer Brutalität gegen Kritiker vor, die sogar in Zentralasien Seltenheitswert
hat. Die Opposition hat daher bei der Bevölkerung wenig Rückhalt, ihre Führer sind tot, in Haft oder
emigriert, die meisten haben als einstige Machtstützen des Diktators ohnehin ein
Glaubwürdigkeitsproblem. Daher suchen auch die Turkmenen, obwohl sie es mit den Vorschriften
des Korans nicht sehr genau nehmen, ihr Heil zunehmend bei islamischen Fundamentalisten.
Die Tragödie in Turkmenistan ist zwar die bisher mit Abstand größte, die von Altlasten des Kalten
Krieges verursacht wurde, aber nur eine von vielen. Von Atomwaffen abgesehen, hatte Russland
nach dem Ende der Sowjetunion aus Kostengründen auf die Rückführung von Kriegstechnik und
Munition aus den UdSSR-Nachfolgestaaten weitgehend verzichtet und die Bestände den dortigen
Regierungen überlassen. Die indes sind schon mit sicherer Lagerung überfordert, eine Vernichtung
ohne Gefahren für Mensch und Umwelt liegt, weil technisch kompliziert und mit ungeheuren Kosten
verbunden, gänzlich außerhalb ihrer Möglichkeiten.
Riesige Munitionslager hatte die Sowjetarmee auch in der Dnjestr-republik angelegt, das sich 1992
von Moldova lossagte. Verhandlungen zur Beilegung des Konflikts scheiterten bisher auch daran,
dass Russland, in dem Moldova und der Westen die Schutzmacht der Separatisten sehen, sich
weigert seine Truppen aus der Region abzuziehen. Denn sie bewachen die Lager.
* Aus: Neues Deutschland, 16. Juli 2011
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